„Dann versteht man plötzlich das ganze Bild“
Eine Frage – mehrere Meinungen aus Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein: Warum lohnt sich eine Selbstständigkeit für junge Planer:innen? Enno Christen aus Kiel gibt eine persönliche Antwort.
Warum lohnt sich eine Selbstständigkeit für junge Planer:innen? Erschwerter Marktzugang, Honorardruck und fehlende Netzwerke: Wieso den Schritt in die Selbstständigkeit trotzdem wagen?
Weil man aufhört, nur einen Ausschnitt zu kennen. Das ist für mich die ehrlichste Antwort auf die Frage, warum sich der Schritt in die Selbstständigkeit lohnt. Wobei die Definition von „Lohnen“ natürlich eine sehr persönliche ist. Wer den Beruf rein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet, wird feststellen, dass die Antwort nicht immer einfach ausfällt. Aber das ist bei vielen freien Berufen so. Entscheidend ist ein anderer Aspekt.
Als Angestellter hatte ich nicht selten das Gefühl, sehr konzentriert an einem bestimmten Ausschnitt zu arbeiten – ohne die Zusammenhänge dahinter vollständig zu überblicken. Die Kommunikation mit Bauherren, das Abwägen im Team, wie ein Projekt wirklich entsteht: All das erschließt sich einem als Partner auf eine ganz andere Weise. Es wäre übertrieben zu sagen, man gewinne nun vollständige Entscheidungsfreiheit. Auch als Selbstständiger bewegt man sich in Rahmenbedingungen – aber die sind einfach andere. Man versteht, warum Dinge so sind, wie sie sind. Und das trägt schon sehr weit – weiter, als ich es vor dem Schritt erwartet hätte.
Mein eigener Weg war eine behutsame Generationenübergabe: Ich kannte das Büro, das Team, die Projekte bereits gut. Ich bin auf einen fahrenden Zug aufgesprungen – und irgendwann in den Führerstand gewechselt. Das war eine privilegierte Situation, die ich nicht kleinreden möchte. Aber genau deshalb sage ich: Wer diese Chance bekommt, sollte sie ernst nehmen.
Fazit
Der Schritt in die Selbstständigkeit lohnt sich vor allem wegen der Tiefe, die man gewinnt. Man lernt Architektur als Gesamtprozess kennen, nicht mehr nur als Teilaufgabe. Die Fragen, die man sich als Angestellter nie stellen musste – warum dieses Projekt, warum dieser Bauherr, warum jetzt –, werden plötzlich zu den eigenen. Ob über eine Partnerschaft, eine Übernahme oder den eigenen Aufbau: Der Blick hinter die Kulissen, den man dabei gewinnt, bleibt einem erhalten – und verändert, wie man Architektur denkt und macht. Das bekommt man in einer Anstellung nicht. Und das ist, bei aller Mühe, die Belohnung für den Schritt in die Selbstständigkeit.
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q3/2026 für die Region Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein.
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