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Gebäudetyp E: „Wir wollen einen echten Befreiungsschlag wagen!“

Eine Flut an Normen macht das Bauen kompliziert und teuer. Die BAK schlägt einen Ausweg vor.

 

29.11.2022 7min
Recht Politik Normen
Andrea Gebhard im Gespräch an einem Tisch sitzend

BAK Präsidentin Andrea Gebhard: „Es muss um ­Kreativität gehen und nicht nur um die Einhaltung von Normen“
photothek / Jörg Carstensen

Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Wir wollen einen echten Befreiungsschlag wagen!“ im Deutschen Architektenblatt 12.2022 erschienen.

Interview: Brigitte Schultz

Frau Gebhard, wenn man in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden je ein Gebäude gleicher Nutzung plant, hat man völlig unterschiedliche Regeln zu ­erfüllen – zum Beispiel in Bezug auf Deckendicken oder Wandstärken. Warum ist das so?

Das hat sich historisch so entwickelt. Bei uns ist die Normung extrem wichtig geworden, die DIN-Normen sind wie Gesetze. Aber sie sind eigentlich keine. Es sind Normen, die über die Gesetze hinaus beachtet werden müssen, weil sie zu den „anerkannten Regeln der Technik“ gehören. Und das ist ein Problem.

Weshalb?

Weil diese zusätzlichen Regeln der Technik immer weiter ausdifferenziert werden. Man hat das Gefühl, sobald jemanden dieses oder jenes stört, gibt es wieder eine neue DIN-Norm. Wie beispielsweise die, dass die Türen in Deutschland automatisch zufallen müssen. Natürlich reagieren neue Normen auch auf Anforderungen der Nutzerinnen und Nutzer, aber es sind eben auch Ideen der Bauindustrie. Auf diese Weise haben wir inzwischen 3.700 Normen, die mal mehr, mal weniger sinnvoll sind und sich teilweise sogar widersprechen. Und wenn am Ende nur eine davon nicht erfüllt ist und jemand klagt, werden wir als Architekten in die Haftung genommen.

Kann man all diese Regeln noch im Kopf haben beim Entwerfen und Planen?

Nein, das ist ausgeschlossen. Deshalb sind wir von der BAK auch der Meinung, dass sich da was tun muss.

Geht es nicht auch um Komfort?

Komfort ist ja eine sehr relative Empfindung. Das sieht man schon allein daran, dass das Wohnen in Altbauten enorm beliebt ist. Und falls diese nicht komplett umgebaut wurden, fehlen da ganz viele dieser Dinge. Ich habe bisher immer in Altbauten gelebt, derzeit wohnen wir in einem Bau von 1926. Natürlich hört man da, wenn jemand über einem läuft. Aber die Frage ist, ob das so unerträglich ist, dass man den Trittschall so extrem entwickeln muss, wie es in Deutschland der Fall ist. Oder ob man nicht auch einfach sagen kann: Dann hört man halt ein bisschen was.

Verteuern die vielen Normen den Bau auch?

Natürlich. Allein die Deckenstärken bedeuten wesentlich mehr Material, wesentlich mehr Aufwand. Oder künstliche Lüftung … Und in der Ausführungsplanung muss ich sie auch mit einpreisen. Wir brauchen eine Rückkehr dahin, dass einfaches Bauen wieder möglich wird.

Aber wer nicht verklagt werden will, muss die Regeln einhalten, selbst wenn sie oder er sie als überflüssig ansieht. Wie kommen wir aus der Nummer wieder raus?

Unser Vorschlag, der auf der Bundeskammerversammlung beschlossen wurde, ist eine radikale Entschlackungskur. Also nicht eine Norm hier rauszunehmen und eine dort, sondern einen echten Befreiungsschlag zu wagen. Wir haben dafür die Idee eines neuen Gebäudetyps E entwickelt – E wie Experiment oder Einfach. Wenn man nach diesem Gebäudetyp E baut, bleiben die grundsätzlichen Schutzziele der Bauordnungen – also Standsicherheit, Brandschutz, gesunde Lebensverhältnisse und Umweltschutz – unantastbar. Aber alles andere kann dann zwischen Bauherrn und Architektin entwickelt und vertraglich vereinbart werden.

Das heißt, Sie wollen die Reißleine ziehen?

