Bauen für Kinder: Spielräume in der Vertikalen
Ob in München oder im vorarlbergischen Sulz: Zwei Kinderhäuser zeigen, wie auf kleiner Grundfläche vielfältige Spiel- und Bewegungsräume entstehen – und die vertikale Erschließung selbst zum Abenteuer wird.
Mitten in Münchens Maxvorstadt stapelt die Kinderoase von Kéré Architecture Spiel- und Bewegungsräume für 60 Kinder auf fünf Ebenen. Der Holzbau zeigt, wie sich Kindergärten auf kleinen Grundstücken in die Höhe entwickeln lassen. Ein vergleichbares Konzept wurde im vorarlbergischen Sulz realisiert – allerdings unter anderen städtebaulichen Bedingungen.
Die Blockrandbebauung in der Gabelsberger Straße stammt überwiegend aus der Nachkriegszeit – verputzte Fassaden, gleichmäßige Fensteröffnungen. Seit Kurzem sticht inmitten dieser Nachbarschaft in Münchens Maxvorstadt ein ungewöhnlicher Baukörper heraus: die Kinderoase an der Technischen Universität München (TUM). Der frei stehende Holzbau ist in ein gefaltetes Kleid aus Cortenstahl-Lamellen gehüllt.
Holzbau im urbanen Zentrum
Die Kinderoase ist Francis Kérés erstes dauerhaft realisiertes Projekt in Europa. Der Pritzker-Preisträger aus Burkina Faso unterrichtet seit 2017 an der TUM. Für ihren innerstädtischen Campus hat sein Berliner Büro auf einer ehemaligen Parkplatzfläche ein Gebäude konzipiert, das die Funktionen eines Kindergartens auf einer Grundfläche von nur 15 × 17 m übereinanderschichtet. Der konstruktive Holzbau kommt weitgehend ohne Zement aus – abgesehen vom frei stehenden Fluchttreppenhaus im Süden und den Fundamenten. Für die Ausführungsplanung und den Holzbau war mit Hermann Kaufmann ein Experte im Planungsteam, der über viele Jahre den Holzbau-Lehrstuhl der TUM geleitet hat.
Das Gebäude ist aus regionaler Fichte aus dem Alpenraum konstruiert – auch der Aufzugskern und der Treppenraum sind aus Holz. Die zentrale Wendeltreppe in der Gebäudemitte verbindet alle Geschosse und strahlt in Gelb. Ein Dachfenster bringt Tageslicht in den Treppenzylinder, der sich bis zur Dachterrasse erstreckt.
Um den sonnigen Mittelpunkt des Hauses sind auf den mittleren Etagen die Gruppenräume organisiert.
Die Kinderoase wird vom Studierendenwerk München Oberbayern betrieben und bietet Betreuungsplätze für insgesamt 60 Kinder von TUM-Mitarbeitenden. Empfang und Verwaltung befinden sich im Erdgeschoss, ein Kinderbistro und ein Sportraum ergänzen das Raumprogramm. Die große Dachterrasse mit Blick über die Dächer Münchens – sie heißt „Himmelswiese“ – wird zum Spielen im Freien genutzt und ist durch ihr auskragendes Dach in Teilen vor Regen geschützt.
Abenteuer Architektur
Die Organisation des Raumprogramms auf der überschaubaren Grundfläche hat es in sich: Die Kinder werden zum Laufen, Klettern und Erkunden motiviert. Sie erleben die Architektur des Hauses als etagenübergreifenden Abenteuerspielplatz. Dazu trägt nicht nur die Wendeltreppe als zentrales Herzstück bei. Zur verkehrsreichen Gabelsberger Straße ist den Gruppenräumen jeweils eine Zone mit einer Tunnelrutsche aus Holz vorgelagert, die von einem Stockwerk in das nächste führt. Die Kinder rutschen von Etage zu Etage und kommen über die Treppe wieder zurück in ihre Gruppenräume.
Francis Kéré hat mit seiner Architektur ein pädagogisches Konzept umgesetzt, das mehr Bewegung im Alltag fördert. Die vertikale Organisation ist damit nicht nur eine Antwort auf die begrenzte Grundstücksfläche, sondern wird selbst zum Bestandteil des Raumkonzepts: Erschließungsflächen dienen zugleich als Spiel- und Bewegungsräume.
