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30-Hektar-Ziel und Wohnraumschaffung – ein Zielkonflikt?

Man könnte es auch plakativ ausdrücken: Eine Ausweitung der SuV (Siedlungs- und Verkehrsfläche) verursacht mehr SUV (Sport Utility Vehicle).

Sebastian von Oppen
30.03.2026 9min
Kommentar Bundesweit
© Saurabh Yadav/Unsplash

Tatsächlich ist es in der Fachwelt unumstritten, dass eine Ausweitung der SuV vor allem dann mehr motorisierten Individualverkehr verursacht, wenn beispielsweise Wohnbauflächen mit geringer Dichte beplant werden. Weiterhin verursacht eine ineffiziente Flächennutzung hohe Kosten für Infrastruktur, Straßen, Versorgungsleitungen et cetera, den Verlust von land- und forstwirtschaftlichen Flächen. Die Versorgung der Bevölkerung mit sozialer Infrastruktur wie Schulen und Pflegeeinrichtungen wird erschwert. Zwangläufig erhöht sich die Abhängigkeit der Menschen vom Auto. Ist dies langfristig sinnvoll und bezahlbar? Die Bundesregierung hat daher schon 2002 in Ihrer Nachhaltigkeitsstrategie das 30-ha-Ziel festgeschrieben. Gegenwärtig werden ca. 50 ha land- und forstwirtschaftlicher Fläche am Tag in SuV umgewandelt. Das ist zwar deutlich weniger als noch um das Jahr 2000 – damals waren es noch knapp 130 ha pro Tag –, eine weitere Reduktion bleibt aber geboten. Schon jetzt verursacht ineffizient genutzte Wohnbaufläche erhebliche Kosten für die Allgemeinheit und treibt die Grundstückspreise nach oben. Grundstückspreise haben einen erheblichen Anteil an den steigenden Wohnkosten. Eine funktionierende Pflege der alternden Bevölkerung gerade in diesen Gebieten stößt längst an ihre Grenzen. Der Deutsche Bauernverband warnt eindringlich vor dem Verlust an landwirtschaftlicher Fläche. Und auch lässt sich fragen: Braucht wirklich jedes Kind einen eigenen Garten mit eigenem Trampolin? Der Erhalt ökologisch wertvoller Lebensräume und Klimaschutz sind also ein Thema. Es geht aber auch um die Funktionsfähigkeit und Bezahlbarkeit technischer und sozialer Infrastruktur (Statistik zu Infrastrukturkosten von Siedlungen).  

Trotz dieser Erkenntnisse hat sich die Bundesarchitektenkammer (BAK) 2025 an der Studie „Wohnungsbau braucht (mehr) Fläche“ beteiligt, die das 30-ha-Ziel zumindest hinterfragt. Insgesamt waren acht Verbände aus Wohnungswirtschaft, Baustoffherstellung und Baugewerbe beteiligt. Der Blick auf die Problemlage in Bezug auf das 30-ha-Ziel ist in den beteiligten Verbänden sehr unterschiedlich. Einigkeit herrschte allerdings dahin gehend, dass Deutschland in einer tiefen Wohnungskrise steckt und diese Wohnungskrise schnell gelöst werden muss, da sonst nicht nur die Wohnungssuchenden verzweifeln, sondern Demokratie und der gesellschaftliche Zusammenhalt weiter in eine ohnehin schon bedrohliche Schieflage geraten. Der Prozess war daher geprägt von intensiven und durchaus kontroversen Diskussionen. Diese sind aber notwendig und Teil einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Zielkonflikt zwischen Flächensparzielen und Schaffung von mehr Wohnraum. Die Sorgen wohnungssuchender Menschen lassen sich nicht wegdiskutieren, die Notwendigkeit eines verantwortungsbewussten Umgangs mit der begrenzten Ressource Fläche auch nicht.

Flächennutzung in Deutschland Quelle: Statistisches Bundesamt 2025, Genesis Datenbank: Bodenfläche (tatsächliche Nutzung) (abgerufen am 06.11.2025): https://www-genesis.destatis.de/datenbank/online/statistic/33111/table/33111-0007 © Umweltbundesamt
Anstieg der Siedlungs- und Verkehrsflächen in Deutschland in ha/Tag Quelle: Werte aus Statistisches Bundesamt 2025, Anstieg der Siedlungs-und Verkehrsfläche (gleitender Vierjahresdurchschnitt) und Anstieg der Unterarten der Siedlungs-und Verkehrsfläche (Jahreswerte) © Umweltbundesamt

Wohnbauflächenbedarfe pro Tag © InWis Studie

Was steht in der Studie?

