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Baukultur endet nicht an der Landesgrenze

Berlin und Brandenburg sind eine Metropolregion – planen und bauen aber nach unterschiedlichen Regeln. Im Gespräch erläutern die Präsidenten beider Architektenkammern, warum Klimaschutz, Wohnungsbau und Ressourcenmanagement nur gemeinsam gelingen können und wo Politik und

Verwaltung der Zusammenarbeit noch im Weg stehen.

Christine Jokerst-Pauli
02.03.2026 9min
Wohnungsbau Politik Klimagerecht Berlin
Zwei Männer vor einer Steinmauer lächeln in die Kamera.
Andreas Rieger (links) und Prof. Eike Roswag-Klinge (rechts) © Architektenkammer Brandenburg

Herr Rieger, Herr Professor Roswag-Klinge – was unterscheidet Berlin und Brandenburg strukturell, und warum sind beide dennoch eng miteinander verbunden? 

Rieger: Zunächst einmal ganz banal: die Größenordnung. Berlin ist eine internationale Metropole mit über 10.000 Kammermitgliedern, die in einem verdichteten urbanen Raum leben und arbeiten. Brandenburg ist eine Kulturlandschaft mit vier großen Städten, vielen Kleinstädten und Dörfern sowie rund 1.300 Kammermitgliedern. Bei uns im Flächenland sind die Strukturen anders als im Stadtstaat und stark kommunal geprägt. Brandenburg war immer Ressourcenlieferant für die Großstadt Berlin. Das prägt die Beziehung der Länder bis heute und ist nicht ohne Konflikte. Durch den Klimawandel ist die Transformationsaufgabe, die bewältigt werden muss, enorm. Das schaffen wir nur gemeinsam. Wir als Kammern sind die treibende Kraft in dieser Debatte.  

Roswag-Klinge: Gleichzeitig sind wir längst eine gemeinsame Metropolregion. Die Stadt endet nicht an der Landesgrenze. Berlin und Brandenburg bilden gemeinsam eine Ressourcenregion – für Wohnen, Energie, Baustoffe und künftig auch für die kreislaufgerechte Bauwirtschaft. Wenn wir die Transformation des Bauwesens angehen, dann muss man eine Ressourcenregion denken. Sei das mit nachwachsenden Rohstoffen, mit Sand und Kies – den es vielleicht auch noch ein bisschen braucht – oder dann vor allen Dingen auch mit der Kreislaufbauwirtschaft, die sich in unserer Metropolregion verorten muss. 

Wo wünschen Sie sich eine stärkere Harmonisierung zwischen beiden Ländern? 

Roswag-Klinge: Ganz klar bei der gemeinsamen Landesplanung und der Lösung der Wohnungsfrage. Es ist absurd, wenn Berlin Wohnungen braucht und Brandenburg in direkter Nähe abreißt. Wir müssen Ressourcen und Wohnraum gemeinsam denken. Warum können wir beim Wohnungsbau nicht mal sagen, die landeseigenen Gesellschaften sanieren leer stehende Wohnbauten in Brandenburg und bieten sie in ihrem Portfolio mit an, um diese Vernetzung herzustellen und Ressourcen zu teilen. Solches gemeinsames Handeln über die Landesgrenze hinweg würde ich mir viel mehr wünschen. 

Rieger: Ich denke dabei auch an ganz praktische Dinge: etwa die Bauordnungen. Wir brauchen endlich eine weitgehende Angleichung auf Basis der Musterbauordnung. Die Physik ist in Berlin nicht anders als in Brandenburg. Unterschiedliche Regelwerke bremsen uns unnötig. Die Novellierung der brandenburgischen Bauordnung, die derzeit von der Regierung forciert wird, konnten wir zum Glück noch verbessern. Aber sie entfernt sich in Teilen wieder von der Musterbauordnung. Eine Harmonisierung ist nicht in Sicht. Ich glaube, das ist eine politische Forderung, hinter der alle stehen. 

Herr Rieger, Sie haben es angesprochen: Die Brandenburger Bauordnung soll im laufenden Jahr novelliert werden. Welche konkreten Forderungen hat die Kammer? 

Rieger: Die Kammer forderte erfolgreich den Erhalt der Konzentrationswirkung, damit weiterhin mit einer Baugenehmigung alle öffentlich-rechtlichen Belange abgedeckt sind. Zudem spricht sie sich für die weitgehende Übernahme der Musterbauordnung und vor allem der Vorschläge der BAK zu einer Umbauordnung aus. Weitere Punkte sind die konsequente Digitalisierung und die Beschleunigung der Genehmigungsverfahren.

Klimaneutrales und recyclingfähiges Bauen ist technisch möglich. Damit es in der Breite ankommt, brauchen wir klare gesetzliche Grundlagen – ohne sie bleibt es bei Modellprojekten.

Andreas Rieger

Wie bewerten Sie politische Hürden beim Klimaschutz? 

