Rohstoffquelle Rückbau: Gewinnen durch Abriss
Urban Mining, das ist der inzwischen international geläufige Begriff für die Gewinnung von Baustoffen und -teilen aus dem Bestand. Bei dessen Abriss oder Umbau wird das Material digital erfasst und in Datenbanken zur Wiederverwendung angeboten – ein Markt mit Zukunft.
Weit über die Hälfte des Mülls stammt hierzulande aus der Bauwirtschaft. Der lässt sich inzwischen nur noch mit großem Aufwand und zu hohen Kosten entsorgen. Und auch beim Nachschub gerade an mineralischen Rohstoffen wird es vielerorts eng. Was liegt also näher, als in die Kreislaufwirtschaft einzusteigen?
Pionier bei diesem Urban Mining am Bau ist derzeit Heidelberg. Bei der Konversion eines von der US-Armee geräumten Kasernen-Areals werden hier knapp die Hälfte der 169 Wohngebäude abgerissen, um Platz für einen neuen Stadtteil mit 10.000 Menschen zu schaffen. 466.000 Tonnen Baumaterial überwiegend mineralischer Art hat die Stadt dabei systematisch in einem detaillierten digitalen Kataster erfasst.
Der Erste Bürgermeister, selbst Architekt, peilt eine Wiederverwendungsquote von 90 % an. Er erzählt, die Idee sei Ende 2021 gemeinsam mit der Bauberatungsfirma Drees & Sommer, deren Forschungsinstitut Epea und dem Baustoffkonzern Heidelberg Materials entstanden. Die Beschaffung von Rohstoffen, sogar so simpler Dinge wie Kiesel oder gebrochenem Steinmaterial, sei zunehmend schwierig geworden, berichtete er der Süddeutschen Zeitung, aber auch die Entsorgung von Bauschutt werde immer fragwürdiger: Bei der Erweiterung der Kläranlage wurden zuletzt Tausende Tonnen von Heidelberg nach Nürnberg gefahren.
Beton, Mörtel, Ziegel
In dem Heidelberger Kasernengebiet, dem Patrick-Henry-Village, sollen letztlich vor allem Beton, Mörtel und Verputz, aber auch Ziegel wieder verbaut werden. Laut dem Zentralverband des Deutschen Baugewerbes lassen sich die zurückgebauten mineralischen Baustoffe hauptsächlich als Gesteinskörnung wiederverwenden, zum Beispiel im Straßenbau oder in der Betonherstellung – also klassisches Downcycling.
Der Bedarf übersteigt bisher hier bei Weitem das Angebot: Der Verband verweist auf Zahlen der Kreislaufwirtschaft Bau, wonach derzeit jährlich auf diese Weise etwa 77 Millionen Tonnen Gesteinskörnungen gewonnen werden – gerade einmal 13 % des Gesamtbedarfes. Man hält hier den Heidelberger Ansatz für vielversprechend. Allerdings ist ein Problem, dass das Angebot lokal und regional starken Schwankungen unterliegt und sich weite Anfahrtswege auch unter Umweltaspekten nicht lohnen.
Auch andere Städte treiben bereits das Recycling am Bau voran. Berlin schreibt bei öffentlichen Bauvorhaben den umweltgerechten Rückbau mit Trennung der Materialien ebenso vor wie den Einsatz von recycelten Stoffen. Eine bundesweite Regelung soll noch in diesem Jahr in die Ressortabstimmung der Bundesregierung gehen. Was in Heidelberg mit digitalen Gebäudesteckbriefen begonnen wird, könnte perspektivisch in Form eines Gebäuderessourcenpasses auch für Neubauten flächendeckend zur Anwendung kommen, eine Praxis, welche die DGNB hierzulande eingeführt hat.
Immer mehr Bauteil-Börsen
Darüber hinaus gibt es immer mehr Bauteil-Börsen. Konnte man früher schon auf Kleinanzeigen-Webseiten gebrauchte Fenster und Türen, übrig gebliebene Dämmstoffe und dergleichen günstig ergattern, bieten heute professionelle Seiten wie Restardo bundesweit alles erdenkliche Baumaterial zum Recyceln an. Meist lohnt sich das nur lokal oder regional. Doch längst nutzen nicht nur private Bauherren, sondern auch Handwerker das Angebot. Hier handelt es sich um echtes Recycling oder gar Upcycling. Hat man sich beim Bauherren entsprechend abgesichert, kann dadurch sogar eine ganz eigene Ästhetik entstehen. (Siehe Artikel Suffizienzhaus und Sonnenhaus: klimagerechter Wohnungsbau)
Marktlücke für Berater
Ungeachtet eines gewissen Backlash bei Umweltthemen steigt bei gewerblichen Investoren seit Jahren das Interesse für ESG-konforme Projekte. Zahlreiche Planungsbüros bieten inzwischen Beratung zu Nachhaltigkeitsthemen und Fördermöglichkeiten in Bezug auf Bauprojekte. Spezialisierte Unternehmen wie Concular beraten Bauprojekte ganzheitlich zu Urban Mining und Wiederverwendung sowie zur Erreichung von Standards wie QNG, DGNB und BNB. Zudem bieten sie digitale Gebäuderessourcenpässe für Neubauten und Ökobilanzierung zwecks Reporting an. Zertifizieren lassen sich Bauprojekte unterschiedlich: Die DGNB und andere Organisationen bieten eigene Zertifikate an, Madaster stellt Materialpässe zur Verfügung. Was in Heidelberg mit digitalen Gebäudesteckbriefen begonnen wird, könnte perspektivisch in Form eines Gebäuderessourcenpasses auch für Neubauten flächendeckend zur Anwendung kommen. Leider taucht der von der Ampelregierung initiierte Gebäuderessourcenpass im aktuellen Koalitionsvertrag der Bundesregierung nicht mehr auf.
Immerhin präsentiert das Bundesbauministerium medial urbane Modellprojekte. In seinem Magazin Stadtpilot stellt es entsprechende zirkuläre Initiativen vor. Der Blick wird hier geweitet vom puren Material-Recycling zum kreativen Leerstandsmanagement, der Wiederentdeckung natürlicher Ressourcen und einer vorausschauenden Bodenpolitik.