Den Bestand neu denken: Wenn Weiterbauen eine Chance ist
Tag der Architektur: Vom Atelierhaus bis zum Kulturzentrum – beim diesjährigen Architekturwochenende zeigen Projekte bundesweit, welches Potenzial im Weiterbauen steckt.
Dass der Gebäudebestand zu den wichtigsten Ressourcen der Bauwende gehört, ist inzwischen weitgehend Konsens. Doch wie lässt sich aus vorhandener Bausubstanz Architektur entwickeln, die heutigen Anforderungen entspricht, ohne ihre Geschichte zu verleugnen? Genau diese Frage beantworten viele Projekte des diesjährigen Tags der Architektur am 27. und 28. Juni.
Weiterbauen bedeutet dabei weit mehr als Sanieren oder Instandsetzen. Oft geht es darum, bestehende Gebäude neu zu interpretieren, ihre räumlichen Qualitäten freizulegen und ihnen eine zeitgemäße Nutzung einzuschreiben. Die Aufgaben reichen von der Umnutzung ehemaliger Wirtschaftsgebäude bis zur Transformation industrieller Anlagen und zeigen, wie vielfältig die Möglichkeiten des Bauens im Bestand inzwischen geworden sind.
Vier Projekte aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands verdeutlichen, wie unterschiedlich die Antworten ausfallen können.
Licht von oben: Umbau Wohnhaus Weißenburgstraße in Münster (Nordrhein-Westfalen)
Wie sich ein Bestandsbau achtsam weiterschreiben lässt, zeigt der Umbau eines 1913 errichteten Reihenendhauses in der Münsteraner Weißenburgstraße. Das Haus gehört zu den wenigen erhaltenen Relikten einer ehemaligen Kasernenanlage und prägt bis heute den Charakter des Quartiers. Statt Alt und Neu gegeneinander auszuspielen, entwickelten Andreas Schüring Architekten einen Anbau, der als organische Fortsetzung des Bestands funktioniert. Aus dem historischen Ziegelkörper wächst ein neues Volumen heraus, das sich im Mansarddach zu einer gläsernen Laterne öffnet.
Ein zentrales Treppenhaus verbindet sämtliche Geschosse und führt Tageslicht bis in den Keller. Eine filigrane Stahltreppe und ein als „Lichtboden“ ausgebildeter Stahlgitterrost im Dachgeschoss lassen das Licht durch das gesamte Gebäude wandern – das vormals eher dunkel und kleinräumig wirkte. Den räumlichen Höhepunkt bildet ein offenes Atelier unter dem Dach mit Blick über die Stadt.
Bemerkenswert ist dabei die Verbindung von räumlicher Qualität und ressourcenschonendem Bauen. Statt auf komplexe Gebäudetechnik setzt das Haus auf Lowtech-Prinzipien: Das offene Treppenhaus erzeugt gemeinsam mit einem Dachfenster einen natürlichen Kamineffekt zur Belüftung, während die massiven Ziegelwände Temperaturschwankungen ausgleichen. Historische Backsteine aus rückgebauten Innenwänden wurden wiederverwendet, die freigelegte Ziegelfassade sorgfältig aufgearbeitet. So entsteht ein Projekt, das den Bestand nicht nur erhält, sondern seine Geschichte und seine Qualitäten gleichermaßen sichtbar macht und in die Zukunft überführt.
Industrie wird Kultur: Die Kulturfabrik Krawatte in Barsinghausen (Niedersachsen)
Manche Umbauten überzeugen gerade dadurch, dass sie unaufgeregt und zurückhaltend vorgehen. Die Kulturfabrik Krawatte in Barsinghausen zeigt exemplarisch, wie sich ein Industriebau Schritt für Schritt und mit minimalen Eingriffen in einen lebendigen Kulturort verwandeln lässt. Die ehemalige Krawattenfabrik Ahlborn wird seit 2017 schrittweise zu einem Kunst- und Kulturzentrum umgebaut – fortlaufend als kontinuierlich ablaufender Transformationsprozess.
