Vom Lob des Innenraums: Großes Interesse trotz Hitze
Tag der Architektur 2026 in Potsdam und Brandenburg: vom knallroten Logistikbau über ein Kunstdepot bis zur rekonstruierten Historienstadt – wie kühle Gebäude in heißen Zeiten entstehen.
Am heißesten Junitag des Jahres Architektur zu zeigen, kann herausfordernd sein, es sei denn, das Haus ist klimatisiert. Als Alexander Paul den Besucherinnen und Besuchern die Tür der gläsernen Büroetage der Paketdienststation GO! in Potsdam-Drewitz öffnete, atmeten sie erleichtert auf. Doch ist es nicht nur die Haustechnik, die in dem Gewerbebau für angenehmes Klima sorgt. Auch das weit auskragende Dach trägt dazu bei. Die knallrote Platte verschattet die Bürofenster, überdeckt die Pausenterrasse und schützt auch die Anlieferungstore auf der Rückseite. Zugleich symbolisiert das markante Bauteil, dessen Kante sich in Richtung Eingangstreppe dynamisch zuspitzt, das Tempo der Logistikbranche. Dieser Gewerbebau ist nicht bloß eine funktionale Kiste, sondern Teil der Corporate Identity eines anspruchsvollen Logistikdienstleisters.
Das Konzept klingt einfach: Die Sortierhalle unten, die Büros oben, ein Stahlskelettbau mit Außenwänden aus Porenbeton, einer Profilblech-Beton-Verbunddecke und einem Dach aus Trapezblech. Aber alles ist so geschickt entworfen und konstruiert, dass ein Mehrwert entstand. „Hier würde ich auch gerne arbeiten“, staunte ein Besucher. Die Zukunftsfähigkeit hatte Architekt Paul genau im Blick. Er kann sich spätere Umnutzungen ebenso vorstellen wie den Rückbau mit Weiterverwendung der Stahlbauteile. Noch dazu handelt es sich um ein Null-Emissions-Haus, das die Heizwärme aus der Erde und den Strom aus der Sonne gewinnt. Durch zahlreiche Bezüge hat der Architekt den Bau vor Ort verankert. Die Grundrissgeometrie ist ein Spiel mit den Grenzen und die vertikale Schichtung aus geschlossener Halle, zurückgesetzter Büroetage und schwebendem Dach respektiert den Maßstab der gegenüberliegenden Einfamilienhäuser.
Seltene Gelegenheit für besondere Einblicke
In der Umgebung des Potsdamer Hauptbahnhofes geht es gröber zu. Zwischen den Rudimenten des Reichsbahnausbesserungswerkes und einer Lagerhalle behauptet sich eine wahre Schatzkammer: das Depot der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Im Normalfall nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, bot der Tag der Architektur eine der seltenen Gelegenheiten, hinter die langen Fassaden zu schauen. Depotverwalter Jörg Heide und Wiebke Henning, Projektleiterin bei Staab Architekten, begrüßten die zahlreichen Interessierten, die sie erst einmal um das Gebäude herumlotsten. Denn zu besichtigen war nicht der erste Bauabschnitt an der Friedrich-Engels-Straße, in dem Gemälde und Möbel aufbewahrt werden. Entlang der, durch schlanke Entrauchungsflügel gegliederten Ziegelfassade ging es zum Skulpturendepot, das in derselben Flucht dahinter liegt. Die Weite des angrenzenden Gleisvorfeldes veranlasste die Architekt:innen, mit dem zweiten Baukörper in die Höhe zu springen, was bei dem shedartig gefalteten Dach zu einer markanten Schräge führte.