Rieger: Wir können heute klimaneutrale, recyclingfähige Gebäude herstellen. Das ist technisch möglich, aber außerhalb von Modellvorhaben, die mit einem wahnsinnigen Aufwand realisiert worden sind, findet diese Art zu planen und zu bauen in der Breite nicht statt. Ich sehe es als unsere Aufgabe an, dafür zu sorgen, dass die Erkenntnisse, das Wissen in der Breite ankommt. Und das schaffen wir ohne gesetzliche Grundlagen nicht. Instrumente wie eine echte Umbauordnung müssen in die Landesgesetze integriert werden. 

Roswag-Klinge: Zunächst ist es notwendig, den Klimawandel als reale und zentrale Rahmenbedingung politischen und gesellschaftlichen Handelns anzuerkennen. In diesem Zusammenhang kann das Konzept der planetaren Grenzen als übergeordnetes Orientierungsmodell dienen. Die Politik fördert vielerorts Wachstum und Klimabelastung zugleich – das ist der zentrale Widerspruch. Die Steuerungsmechanismen müssen gezielt und systematisch auf Klimaschutz ausgerichtet werden. 

Warum sind verbindliche Fortbildungsregelungen und bundesweit einheitliche Qualifikationsstandards für den Berufsstand so wichtig? 

Roswag-Klinge: Fort- und Weiterbildung ist das zentrale Aufgabenfeld, um gegenüber dem Gesetzgeber zu zeigen, dass der Berufsstand fachlich leistungsfähig bleibt und die Kompetenzen in den Büros gesichert sind. Deshalb ist die Einführung der Musterfortbildungs- und Praktikumsordnung von großer Bedeutung. Auch wenn derzeit nur acht statt 16 Unterrichtseinheiten verpflichtend sind, wurde die Musterverordnung in der Vertreterversammlung in Berlin mit großer Mehrheit beschlossen, um deutschlandweite Standards zu etablieren. 

Rieger: Bundesweit einheitliche, staatlich anerkannte Qualifikationsstandards sind die inhaltliche Voraussetzung, um überhaupt eine Vorbehaltsaufgabe zu erhalten, also bestimmte Leistungen exklusiv ausüben zu dürfen. Erst dann ist das für den Gesetzgeber umsetzbar. Ohne diese Entwicklung besteht die reale Gefahr, dass der Berufsstand an Bedeutung verliert – auch vor dem Hintergrund der schwachen Anerkennung auf EU-Ebene. Gerade für die jüngere Generation ist diese Entwicklung entscheidend für die Zukunft des Berufsstands.

Schnelleres Bauen darf nicht nur an Zeit und Zahlen gemessen werden. Entscheidend ist die Qualität der Planungsprozesse und der Baukultur – sonst zahlen wir später den Preis.

Prof. Eike Roswag-Klinge

Berlin hat das „Schneller-Bauen-Gesetz“ beschlossen. Was bedeutet das konkret? Worauf sollte bei seiner Bewertung besonders geachtet werden? 

Roswag-Klinge: Das Gesetz ist ein landeseigenes „Schneller-Bauen-Gesetz“, das vor allem die Verwaltungsprozesse beschleunigen soll. In der öffentlichen Diskussion geht es dabei oft um den Naturschutz, der angeblich bremst. Die eigentliche Frage ist aber, welche Wirkungen dieses Gesetz wirklich entfaltet. Es reicht nicht, nur die Dauer der Verfahren zu betrachten, sondern wir müssen auch die Qualität der Planungsprozesse bewerten. Das Gesetz ist noch sehr jung, deshalb lässt sich bisher wenig fundiert evaluieren. Trotzdem sollten wir von Anfang an fordern, nicht nur quantitative, sondern vor allem qualitative Maßstäbe anzulegen, insbesondere im Hinblick auf die baukulturelle Qualität. 

Und wird das in Brandenburg anders bewertet? 

Rieger: Nein, genau das ist unsere Aufgabe. Wir müssen die Qualität der Baukultur sowie des Planens und Bauens hochhalten. Es kann nicht allein um Zahlen, Mengen und Zeiten gehen, das hat die Vergangenheit deutlich gezeigt. Qualität muss im Mittelpunkt stehen, dafür stehen wir als Kammern. 

Warum dauern Bauverfahren in der Praxis trotzdem oft so lange, und was müsste sich aus Ihrer Sicht konkret ändern? 

Roswag-Klinge: Die langen Fristen entstehen in der Regel nicht in den Planungsbüros, sondern zu etwa 80 % in den Behörden. Dort müssen sich die Strukturen verschlanken und die Prozesse deutlich beschleunigt werden. Entscheidend wäre vor allem eine vollständig funktionierende digitale Bauakte sowie ein wirklich gut durchdachter digitaler Bauantrag. Wenn die beteiligten Stellen automatisch parallel arbeiten und der Antrag fehlerfrei startet, kann das Verfahren insgesamt viel schneller laufen. 

