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„Rückwärts planen lernen“

Im ersten Teil unseres Gesprächs hat Katrin Mees erklärt, warum die Kreislaufwirtschaft im Bau großes Potenzial hat, in der Praxis aber noch nicht überall reibungslos funktioniert. Im zweiten Teil geht es darum, was sich konkret ändern muss und warum jetzt vor allem pragmatisches Handeln gefragt ist.

DAB Redaktion
02.03.2026 7min
Ressourcen und Recycling Bundesweit
Breiter, leerstehender Plattenbau mit langen Reihen offener Fenster und Graffiti; oben der Schriftzug „ALLESANDERSPLATZ“ vor Wolkenhimmel.
© Busà Photography/gettyimages

DAB: Frau Mees, wenn wir über Kreislaufwirtschaft sprechen, reden wir oft von neuen Gebäuden. Aber was ist mit dem Bestand? 

Katrin Mees: Der Bestand ist eigentlich die größte Aufgabe der kommenden Jahrzehnte. Ein großer Teil unseres heutigen Gebäudebestands stammt aus der Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit ab den 1950er-Jahren bis in die 1980er- und frühen 1990er-Jahre. In dieser Zeit wurden Materialien eingesetzt, die man aus heutiger Sicht teilweise kritisch bewertet oder die inzwischen als schadstoffbelastet gelten, etwa Asbest, PCB oder bestimmte künstliche Mineralfasern. Das erschwert Rückbau und Wiederverwendung erheblich, weil Materialien zunächst untersucht und teilweise aufwendig saniert werden müssen. Gleichzeitig fehlt häufig eine verlässliche Dokumentation darüber, welche Materialien tatsächlich verbaut wurden, was Planung und Rückbau zusätzlich erschwert. 

Und wir müssen ehrlich sein: Auch bei heutigen Baustoffen können sich Bewertungen in 30 oder 50 Jahren verändern. Deshalb ist es umso wichtiger, Gebäude so zu planen, dass Materialien später identifizierbar, trennbar und sicher weiter nutzbar bleiben. 
Hilfreich sind hier Instrumente wie das Pre-Demolition-Audit, also eine systematische Erkundung vor dem Rückbau. Damit lassen sich Materialien und Schadstoffe frühzeitig erfassen und Wiederverwendung oder hochwertiges Recycling besser vorbereiten. 

Also wird verdrängt? 

Nicht bewusst, aber der Fokus liegt oft auf Neubauten und zukünftigen Konzepten wie Gebäuderessourcenpässen oder Design for Disassembly. Das ist wichtig, darf aber nicht davon ablenken, dass die eigentliche Aufgabe im Umgang mit dem vorhandenen Gebäudebestand liegt, der uns in den kommenden Jahrzehnten weiter beschäftigen wird. 

Auch wenn wir im Kreislauf denken wollen, liegen noch einige Hürden im Weg. 

Das klassische Abfallrecht ist historisch darauf ausgerichtet, Abfälle sicher zu entsorgen und Umweltgefahren zu vermeiden. Das war und ist wichtig. Kreislaufwirtschaft verfolgt aber ein anderes Ziel: Materialien möglichst wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückzuführen. Dafür braucht man andere Bewertungsmaßstäbe und andere Entscheidungen darüber, wann ein Material wieder sicher genutzt werden kann. Momentan versuchen wir häufig, mit Instrumenten des klassischen Entsorgungsrechts Kreislaufwirtschaft zu organisieren. Das funktioniert nur begrenzt, so als würde man aus einem Schuh eine Hose machen wollen. Man kann einzelne Teile zusammensetzen, aber es bleibt eine Notlösung. Eigentlich brauchen wir Regelungen, die von Anfang an auf Kreisläufe ausgelegt sind, also einen ganz neuen Stoff! 

Ein klassisches Marktversagen? 

