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„Unser oberstes Interesse muss – Reduce – die Vermeidung des Unnötigen sein.“

Die Baubranche schließt überall Kreisläufe – und macht trotzdem weiter wie bisher. Prof. Muck Petzet, Studio RRR / Accademia di architettura, Università della Svizzera italiana, über den Missbrauch des Begriffs „zirkuläres Bauen“, warum Gebäude nicht demontierbar, sondern dauerhaft sein müssen und wie die Architekturlehre vom autonomen Entwurf zur Entwicklung des Bestehenden kommt.

Mann mit Brille in dunkler Kleidung vor hellem Hintergrund.
© Gerhardt Kellermann

Muck Petzet

Architekt, Kurator, Professor

Muck Petzet ist Architekt, Kurator und seit 2014 Professor für Sustainable Design an der Università della Svizzera italiana. Er betreibt Architekturbüros in München und Berlin und war 2012 Generalkommissar des deutschen Pavillons bei der Architekturbiennale in Venedig. 

11.02.2026 4min
Ressourcen und Recycling Design Build Bundesweit

DAB: Ist die derzeitige Rede vom „zirkulären Bauen“ im Kern nicht einfach eine ökologische Legitimation, um weiterhin neu zu bauen?

Muck Petzet: „Zirkuläres Bauen“ ist ein stark positiv besetzter, aber „ungeschützter“ und undefinierter Begriff, der natürlich auch sehr einfach missbraucht werden kann. Unter dem Stichwort „zirkuläres Bauen“ werden ganz unterschiedliche Dinge verstanden. Das konnte man auf der letzten Baumesse in München gut beobachten: Praktisch an jedem Stand wurde Zirkularität in irgendeiner Weise behauptet. Alles, was halbwegs sortenrein trennbar, recycelbar oder in anderer Form wiederverwendbar sein könnte oder irgendeinen Recyclinganteil enthält, wurde als zirkulär verkauft – überall wurden Kreisläufe von der Bauindustrie geschlossen. Ich sehe das sehr kritisch, weil hier eine eigentlich gute Sache als Legitimation verwendet wird, um letztlich so weiterzumachen wie bisher.

Grundsätzlich ist die Idee gut, dass Bauteile in Kreisläufen zirkulieren. Früher wurden Bauteile lokal aus der Natur gewonnen und konnten unschädlich dorthin zurückkehren. Die Überlegungen, traditionelle Bauweisen wie Lehmbau, Holz- und Natursteinbau oder biobasierte Baustoffe wiederzubeleben, sind im Sinne einer wirklichen Zirkularität sehr sinnvoll.

Gebäude sollten einen intergenerativen Anspruch auf Dauerhaftigkeit haben.

Muck Petzet

Beim Bauen sollte prinzipiell so wenig wie möglich Sondermüll produziert werden, wie es etwa bei WDVS-Systemen und anderen komplexen, verklebten Schichtaufbauten der Fall ist. Ich glaube jedoch nicht, dass es notwendig ist, Gebäude und Bauteile so zu konstruieren, dass sie demontierbar sind. Feste Gebäude sind extrem aufwendig, teuer, schwer und daher auch nicht transportabel – sie rechtfertigen den Aufwand ihrer Errichtung dadurch, dass sie möglichst gut und lange genutzt werden können. Gebäude sollten einen intergenerativen Anspruch auf Dauerhaftigkeit haben. Dazu müssen sie nicht demontierbar, sondern vor allem großzügig und flexibel nutzbar sein. Sie müssen dauerhaft und einfach instandhaltbar sowie bei Bedarf reparierbar sein.

Das oft missverstandene „zirkuläre Bauen“ setzt überwiegend auf der Ebene des Recyclings von Bauteilen an, was ich für falsch halte. Hier können wir von der 3R-Hierarchie der Abfallwirtschaft lernen: Zunächst steht „Reduce“, dann „Re-Use“ und „Recycle“ ist als letzte Möglichkeit zu verstehen. Recycling ist zwar besser als Deponieren oder Verbrennen, aber wesentlich schlechter als Weiterverwenden. Unser oberstes Interesse muss daher die Vermeidung des Unnötigen sein. Um unnötiges Bauen zu vermeiden, müssen wir zunächst rücksichtsvoll und verantwortungsvoll mit unserem Baubestand umgehen und diesen zukunftsfähig machen. 