Rieger: Hinzu kommt, dass es bislang kaum eine Zusammenarbeit zwischen Berlin und Brandenburg bei der Harmonisierung dieser Prozesse gibt, obwohl sich Bauanträge in den Ländern grundsätzlich nicht unterscheiden. Gerade hier müsste viel stärker auf eine Vereinheitlichung gedrängt werden, denn eine nachträgliche Harmonisierung im laufenden Betrieb ist extrem schwierig und ineffizient. 

Beteiligung ist kein ‚Wünsch-dir-was‘, sondern fachliche Auseinandersetzung. Planungen ohne Akzeptanz führen zu jahrelangen Konflikten – Beteiligung ist am Ende effizienter.

Andreas Rieger

Die Kammern stehen für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wie zeigt sich das konkret?

Rieger: Ganz konkret zeigt sich das für uns in der direkten Arbeit vor Ort. Wir gehen in Dörfer und Städte, sprechen mit den Menschen über ihre Orte, über das, was sie brauchen und was sie bewegt. Das ist kein abstrakter Diskurs, sondern ein sehr praktischer. Ob es um Wohnungsbau, Ortsentwicklung oder einzelne Projekte geht – das funktioniert nur gemeinsam mit der Bevölkerung. Wenn Menschen gemeinsam über ihren Ort sprechen, entstehen plötzlich neue Allianzen – auch zwischen Gruppen, die sich vorher eher feindlich gegenüberstanden. Das ist für mich gelebter gesellschaftlicher Zusammenhalt. Und es ist auch eine Form, Politik zu bewegen, ohne ständig über Parteipolitik zu reden: Man arbeitet an den konkreten Problemen vor Ort. 

Roswag-Klinge: Für mich zeigt sich das vor allem in der Selbstverwaltung. So anstrengend diese Gremienarbeit auch ist – sie ist gelebte Demokratie. Hier werden Entscheidungen gemeinsam ausgehandelt, Prozesse transparent gemacht, Verantwortung geteilt. Das ist im Kern genau das, was demokratische Praxis ausmacht. Dazu kommt die ganze Entwicklung von Beteiligungskulturen: transdisziplinär arbeiten, unterschiedliche Interessen moderieren, gesellschaftliche Transformation verhandeln. Dafür brauchen wir neue Planungskulturen und neue Rollenbilder. Weniger Durchsetzen, mehr Vermitteln. Und das findet auf allen Maßstabsebenen statt – bei der Kita im Dorf, bei der Kreisstraße, bei der Parksanierung oder auch bei großen städtischen Projekten. Überall gilt: Ohne Beteiligung wird es nicht dauerhaft funktionieren. 

Rieger: Ein weiterer Punkt ist der fachlich fundierte Diskurs, den die Kammern ermöglichen. Beteiligung ist kein „Wünsch-dir-was“, sondern eine sachliche Auseinandersetzung mit komplexen Fragen. Genau dafür braucht es unseren Berufsstand als Vermittler zwischen Politik, Verwaltung und Gesellschaft. Wir erleben aber auch, dass Beteiligung oft als störend empfunden wird, weil sie Zeit kostet oder bestehende Entscheidungsstrukturen infrage stellt. Dabei wissen wir aus der Praxis: Beteiligung ist in der Summe effizienter. Schnelle Planungen ohne Akzeptanz führen am Ende zu jahrelangen Konflikten. Das kann nicht der Maßstab für die Zukunft sein – weder demokratisch noch gesellschaftlich. 

Wenn Sie einen Wunsch für die Zukunft von Architektur, Stadt- und Regionalplanung frei hätten – welcher wäre das? 

Roswag-Klinge: Mein wichtigster Wunsch ist ein besserer Zugang zum Markt für junge und kleine Büros. Ich sehe aus der Hochschule heraus die große Sorge, wie junge Ideen überhaupt in den Markt kommen. Die entscheidende Frage ist, wie wir Transformation ermöglichen, indem wir jungen Menschen echte Chancen geben. Ich wünsche mir, dass vor allem das öffentliche Bauen vorangeht, aber auch private Bauherren gezielt junge Büros beauftragen. 

Rieger: Mein Wunsch ist eine gemeinsame Konferenz der Architektenkammern Brandenburg und Berlin zu internen und externen Zukunftsfragen. Es geht darum, nicht nur zu fordern, sondern durch Zusammenarbeit Vorbild zu sein – für uns selbst und für beide Länder.

Andreas Rieger

Andreas Rieger, Architekt, studierte in Wien und München, lebt und arbeitet seit 1990 in Dresden und Lübben (Spreewald), sein Büro plant überwiegend im Bestand, in der Denkmalpflege und im Wohnungsbau. Andreas Rieger ist seit 2022 Präsident der Brandenburgischen Architektenkammer. 

Prof. Eike Roswag-Klinge

Prof. Eike Roswag-Klinge verbindet als freischaffender Architekt und Hochschullehrer Entwurf, Forschung und nachhaltige Baupraxis. An der TU Berlin leitet er das Natural Building Lab. Seit 2025 ist er Präsident der Architektenkammer Berlin.

Christine Jokerst-Pauli

Architektenkammer Berlin
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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