Dritte Orte als Lernorte und Lernorte als Dritte Orte
Ein Buch lesen, Kunst entdecken, gemeinsam experimentieren oder einfach bleiben: Bibliotheken und Museen öffnen sich für unterschiedliche Formen des Aufenthalts. Vier Projekte zeigen, wie sich Räume für konzentriertes Arbeiten und Rückzug mit offenen Treffpunkten verbinden lassen – und wie neben kuratierten Angeboten Platz für eigene Aktivitäten und spontane Begegnungen bleibt.
Ein Lernort braucht mehr als einen Arbeitsplatz. Wer sich mit einem Thema beschäftigt, benötigt mitunter Ruhe, manchmal ein Werkzeug und häufig ein Gegenüber. Zugleich können Gespräche, Ausstellungen oder gemeinsam genutzte Werkstätten Lernprozesse anstoßen, die niemand im Voraus geplant hat. Zwischen gezieltem Wissenserwerb und alltäglicher Begegnung liegt ein Feld, das für die Gestaltung öffentlicher Kultur- und Bildungsbauten zunehmend interessant ist. Hier berühren sich Lernorte und Dritte Orte. Der von Ray Oldenburg ausgearbeitete Begriff bezeichnet Treffpunkte jenseits von Wohnung und Arbeitsplatz, an denen Menschen freiwillig und informell, oft konsumfrei zusammenkommen. Übertragen auf Kultur- und Bildungseinrichtungen entsteht daraus eine anspruchsvolle Aufgabe: Räume sollen einen bestimmten Zweck erfüllen und zugleich Tätigkeiten ermöglichen, die sich nicht vollständig im Raumprogramm festlegen lassen.
Wie diese Verbindung aussehen kann, hängt vom jeweiligen Gebäudekonzept, von der Nutzung und der Finanzierung ab. Eine Bibliothek benötigt andere Rückzugsmöglichkeiten als eine offene Werkstatt. Ein Museum kann seine Vermittlungsarbeit in den Stadtraum tragen; ein Begegnungshaus kann unterschiedliche Generationen und Einrichtungen unter einem Dach zusammenführen. Entscheidend sind aber immer die Übergänge: zwischen Stadt und Haus, zwischen institutionellem Angebot und eigener Initiative, zwischen belebtem Treffpunkt und ruhigem Arbeitsplatz sowie zwischen Anwesenheit und Teilnahme.
Lauenburg/Elbe – Open Library als gemeinsamer Lern- und Begegnungsort
In der Stadtbücherei Lauenburg/Elbe können Besucherinnen und Besucher nicht nur lesen und recherchieren, sondern gemeinsam lernen, spielen, digitale Techniken ausprobieren oder sich auch einfach nur treffen. Laptops und Rechner stehen ebenso bereit wie Geräte zum Digitalisieren von Bildern, für den 3D-Druck oder zum Beschriften und Gravieren. Ein Makerspace erweitert damit das klassische Bibliotheksangebot um praktisches Lernen. „Das Gebäude ist ganztägig zugänglich, barrierefrei und familienfreundlich“, erläutern die Planenden von kbnk Architekten das offene 24/7-Konzept. Das Architekturbüro aus Hamburg baute das ehemalige Hotel Stappenbeck zum Medienzentrum mit Bücherei und Café um und ergänzte das Ensemble um einen Neubau für das Stadtarchiv.
Die Weiterentwicklung des vertrauten Gebäudes war ein zentrales Entwurfsziel: „Dieser identitätsstiftende Bau sollte erhalten bleiben, gleichzeitig aber für die Anforderungen einer modernen Nutzung in die heutige Zeit transformiert werden“, so kbnk. Der ehemalige Tanzsaal übernimmt erneut die Rolle eines gesellschaftlichen Mittelpunkts. Als „generationsübergreifendes Begegnungszentrum für nonformales Lernen und Kommunizieren“ verbindet er Aufenthalt und Wissensvermittlung. „Hier hält man sich gerne auf, trifft Leute und tauscht sich aus“, erläutern die Architektinnen und Architekten. Bücherregale entlang der Außenwände fassen den Raum; der überhöhte mittlere Bereich bleibt für unterschiedliche Aktivitäten frei. Lesen, Spielen, Recherchieren und Veranstaltungen finden hier einen gemeinsamen Ort.
