Aus Leerstand wird Wohnraum?
Die Debatte über die Umnutzung von Büros wird durch Homeoffice, hohe Leerstände und Wohnungsmangel angetrieben. Doch Gespräche mit Immobilienexperten zeigen, warum diese Idee zwar attraktiv ist, aber in der Praxis oft an Technik, Wirtschaftlichkeit und kommunalen Interessen scheitert.
„In vielen Städten stehen Gebäude leer, während gleichzeitig Wohnungen fehlen.“ Mit diesen Worten kündigte das Bundesbauministerium Anfang April 2026 sein neues Förderprogramm „Gewerbe zu Wohnen“ an. Investoren sollen künftig bis zu 30.000 Euro Zuschuss pro neu geschaffener Wohneinheit erhalten, wenn sie leer stehende Büro- oder Gewerbeimmobilien in Wohnraum umwandeln. Die politische Erzählung dahinter ist eingängig und beinahe zwingend: Auf der einen Seite fehlen Wohnungen, auf der anderen Seite stehen Büros leer. Warum also nicht beides zusammenbringen? Ganz neu ist diese Idee allerdings nicht. Seit der Pandemie, dem Boom hybrider Arbeitsmodelle und den steigenden Leerständen auf vielen Büromärkten flammt die Debatte in regelmäßigen Abständen immer wieder auf. Aus verschiedenen Quellen ist von rund elf Millionen Quadratmetern leer stehender Bürofläche in Deutschland die Rede – theoretisch genug für Zehntausende Wohnungen. Gleichzeitig fällt auch immer der Satz, der die gesamte Diskussion fast besser zusammenfasst als jede politische Förderkulisse: „Der Teufel steckt im Detail.“
Zwischen Idee und Realität
Besonders sichtbar wird das derzeit am Münchner Büromarkt. Dort überlagern sich mehrere Entwicklungen: Homeoffice, wirtschaftliche Unsicherheit, hohe Finanzierungskosten und ein tiefgreifender Wandel der Arbeitswelt. „München hat aktuell so viel Leerstand wie noch nie“, sagt Alexander Meyer von Savills München. „Die Leerstandsquote für den Großraum bewegt sich Richtung 10 %.“ Und dennoch stirbt die Assetklasse nicht aus. Denn nicht das Büro an sich verliert an Bedeutung, sondern vor allem austauschbare Standardflächen. „Ältere Bürogebäude aus den 1990er- und 2000er-Jahren fallen zunehmend aus dem Markt“, fährt er fort. Besonders interessant ist dabei, dass die Ursache nicht allein in der Lage zu finden ist. Selbst vergleichsweise gut angebundene Standorte haben inzwischen Probleme, wenn die Gebäude keinen Mehrwert bieten. „Die Nachfrage konzentriert sich auf gut angebundene, moderne Objekte mit klarer Identität sowie hohen Ausbau- und Technikstandards“, sagt Meyer. Damit verliert das Büro seine frühere Funktion als reiner Arbeitsplatz und wird stärker zum sozialen Ort. Konferenzbereiche, gemeinschaftliche Flächen, Gastronomie oder Außenbereiche sollen Mitarbeitende zurück ins Büro locken. Und weil Unternehmen insgesamt weniger Fläche benötigen, steigt gleichzeitig die Nachfrage nach hochwertigen Gebäuden.
Besonders sichtbar wird diese Entwicklung im Münchner Umland. Standorte wie Dornach, Ismaning oder Unterföhring galten jahrzehntelang als stabile Bürocluster: Sie waren gut erreichbar, steuerlich attraktiv und stark von Technologie- und Vertriebsunternehmen geprägt. Doch gerade diese Logik gerät unter Druck.