Bedeutet eine konsequent verstandene Kreislaufwirtschaft in der Architekturlehre nicht, dass wir Studierenden zunächst das Entwerfen von Neubauten abgewöhnen müssen?

Auch in Zukunft werden wir gute und innovative Neubauten benötigen, beispielsweise Wohnungsbauten in den Metropolregionen, neue Schulen oder Kulturbauten. Die Grundlagen der Architektur, wie Vitruv sie definiert hat, sind nach wie vor gültig: Firmitas, Utilitas und Venustas müssen aber um Efficacia ergänzt werden – wir müssen die größtmögliche positive Wirkung mit dem geringstmöglichen ökologischen Schaden erreichen.

Das Bauen auf der grünen Wiese oder der Tabula rasa wird in Zukunft die Ausnahme sein. Vielmehr werden wir in engen Kontexten arbeiten, ergänzen und addieren oder Bestehendes transformieren. Wir müssen unseren Fokus ändern: weg von der Idee des Architekten als Entwerfer autonomer Strukturen, hin zum Entwickler des Vorhandenen und zum kooperationsfähigen Leiter von Prozessen. Es müssen also zusätzliche Kompetenzen vermittelt werden: das Verstehen des Vorhandenen sowie das Erkennen und Entwickeln architektonischer, aber auch programmatischer, ökonomischer und sozialer Potenziale.

Wir müssen unseren Fokus ändern: weg von der Idee des Architekten als Entwerfer autonomer Strukturen, hin zum Entwickler des Vorhandenen.

Muck Petzet

Wie sieht ein neues Curriculum aus? Mit welchen Formaten?

In unserem Studio RRR an der Accademia in Mendrisio stellen wir keine klassischen Entwurfsaufgaben, sondern lassen die Studierenden ihre eigenen Interventionsorte finden und Programme aus den Notwendigkeiten der Umgebung und des Bestands entwickeln. Die Erforschung des Vorhandenen und aller das Programm eventuell beeinflussenden Bedingungen und Faktoren ist ein wichtiger Teil der Arbeit der Studierenden. Durch die „Nachzeichnung“ des Vorhandenen entsteht Verständnis für die Konstruktion und die Möglichkeiten des Bestandes. Für die Erforschung des Vorhandenen verwenden wir Zeichnung, Fotografie und Film, aber auch Interviews und Datenrecherchen. Wir bearbeiten „Entwurfs“-Aufgaben als Entwicklungsprojekte – möglichst auch in Teams. In unserer Theorie-Lehre integrieren wir praktische Übungen bis hin zu Interventionen im Maßstab eins zu eins. 

Daran anschließend stellt sich die Frage: Sind die Hochschulen/Studierenden mit ihren Forderungen nach einer anderen Lehre nicht viel weiter als die Baubranche? Wie nehmen wir sie mit?

Innovation zu fördern und avantgardistisch zu sein, muss der Anspruch von uns Lehrenden an Universitäten und Hochschulen sein. Ich bin sehr zuversichtlich, dass eine neue Generation von Architekten mit einem neuen Selbstverständnis und einer anderen Haltung mit Bestand und Prozessen umgehen kann. Das ist jetzt schon deutlich zu merken. An vielen entscheidenden Stellen sitzen jedoch noch Architekten der älteren Generation mit konservativen Vorstellungen. Das ändert sich nur langsam.

Die Baubranche selbst kann sehr innovativ sein, wie die schnelle Markteinführung neuer zertifizierter Produkte, etwa ungebrannte Lehmziegel, zeigt. Das Angebot wird in unserem System letztlich durch die Nachfrage gesteuert. Um die Nachfrage nach einfachen und sinnvollen Lösungen zu fördern, müsste unser überreglementiertes und übertechnisiertes Berufsumfeld dereguliert und enttechnisiert werden. Die angewandten Forschungsprojekte der TU München der Professoren Florian Nagler und Thomas Auer „Einfach bauen“ und „Einfach umbauen“ sind hierfür Leuchtturmprojekte.