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„Wir leisten Übersetzungsarbeit“

Was schuldet Forschung der Praxis – und was schuldet die Praxis der Forschung? Helga Kühnhenrich über den Transfer, der in beide Richtungen funktionieren muss.

DAB Redaktion
03.07.2026 6min
"Ausschnitt eines modernen Geschäftsgebäudes mit Eckkante. Das Gebäude hat eine grau gemusterte Fassade mit mehreren großen Fensterflächenreihen. Oben auf dem Dach prangt in großen gelben Buchstaben das Schriftzug „LADWEN". Der Himmel im Hintergrund ist bedeckt."
Zukunft Bau Pop-up Campus in Aachen © David Leonard

DAB: Frau Kühnhenrich, was macht Zukunft Bau?

Helga Kühnerich: Zukunft Bau ist das Forschungsprogramm für das Bauwesen auf Bundesebene und versteht sich gleichzeitig als eine große Vernetzungsplattform von Wissenschaft und Praxis. Im Auftrag des Bundesbauministeriums fördern wir seit 20 Jahren vor allem Forschung, die Impulse für die Transformation des Bauwesens voranbringt. Darüber hinaus bereiten wir wissenschaftliche Grundlagen für ganz unterschiedliche Rahmenbedingungen auf, also auch für politische Entscheidungen im Bereich des Bauens. 

Was uns dabei auszeichnet: Wir denken das immer zusammen mit dem Transfer. Also nicht nur Erkenntnisse produzieren, sondern diese auch wirklich in die Baupraxis bringen – über Modellvorhaben, Pilotprojekte, Reallabore und eine systematische Beobachtung dessen, was in der deutschen Bauforschung gerade passiert.

Was hat sich in den letzten Jahren inhaltlich verändert?

Das lässt sich eigentlich an einem zentralen Paradigmenwechsel festmachen: Am Anfang stand vor allem die Energieeffizienz im Vordergrund – also eher eine Hightech-Strategie, sehr in eine Richtung gedacht. Über die Jahre hinweg hat sich das grundlegend weiterentwickelt. Heute reden wir viel über klimagerechtes Bauen, Lowtech, über Suffizienz – also über den Übergang von einem sektoralen zu einem wirklich systemischen Denken. Für mich ist dabei der Lebenszyklusansatz der entscheidende Punkt: dass man von Anfang bis Ende denkt, oder besser noch: in Kreisläufen. 

Und jetzt stehen wir vor den wirklich großen Fragen: Wie können wir innerhalb der planetaren Grenzen bauen? Wie können wir Ressourcenschonung, Gestaltungsqualität und bezahlbaren Wohnraum zusammendenken? Wie machen wir den Bestand zum zentralen Ausgangspunkt – und bauen so wenig neu wie nötig?

Die Bauforschung war lange eine sehr technisch geprägte Domäne. Wie haben Sie das aufgebrochen?

Früher wurde Forschung im Bauwesen vor allem mit dem Bauingenieurwesen und vielen technischen sowie materialwissenschaftlichen Disziplinen in Verbindung gebracht. Inzwischen beteiligen sich jedoch viel mehr Disziplinen daran, darunter auch die Architektur. Uns war es immer ein großes Anliegen, die Bauforschung breiter zu fassen und die in der Praxis beteiligten Akteure wirklich einzubeziehen. Deshalb fördern wir das Forschen in Verbünden, weil sich so der systemische Blick aller Beteiligten von Anfang an in ein Projekt miteinbeziehen lässt.  

Architektur ist dabei eine besonders integrierende Disziplin. Sie bringt die Synthese vieler unterschiedlicher Fachbereiche zusammen, was ohnehin ihre Kernkompetenz ist. Und genau diese Fähigkeit, Komplexität zusammenzuhalten, ist auch beim Forschen sehr hilfreich. 

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"Schwarzweiß-Porträt einer lächelnden Frau mit dunkelbraunem, schulterlangem Haar. Sie trägt ein schwarzes Langarm-Shirt und lehnt vor einer Mauer aus hellen Ziegeln. Der Hintergrund zeigt verschwommen weitere Häuser. Die Person schaut direkt in die Kamera."
Helga Kühnhenrich, Leiterin des Referats Forschung und Innovation im Bauwesen im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) © blende11

Wo genau liegt Zukunft Bau zwischen Grundlagenforschung und Reallabor?

Wir liegen dazwischen und haben Schnittmengen mit beiden. Wir fördern hauptsächlich anwendungsorientierte Grundlagenforschung, also Projekte, die neues Wissen generieren, aber immer mit Blick auf die Baupraxis und deren Einbeziehung. Ein gefördertes Projekt sollte zur Lösung praktischer Probleme beitragen und mittelfristig das Potenzial zur Umsetzung bieten. Investiv fördern, also ein Gebäude an sich finanzieren, können wir in der Regel dabei nicht. 

Unser Ziel ist es, Wissen so zu erweitern, dass man klimagerecht und ressourcenschonend bauen kann. Dieser Erkenntnisgewinn muss dann in einem weiteren Schritt in der Praxis erprobt werden. Genau in diesem Zwischenraum arbeiten wir. Wir leisten Übersetzungsarbeit: Erste Ideen werden weitergedacht und so weit in der Theorie oder im Labor entwickelt, dass sie in einem nächsten Schritt dann in der Realität angewendet und erprobt werden können.

Wissenstransfer ist ein großes Thema bei Ihnen. Was verstehen Sie darunter?