Die akustischen Anforderungen dieser vielfältigen Nutzung waren ein besonderer Planungsaspekt. Daher stehen dem offenen Saal kleinere Rückzugsbereiche gegenüber. Zwei in den ehemaligen Bühnenturm eingehängte Ebenen bieten ruhige Plätze. Versetzte Treppen und schmale Lufträume ermöglichen Blickbeziehungen zwischen den Geschossen; ein Aufzug erschließt die Ebenen barrierefrei. Lesegarten, Café und Besprechungsräume ergänzen das Angebot. Der Makerspace lädt zum Ausprobieren ein, während zwei Lernkabinen konzentriertes Arbeiten ermöglichen.
Auch nach außen verbindet die Architektur die neue Nutzung mit der Geschichte des Hauses. Der Fachwerkbau und der Backsteinsaal wurden erhalten und saniert. Ein neuer Zwischenbau mit geneigtem Dach und einer einheitlichen Bekleidung aus roten Ziegelschindeln ergänzt das Ensemble. Zum neu gestalteten Lütten Markt öffnet sich die Bücherei und wird im Stadtraum als öffentlicher Treffpunkt sichtbar. So erhält das ehemalige Hotel Stappenbeck wieder eine Rolle im Alltag der Stadt: Wo einst Tanzveranstaltungen Menschen zusammenführten, geben heute Lesen, Lernen und Begegnung Anlass, den Ort aufzusuchen. Der Erhalt der vertrauten Architektur und ihre Öffnung für neue Nutzungen machen das Gebäude erneut zu einem gemeinsamen Bezugspunkt in der Oberstadt.
Wolfsburg – ein Dritter Ort zwischen Kunst und Stadtalltag
Am Kunstmuseum Wolfsburg beginnt die Begegnung mit Kunst bereits auf dem Vorplatz. Der Pavillon „Koralle“ von raumlaborberlin gibt Menschen auf dem Hollerplatz einen Ort zum Zusammensitzen und Verweilen. Er ist Bestandteil der im Juli 2026 eröffneten Open Area, die das Museum um Räume für gemeinschaftliche Aktivitäten erweitert. Lesungen, Workshops, Kochaktionen und Diskussionen verbinden hier kulturelle Angebote mit dem gemeinsamen Erleben. Die Kunstvermittlung entwickelt das Programm mit lokalen Initiativen und Vereinen; die Menschen aus Wolfsburg können eigene Ideen einbringen. Die Ausstellungsthemen liefern Anlässe, über gesellschaftliche Fragen zu sprechen. Die Open Area versteht sich als „Experimentierfeld für gesellschaftliche Themen, Teilhabe und ein demokratisches Miteinander“, heißt es auf der Website des Museums.
Ihre Funktion als Dritter Ort liegt zugleich im Aufenthalt ohne vorgegebenes Programm. Die Koralle ist unabhängig von Veranstaltungen dauerhaft öffentlich zugänglich. Der Pavillon verankert die Open Area sichtbar auf dem Platz; Studio und Raum Ato bieten Flächen für kreatives Arbeiten und Austausch im Museum. Die Anbindung an den Japangarten des Museums erweitert das Angebot um einen meditativen Ort. So erhält das Zusammenkommen eine eigene räumliche Adresse zwischen Museum und Stadt. Der Weg zur Kunstvermittlung kann mit einer alltäglichen Begegnung beginnen, während andererseits das Museum auch als Ort gemeinschaftlicher Aktivitäten erfahrbar wird.
Bielefeld – Begegnungsort für Wissenschaft
In der Wissenswerkstadt Bielefeld begegnet Wissenschaft den Menschen mitten in der Innenstadt. Besucherinnen und Besucher können Experimente ausprobieren, studentische Arbeiten entdecken, gemeinsam werkeln oder sich einfach treffen. Die 2024 eröffnete Einrichtung ist ein öffentliches Haus für den Austausch zwischen Wissenschaft und Stadtgesellschaft. Bielefeld Marketing betreibt es im Auftrag der Stadt; Universität und Hochschule Bielefeld gestalten als Partner Teile des Angebots.
