„Aus einem Schuh kann man keine Hose machen“
Katrin Mees leitet beim Zentralverband Deutsches Baugewerbe die Abteilung Nachhaltiges Bauen, Kreislaufwirtschaft und Umwelt. Im Gespräch erklärt sie, warum große Materialströme im Bau eigentlich längst im Kreislauf geführt werden könnten und weshalb rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen derzeit noch verhindern, dass Kreislaufwirtschaft ihr volles Potenzial entfalten kann.
DAB: Frau Mees, wie steht es denn tatsächlich um die Kreislaufwirtschaft im deutschen Bauwesen?
Katrin Mees: Insgesamt stehen wir im Bauwesen gar nicht so schlecht da. In Deutschland fallen rund 208 Millionen Tonnen mineralische Bauabfälle pro Jahr an, und über 90 Prozent davon werden bereits verwertet (Quelle: Mineralische Bauabfälle, Monitoring 2022). Das ist im internationalen Vergleich ein sehr hoher Wert. Ein großer Teil der aufbereiteten Materialien wird heute im Straßen- und Erdbau eingesetzt. Das ist keine minderwertige Nutzung, sondern technisch sinnvoll, weil dort große Mengen an Gesteinskörnungen benötigt werden und Recyclingmaterial Primärrohstoffe ersetzen kann. Die eigentliche Herausforderung liegt weniger beim Recyclingbeton selbst. Dort, wo geeignete Materialien verfügbar sind, funktioniert der Einsatz gut; und es gibt teilweise sogar mehr Nachfrage, als Material zur Verfügung steht. Allerdings fallen geeignete Betonabbruchmengen regional sehr unterschiedlich an, sodass kein flächendeckender Markt entstehen kann. Größere Herausforderungen bestehen bei anderen Materialströmen außerhalb der mineralischen Baustoffe. Hier fehlen oft noch funktionierende Märkte und geeignete Rahmenbedingungen, um Materialien zuverlässig wieder in den Kreislauf zurückzuführen.
Woran liegt das? Ist das ein technisches Problem?
Nein, es ist vor allem ein Systemproblem. Die gemeinsame Grundlage fehlt häufig. Alle schauen immer nur auf ein Teil des Kreises. Die Architekten haben ihre Perspektive, die Ausführenden eine andere, die Politik noch eine andere. Oft fehlt eine gemeinsame Datenbasis und ein übergreifendes Verständnis dafür, wie die einzelnen Schritte im Kreislauf zusammenspielen. Dadurch entstehen an den Schnittstellen Probleme, obwohl in den einzelnen Bereichen bereits viel Know-how vorhanden ist.
Sie haben in Ihrem Werdegang selbst alle Phasen durchgemacht – Rückbau, Ausbau, Hochbau. Hat Sie das für Ihre heutige Arbeit geprägt?
Absolut. Das ist die Blaupause für meine heutige Arbeit. Ich verstehe, wie es auf der Baustelle läuft, ich verstehe, was Planer brauchen, und ich kenne auch die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Und mir ist dabei sehr aufgefallen, wie groß die Diskrepanz zwischen Köpfen und Händen ist, zwischen dem, was in der Praxis tatsächlich umsetzbar ist. Gerade für Handwerksunternehmen ist die zunehmende Komplexität der Regelungen oft eine große Herausforderung.
Deshalb wollten Sie vermitteln zwischen diesen Welten?
Ja, ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich gut zwischen Politik und Praxis übersetzen kann. Ich dachte: Das müsste jetzt angegangen werden, irgendjemand muss es schließlich machen. Die Diskrepanz wurde immer größer. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass es nicht nur um fehlendes Verständnis geht, sondern oft auch darum, bestehende Strukturen zu verändern, was naturgemäß Zeit braucht und nicht immer einfach ist. Veränderungen bedeuten für viele Beteiligte zunächst Unsicherheit. Und manchmal fehlt auch schlicht der Wille, bestehende Strukturen oder Einflussbereiche zu verändern, teils aus Gewohnheit, teils aus Prinzip. Entsprechend langsam verlaufen solche Prozesse. Hinzu kommt, dass Regelungen zwar auf Bundesebene vereinheitlicht werden sollen, wie etwa mit der Ersatzbaustoffverordnung, die praktische Umsetzung und Auslegung aber weiterhin regional unterschiedlich erfolgt. Für Unternehmen führt das teilweise noch zu Unsicherheiten, obwohl eigentlich ein einheitlich funktionierender Markt entstehen sollte.
