Deutscher Innenarchitektur-Preis 2026 kürt ungewöhnliche Lernorte
Schalelemente als Baumaterial, ein ehemaliges Kaufhaus als Bibliothek: Vier Projekte zeigen, wie viel Potenzial wirklich im Bestand für neue Lernorte steckt.
Kann man die perfekte Bildungseinrichtung auf dem Reißbrett planen?
Wo früher einfach „nur“ gelernt wurde, sollen sich heute Bildungseinrichtungen an die Bedürfnisse der Lernenden anpassen. Anhand aktueller pädagogischer Konzepte könnten so soziale Lebensräume entstehen, die gesellschaftlichen Wandel, ökologische Veränderungen und Wissensvermittlung unter einem Dach vereinen. Neue Erkenntnisse, neu entworfen, neu gebaut? Entsteht so die bestmögliche Bildungseinrichtung? Oder könnten diese auch in bereits bestehenden Gebäuden und Materialien schlummern?
Durch Umgestaltung, Sanierung oder Recycling können aus Bestandsgebäuden neue Orte für Bildung entstehen. Vier nominierte Projekte zeigen, wie das gelingen kann.
Über den Deutschen Innenarchitektur-Preis
Über den Deutschen Innenarchitektur-Preis
Der Deutsche Innenarchitektur-Preis des Bundes Deutscher Innenarchitektinnen und Innenarchitekten (bdia) gilt als wichtigste Auszeichnung für Innenarchitektur in Deutschland. Aus knapp 250 Einreichungen hat die unabhängige Jury insgesamt 35 Projekte nominiert. Sie zeigen, wie Innenarchitektur in den Bereichen Arbeiten, Wohnen, Bildung, Gesundheit, Kultur und öffentlicher Raum auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen reagiert.
Weitere Informationen zu den nominierten Projekten des Deutschen Innenarchitektur-Preises 2026 gibt es unter deutscher-innenarchitektur-preis.de.
Damals Shopping, heute lesen
Im Herzen von Gummersbach wurde in einer ehemaligen Karstadt-Filiale eine Stadtbibliothek eröffnet. Wo früher Ladenfläche war, ist heute Platz für Begegnung, Neugier und Bildung. Die Hauptachse der Bibliothek verbindet den Eingang mit der zentralen Theke und dem gelb akzentuierten Lesecafé. Die mehrstufige Kinderbühne bildet am Ende der Achse einen räumlichen Schwerpunkt.
Die einzelnen Abteilungen werden jeweils durch Deckenfarben markiert und durch mäandrierende Teppiche miteinander verbunden. Durch die klaren Linien der Regalblöcke, Einbauten und die Farbführung wird die Fläche strukturiert, ohne ihre Offenheit zu verlieren. Dabei diente das Stützenraster als Grundlage für die Unterteilung beziehungsweise Zonierung der Bibliothekslandschaft.
Neben Lesen und Lernen ist hier in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule ein Ort für Kurse und Veranstaltungen entstanden – ein neuer „Dritter Ort“ für Groß und Klein.
Ort: Gummersbach
Bauherr: EGG Entwicklungsgesellschaft Gummersbach
Innenarchitektur: Martin Klein-Wiele, Elena Janzen, Kristina Brüns / UKW Innenarchitekten
Fertigstellung: Oktober 2025
Von der Schalungstafel zum Jugendtreff
Aus vermeintlichem Abfall einen Jugendtreff bauen – das Forschungsprojekt „Stuttgart 210 – weiterdenken, weiterbauen!“ macht es möglich.
Die Schalungen der Lichtaugen des neuen Stuttgarter Hauptbahnhofs sollten thermisch verwertet werden, stattdessen wurden sie für einen Jugendtreff recycelt.
Die elliptische Gebäudehülle besteht komplett aus naturbelassenem, reversibel verschraubtem Vollholz und steht auf Stahlbetonsockeln. Durch die Wiederverwendung der aufwendig gefrästen, dreidimensional geschwungenen Schalungen entsteht eine außergewöhnliche Architektur, die durch massives Holz im Innenraum ergänzt wird.
