Andrea Gebhard im Gespräch mit Katrin Habenschaden
Für das neue DAB sprechen Andrea Gebhard, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, und Katrin Habenschaden, Leiterin Nachhaltigkeit & Umwelt der Deutschen Bahn, darüber, was der Umbau unserer Infrastrukturen für Planung, Governance und Nachhaltigkeit bedeutet – und welche Rolle gestaltende Berufe dabei einnehmen.
Andrea Gebhard: Frau Habenschaden, Sie kommen aus der Kommunalpolitik und verantworten heute Nachhaltigkeit und Umwelt bei der Deutschen Bahn. Wie beeinflusst dieser Wechsel der Perspektiven Ihren Blick auf die strukturellen Herausforderungen unseres Landes?
Katrin Habenschaden: Tatsächlich ist der Wechsel gar nicht so groß, denn die Perspektiven ähneln sich. Sowohl die Bundesrepublik als auch die Deutsche Bahn stehen vor großen strukturellen Herausforderungen. Deutschland muss als Wirtschaftsstandort attraktiv und zukunftsfähig bleiben. Gleiches gilt für die Deutsche Bahn als Unternehmen. Ich verstehe darum auch alle, die sagen, dass der Zustand der Bahn eng mit dem Vertrauen in den Staat verknüpft ist. Darum braucht es einen Neustart – und den vollziehen wir unter Evelyn Palla bei der DB aktuell. Immer mit dem klaren Ziel vor Augen: Die Bahn muss wieder zuverlässig funktionieren. Das ist wichtig für unsere Kund:innen und Mitarbeitenden – aber auch elementar für das Land.
Wo sehen Sie heute die stärksten Wirkhebel und die größten Blockaden, wenn es darum geht, die notwendigen ökologischen und sozialen Transformationen im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge und der gebauten Umwelt voranzubringen?
Eine funktionierende Eisenbahninfrastruktur gehört für mich mit zu den stärksten Wirkhebeln. Sie ist die Grundlage, damit möglichst viele Menschen und Güter klimafreundliche Züge nutzen können. Daher investieren wir in den kommenden Jahren gemeinsam mit dem Bund massiv in unsere Infrastruktur. Um bauen und sanieren zu können, brauchen wir jedoch Planungssicherheit. Immer neue Verzögerungen und geänderte Zeitpläne sorgen nicht nur für Unverständnis bei Baufirmen und Anwohnenden – sie belasten auch das Vertrauen der Menschen in Deutschland in die staatliche Handlungsfähigkeit.
Auch werden Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit noch zu oft gegeneinander ausgespielt. Dabei zeigen die Extremwetterereignisse der vergangenen Jahre deutlich, wie wichtig etwa klimaresiliente Infrastrukturen mit Blick auf zuverlässige Lieferketten sind. Nachhaltigkeit ist längst ein zentraler Wirtschaftsfaktor. Und daher ist es gut und richtig, dass Deutschland und Europa hier aktuell viele Verbesserungen auf den Weg bringen.
Planende Berufe gestalten in hohem Maße, wie öffentliche Räume, Gebäude und Infrastrukturen wahrgenommen, genutzt und weiterentwickelt werden. Welche Erwartungen verbinden Sie mit der Rolle von Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung in dieser Transformation?
Architektur sowie Stadt- und Landschaftsplanung sollten auf die aktuelle Transformation nicht nur reagieren, weil sie es unbedingt müssen. Ich bin der Meinung, sie sollten proaktiv vorangehen und die Zukunft sichtbar machen – auch wenn sie vielleicht noch etwas entfernt ist. Dazu gehört für mich zum Beispiel die Schaffung von klimaresilienten Räumen und der Einsatz emissionsreduzierter Baumaterialien.
Gerade die planenden Berufe können aktiv Antworten auf Klimakrise, Biodiversitätsverlust und Ressourcenmangel geben – und dabei soziale Aspekte wie Teilhabe berücksichtigen. Sie werden damit zu Vermittler:innen zwischen Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Und sie können Zielkonflikte sichtbar machen und gemeinschaftlich tragfähige Lösungen entwickeln. Kurz: Nachhaltigkeit beginnt bei der Planung.
Sie plädieren für eine Politik, die planetare Grenzen ernst nimmt. Wie lässt sich ein solcher Anspruch in komplexen ökonomischen, regulatorischen und betrieblichen Rahmen tatsächlich operationalisieren?
Zunächst einmal können wir es uns gar nicht erlauben, die planetaren Grenzen und ihre Überschreitungen zu ignorieren. Was das für die Menschheit und unsere Erde bedeutet, haben Wissenschaftler:innen und andere Expert:innen umfangreich und eindrücklich dargelegt – und das nicht erst kürzlich. Daher sehe ich hier auch kein Erkenntnisproblem. Die Warnungen sind omnipräsent, und der entsprechende Handlungsbedarf ist groß. Dass die konkrete Umsetzung nicht immer einfach ist, liegt ebenfalls auf der Hand. So wird bei regulatorischen und betrieblichen Entscheidungen häufig auf die aktuelle Wahlperiode bzw. das gegenwärtige Geschäftsjahr geschaut. Auswirkungen in der fernen Zukunft werden ausgeklammert. Das ist bequem, sorgt aber dafür, dass wir die eigentlich gebotene Geschwindigkeit gar nicht erst erreichen. Das muss sich ändern.
Extreme Wetterereignisse, Ressourcenknappheit und demografische Veränderungen setzen unsere Systeme unter Anpassungsdruck. Welche Antworten braucht ein Land, das künftig deutlich stärker auf Resilienz angewiesen sein wird?
Mit Blick auf die drängendsten Herausforderungen durch den Klimawandel legt die Deutsche Bahn bei ihrer ökologischen Transformation den Fokus auf Klimaschutz und Klimaresilienz. Als Betreiber kritischer Infrastruktur und als Flächenorganisation sind wir von den aktuellen und zukünftigen Folgen des Klimawandels besonders stark betroffen. Daher konzentrieren wir uns mit einem konzernweiten und geschäftsfeldübergreifenden Resilienzmanagement auf eine sicherere Infrastruktur, resilientere Gebäude, zuverlässigere Fahrzeuge und den Schutz unserer Kund:innen und Mitarbeitenden.
Der Klimawandel – aber auch geopolitische Verwerfungen – stellen Unternehmen wie die DB vor immer neue Herausforderungen. Gleiches gilt für die Politik. Daher braucht es nicht nur Flexibilität, sondern auch den Willen, auf neue Entwicklungen und sich ändernde Rahmenbedingungen reagieren zu können und zu wollen.
Wenn Sie auf das kommende Jahrzehnt blicken: Welche Prioritäten sollte Deutschland setzen, um die gebaute Umwelt, zentrale Versorgungssysteme und klimabezogene Zielsetzungen miteinander in Einklang zu bringen?
Grundsätzlich hilft es, überhaupt Prioritäten zu setzen und sich dabei auf die Wirksamkeit zu fokussieren. Es bringt niemandem etwas, wenn wir uns unrealistische Ziele setzen oder Maßnahmen vorantreiben, die keinen echten Impact haben. Ich bin der Überzeugung, dass eine ambitionierte Klima- und Umweltpolitik für den Standort Deutschland von zentraler Bedeutung ist. Und das gerade dann, wenn es uns gelingt, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit noch stärker zusammenzudenken. Für Deutschland und Europa ergibt sich gerade die einmalige Chance, die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Wenn sich andere Länder aus Green Tech zurückziehen, dann müssen wir investieren. Denn ein „Weiter so“ kann es nicht geben.
DAB Redaktion
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