Die beeindruckt auch innen und lenkte den Blick der Besucher:innen im Obergeschoss zu einer Galerieebene, von der die Heiligen Drei Könige herunterschauen. Der Kontrast der Skulpturen zur samtigen Oberfläche des Sichtbetons fasziniert. Der hohen Verkehrs- und Anpralllasten wegen sind Böden, Wände, Decken und Dächer aus Beton. Dazwischen, in Elbsandstein, Carraramarmor, Messing und Gips, wahre Schätze der Bildhauerkunst. Weil der Grundwasserstand in der Lennéstraße zu hoch lag, wo die Schlösserstiftung mit Staab Architekten bis 2017 das Restaurierungszentrum baute, konnte die Kunst dort nicht wie geplant im Keller deponiert werden. Die Depotgebäude am Bahnhof wiederholen das Konzept der geschlossenen Ziegelwände, zwischen denen sich Elemente aus Metall und Glas spannen. Hier sind die Kunstschätze nicht nur gegen Feuchte und Hitze sicher verwahrt. Oder wie Depotverwalter Heide meinte: „Das beste Altersheim für die Figürchen.“
Das beste Altersheim für die Figürchen
Jörg Heide
Depotverwalter der Stiftung Preußische Schlösser und GärtenAlles nur Fassade?
Skulpturen und Natursteinelemente bestimmen auch den Fassadenschmuck des Hauses Alter Markt 3. Sie wirken alt, sind aber nagelneu. 2024 wurde die Replik des Klinger’schen Hauses in der historischen Mitte Potsdams fertiggestellt, wie Lars Bauer und Matthias Friedrich berichteten. Die beiden Architekten aus dem Büro vangeisten.marfels haben den Bau begleitet und wussten entsprechend viel von seiner Geschichte zu erzählen. Das barocke Original wurde beim Stadtbrand 1795 zerstört, danach klassizistisch wieder aufgebaut, um 1945 komplett vernichtet zu werden. Die Denkmalpflege entschied sich bei dem Leitbau trotz dürftiger Quellen für die Rekonstruktion der barocken Version. Als Bauherr setzte sich im Bewerbungsverfahren die Potsdamer Wohnungsgenossenschaft 1956 eG durch. In einem iterativen Prozess mit Kunsthistorikern, Denkmalschützern und Steinbildhauern wurde das Äußere des Eckhauses bis ins kleinste Detail nachempfunden. Hinter der 3-geschossigen Fassade verbirgt sich nun ein 5-geschossiges Geschäftshaus mit einem Restaurant und den Büros der Museen Barberini und Minsk. Lars Bauer schilderte, wie das Programm mit Genehmigung zahlreicher Abweichungen in das Korsett der vorgegebenen Hülle auf dem vollständig überbauten Grundstück eingepasst wurde. Schade, dass außer dem Treppenhaus keine Räume zu besichtigen waren. Das geplante Highlight, der Rundblick von der Dachterrasse, musste ausfallen, weil die Steuerung des Ausstiegsfensters vor der Hitze kapituliert hatte.
Kühle Gebäude an heißen Tagen
Unbeeindruckt vom Wetter blieben vielerorts die Besucherinnen und Besucher, die sich die neuesten Bauten und Innenräume Brandenburgs ansahen und mit frischen Eindrücken, oft auch mit kalten Getränken belohnt wurden.
In Finsterwalde und Umgebung, wo Habermann-Architekten gleich drei Projekte präsentierten, empfing Clemens Habermann die zahlreichen Interessierten mit einem Vortrag und einer Ausstellung im umgenutzten Bahnhofsgebäude. Danach ging es zum Erweiterungsbau einer Zahnarztpraxis und schließlich aufs Land zur „Halben Scheune Längs“, einem neuen Wohn- und Atelierhaus, das sich typologisch auf die Umgebung bezieht. Hier endete die Exkursion gesellig in einer Art Pop-up-Café.
In den Molkenmarkt-Höfen, einem gemischt genutzten Quartier in Brandenburg an der Havel, sorgte neben der Klimatisierung ein Wasserspiel im Innenhof für angenehme Atmosphäre, die zur Freude von Projektsteuerer Siegfried Schöbel und Architekt Moritz Krekeler auch Kammerpräsident Andreas Rieger kennenlernen wollte. Ihr Gespräch darüber, wie es gelingt, Gebäude auch an heißen Sommertagen angenehm kühl zu halten, wurde aufgezeichnet und findet sich auf der Website der Kammer.
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