Für dieses Projekt wurde der gemeinschaftliche Aspekt bereits während der Planung berücksichtigt. Hierfür kamen 43 internationale Studierende des Masterstudiengangs Innenarchitektur der HFT Stuttgart zu einem zweiwöchigen Workshop zusammen. Umgesetzt wurde das Projekt mit dem ehrenamtlichen Engagement von Handwerksbetrieben und mit Unterstützung der Gemeinde Ingersheim.
Ort: Ingersheim
Bauherr: Gemeinde Ingersheim / Bürgermeisterin Simone Lehnert
Innenarchitektur: Prof. Andreas Kretzer (HFT) und Prof. Stefan Krötsch (HTWG) / ARGE Andreas Kretzer, Stefan Krötsch, Roman Kreuzer, Katharina Raabe, Maximilian Stemmler / HFT Stuttgart und HTWG Konstanz
Fertigstellung: Oktober 2024
Früher Speisekasino, heute Kita
In einem Speisekasino aus den 1930er-Jahren ist ein Ort zum Spielen, Entdecken und Zurückziehen entstanden. Für den Umbau zur Kita wurde der Mittelteil des denkmalgeschützten Gebäudes abgerissen und durch einen schlichten Neubau ersetzt. Ein dunkelgrüner Linoleumboden leitet durch den gesamten Bereich und setzt einen Kontrast zum ansonsten hellen, sanften Farbkonzept.
Ein zentrales Element der Kita Haveluferquartier bildet die Küche, in der die Kinder beim Kochen mithelfen können. Durch verschieden große Durchbrüche im historischen Bestand entstanden Klettermöglichkeiten, Innenfenster und kleine Rückzugsorte. Die Flure verbinden nicht nur die Gruppenräume miteinander, sondern sind auch als Spielflure konzipiert, um den Bewegungsraum der Kinder zu erweitern.
Ort: Berlin
Bauherr: PATRIZIA Deutschland GmbH; FRÖBEL Bildung und Erziehung gGmbH; KAURI CAB Development Berlin GmbH
Innenarchitektur: Nathalie Dziobek-Bepler / baukind
Fertigstellung: März 2024
Ankommen und Fördern im ehemaligen Büro
In Stuttgart-Weilimdorf wurden ehemalige Büroräume zu einem Bildungsort für geflüchtete Jugendliche umgestaltet. Der Eigentümer stellt für fünf Jahre das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss zur Verfügung und übernimmt als Bauherr den Umbau und die Planung. Die Bereiche der „Lernwerkstatt – Fit für die Zukunft“ bieten auf rund 1.200 qm Platz für 80 Schüler:innen und werden der Stadt Stuttgart mietfrei überlassen.
Kernidee der Umgestaltung ist die Vorstellung eines „dritten Raums“: ein sicherer Ort, der geflüchtete Jugendliche mit kaum oder keiner Schulerfahrung willkommen heißt, ankommen lässt und fördert.
Es wurde konsequent auf nachhaltige Lösungen wie Bauen im Bestand, Abbruch nur dort, wo nötig, Re-Use und „Urban Mining“ geachtet. Neue Materialien wurden nur gezielt eingesetzt, beispielsweise europäisches Birkensperrholz oder ein biobasierter Vinylboden. Die Umgestaltung soll ökologisch und gestalterisch die Bildung und Integration fördern und gleichzeitig einen „dritten Raum“ schaffen.
Flexible Nutzungsmöglichkeiten bietet der Raum „Mitte“ mit Bewegungsmöbeln, Sitzlandschaft und akustischem Vorhang. Flure werden zu Aufenthaltszonen, Differenzierungsräume bieten multisensorische Rückzugsorte und der EDV-Raum digitale Angebote. Die Farbpalette ist an die sanften Farben des Regenbogens angelehnt – ein Symbol der Hoffnung.
Ort: Stuttgart
Bauherr: Vector Informatik GmbH; in Zusammenarbeit mit der Stadt Stuttgart (Referat Jugend & Bildung – Bildungspartnerschaften)
Innenarchitektur: Isabell Ehring, freie Innenarchitektin
Fertigstellung: September 2024
Das könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven DAB Update!