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Bauen für Kinder: Spielräume in der Vertikalen

Ob in München oder im vorarlbergischen Sulz: Zwei Kinderhäuser zeigen, wie auf kleiner Grundfläche vielfältige Spiel- und Bewegungsräume entstehen – und die vertikale Erschließung selbst zum Abenteuer wird.

Dr. Sandra Hofmeister
29.10.2026 4min
Kubisches, modernes Gebäude mit rostbrauner Fassade und abgerundeten Ecken in urbaner Umgebung bei blauem Himmel mit Wolken
Kinderoase an der Technischen Universität München
Astrid Deckert

Mitten in Münchens Maxvorstadt stapelt die Kinderoase von Kéré Architecture Spiel- und Bewegungsräume für 60 Kinder auf fünf Ebenen. Der Holzbau zeigt, wie sich Kindergärten auf kleinen Grundstücken in die Höhe entwickeln lassen. Ein vergleichbares Konzept wurde im vorarlbergischen Sulz realisiert – allerdings unter anderen städtebaulichen Bedingungen.

Die Blockrandbebauung in der Gabelsberger Straße stammt überwiegend aus der Nachkriegszeit – verputzte Fassaden, gleichmäßige Fensteröffnungen. Seit Kurzem sticht inmitten dieser Nachbarschaft in Münchens Maxvorstadt ein ungewöhnlicher Baukörper heraus: die Kinderoase an der Technischen Universität München (TUM). Der frei stehende Holzbau ist in ein gefaltetes Kleid aus Cortenstahl-Lamellen gehüllt.  

Holzbau im urbanen Zentrum

Die Kinderoase ist Francis Kérés erstes dauerhaft realisiertes Projekt in Europa. Der Pritzker-Preisträger aus Burkina Faso unterrichtet seit 2017 an der TUM. Für ihren innerstädtischen Campus hat sein Berliner Büro auf einer ehemaligen Parkplatzfläche ein Gebäude konzipiert, das die Funktionen eines Kindergartens auf einer Grundfläche von nur 15 × 17 m übereinanderschichtet. Der konstruktive Holzbau kommt weitgehend ohne Zement aus – abgesehen vom frei stehenden Fluchttreppenhaus im Süden und den Fundamenten. Für die Ausführungsplanung und den Holzbau war mit Hermann Kaufmann ein Experte im Planungsteam, der über viele Jahre den Holzbau-Lehrstuhl der TUM geleitet hat. 

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Nutzungskonzept
Kéré Architecture

Das Gebäude ist aus regionaler Fichte aus dem Alpenraum konstruiert – auch der Aufzugskern und der Treppenraum sind aus Holz. Die zentrale Wendeltreppe in der Gebäudemitte verbindet alle Geschosse und strahlt in Gelb. Ein Dachfenster bringt Tageslicht in den Treppenzylinder, der sich bis zur Dachterrasse erstreckt.
Um den sonnigen Mittelpunkt des Hauses sind auf den mittleren Etagen die Gruppenräume organisiert. 

Die Kinderoase wird vom Studierendenwerk München Oberbayern betrieben und bietet Betreuungsplätze für insgesamt 60 Kinder von TUM-Mitarbeitenden. Empfang und Verwaltung befinden sich im Erdgeschoss, ein Kinderbistro und ein Sportraum ergänzen das Raumprogramm. Die große Dachterrasse mit Blick über die Dächer Münchens – sie heißt „Himmelswiese“ – wird zum Spielen im Freien genutzt und ist durch ihr auskragendes Dach in Teilen vor Regen geschützt.

Luftaufnahme eines Stadtviertels mit mehreren Gebäuden, einem großen Park und einer weitläufigen Stadtlandschaft im Hintergrund
Kinderoase an der Technischen Universität München
Iwan Baan
Modernes, mehrstöckiges Gebäude mit großflächigen Glasfronten und beleuchteter Fassade zwischen zwei älteren Gebäuden an einer Straße mit parkenden Autos
Kinderoase an der Technischen Universität München
Iwan Baan
Blick nach oben in eine runde, gelb beleuchtete Kletterstruktur mit Netz und ausgeschnittenen Formen von Mond, Stern und Wolke, in der Kinder klettern
Kinderoase an der Technischen Universität München
Iwan Baan
Kinder spielen und sitzen in einem hellen Raum mit blauen Wänden und großen Fenstern
Kinderoase an der Technischen Universität München
Iwan Baan
Kind krabbelt durch eine lange, röhrenförmige Rutsche aus Holzlamellen
Kinderoase an der Technischen Universität München
Iwan Baan
Schwarz-weiße Linienzeichnung eines Grundrisses mit drei Gebäudeteilen, einem zentralen runden Treppenhaus und angrenzenden rechteckigen Räumen
Grundriss Erdgeschoss
Kéré Architecture
Schwarz-weiße Linienzeichnung eines Grundrisses mit zentraler runder Treppe und mehreren rechteckigen Räumen
Grundriss 3. Obergeschoss
Kéré Architecture
Schwarz-weiße Schnittzeichnung eines mehrstöckigen Gebäudes mit Treppenhaus und Aufzugsschacht
Schnitt
Kéré Architecture