Es geht darum, dass dieser Transfer in beide Richtungen funktioniert. Es ist nicht so, dass Forschung produziert und Praxis empfängt. Es muss wirklich ein Zusammenspiel sein, bei dem alle gleichberechtigt am Tisch sitzen. 

Wir können schlicht nicht mehr so bauen, wie wir das heute leider noch in einem großen Anteil tun. Das verlangt einerseits Inspiration, wie andere Bauweisen aussehen könnten, und andererseits das fundierte Wissen dazu. Beides wollen wir verbreiten. Und deswegen stellen wir uns immer auch die Frage, was die Praxis eigentlich braucht und wo dort die drängendsten Probleme liegen. Denn diese Antworten müssen in die Forschung zurückfließen.

Gibt es ein Projekt, das zeigt, wie Forschungsergebnisse wirklich in der Praxis ankommen?

Neue Maßstäbe für die Baupraxis hat sicherlich der Forschungsverbund Einfach Bauen beziehungsweise Einfach Um-bauen gesetzt. Das Schöne daran ist, dass Forschungsarbeiten mit der direkten Erprobung an Gebäuden in sehr wirkungsvoller Art und Weise verknüpft werden konnten. Es sind nicht nur direkt nutzbare Erkenntnisse entstanden, technisch, baukonstruktiv und architektonisch. Das Gesamtpaket aus Forschung und gebauten Beispielen wirkt auch politisch und hat die Debatten um den Gebäudetyp E weiter vorangebracht. 

Und gleichzeitig ist damit auch eine kulturelle Wirkung verbunden – die Gebäude stehen sinnbildlich für eine Haltung der Einfachheit, der Technikreduktion und Gestaltung von Suffizienz. Damit erreicht Forschung nicht nur die Fachwelt auf einer evidenzbasierten Ebene, sondern kann durch die gebauten Beispiele viele Menschen begeistern und neue Werte – in doppeltem Sinne – vermitteln.  

Förderaufruf 2026

Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen fördert mit Zukunft Bau Forschungsvorhaben, die neue Erkenntnisse für eine nachhaltige Entwicklung des Bauwesens generieren. Im Mittelpunkt der aktuellen Förderrunde stehen zwei Schwerpunkte: prozess-, kosten- und qualitätsoptimiertes Bauen und Sanieren sowie Klimawandel, Klimaanpassung und Ressourcenschonung. Bewerben können sich Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Einzelpersonen – bevorzugt in interdisziplinären Verbünden mit wissenschaftlicher und baulicher Expertise.

Das Verfahren ist zweistufig: Zunächst wird eine Projektskizze eingereicht, die von einem unabhängigen Expertengremium aus Wissenschaft und Baupraxis begutachtet wird. Erst in der zweiten Stufe ist ein förmlicher Förderantrag erforderlich.

Einreichungsfrist: 1. September 2026,

Antragstool und weitere Informationen: www.zukunftbau.de/forschungsfoerderung 

Was steht im aktuellen Förderaufruf, und was wünschen Sie sich von Forschung und Praxis?

Der aktuelle Förderaufruf hat in diesem Jahr zwei klare Förderschwerpunkte.  

  • Der erste ist das prozess-, kosten- und qualitätsoptimierte Bauen und Sanieren. Es geht darum, wie wir planen und bauen, wie wir Komplexität reduzieren und welche Rolle die digitale Transformation dabei spielt. Wo kann KI sinnvoll helfen? Wie sieht die Baustelle der Zukunft aus, auch angesichts des Fachkräftemangels?  
  • Der zweite Schwerpunkt ist Klimaschutz und Ressourcenschonung. Also Kreislaufwirtschaft, Wiederverwendung und andere Alternativen zu CO₂-emissionsreichen Bauverfahren. Und vor allem die Frage, wie wir mit dem Bestand umgehen und wie sich schnelle, minimalinvasive Sanierungsmaßnahmen umsetzen lassen. 

Von der Praxis wünsche ich mir, dass sie noch viel stärker artikuliert, wo sie Forschung braucht. Architekturbüros und alle anderen Beteiligten sollten deutlich machen, wie wichtig wissenschaftliche Erkenntnisse für ihre tägliche Arbeit sind. Gerade die Praxis braucht Orientierung: In welche Werkzeuge lohnt es sich zu investieren, welche Spezialisierungen machen Sinn, wie lässt sich kreislaufgerechtes Bauen stärker umsetzen? Das sind enorme Richtungsentscheidungen, und dafür braucht man einen soliden Unterbau. Genau dafür ist Forschung notwendig. 

Offener Brief

Für eine bessere finanzielle Ausstattung der Bauforschung wenden sich rund 40 Professor:innen in einem offenen Brief an die Bauministerin Verena Hubertz. 
 

"Schwarzweiß-Porträt einer lächelnden Frau mit dunkelbraunem, schulterlangem Haar. Sie trägt ein schwarzes Langarm-Shirt und lehnt vor einer Mauer aus hellen Ziegeln. Der Hintergrund zeigt verschwommen weitere Häuser. Die Person schaut direkt in die Kamera."
Zur Person

Helga Kühnhenrich

Leiterin des Referats Referat Forschung und Innovation im Bauwesen im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Helga Kühnhenrich studierte Architektur in Berlin und Paris. Anschließend arbeitete sie zunächst in der Entwicklungszusammenarbeit sowie in verschiedenen Architekturbüros. Seit 2015 leitet sie das Referat Forschung und Innovation im Bauwesen im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR).

DAB Redaktion

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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