Teilweise ja. Entscheidend ist, ob sich hochwertige Aufbereitung wirtschaftlich lohnt und ob für die Materialien verlässliche Absatzmärkte existieren. Dort, wo sortenrein rückgebaut und aufbereitet wird und geeignete Einsatzmöglichkeiten bestehen, funktionieren Recyclingbaustoffe gut. Schwieriger wird es dort, wo zusätzliche Aufbereitungs- und Nachweispflichten Kosten verursachen oder Unsicherheiten entstehen, ob das Material später tatsächlich eingesetzt werden kann. Dann fehlt oft der wirtschaftliche Anreiz, besonders sorgfältig zu trennen oder aufzubereiten. Gleichzeitig hängt die Wirtschaftlichkeit stark von regionalen Bedingungen, Transportwegen und konkreten Projekten ab. Recyclingmaterial ist nicht grundsätzlich teurer oder schlechter, aber die Marktbedingungen sind noch nicht überall stabil genug. Deshalb brauchen wir Rahmenbedingungen, die Qualität und sorgfältige Aufbereitung auch wirtschaftlich honorieren. Ein Beispiel aus der Praxis: Beim Rückbau einer Brücke kann es vorkommen, dass aufbereitetes Material zunächst unauffällige Analysewerte zeigt und grundsätzlich recycelt werden könnte. Wird bei der Sichtkontrolle jedoch ein einzelnes schadstoffhaltiges Bauteil, etwa ein asbesthaltiger Abstandshalter, entdeckt, darf häufig das gesamte Material nicht mehr verwertet werden. Solche Situationen führen in der Praxis zu erheblichen Unsicherheiten und wirtschaftlichen Risiken. 

Abrissbaustelle: orange Bagger vor großen Schutthalden und Resten eines eingestürzten Betongebäudes; Bäume und Wolkenhimmel im Hintergrund.
© Olaf Loose/gettyimages
Moderne Wohnhäuser mit versetzt gestapelten, auskragenden Balkonen und viel Glas; Bäume säumen die Straße im warmen Abendlicht.
© Nikada/gettyimages

Der Gebäuderessourcenpass soll das Material-Inventar dokumentieren. Ist das die Lösung? 

Für Neubauten kann ein Gebäuderessourcenpass in bestimmten Bereichen sinnvoll sein, vor allem bei Bauteilen mit kürzeren Lebenszyklen wie Innenausbauten, Deckenelementen oder Trennwänden. Dort kann eine gute Dokumentation helfen, Materialien leichter wiederzuverwenden. Bei langlebigen Bauteilen wie der tragenden Gebäudestruktur ist der Nutzen dagegen begrenzt. Wenn Gebäude in 50, 100 oder noch mehr Jahren umgebaut oder zurückgebaut werden, müssen Materialien ohnehin erneut untersucht und bewertet werden, unabhängig davon, ob es heute einen Pass gibt oder nicht. Materialbewertungen und technische Möglichkeiten verändern sich über solche Zeiträume erheblich. Außerdem entscheidet nicht ein Register darüber, wann Materialien wieder in den Kreislauf gelangen, sondern die jeweilige Bauaufgabe. Die sogenannte urbane Mine ist kein frei verfügbares Lager; Materialien werden erst dann nutzbar, wenn Gebäude tatsächlich verändert oder abgebrochen werden. Deshalb bleibt entscheidend, dass Verfahren zur Untersuchung und Aufbereitung von Materialien weiter verbessert werden. Ob und in welchem Umfang ein Gebäuderessourcenpass langfristig einen zusätzlichen Mehrwert bietet, wird sich erst noch zeigen. 

Wenn wir über Kreislaufwirtschaft sprechen, reden wir auch über Planung. Was muss sich ändern? 

Häufig endet Planung gedanklich mit der Fertigstellung eines Gebäudes. Künftig müssen wir stärker mitdenken, wie Gebäude später umgebaut oder zurückgebaut werden können. Das bedeutet, von Anfang an zu überlegen, welche Materialien verwendet werden, wie Bauteile verbunden sind und wie sie später wieder getrennt werden können, Schrauben statt Kleben, trennbare Schichten statt dauerhafter Verbünde. Gleichzeitig sollten Gebäude wieder stärker auf Langlebigkeit ausgelegt werden, nicht für die Ewigkeit, aber mindestens für die Dauer eines Menschenlebens. Ein Gebäude sollte idealerweise 100 Jahre oder länger nutzbar bleiben und sich an veränderte Anforderungen anpassen lassen. 

Genau das Gegenteil passiert doch mit dem Bau-Turbo – schnell hochziehen, Hauptsache billig.