Hauer+Partner Architekten aus Gütersloh revitalisierten dafür einen denkmalgeschützten ehemaligen Sparkassenbau, der später die Stadtbibliothek beherbergte. Zwei straßenbegleitende Riegel sind durch eine zweigeschossige Halle verbunden. Für größere Veranstaltungen lässt sich das Gebäude nach zwei Seiten öffnen. Ein markantes Oberlicht bildet den Mittelpunkt der Halle. Die einstige Lichtdecke wurde beim Umbau aus energetischen Gründen geschlossen. Das Licht kommt heute von LEDs, die verschiedene Tageslichtstimmungen ermöglichen. „Die Durchlässigkeit in Verbindung mit der hohen Tageslichtqualität“ lade zum Betreten und Verweilen ein, so die Architektinnen und Architekten. Die großzügigen Flächen erlauben unterschiedliche Nutzungen, während Naturwerksteinfassaden und die ehemalige Kassenhalle den Charakter der Nachkriegsmoderne bewahren.
Artikel der Universität Bielefeld zur Wissenswerkstadt Bielefeld
Artikel der Universität Bielefeld zur Wissenswerkstadt Bielefeld
Vorstellung des Projekts auf der Website der Uni Bielefeld.
Das „Oval“ ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen. Mobile Präsentationsstände und kleine Mitmachangebote geben Anlässe zum Entdecken. An einem langen Tisch lässt sich pausieren, arbeiten oder eine kreative Aufgabe entwickeln. Der gemeinsame Mittelpunkt verbindet beiläufige Begegnung mit gezielter Beschäftigung; für größere Veranstaltungen kann er freigeräumt werden. Das Interieur wurde von der Bremer GfG Gruppe für Gestaltung entwickelt. Es ist auf veränderliche Nutzungen ausgerichtet, alle Elemente können verschoben und umfunktioniert werden. Die mobile Ausstattung unterstützt den Wechsel zwischen Ausstellung, Aufenthalt und Veranstaltung.
Das frühere Bank- und Bibliotheksgebäude erhielt eine neue öffentliche Aufgabe: Es bringt nun Wissen aus den Hochschulen in den Stadtalltag und bietet zwang- und konsumlosen Raum, sich gemeinsam damit auseinanderzusetzen. Das erfolgreiche Konzept wurde letztes Jahr mit dem polis Award in der Kategorie „Soziale Quartiersentwicklung“ ausgezeichnet.
Raum für Austausch und eigene Aktivitäten
Einen festen Platz hat der konsumfreie Aufenthalt auch im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Der sogenannte Freiraum steht schon seit 2020 Museumsgästen, Mitarbeitenden und Menschen aus der Nachbarschaft zum Lesen, für Gespräche und gemeinsame Projekte offen – völlig unabhängig von einem Ausstellungsbesuch. Workshops, Lesungen, Talks und Filmvorführungen ergänzen die alltägliche Nutzung. Das kuratorische Team entwickelt sie mit Gruppen und Initiativen aus der Stadt und bringt dabei Themen des Museums mit deren Perspektiven und Erfahrungen zusammen. Die beweglichen Möbel des Design- und Architekturkollektivs ConstructLab unterstützen diese unterschiedlichen Aktivitäten. Eine Sitztribüne kann als Gesprächs- oder Rückzugsort dienen und zusammen mit einem weiteren Modul ein kleines Kino bilden. Rückseiten bieten Präsentations- und Projektionsflächen, große Tische ermöglichen gemeinsame Arbeit. So lässt sich der Raum für eine Veranstaltung neu ordnen und ebenso für den individuellen Aufenthalt nutzen.
Wie viel Programm braucht ein Ort, und wie viel Raum bleibt zur freien Verfügung? Kuratierte Angebote geben Anlässe, sich mit Kunst, Wissenschaft oder neuen Techniken zu beschäftigen. Zugleich braucht ein Dritter Ort Bereiche, die auch ohne Teilnahme nutzbar bleiben. Für die Planung heißt das, beide Nutzungen aufeinander zu beziehen, ohne dass eine Veranstaltung den gesamten Treffpunkt beansprucht oder jede Fläche dauerhaft einem Zweck zugewiesen ist. Gemeinsam nutzbare Bereiche, Rückzugsmöglichkeiten und veränderbare Ausstattung helfen, diese Balance zu halten. Im Betrieb muss sie immer wieder ausgehandelt werden. So können Bildungsangebote und alltäglicher Aufenthalt einander ergänzen: Lernen wird möglich, ohne zur Voraussetzung für das Bleiben zu werden.
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