Der Grundsatz „Innen- vor Außenentwicklung“ wird zwar nicht infrage gestellt. Eine ausschließlich auf Innenentwicklung fokussierte Wohnbaupolitik reiche aber nicht aus, um den Bedarf an bezahlbarem Wohnraum zu decken. Ohne Flächenneuinanspruchnahme insbesondere in Ballungsräumen werde die Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum in vielen Regionen nicht sicherzustellen sein – schon gar nicht kurzfristig. Das 30-ha-Ziel bis 2030 bzw. das 0-ha-Ziel bis 2050 aus der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung wird dabei als Hindernis wahrgenommen. Diese Strategien seien auf Basis der Annahme einer schrumpfenden Bevölkerung in Deutschland erstellt worden. Aufgrund des gegenwärtigen Anstiegs der Bevölkerung zum Beispiel durch Zuwanderung seien die Rahmenbedingungen heute andere, als es zur Zeit der Aufstellung des 30-ha-Ziels vorauszusehen war. Die Studie hat Zahlenmaterial zusammengetragen. Sie stellt dar, dass eine nur auf Innenentwicklung gerichtete Wohnungsbaupolitik gegenwärtig an ihre Grenzen stößt. Aufgrund vielfältiger lokaler Gegebenheiten lassen sich die Innenentwicklungspotenziale kurzfristig bei Weitem nicht in der Form heben, wie dies theoretisch möglich scheint. Altlasten, Bürgerbegehren et cetera würden in der Praxis die Zahl der rechnerisch vorhandenen Potenziale schnell zusammenschmelzen lassen.

Beachtenswert ist das in der Studie dargestellte Zahlenmaterial: Es zeigt, unter welchen Bedingungen eine Einhaltung der Flächensparziele zu erfüllen wäre:

 

Die Tabelle überlagert zwei Annahmen: 

  1. Erreichung des 30-ha-Ziel mit einer Wohnungsbaudichte 24 WE/ha (Durchschnitt aktuell) oder 40 WE/ha (empfohlen)
  2. Erreichung des 30-ha-Ziels mit einem Anteil der Wohnbaufläche an der gesamten neu ausgewiesenen SuV von 47 % (Durchschnitt aktuell) oder 66 % (empfohlen)

24 Wohneinheiten pro Hektar (WE/ha) ist also die durchschnittliche Dichte, mit der gegenwärtig neu ausgewiesene Wohnbauflächen beplant werden. Dies entspricht der Dichte eines dichteren Einfamilienhausgebietes und ist ein Hinweis darauf, dass neue Wohngebiete mehrheitlich mit Einfamilienhäusern (EFH) bebaut werden. Nach Aussage der Ersteller der Studie liegen keine Daten zum genauen Anteil der EFH-Gebiete an neu ausgewiesenen Wohngebieten vor. Er muss aber oberhalb von 50 % liegen, da sonst die 24 WE/ha nicht erklärbar wäre. Die Studie empfiehlt daher auch die Erhebung besserer Daten. Allerdings wird in der Studie angenommen, dass sich eine Erhöhung der Wohndichte nicht erreichen ließe. Dies ist zu diskutieren!

Richtig ist, dass eine Mehrheit der Menschen in Deutschland (>60 %, Quelle: Interhyp Wohnraumstudie von 2021) sich nach wie vor wünscht, in einem frei stehenden Einfamilienhaus zu wohnen. Längst scheitert dieser Traum an den Realitäten, da gerade dieser Sektor des Wohnungsbaus besonders eingebrochen ist. Das Versprechen von Teilen der Politik, einer breiten Masse diesen Traum zu erfüllen, lässt sich also aufgrund eingangs genannter Gründe nicht beliebig erfüllen. 

Schon mit einer durchschnittlichen Wohndichte von 40 WE/ha rückt die Einhaltung des 30-ha-Ziels in greifbare Nähe. Dies entspricht einer normalen Reihenhaussiedlung, bei der von unmenschlicher Dichte sicher noch nicht die Rede sein kann. Mit qualitätvollem Geschosswohnungsbau ließen sich also schon heute ohne Weiteres die Flächensparziele erreichen und gleichzeitig genügend Wohnraum schaffen.

Leider werben gerade populistische Parteien (und nicht nur diese) mit dem frei stehenden Einfamilienhaus als dem idealen Lebensmodell. Damit hat sich die Diskussion längst aus der Sachebene verabschiedet und wird zum Bestandteil eines Kulturkampfes. Die Erkenntnis aus der Studie sollte aber sein: Die Ausweisung neuer Wohnbauflächen ist angesichts der Wohnungskrise unumgänglich, allerdings sollten diese Flächen verantwortungsvoll genutzt werden und mit einer angemessenen Bebauungsdichte beplant werden. 

Die BAK wird sich daher weiterhin in den aktuellen Bearbeitungsprozesses des Baugesetzbuche aktiv einbringen und den verantwortungsbewussten Umgang mit der Ressource Fläche fordern. Ein aktiver Beitrag der planenden Berufe aus Stadtplanung, Architektur, Landschafts- und Innenarchitektur besteht aber auch darin, weiterhin durch gute Planung verdichtetes Wohnen auch für Familien zu einer begehrenswerten Alternative zum freistehenden Einfamilienhaus zu machen. Beispiele gibt es bereits genügend.

Neben der Lektüre der Studie ist der Kommentar zur Studie durch sechs Forschungsinstitute zu empfehlen:

Link zur Studie 
Link zum Kommentar

Sebastian von Oppen

Leiter des Referats Architektur und Bautechnik der Bundesarchitektenkammer
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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