Weniger mit Mehrwert
Viele Unternehmen suchen heute keine reine Arbeitsplatzfläche mehr, sondern Orte für Begegnung, Austausch und Identität. „Dafür braucht es weniger Inszenierung, sondern mehr funktionale Freiheit, flexible Grundrisse und Orte, die Kommunikation ermöglichen“, sagt Andreas Herz von Real-Treuhand Immobilien Bayern. Genau darin liegt allerdings auch die Ironie der aktuellen Umnutzungsdebatte. Denn gerade die Gebäude, die heute als besonders zukunftsfähig gelten, sind oft nicht die einfachsten Kandidaten für eine Wohnnutzung. Konkret heruntergebrochen: Ihre offenen Strukturen, die Betonkernaktivierung, die Erschließungssysteme und die tiefen Büroflächen sind konsequent auf flexible Arbeitswelten ausgelegt. Wohnungen funktionieren jedoch anders. Sie benötigen kleinteiligere Grundrisse, Belichtung, Schächte, Küchen, Bäder, andere Brandschutzkonzepte und andere technische Infrastrukturen. Und genau hier wird es kompliziert. Die Vorstellung, leer stehende Büros ließen sich einfach in Wohnungen verwandeln, unterschätzt nämlich oft die Trägheit von Immobilien. Gebäude sind keine neutralen Hüllen. Sie tragen Entscheidungen in sich – statische, technische, wirtschaftliche und städtebauliche Entscheidungen –, die Jahrzehnte überdauern. Viele Bürohäuser der vergangenen Jahrzehnte wurden nie mit Blick auf eine Wohnnutzung geplant. Manche haben zu tiefe Grundrisse, andere zu wenig natürliche Belichtung und wieder andere eine Haustechnik, die sich nur mit immensem Aufwand umbauen ließe. Selbst dort, wo eine Umnutzung technisch möglich wäre, bleibt häufig die wirtschaftliche Frage offen.
Boardinghouse oder Bürogebäude?
Interessanterweise war das Hammerschmidt ursprünglich gar nicht als Bürohaus gedacht. „Euroboden wollte dort anfangs ein Boardinghouse errichten“, erzählt Andreas Herz über die frühen Planungen des Entwicklers. Erst zwischen 2017 und 2019 habe sich das Projekt in der Planung schrittweise zu einem Bürogebäude entwickelt. Für Alexander Meyer ist der Grund im Rückblick eindeutig: „Der Büromarkt wurde damals deutlich stärker nachgefragt.“ Die Nachfrage nach modernen Büroflächen war hoch, der Markt dynamisch – Hotels und Boardinghouses wirkten dagegen wirtschaftlich weniger attraktiv. Heute erscheint diese Entscheidung wie eine Momentaufnahme aus einem Paralleluniversum. Nach der Fertigstellung und der anschließenden Insolvenz des Entwicklers dachte man wieder darüber nach, Teilflächen möglicherweise in Apartment- oder Boardinghouse-Nutzungen umzuwandeln. „Betonkernaktivierung, Schächte, Glasfassade und Gebäudetechnik sind jedoch auf den Bürobetrieb ausgelegt“, erklärt Herz. „Alles geht, aber die Kosten dafür stehen in keinem Verhältnis zum Ergebnis.“ Dass sich das Hammerschmidt nicht einfach in Wohnungen verwandeln lässt, liegt nicht nur am Gebäude selbst. Es liegt auch am Ort: Dornach wurde nie als gemischtes Stadtquartier geplant. „Wir haben baurechtlich ein Gewerbegebiet, wir dürfen dort keine Wohnungen realisieren“, sagt Andreas Herz. „Das lässt der Bebauungsplan nicht zu.“ Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Gewerbegebiete Gemeinden Gewerbesteuer bringen. Wohnungen erzeugen dagegen zusätzliche Infrastrukturkosten für Schulen, Kindergärten und Straßen. „Aus diesen Gründen können es sich die Gemeinden schlicht nicht leisten, ihre Gewerbegebiete umzunutzen“, sagt Meyer. Genau darin zeigt sich, warum die Umnutzung von Büroflächen eher an der Komplexität gewachsener Systeme scheitert als am fehlenden Willen. Die Debatte werde erst dort wirklich relevant, wo großflächig umgedacht werde. Meyer verweist deshalb auf ehemalige Großstandorte wie das Siemens-Areal in Neuperlach oder auf Projekte entlang der Hoffmannstraße. Dort geht es nicht mehr nur um die Frage „Büro oder Wohnen“, sondern um komplett neue Stadtquartiere. Genau dort entstehen aus Sicht vieler Beteiligter die eigentlichen Chancen in der Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Infrastruktur und öffentlichen Räumen.
Der Einzelfall entscheidet
Und dennoch bleibt die Idee reizvoll. Sie zeigt das Potenzial auf, vorhandene Räume intelligenter zu nutzen, Ressourcen zu sparen und auf neue gesellschaftliche Realitäten zu reagieren. Das neue Förderprogramm könnte dennoch Bewegung in den Markt bringen. Nicht als universelle Lösung, sondern als Anschub für jene Projekte, bei denen die Voraussetzungen ohnehin schon stimmen. Dass auch die Politik das Potenzial erkannt hat, zeigt ein aktueller Vorstoß des neuen Münchner Oberbürgermeisters Dominik Krause: Er plant eine städtische Umwandlungsagentur, die leerstehende Büroflächen systematisch erfassen und Eigentümern bei der Konversion zu Wohnraum aktiv zur Seite stehen soll.
DAB Redaktion
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