Abenteuer Architektur

Die Organisation des Raumprogramms auf der überschaubaren Grundfläche hat es in sich: Die Kinder werden zum Laufen, Klettern und Erkunden motiviert. Sie erleben die Architektur des Hauses als etagenübergreifenden Abenteuerspielplatz. Dazu trägt nicht nur die Wendeltreppe als zentrales Herzstück bei. Zur verkehrsreichen Gabelsberger Straße ist den Gruppenräumen jeweils eine Zone mit einer Tunnelrutsche aus Holz vorgelagert, die von einem Stockwerk in das nächste führt. Die Kinder rutschen von Etage zu Etage und kommen über die Treppe wieder zurück in ihre Gruppenräume.

Francis Kéré hat mit seiner Architektur ein pädagogisches Konzept umgesetzt, das mehr Bewegung im Alltag fördert. Die vertikale Organisation ist damit nicht nur eine Antwort auf die begrenzte Grundstücksfläche, sondern wird selbst zum Bestandteil des Raumkonzepts: Erschließungsflächen dienen zugleich als Spiel- und Bewegungsräume.

Projektdaten

Kinderoase an der TUM, München

Ort: München 
Bauherrin / Stifterin: Ingeborg Pohl
Betreiber: Studierendenwerk München
Architektur: Kéré Architecture, Diébédo Francis Kéré
Partner Holzbau & Ausführungsplanung: HK Architekten – Hermann Kaufmann + Partner  
Bauingenieurwesen, Brandschutz, Bauphysik: Stefan Winter (TUM) / bauart Konstruktions GmbH
Energieeffizienz: Thomas Auer, TUM
Gebäudetechnik: ITG-Ingenieursgesellschaft für TGA
Landschaftsplanung: Jühling & Köppel Landschaftsarchitekten
Projektmanagement und Bauleitung: GAPP
BGF: 420 qm
Fertigstellung: 2026

Modernes, kubisches Gebäude mit vielen quadratischen Fenstern neben einer Kirche mit Turm auf einem Hügel
Kinderhaus in Sulz, Vorarlberg.
Adolf Bereuter
Modernes zweistöckiges Gebäude mit grauer Steinfassade neben einem traditionellen weißen Haus mit rotem Dach auf einer grünen Wiese
Kinderhaus in Sulz, Vorarlberg.
Adolf Bereuter
Kubischer, mehrstöckiger Bau mit unregelmäßig angeordneten quadratischen Fenstern in einer hellgrauen Fassade vor bewaldeter Hügellandschaft
Kinderhaus in Sulz, Vorarlberg.
Adolf Bereuter

Hoch hinaus in Vorarlberg

Dass sich diese Typologie nicht auf Großstädte beschränkt, zeigt das Kinderhaus Sulz in Vorarlberg. Der Baukörper nach dem Entwurf der Architekten Jochen Specht und Christian Mörschel wurde schon im Dezember 2019 fertiggestellt und fasst auf einer Grundfläche von 20 × 20 m Betreuungsräume für sechs Gruppen mit Kindern vom Krippen- bis ins Kindergartenalter. Die kleine Gemeinde mit 2.600 Einwohnern bestand darauf, das Kinderhaus in der Ortsmitte gleich neben der Kirche anzusiedeln. In direkter Nachbarschaft zur Volksschule und zum bestehenden Kindergarten entstand ein öffentlicher, autofreier Freiraum, der die Bildungseinrichtungen miteinander verbindet und auch der Dorfgemeinschaft zur Verfügung steht.