Die Ersatzbaustoffverordnung ist seit 2023 in Kraft – mit 16 Jahren Vorlauf. Funktioniert sie?
Die Ersatzbaustoffverordnung ist grundsätzlich anwendbar, und die Branche hat sich inzwischen weitgehend darauf eingestellt. Ziel war es, bundesweit einheitliche Qualitätsstandards für Recyclingbaustoffe zu schaffen und mehr gütegesichertes Material in den Kreislauf zu bringen. Das ist im Ansatz richtig. In der praktischen Umsetzung läuft aber noch nicht alles rund. Die Auslegung erfolgt teilweise unterschiedlich, und viele Prozesse müssen sich erst einspielen. Gleichzeitig bleibt Recyclingmaterial rechtlich weiterhin Abfall, was bei vielen Marktakteuren weiterhin Unsicherheit auslöst. Damit entsteht eine paradoxe Situation: Einerseits wollen wir Materialien stärker im Kreislauf halten, andererseits behandeln wir sie rechtlich weiterhin als Abfall. Dieses Spannungsfeld bremst die Marktentwicklung einfach aus. Vielen ist nicht bewusst, wie groß der Aufwand inzwischen durch Dokumentations- und Nachweispflichten geworden ist. Ein erheblicher Teil der zusätzlichen Kosten im Bau entsteht heute durch Regelungen aus dem Umwelt-, Abfall- und Gefahrstoffrecht. Diese verfolgen wichtige Ziele, führen in der praktischen Umsetzung auf Baustellen aber zu erheblichem administrativem und organisatorischem Aufwand.
Wer sind die Leidtragenden?
Der kleine Handwerksbetrieb. Der kann das nicht stemmen. Wenn er zwei Seiten dokumentieren soll, ist das eine Sache. Aber 200 Seiten, das ist wirtschaftlich nicht darstellbar, selbst wenn er jedes Wochenende durcharbeiten würde. Und das verstehen viele in der Politik nicht. Die denken, man schreibt eine Verordnung und dann wird das schon. Aber die Praxis sieht anders aus.
Reicht Regulierung allein aus?
Nein. Die Ersatzbaustoffverordnung setzt wichtige Rahmenbedingungen, aber Regulierung allein schafft noch keinen funktionierenden Markt. Entscheidend ist, ob Recyclingmaterial wirtschaftlich eingesetzt werden kann. Das hängt stark von regionaler Verfügbarkeit, Transportwegen und konkreten Projekten ab. In manchen Regionen oder Anwendungen sind Primärrohstoffe günstiger, in anderen sind Recyclingmaterialien längst wettbewerbsfähig oder sogar im Vorteil. Ohne wirtschaftliche Anreize und verlässliche Absatzmärkte hilft aber auch die beste Regulierung nicht weiter.
Klingt pessimistisch. Gibt es überhaupt noch Hoffnung?
Es gibt keine Alternative zur Kreislaufwirtschaft. Die Frage ist nicht, ob wir sie umsetzen, sondern wie schnell und wie gut wir es schaffen. Die Ressourcen sind begrenzt, Deponieraum wird knapper, und gleichzeitig müssen wir unsere Klimaziele erreichen. Manchmal verlieren wir uns allerdings in sehr langen Diskussionen darüber, wie etwas idealerweise aussehen müsste. Dabei wäre es oft wichtiger, pragmatisch anzufangen und aus der Praxis heraus besser zu werden. Wir müssen den Mut haben, Dinge umzusetzen und weiterzuentwickeln, statt so lange zu warten, bis jede Unsicherheit ausgeräumt scheint.
Was müsste sich konkret ändern?
Wir brauchen vor allem eine gemeinsame Grundlage und ein besseres Zusammenspiel der verschiedenen Zuständigkeiten. Kreislaufwirtschaft betrifft Bau-, Umwelt- und Wirtschaftspolitik gleichermaßen, deshalb müssen diese Bereiche stärker zusammenarbeiten. Wichtig ist außerdem, bundeseinheitliche und praxistaugliche Rahmenbedingungen zu schaffen und Kreislauflösungen nicht nur über Verbote, sondern auch über wirtschaftliche Anreize und funktionierende Märkte zu fördern.
Im zweiten Teil unseres Gesprächs werden wir darüber sprechen, wie Kreislaufwirtschaft in der Praxis trotzdem funktionieren kann – und was sich in der Planungskultur ändern muss.
DAB Redaktion
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