Ja. Wir wollen als Kammer nicht immer nur Schlechtes verhindern, sondern auch neue Herangehensweisen voranbringen. Gerade in der derzeitigen Situation: Die Energiepreise steigen, die Baupreise steigen, gleichzeitig sollen und wollen wir schnell gut bauen. Schnell und gut heißt aber, dass ich mir als Architektin etwas überlegen muss. Wir brauchen flexible, gute Grundrisse, flexible, gute Außenanlagen … Da muss es um Kreativität gehen und nicht nur um die Einhaltung von Normen.

Sie sagen ganz klar, dass das auch eine Möglichkeit ist, günstiger zu werden ….

Und innovativer! Ein Gebäudetyp E gibt dem Innovativen wirklich Raum. Das ist auch meine Argumentation gegenüber den Ministerien und den Abgeordneten: Es geht darum, im Einvernehmen mit den Bauherren Innovation zu ermöglichen und neue Ideen zu entwickeln, ohne dass x Normen geändert werden müssen. Sonst würden wir das nie durchkriegen.

Um es zusammenzufassen: Wer weiterhin mit allen Normen und Regeln der Technik, die dazugekommen sind, bauen möchte, kann das gerne machen. Aber man hätte die Möglichkeit, zu sagen: Ich beziehe mich hier auf Gebäudetyp E und ich mache mit meinem Bauherrn etwas anderes aus?

Genau.

Müsste man dazu das Bürgerliche Gesetzbuch ändern?

Ja. Deshalb habe ich zusammen mit der Bundesingenieurkammer einen Brief an Justizminister Marco Buschmann geschrieben, mit der Bitte, das BGB zu ändern. Ein Werk sollte bei Vereinbarung des Gebäudetyps E mängelfrei sein, wenn es – neben der selbstverständlichen Einhaltung der bauordnungsrechtlichen Schutzziele – den vertraglichen Anforderungen entspricht. Dann könnte einfach und rechtssicher vereinbart werden, dass es nicht per se ein Mangel ist, wenn nicht alle Normen erfüllt sind.

Dürfen bestimmte technische Baubestimmungen nicht mehr zur Anwendung kommen, wenn ich nach Gebäudetyp E baue? Oder kann ich trotzdem anwenden, was ich will?

Ich kann vereinbaren, was ich anwenden will. Wir stellen uns das derzeit so vor, dass die Architekten den Bauherren vorschlagen, was für ihr konkretes Gebäude am meisten Sinn gibt. Das wird bei einem Seniorenheim anders aussehen als bei einer Jugendherberge.

Soll diese Möglichkeit der Entschlackung für alle Bauherren gelten?

Erst mal nicht. Unser Vorschlag ist, es zunächst den erfahrenen Bauherren zu ermöglichen, also öffentlichen Bauherren und großen Wohnungsbaugesellschaften, und die Idee dann weiterzuentwickeln.

Hat es irgendwelche Nachteile für die Bauherren oder die Gebäude, wenn man nach Gebäudetyp E baut?

Das kommt darauf an, was das Ziel sein soll. Wenn ein Bauherr das Haus als den teuersten Wohnungsbau der Welt weiterverkaufen will, ist der Gebäudetyp E vermutlich nicht das Richtige. Wenn er sagt, er will einen einfachen Standard haben, um zu vermieten, ist es wunderbar.

Wahrscheinlich müsste der Standard noch nicht einmal unbedingt niedriger sein, oder? Es könnte auch irgendetwas Experimentelles sein.

Absolut. Der Grundgedanke kommt ja aus der Innovation. Die wird durch die ganzen Normen blockiert.

Viele Leserinnen und Leser würden sicher gerne gleich loslegen mit dem normenreduzierten Bauen nach Gebäudetyp E. Wie schnell rechnen Sie mit dem Erfolg Ihrer Initiative?

Das kann ich schlecht voraussagen. Jetzt müssen wir es erst einmal hinkriegen, dass das BGB geändert wird. Ich bin derzeit im Gespräch mit Bundestagsabgeordneten und den Ministerien, um ihnen die Initiative zu erklären. Wir wollen damit so schnell wie möglich ganz praktisch weiterkommen! In der Krisensituation, in der wir gerade sind, haben wir gesehen, dass Dinge auch von heute auf morgen möglich sein können. Vielleicht kommen wir auch in den Genuss.