„Das Material ist zuerst da, und daraus entwickelt sich der Entwurf.“
Zirkuläres Bauen ist keine rein technische Aufgabe. Damit sich neue Bauweisen und Materialien durchsetzen, müssen sie nicht nur funktionieren, sondern auch gestalterisch überzeugen. Genau hier setzt die Lehre an.
Petra Riegler-Floors ist Architektin und Professorin für Zirkuläres Bauen, Konstruktion und Material an der Hochschule Trier. Im Interview spricht sie über veränderte Curricula, materialgeleitetes Entwerfen und darüber, wie sich zirkuläres Bauen in Lehre und Hochschulalltag verankern lässt.
DAB: Die Art, wie wir bauen, steht grundlegend infrage. Wie stark schlägt sich dieser Wandel bereits in der Architekturausbildung nieder?
Petra Riegler-Floors: Das ist sehr unterschiedlich, aber in der Architekturausbildung hat sich in den letzten Jahren enorm viel getan. An vielen Hochschulen und Universitäten gibt es inzwischen eigene Professuren für nachhaltiges oder zirkuläres Bauen. Die Hochschule Trier war damit früh dran – die entsprechende Stelle wurde 2019 ausgeschrieben.
Inzwischen ist das Thema zumindest bei uns aber keine „Öko-Nische“ mehr. Nachhaltigkeit ist selbstverständlicher Bestandteil aller Module und Lehrgebiete, das ist das neue Normal mit entsprechendem Einfluss auf das Curriculum und unsere Aufgabenstellungen.
Was heißt das konkret für die Inhalte – etwa in der Konstruktionslehre?
Ganz konkret heißt das, dass zirkuläre Materialien und Bauweisen, die früher Randthemen waren, heute fest in der Lehre verankert sind. Lehmbau zum Beispiel: Das ist kein Wahlmodul mehr, in dem ein paar Studierende ein bisschen mit Lehm experimentieren. Das ist Teil der regulären Konstruktionslehre, da der Lehmbau viele Herausforderungen des zirkulären Bauens, das zumeist ja eher leichte Konstruktionen bevorzugt – zum Beispiel Brandschutz, Schallschutz, thermische Speichermasse – sinnvoll löst. Dementsprechend werden die neuen Entwicklungen wie tragendes Lehmsteinmauerwerk oder Lehm-Holz-Deckenkonstruktionen als selbstverständlicher Teil des Bauens vermittelt, ebenso wie zum Beispiel Bauteilwiederverwendung, das Bauen mit Holz und anderen nachwachsenden Rohstoffen mit kürzeren Umtriebszeiten wie Hanf und Stroh als sinnvolle Ergänzung.
In der Entwurfslehre dominiert die Auseinandersetzung mit dem Bestand: weiterbauen, transformieren, ergänzen, nachverdichten. Das zieht sich durch alle Maßstabsebenen, auch im Städtebau. Dort geht es nicht mehr um große Neubauquartiere auf der grünen Wiese, sondern um Innenentwicklung und den Umgang mit vorhandenen Strukturen.
Hat das auch mit regionalen Rahmenbedingungen zu tun?
Absolut. Wir sind in Rheinland-Pfalz, einem Flächenbundesland mit wenigen großen Städten. Flächenversiegelung und die Verhinderung weiterer Neuflächen-Inanspruchnahme ist hier ein wichtiges Thema.
Deshalb behandeln wir das nicht nur als ökologische Frage, sondern als planerische und gesellschaftliche Aufgabe. Man darf ja nicht vergessen: Wir bilden nicht nur spätere Entwerfer:innen für große Büros aus. Ein Teil unserer Absolvent:innen arbeitet später in Verwaltungen und Ämtern – also genau dort, wo Entscheidungen getroffen werden, lange bevor ein Projekt überhaupt entsteht und die Rahmenbedingungen definiert werden, die oftmals den Einfluss eines einzelnen Entwurfes weit übersteigen. Entsprechend ist das Bewusstsein für Flächenverbrauch und den Umgang mit Bestand ein zentrales Thema in der Lehre.
Ein weiterer Schwerpunkt ist das Thema Material. Welche Rolle spielt Materialwissen heute?