Statt die Fabrik grundlegend umzubauen, konzentriert sich das Projekt auf das Notwendige. Die Tragstruktur bleibt erhalten, die Gebäudehülle wird abschnittsweise ertüchtigt, technische Anlagen und Fenster werden dort ergänzt, wo sie gebraucht werden. Leichte Einbauten, offene Installationen und einfache Bodenaufbauten schaffen flexible Räume für Werkstätten, Ateliers, Ausstellungen und Veranstaltungen. Gebrauchsspuren und Relikte aus der Zeit der noch laufenden Produktion bleiben bewusst sichtbar und werden Teil der architektonischen Erzählung.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Architektur, sondern auch der Prozess. Während einzelne Bereiche bereits genutzt werden – etwa durch die Kunstschule NoaNoa –, entwickeln sich andere Gebäudeteile schrittweise weiter. So wächst die Kulturfabrik gemeinsam mit ihren Nutzerinnen und Nutzern. Das Projekt zeigt beispielhaft, dass Weiterbauen mehr sein kann als Ressourcenschonung: Hier wird der Bestand zur Grundlage für kulturelle Teilhabe, gesellschaftliches Engagement und eine neue Form von Stadtentwicklung.
Weiterbauen mit Materialien und Beziehungen: LichtStein in Zerpenschleuse (Brandenburg)
Nicht jedes Weiterbauprojekt erhält den Bestand vollständig. Manchmal entsteht Neues gerade durch die präzise Transformation eines Ortes. Im historischen Ortskern von Zerpenschleuse wurde eine baufällige Hofremise teilweise zurückgebaut und durch das Wohnhaus LichtStein ersetzt. Gemeinsam mit dem bestehenden Bauernhaus und einem Pavillon bildet es nun ein Ensemble um einen neu gewonnenen Hofraum, der als gemeinsames „grünes Wohnzimmer“ für drei Generationen dient.
Die Geschichte des Ortes bleibt dabei sichtbar. Beim Rückbau wurden die historischen Reichsformat-Klinker geborgen und als prägendes Leitmaterial für die Fassade des Neubaus wiederverwendet. Auch Rundbalken und alte Fensterrahmen fanden eine neue Verwendung. So lebt der Bestand nicht nur in der Erinnerung weiter, sondern auch materiell.
Auch in seiner Konzeption vermittelt der LichtStein zwischen Alt und Neu. Ein Einschnitt im Baukörper markiert den Eingang und macht die Grenze zwischen ursprünglicher Bebauung und Erweiterung ablesbar. Zugleich verbinden die wiederverwendeten Klinker die unterschiedlichen Zeitschichten zu einem neuen Ganzen. Im Inneren prägt eine offene, loftartige Struktur die Räume, gegliedert durch einen zentralen Holzkern mit Treppe und Einbaumöbeln. Das Projekt zeigt beispielhaft, dass Weiterbauen nicht allein den Erhalt einzelner Gebäude meint, sondern auch die Fortführung räumlicher Beziehungen, gemeinschaftlicher Nutzungen und materieller Geschichten.
Wohnen und Arbeiten im Bestand: Scheune Caan im Westerwald (Rheinland-Pfalz)
Im Ortskern von Caan im Westerwald zeigt ein weiteres über mehrere Jahre entwickeltes Projekt, wie sich historische Bausubstanz schrittweise an neue Anforderungen anpassen lässt. Ein baufälliges Bruchsteinhaus mit angrenzender Scheune wurde behutsam zu einem Wohn- und Arbeitsensemble transformiert. Statt einer vollständigen Neuordnung setzten heltwerk_architekten auf eine Weiterentwicklung in Etappen.
Den Auftakt bildete der Ersatz eines Anbaus aus den 1950er-Jahren durch einen monolithischen Holzkörper, der Wohnhaus und Scheune miteinander verbindet. Mit seiner vertikalen Lärchenschalung und den großzügigen Verglasungen bildet er heute das neue Zentrum des Ensembles. Rund zehn Jahre später folgte der Ausbau der ehemaligen Scheune. Nach dem Haus-im-Haus-Prinzip wurde innerhalb der historischen Mauern eine eigenständige Holzkonstruktion errichtet, die heute ein Architekturbüro und großzügige Wohnräume mit Galerie aufnimmt.
Die historische Hülle bleibt als Zeuge der Ortsgeschichte präsent, während die neue Konstruktion selbstbewusst als zeitgenössischer Eingriff ablesbar ist. Großzügige Öffnungen verbinden die Innenräume mit Garten und Landschaft und machen den Blick ins Tal zum prägenden Raumerlebnis. Das Projekt zeigt beispielhaft, wie sich Weiterbauen als langfristiger Prozess verstehen lässt: nicht als Bewahrung um ihrer selbst willen, sondern als behutsame Transformation, die vorhandene Qualitäten in die Zukunft überführt.
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