Der sogenannte Bau-Turbo zielt vor allem darauf ab, Planungs- und Genehmigungsprozesse zu beschleunigen. Das kann helfen, schneller neuen Wohnraum zu schaffen. Gleichzeitig besteht aber die Gefahr, dass bei starkem Zeit- und Kostendruck vor allem kurzfristige Wirtschaftlichkeit zählt und weniger darauf geachtet wird, wie dauerhaft und anpassungsfähig Gebäude wirklich sind. Entscheidend ist deshalb, dass bei aller Beschleunigung die langfristige Nutzbarkeit von Gebäuden mitgedacht wird, also Aspekte wie Klimaresilienz, anpassungsfähige Grundrisse, langlebige Konstruktionen und gute Gebäudehüllen. Investitionen in Klimaanpassung zahlen sich dabei auch wirtschaftlich aus: Jeder Euro, der heute in resiliente Gebäude investiert wird, spart künftig ein Vielfaches an Schadenskosten. Sonst laufen wir Gefahr, Gebäude zu errichten, die zwar schnell verfügbar sind, aber schon nach wenigen Jahrzehnten dem Markt wieder verloren gehen. 

Aber wer haftet, wenn Materialien plötzlich als Schadstoffe eingestuft werden? 

In der Praxis stellt sich vor allem die Frage, wer vor einem Umbau oder Rückbau dafür verantwortlich ist, mögliche Schadstoffe frühzeitig zu untersuchen. Im Zuge der Überarbeitung der Gefahrstoffverordnung wurde darüber diskutiert, Bauherren hier stärker in die Pflicht zu nehmen und eine verbindliche Schadstofferkundung vor Beginn der Arbeiten vorzuschreiben. Diese Regelung ist jedoch bislang nicht in der ursprünglich geplanten Form umgesetzt worden. Dadurch bleiben Verantwortlichkeiten in der Praxis teilweise unklar und werden regional unterschiedlich ausgelegt. Für Unternehmen bedeutet das weiterhin Unsicherheit bei Planung und Umsetzung. Entscheidend wäre deshalb, klare und praxistaugliche Regelungen zu schaffen, damit Risiken frühzeitig erkannt werden und Materialien später sicher weiter genutzt oder verwertet werden können. 

Klingt alles sehr blockiert. Gibt es überhaupt einen Weg heraus? 

Der Weg heraus ist, pragmatisch anzufangen und aus der Praxis heraus besser zu werden. Wir sind sehr gut darin, Risiken und Probleme zu analysieren, das ist auch wichtig. Aber bei Themen wie Klimawandel und Ressourcenknappheit können wir nicht warten, bis jede Unsicherheit geklärt ist. Wir müssen anfangen umzusetzen und Lösungen Schritt für Schritt weiterentwickeln. Nicht alles wird sofort perfekt sein, aber wichtig ist, dass wir ins Handeln kommen und Erfahrungen sammeln, aus denen wir lernen können. 

Was wäre Ihr Appell? 

Wir sollten jetzt anfangen, den vorhandenen Gebäudebestand besser zu nutzen und zu pflegen, statt ständig neue Ressourcen zu verbrauchen. Ökologisch und wirtschaftlich können wir uns das auf Dauer nicht leisten. Gleichzeitig liegt darin eine große Chance: Wenn wir Bauen stärker zirkulär organisieren, entstehen neue Märkte, neue Geschäftsmodelle und langlebigere Gebäude, die ihren Wert behalten. Materialien bleiben verfügbar, statt zu Abfall zu werden, und wir gewinnen mehr Unabhängigkeit von knapper werdenden Rohstoffen. Für mich ist deshalb nicht die Frage, ob wir diesen Weg gehen, sondern wie schnell wir bereit sind, ihn gemeinsam umzusetzen. Je länger wir warten, desto teurer und schwieriger wird die Aufgabe. Aber wir wissen längst, was zu tun ist und können jetzt Schritt für Schritt anfangen.

Zur Person

Katrin Mees

Dipl.-Ing. (FH) Katrin Mees ist Abteilungsleitung Nachhaltiges Bauen, Kreislaufwirtschaft und Umwelt beim Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB). Die Architektin arbeitet seit über 30 Jahren im Bereich Kreislaufwirtschaft und Rückbau. 

DAB Redaktion

Berlin
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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