Müssen wir noch Modelle bauen? Unbedingt!
Nachwuchs-Kolumne: Wenn KI räumliche Varianten in Sekunden erzeugt, stellt sich die Frage nach dem Wert des haptischen Arbeitsmodells neu. Ein Plädoyer für das Bauen als Teil des räumlichen Denkens – und für Qualität statt bloßer Geschwindigkeit im Entwurfsprozess.
Ob wir heute überhaupt noch Modelle bauen müssen, werde ich von Studierenden in der Entwurfsbetreuung immer häufiger gefragt. Arbeitsmodelle – an denen man ausprobiert, entwickelt, überprüft und feilt – scheinen im Entwurfsprozess zunehmend unpopulär geworden zu sein. Meist werden sie erst zur Endabgabe aufwendig angefertigt und bilden dann oftmals nur noch den finalen Entwurf ab, der als Teil der Aufgabenstellung zu erfüllen ist. In den wenigsten Fällen werden sie noch zur konkreten räumlichen Entwurfsausarbeitung genutzt, um beispielsweise Gebäudehöhen und -tiefen, Proportionen oder Materialität zu überprüfen.
Der Modellbau ist aus der Geschichte der Architektur nicht wegzudenken. Als Methode des Entwerfens wurde er von Michelangelo über Le Corbusier bis Zaha Hadid eingesetzt. Aus studentischer Perspektive steht der Modellbau heute jedoch oftmals aus Nachhaltigkeits- und Kostengründen in der Kritik. Das ist nachvollziehbar: Extra angeschaffte Modellbaumaterialien verbrauchen (endliche) Ressourcen, verursachen CO2-Emissionen bei der Herstellung, werden häufig nicht recycelbar verklebt oder direkt im 3D-Druck hergestellt. So landen sie nach den Endabgaben nicht selten kurze Zeit später im Müll der Arbeitsräume.
Entwerfen auf Knopfdruck?
Gleichzeitig verändern digitale Werkzeuge und zunehmend auch KI-Anwendungen den Entwurfsprozess. Varianten und räumliche Modelle, für deren Erstellung früher Tage notwendig waren, können heute innerhalb kürzester Zeit digital erzeugt werden. Dies verändert nicht nur die Ausbildung und den späteren Arbeitsalltag, sondern erhöht vor allem die Geschwindigkeit aller planenden Berufe – vom urbanen Maßstab bis auf Gebäudeebene.
Effizienz und Schnelligkeit halten somit nicht nur in die ausführende Planung, sondern vor allem in den Entwurfsprozess Einzug. Die Kernkompetenz unseres Berufs, maßgeschneiderte räumliche Lösungen für die gebaute Umwelt in Varianten zu entwickeln, wird jedoch zunehmend von KI-Anwendungen übernommen.
Doch gerade hier liegt eine wesentliche Aufgabe der planenden Berufe. Ob Stadtplanung, Landschaftsarchitektur, Architektur oder Innenarchitektur: Die Profession dieser Berufe besteht darin, räumlich zu denken und Planung vom Grundriss in die dritte Dimension – den Raum – zu überführen. Entwerfen bedeutet dabei mehr, als eine räumliche Abbildung zu erzeugen.
Qualitätsvolle Planung braucht Zeit. Zeit, um sich mit den Begebenheiten eines Ortes vertraut zu machen, seine räumlichen Möglichkeiten auszuloten und iterativ zu entwickeln. In Zeiten leistungsstarker KI-Modelle erhält diese Zeit eine ganz andere Dimension. Nicht immer ist die schnellste Lösung auch die beste. Gerade die kritische Reflexion während des Entwurfsprozesses trägt maßgeblich zur Qualifizierung und Weiterentwicklung bei.
Das Modell als Denkwerkzeug
An dieser Stelle kommt dem Arbeitsmodell eine besondere Bedeutung zu. Die ersten räumlichen Modelle, die am Anfang des Entwurfsprozesses von Hand entstehen, im weiteren Prozess verändert, ergänzt, verworfen und neu gebaut werden, besitzen einen immensen Wert für die Entwicklung eines guten Entwurfs. Das haptische Arbeiten am Modell ist dabei nicht nur ein Mittel, um einen bereits gedachten Raum darzustellen, sondern es ist selbst Teil des Entwerfens. Beim Bauen, Betrachten und Verändern des Modells werden räumliche Zusammenhänge sichtbar und überprüfbar. Gerade in Zeiten von KI sollte es deshalb nicht darum gehen, immer schneller räumliche Abbildungen zu erzeugen. Vielmehr gilt es, KI dort einzusetzen, wo sie Entwurfsideen qualifizieren, hinterfragen und schärfen kann, ohne den eigentlichen Entwurfsprozess zu ersetzen. Die Geschwindigkeit der räumlichen Darstellung darf niemals über der räumlichen Qualität und dem Wert von Entwürfen und Konzepten für unsere gebaute Umwelt stehen.
Suffizienz im Entwurfsprozess
Ich plädiere daher für Suffizienz: die uns zur Verfügung stehenden Entwurfswerkzeuge zielgerichtet einzusetzen und zugleich den besonderen Wert des haptischen Arbeitsmodells für den Entwurfsprozess nicht aus den Augen zu verlieren. Modellbau muss dabei nicht verschwenderisch sein. Gerade die Arbeit mit einfachen, wiederverwendeten oder recycelten Materialien kann es ermöglichen, Modelle frühzeitig und selbstverständlich in den Entwurfsprozess einzubeziehen.
Meine Antwort ist daher klar: Unbedingt sollten wir als Planer:innen weiterhin Modelle – besonders Arbeitsmodelle – bauen. Nicht als aufwendige Abbilder eines fertigen Entwurfs, sondern als Werkzeuge, mit denen wir unsere Ideen entwickeln, überprüfen und verräumlichen können. KI kann diesen Prozess unterstützen und erweitern, aber nicht ersetzen. Denn das eigenhändige Bauen eines Modells ist nicht nur eine Form der Darstellung, sondern auch eine Form des räumlichen Denkens.
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