Projektdaten
Kinderoase an der TUM, München
Projektdaten
Kinderoase an der TUM, München
Ort: München
Bauherrin / Stifterin: Ingeborg Pohl
Betreiber: Studierendenwerk München
Architektur: Kéré Architecture, Diébédo Francis Kéré
Partner Holzbau & Ausführungsplanung: HK Architekten – Hermann Kaufmann + Partner
Bauingenieurwesen, Brandschutz, Bauphysik: Stefan Winter (TUM) / bauart Konstruktions GmbH
Energieeffizienz: Thomas Auer, TUM
Gebäudetechnik: ITG-Ingenieursgesellschaft für TGA
Landschaftsplanung: Jühling & Köppel Landschaftsarchitekten
Projektmanagement und Bauleitung: GAPP
BGF: 420 qm
Fertigstellung: 2026
Hoch hinaus in Vorarlberg
Dass sich diese Typologie nicht auf Großstädte beschränkt, zeigt das Kinderhaus Sulz in Vorarlberg. Der Baukörper nach dem Entwurf der Architekten Jochen Specht und Christian Mörschel wurde schon im Dezember 2019 fertiggestellt und fasst auf einer Grundfläche von 20 × 20 m Betreuungsräume für sechs Gruppen mit Kindern vom Krippen- bis ins Kindergartenalter. Die kleine Gemeinde mit 2.600 Einwohnern bestand darauf, das Kinderhaus in der Ortsmitte gleich neben der Kirche anzusiedeln. In direkter Nachbarschaft zur Volksschule und zum bestehenden Kindergarten entstand ein öffentlicher, autofreier Freiraum, der die Bildungseinrichtungen miteinander verbindet und auch der Dorfgemeinschaft zur Verfügung steht.
Der viergeschossige Baukörper ist in den nördlichen Hang geschoben. Während die beiden oberen, rundherum belichteten Geschosse die Betreuungsräume aufnehmen, sind in den unteren Ebenen die gemeinschaftlich genutzten Räume untergebracht. Der Bewegungsraum dient zugleich als Mehrzwecksaal für die Gemeinde, der Speisesaal versorgt auch die Kinder der benachbarten Bildungseinrichtungen. Die Räume sind um eine Treppe in der Gebäudemitte organisiert, die den Eingang unterhalb des Hanges mit dem Zugang auf der oberen Ebene verbindet. Sie öffnet sich über zwei Geschosse wie ein Wasserfall mit angegliederter Rutsche. Auch hier werden die Erschließungszonen als Spiel- und Bewegungsräume genutzt. Die Rutsche wird von Eltern und Kindern gleichermaßen genutzt und ist zum Treffpunkt des Hauses geworden.
Auch in Sulz wird der Maßstab des Kindes zur architektonischen Leitidee. Die Fensteröffnungen sind auf die Proportionen der Kinder abgestimmt, tiefe Laibungen dienen als Sitznischen. Im Inneren schaffen Durchblicke und Fensternischen unterschiedliche Raumsituationen und Rückzugsmöglichkeiten. Mehrgeschossige Kinderhäuser sind bislang selten. Bei seiner Recherche fand Jochen Specht vor allem in Japan Vorbilder mit vier Geschossen. In Sulz wurde aus der begrenzten Grundstücksfläche und der Entscheidung für einen Standort in der Dorfmitte ein Raumkonzept entwickelt, das die unterschiedlichen Ebenen miteinander verbindet und die Erschließung zugleich als Spiel- und Bewegungsraum nutzt.
Projektdaten
Kinderhaus in Sulz
Projektdaten
Kinderhaus in Sulz
Ort: Sulz in Vorarlberg
Bauherr: Gemeinde Sulz
Architektur: Christian Mörschel & Jochen Specht, Dornbirn
ARGE JUNIWIND Architektur, Christian Mörschel und Architekt Jochen Specht
Ausschreibung und Bauleitung: Querformat, Dornbirn
Statik: SSD, Röthis
Bauphysik: Spektrum, Dornbirn
BGF: 1.700 qm
Fertigstellung: 2019
Das könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven DAB Update!