Ein Bildungsbau für ein ganzes Land
Der Bonner Plenarsaal von Günter Behnisch ist mehr als ein Stück Parlamentsgeschichte: In seiner Architektur wurde das demokratische Selbstverständnis der Bundesrepublik zum gebauten Programm. Ein Besuch in einem Haus, dessen politische Haltung bis heute bemerkenswert aktuell ist.
Am 1. Juli 1999 leitet der amtierende Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) die letzte Sitzung des Deutschen Bundestags in Bonn. Unter der Überschrift „50 Jahre Demokratie – Dank an Bonn“ erinnert er in seiner Ansprache an den Geist, der die „provisorische Hauptstadt“ durchwehe – und damit das politische Handeln vieler maßgeblich beeinflusse: „Nach der Nazidiktatur hat diese Stadt – so wie sie war – geholfen, das Vertrauen in deutsche Politik im In- und Ausland wiederherzustellen. Sie war bescheiden und ruhig. […] Wir Parlamentarier werden immer wieder Grund haben, an eine gute Zeit in Bonn, an den Ort und die Art des Erwachsenwerdens der deutschen Demokratie zu denken, auch – das sage ich als Berliner – an den im besten Sinne des Wortes gutbürgerlichen Stil ohne Pomp, ohne Protz, ohne falsches Pathos. Wir sollten uns in Berlin an diesen Stil erinnern, falls wir je Anfällen von Wilhelminismus und ähnlichen Gefährdungen unterliegen sollten. Ich glaube es zwar nicht. Aber die Erinnerung an Bonn könnte immer hilfreich sein.“
Als erster Redner nach Thierse tritt Helmut Kohl (CDU) an das Pult, im Oktober des Vorjahrs gerade als Bundeskanzler abgewählt, gefolgt von Gerhard Schröder (SPD). Auch Kohl bezieht sich auf den Genius Loci, von dem er sagt: „Er bildete den idealen Nährboden für eine politische Kultur, die in hohem Maße dazu beigetragen hat, unserem Land Vertrauen, Ansehen und nicht zuletzt Sympathie in der Welt zurückzugewinnen. […] Es ist ein wahrlich kostbares Erbe, das Bonn an Berlin weitergibt […].“
Das kostbare Erbe von Bonn
Es ist dieser Geist, der bis heute in jedem Winkel des Hauses zu spüren ist, in dem die Reden damals gehalten werden. Sieben Jahre lang tagt das deutsche Parlament im Plenarsaal, den der Architekt Günter Behnisch mit einem jungen Team in einem, gelinde gesagt, langwierigen Verfahren entworfen hatte. Den ersten Wettbewerb für Parlamentsbauten in Bonn hatte das Stuttgarter Büro Behnisch & Partner schon 1972 gewonnen, aber erst mit dem Amtsantritt von Helmut Kohl kommt mehr Bewegung in die Idee, die bis dahin stets als behelfsmäßig eingerichtete Bundeshauptstadt am Rhein auch mit Gebäuden zu versehen, die einem Regierungssitz mehr Glanz verleihen. So werden nach 1982 Gelder freigegeben für ein neues Abgeordneten-Bürohaus, eine Kunsthalle und schließlich – als klar ist, dass Sanierung und Umbau des von Hans Schwippert entworfenen Plenarsaals zu teuer würden – für einen neuen Raum für das deutsche Parlament.
Ein Parlament auf Zeit
Am 5. Juni 1987 entschieden, rücken noch im gleichen Jahr die Bagger für den Abriss an, ab 1988 entsteht der „Behnisch-Bau“ direkt am Rhein. Am 30. Oktober 1992 kommen die Parlamentarier:innen zur ersten offiziellen Sitzung in ihrem neuen, feierlich eingeweihten Domizil zusammen. Der Architekturkritiker Manfred Sack schreibt in der „Zeit“ dazu: „Welch ein Jammer, dass die Republik erst jetzt ihre architektonische Ausprägung erfährt und die Abgeordneten so spät mit den Wohltaten einer anspruchsvollen Baukunst vertraut werden, da sie demnächst doch in die richtige Hauptstadt umziehen werden.“ Ein Jammer, denn die Zeit ist am Haus vorbeigezogen: Am 9. November 1989 wird die Berliner Mauer geöffnet, am 18. März 1990 stimmt die überwältigende Mehrheit der Wahlberechtigten in der DDR in der ersten freien Wahl zur Volkskammer für das Wahlbündnis „Allianz für Deutschland“, womit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 nichts mehr im Wege steht und das Parlament am 20. Juni 1991 für einen Umzug von Regierung und Parlament nach Berlin stimmen kann. Dass die Nutzung des „Behnisch-Baus“ endlich ist, ist allen klar, die hier zusammenkommen.