Eine ganz zentrale. Materialwissen ist fundamental, wenn man über zirkuläres Bauen spricht. Es reicht nicht, Materialien abstrakt zu benennen oder sie nur zeichnerisch einzusetzen. Wenn das Material Fichte künftig aufgrund des Klimawandels nur noch eingeschränkt verfügbar ist, kann man es nicht einfach durch Eiche ersetzen – das sind völlig unterschiedliche Materialien. Deshalb ist es so wichtig, Materialien wirklich zu verstehen: ihre Herkunft, ihre Verarbeitung, ihre konstruktiven Möglichkeiten und ihre Grenzen. Und auch ihre Rolle innerhalb einer Wertschöpfungskette. Die Kenntnis des „Pre-Use“ eines Materials wie zum Beispiel seiner Verfügbarkeit, der Umstände seiner Gewinnung oder des Transports und natürlich des „Post-Use“, seiner Nachnutzungsmöglichkeiten – oder eben auch „Nicht-Nachnutzungsmöglichkeiten“ – ist heute selbstverständlicher Teil der Lehre. Ganz anders, als es zu meinen Studienzeiten war.
Sie sprechen die Wertschöpfungskette an – wie wird diese in der Lehre vermittelt?
Neben der klassischen Lehre über Vorlesungen und Seminare bei uns vor allem über Austausch und Vernetzung. Uns ist wichtig, dass die Studierenden die gesamte Wertschöpfungskette kennenlernen – vom Rohstoff bis zum fertigen Bauteil.
Beispiel Holzbau: Rheinland-Pfalz ist das waldreichste Bundesland, und wir haben einen sehr engen Kontakt zu den Landesforsten. Daraus hat sich ein intensiver Austausch entwickelt: vom Wald über die Sägewerke und Holzbauer bis hin zu Planenden und zur Hochschule. Mit den Studierenden machen wir Exkursionen – morgens in den Wald, dann ins Sägewerk, später zu weiterverarbeitenden Betrieben. Dazu kommen Forschungsprojekte und Netzwerktreffen. So entsteht ein kontinuierlicher Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis.
Wie wirkt sich dieses materialbezogene Denken auf die Entwurfshaltung der Studierenden aus?
Interessanterweise fällt dieses Umdenken den Jüngeren oft leichter als den Fortgeschrittenen. In einem jahrgangsgemischten Modul zur Bauteilwiederverwendung mit Studierenden vom dritten Bachelorsemester bis hin zum Masterabschluss fiel die Aufgabe den jüngeren Studierenden wesentlich einfacher, sie fanden das völlig logisch: Das Material ist zuerst da, und daraus entwickelt sich der Entwurf. Sie waren noch nicht so stark von der – für uns alle gewohnten – umgekehrten Herangehensweise geprägt. Das zeigt sehr deutlich, wie stark unsere Denkmodelle vom bisherigen Ausbildungssystem beeinflusst sind.
Jenseits der Lehre: Welche strukturellen Instrumente helfen, das Thema Nachhaltigkeit an der Hochschule wirklich zu verankern?
Neben der Lehre haben sich bei uns einige Instrumente etabliert, die helfen, das Thema in die Breite der Hochschule zu tragen. Ein wichtiger Baustein ist der hochschulweite Nachhaltigkeitsrat, in dem alle Statusgruppen vertreten sind – von Studierenden über Mitarbeitende bis hin zum Präsidium. Das sorgt für Vernetzung und dafür, dass Projekte nicht vereinzelt bleiben. Sehr wirkungsvoll ist auch der Nachhaltigkeitspreis für Studierendenarbeiten, der jährlich vergeben wird. Er ist bewusst niedrigschwellig angelegt, entfaltet aber eine große motivierende Wirkung – nicht nur bei den Studierenden, sondern vor allem bei den Lehrenden. Sichtbarkeit, Ausstellung und Anerkennung führen dazu, dass sich Aufgabenstellungen verändern und das Thema selbstverständlicher wird.
Ergänzt wird das durch das Green Office als studentisches Sprachrohr. Alles, was aus der Studierendenschaft selbst kommt, funktioniert erfahrungsgemäß besser als das, was von oben verordnet wird. Zusammen schaffen diese Strukturen einen Rahmen, in dem Nachhaltigkeit nicht Zusatz, sondern Teil des Alltags wird.
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