„Architektur entsteht im Aushandeln, sie ist immer auch demokratische Praxis.“
„The Unknown Path“ nennt Margit Sichrovsky ihr Plädoyer für eine andere Architekturlehre. Sie lehrt klimagerechtes Entwerfen an der Hochschule für Technik Stuttgart und fordert: mehr Materialverständnis, mehr Eigeninitiative, mehr Mut zur Unsicherheit.
Wir bilden gerade eine Generation aus, die perfekt darin ist, Checklisten abzuarbeiten. Raumprogramm? Ökobilanz-Tabelle ausgefüllt? Brandschutzkonzept? Check. Aber eigenständiges Denken bedeutet auch, sich auf einen unbestimmten Pfad einzulassen. Es bedeutet, zu akzeptieren, dass man am Anfang vieles nicht weiß – und dass auch wir als Lehrende nicht alle Antworten haben. Damit sehen sich viele Studierende einer Herausforderung gegenüber. Sie wollen wissen, was sie tun sollen. Sie wollen Klarheit, auch weil sie in einen Apparat aus Nebenjobs und Semesterplänen eingetaktet sind. Ich verstehe das. Aber ich denke, wir tun ihnen keinen Gefallen, wenn wir diesem Bedürfnis nachgeben.
Eigenständig denken lernen
Heute ist plötzlich alles nachhaltig – jedes Material, jedes Konzept, jedes Gebäude trägt dieses Label. Aber was bedeutet das eigentlich? Wenn ich meinen Studierenden beibringe, einen Wert aus der Ökobaudat in eine Excel-Tabelle einzutragen, haben sie dann wirklich verstanden, was Nachhaltigkeit bedeutet? Deshalb rückt das Materialverständnis wieder stärker in den Fokus der Lehre. Studierende müssen Materialgeschichten erzählen können – von der Wiege bis zur Bahre, oder besser noch: von der Wiege bis zur Wiege. Dafür braucht es mehr als Datentabellen: In Workshops, bei Exkursionen und Werksbesichtigungen lässt sich Material sinnlich erfahren. Das bildet die Grundlage für informierte Entscheidungen.
In der Theorie einfach, in der Praxis jedoch komplex
Bauen im Bestand ist in der Debatte omnipräsent. In der Lehre tun wir uns damit aber immer noch schwer. Auch aus ganz praktischen Gründen, denn man braucht ein Gebäude, das man untersuchen kann. Außerdem Pläne, Zugang und Ansprechpartner. Das ist aufwendiger, als den Studierenden ein fiktives Grundstück zuzuweisen und zu sagen: „Plant mal.“
Im nächsten Semester werde ich mit meinen Studierenden ein konkretes Projekt bearbeiten: ein leer stehendes Verwaltungsgebäude in Stuttgart, um das sich bereits eine Bürgerinitiative formiert hat. Die Fragen sind praxisrelevant: Wie gehen wir mit dem Brandschutz um? Wie können Vereine und Initiativen diese Räume nutzen? Gleichzeitig birgt das Arbeiten mit dem Bestand eine Gefahr: dass man sich zu sehr einschränken lässt. Dass man nur noch in den Kategorien denkt, die das Vorhandene vorgibt. Ich glaube, die richtige Reihenfolge ist: Erst frei spielen, dann mit Realitätsbezug verfeinern. Nicht umgekehrt. Wer von Anfang an mit dem Brandschutzkonzept in den Entwurf geht, dem bleibt am Ende weniger Spielraum.
Räume für Eigeninitiative
Seit Corona sind viele studentische Initiativen eingeschlafen und noch nicht wieder erwacht. Das war ein Grund, ein Wahlfach anzubieten, das Eigeninitiative stärken sollte – unter dem Titel „Take the Grassroute“. Die einzige inhaltliche Vorgabe: Verbessert eure Hochschule. Wie, war den Studierenden überlassen. Dabei ging es nicht nur darum, Ideen zu entwickeln, sondern auch demokratische Aushandlungsprozesse zu erleben und zu erkennen, dass man selbst etwas bewirken kann. Eine Gruppe hat ein Modellbau-Re-Use-Lager konzipiert und sich mit ganz praktischen Fragen auseinandergesetzt: Wie lässt sich das finanzieren? Wer kuratiert? Wie verhindert man, dass daraus eine Müllhalde wird? Andere haben Ausstellungsformate für Masterprojekte entwickelt, weil sie fanden, dass ihre Arbeit mehr Sichtbarkeit verdient. Was mich besonders gefreut hat: Die Studierenden haben auch darüber nachgedacht, wie ihre Initiativen langfristig bestehen können – nicht als Eintagsfliegen, sondern als nachhaltige Strukturen.
The Unknown Path
Unsere Studierenden sollten wieder lernen, sich auf unbekannte Wege einzulassen. Dazu gehört auch die Erfahrung, nicht alles von Anfang an wissen zu müssen – und auszuhalten, dass auch wir als Lehrende nicht auf jede Frage eine Antwort haben. Natürlich braucht es dafür eine solide Grundlage. Danach aber den Raum, Dinge auszuprobieren, ohne sie sofort in richtige oder falsche Lösungen zu überführen. Nur so können Studierende eine eigene Haltung entwickeln – nicht als fertiges Produkt der Lehre, sondern als Ergebnis eigener Reflexion.