Demokratie als gebaute Haltung
Es ist nicht nur die „anspruchsvolle Baukunst“, die Manfred Sack im Entwurf von Behnisch und seinem Team ausmacht und die bis heute spürbar ist, wenn man das Haus am Rhein betritt. Es ist vor allem die „architektonische Ausprägung“ einer ganzen Republik, die hier ihren Ausdruck findet. Das Haus ist ein Ideal, ein durch Konstruktion und Form explizit Raum gewordener Ausdruck eines implizit antifaschistischen Staatsideals. Vom Großen bis ins Allerkleinste wird hier jegliche Symmetrie vermieden: Treppen, Türen, die Positionierung des Fahnenmastes und der Bundesadler hinter dem Redner:innenpult, selbst die Telefonkabinen für die Hauptstadtkorrespondent:innen. Alles wendet sich in fein detaillierter und minutiös ausgearbeiteter Haltung gegen das Herrische, gegen die Symmetrie, gegen den Gleichschritt.
Begegnung auf Augenhöhe
Regierung und Bundesratsvertreter sitzen den Abgeordneten nicht mehr erhöht gegenüber, wie noch in Schwipperts Vorgänger-Bau, sondern reihen sich in ihren Kreis ein. Die Legitimation der Regierung durch das Parlament findet hier ihren symbolischen Ausdruck. Auch die Blickbeziehungen nach draußen und von der Rheinuferpromenade ins Haus versinnbildlichen diese Begegnung auf Augenhöhe. Politiker:innen, das macht das Haus an sich deutlich, sind nichts Besseres als das Wahlvolk vor den Toren des Parlaments: Die Architektur unterstreicht, dass sie nicht nur die gewählten Vertreter:innen der Bevölkerung sind, sondern nach wie vor und immer weiter ein Teil von ihr. Gleichzeitig sind Besuchertribünen nicht in luftige Höhen abgehoben, sondern nahbar am politischen und damit am diskursiven parlamentarischen Betrieb. Und doch zeigt das Haus, dass es ein „hohes Haus“ ist, das höchste, das eine Demokratie zu bieten hat. Pomp sucht man vergebens, aber alles ist wertig in einem anständigen Sinne.
Die Erinnerung an Bonn
Wie allein die vielschichtigen Fassaden aufgebaut sind oder das Licht durch das Dach in den Plenarsaal fällt, wie der Bau durch verschiedene ungedeckte und überdachte Wege mit dem Bestand in Beziehung gesetzt wird, wie Offenheit allenthalben nicht im Widerspruch steht zu jenen räumlichen Schwellen, die die für Politik so notwendigen intim-respektvollen Begegnungen zwischen den Abgeordneten untereinander oder mit den Pressevertreter:innen erst möglich machen, und wie all das detailliert, materialisiert und gefügt ist, das ist in der Tat ganz große Baukunst. Gleichermaßen klar in seinen Raumfolgen, detailversessen die einzelnen Kompartimente des Parlaments auf mannigfaltige Art und Weise formalästhetisch ausleuchtend, ist dem Team um Günter Behnisch hier der vielleicht wichtigste Bildungsbau der Republik gelungen. Mit Blick auf die aktuellen politischen Geschehnisse, Wahlergebnisse und immer wieder geäußerte Kritik an „denen in Berlin“, „denen da oben“ oder „der Politik in der Hauptstadt“ scheint es ganz im Sinne der Worte von Wolfgang Thierse: Die Erinnerung an Bonn könnte hilfreich sein.
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