Schwarz-weiße Linienzeichnung eines Lageplans mit verschiedenen Gebäuden als schwarze Flächen auf weißem Grund
Lageplan
Christian Mörschel & Jochen Specht
Schwarz-weiße Grundrisszeichnung eines rechteckigen Gebäudes mit mehreren Räumen und angrenzendem grauem Bereich
Grundriss Ebene 0
Christian Mörschel & Jochen Specht
Schwarz-weiße Grundrisszeichnung eines Gebäudes mit mehreren Räumen und angrenzendem Gelände
Grundriss Ebene 1
Christian Mörschel & Jochen Specht
Schwarz-weiße Grundrisszeichnung eines Gebäudes mit mehreren Räumen und Fluren
Grundriss Ebene 2
Christian Mörschel & Jochen Specht
Schwarz-weiße Grundrisszeichnung eines Gebäudes mit mehreren Räumen und Fluren
Grundriss Ebene 3
Christian Mörschel & Jochen Specht
Schwarz-weiße Schnittzeichnung eines dreigeschossigen Gebäudes mit Treppen und einem Baum links
Schnitt
Christian Mörschel & Jochen Specht

Der viergeschossige Baukörper ist in den nördlichen Hang geschoben. Während die beiden oberen, rundherum belichteten Geschosse die Betreuungsräume aufnehmen, sind in den unteren Ebenen die gemeinschaftlich genutzten Räume untergebracht. Der Bewegungsraum dient zugleich als Mehrzwecksaal für die Gemeinde, der Speisesaal versorgt auch die Kinder der benachbarten Bildungseinrichtungen. Die Räume sind um eine Treppe in der Gebäudemitte organisiert, die den Eingang unterhalb des Hanges mit dem Zugang auf der oberen Ebene verbindet. Sie öffnet sich über zwei Geschosse wie ein Wasserfall mit angegliederter Rutsche. Auch hier werden die Erschließungszonen als Spiel- und Bewegungsräume genutzt. Die Rutsche wird von Eltern und Kindern gleichermaßen genutzt und ist zum Treffpunkt des Hauses geworden. 

Heller Flur mit Holzdecke und -boden, links Treppe mit Rutsche hinter Glaswand, rechts offene Türen, auf dem Boden ein kleines Holzfahrzeug
Kinderhaus in Sulz, Vorarlberg.
Adolf Bereuter
Heller Flur mit Holzdecke und -boden, links Fenster mit zwei Kindern, rechts Treppe mit hängenden Glühbirnen an dunkler Wand
Kinderhaus in Sulz, Vorarlberg.
Adolf Bereuter
Heller Raum mit Holzverkleidung an der Wand, mehreren quadratischen Fenstern und einem Kind auf einem Laufrad
Kinderhaus in Sulz, Vorarlberg.
Adolf Bereuter

Auch in Sulz wird der Maßstab des Kindes zur architektonischen Leitidee. Die Fensteröffnungen sind auf die Proportionen der Kinder abgestimmt, tiefe Laibungen dienen als Sitznischen. Im Inneren schaffen Durchblicke und Fensternischen unterschiedliche Raumsituationen und Rückzugsmöglichkeiten. Mehrgeschossige Kinderhäuser sind bislang selten. Bei seiner Recherche fand Jochen Specht vor allem in Japan Vorbilder mit vier Geschossen. In Sulz wurde aus der begrenzten Grundstücksfläche und der Entscheidung für einen Standort in der Dorfmitte ein Raumkonzept entwickelt, das die unterschiedlichen Ebenen miteinander verbindet und die Erschließung zugleich als Spiel- und Bewegungsraum nutzt. 

Projektdaten

Kinderhaus in Sulz

Ort: Sulz in Vorarlberg
Bauherr: Gemeinde Sulz
Architektur: Christian Mörschel & Jochen Specht, Dornbirn
ARGE JUNIWIND Architektur, Christian Mörschel und Architekt Jochen Specht
Ausschreibung und Bauleitung: Querformat, Dornbirn
Statik: SSD, Röthis
Bauphysik: Spektrum, Dornbirn  
BGF: 1.700 qm
Fertigstellung: 2019

Dr. Sandra Hofmeister

Dr. Sandra Hofmeister beschäftigt sich seit ihrem Studium mit der Vermittlung von Architektur und Design in der Öffentlichkeit und an Hochschulen. Sie ist Autorin und Dozentin, Moderatorin und Beraterin, Key Speaker und Herausgeberin. Kürzlich gründete sie die Onlineplattform castellobooks.com für Architektur- und Designbücher. 

 

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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