36 Grad und es wird noch heißer
Nachwuchs-Kolumne: Warum es mir auch im Nachgang der Hitzewelle im Juni schwerfällt, einen kühlen Kopf zu bewahren.
Die Hitzewelle in diesem Juni bleibt in Erinnerung. Am 27. Juni 2026 wurden in Deutschland an verschiedenen Stationen mit Temperaturen bis knapp unter 42°C erneut die allzeitlichen Temperaturrekorde gebrochen. Auch an meinem Standort Hannover erreichte die Lufttemperatur an diesem Tag 38,8 °C – die gefühlte Temperatur lag mit bis zu 44,6 °C weit darüber.
Von mehr als „sich aufhalten“ kann kaum die Rede sein. Ich verbrachte den Tag im schummrigen Licht meiner Wohnung, im 3. Obergeschoss eines Gründerzeithauses. Alle nach Süden ausgerichteten Fenster waren mangels außenliegenden Sonnenschutzes mit Gardinen von innen bestmöglich zugezogen. Gegen die Hitze half das erwartungsgemäß – wenig.
Produktivität? Unmöglich!
Meine vorrangige Beschäftigung an diesem Tag: darauf zu warten, dass er vorbeiging. Ich fühlte mich unkonzentriert und müde von den nur wenig erholsamen Tropennächten der vergangenen Tage. Die Hitze raubte mir sämtliche körperliche und geistige Kraft. Glücklicherweise konnte ich mir diese Trägheit und Unproduktivität an jenem freien Samstag erlauben. Ich dachte an all diejenigen, die trotz Hitze im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit zur produktiven Arbeit angehalten waren, um unseren geordneten Alltag aufrechtzuerhalten. Dass jene Produktivität mit zunehmender Hitze massiv sinkt, lässt sich längst in Zahlen darstellen: Eine Analyse der Prognos AG beziffert die volkswirtschaftlichen Kosten der Hitzewelle vom 17. bis 30. Juni 2026 in Deutschland auf rund 6,3 Milliarden Euro, allein bedingt durch Produktivitätsverluste, hitzebedingte Arbeitsausfälle oder Unfälle.
Hitze: Risiko für Leben und Gesundheit
Beim Versuch, seine Temperatur aufrechtzuerhalten, half sich mein Körper erwartungsgemäß mit Schwitzen. Der Schweiß lief, selbst wenn ich mich nichts tuend flach auf den Boden legte – an den wohl kühlsten Ort meiner Wohnung.
Gesunde Meschen haben eine Körpertemperatur zwischen 36 und 37 °C. Schon bei Körpertemperaturen ab 37,5 °C sprechen medizinische Fachleute üblicherweise von „erhöhter Temperatur“, ab 38 °C von Fieber, zwischen 40 und 42 °C von „sehr hohem Fieber“. Warum die Skala dort endet, muss ich wohl nicht weiter ausführen.
Das Robert Koch-Institut schätzt die Anzahl der hitzebedingten Sterbefälle in diesem Sommer bis Mitte August auf ca. 15.800 bundesweit, etwa die Hälfte davon in der Altersklasse 85+. Um diese Zahl ins Verhältnis zu setzen: 14.000 Hitzetote eines Sommers entsprechen dem fast Fünffachen der jährlich im Straßenverkehr Verunglückten (2.832 in 2025) oder gut 80 abgestürzten, durchschnittlich besetzten Passagierfliegern. Ein weiteres Beispiel: 14.000 Hitzeopfer entsprechen dem nahezu 50-fachen der jährlichen Brandtoten in Deutschland. Im Jahr 2023 seien 283 Personen durch Exposition von Rauch, Feuer und Flammen ums Leben gekommen – ein deutlicher Rückgang gegenüber dem Jahr 1991 mit 834 Brandtoten. An letzterem Beispiel lässt sich erkennen, dass Brandschutzmaßnahmen in den letzten Jahrzehnten offensichtlich erfolgreich dazu beitragen konnten, Todesfälle zu verhindern.
Doch wie ist es zu erklären, dass Maßnahmen des Hitzeschutzes dagegen bis heute kaum Beachtung finden in unserem öffentlichen Baurecht, wenn ohne sie doch offensichtlich Leben und Gesundheit in weit stärkerem Maße gefährdet sind?
Hitzeschutz als öffentliche Aufgabe
Die andauernde Hitze in Kombination mit der außergewöhnlichen Dürre weckte bei mir die Erinnerung an ein Szenario, welches das Grünbuch 2020 zur öffentlichen Sicherheit skizziert. Klimawandel und Wetterextreme werden darin als eine von drei wesentlichen Herausforderungen für die öffentliche Sicherheit beschrieben. Die Handlungsempfehlungen zeigen, dass auch die aktuell auf Bundesebene in Sachen Hitzeschutz kontrovers diskutierte Neuordnung von Zuständigkeitskompetenzen 2020 schon auf dem Tisch lag. So lautet eine von zahlreichen Empfehlungen: eine Überprüfung der Sicherheitsarchitektur und Stärkung von Bundeskompetenzen – einschließlich der Einführung eines nationalen Hitzeaktionsplans.
Hitzeschutz ist längst nicht mehr nur eine Frage der Behaglichkeit, sondern eine, die die menschliche Gesundheit existenziell betrifft. Es liegt nahe, dass dies auch neue interdisziplinäre Kooperationen schafft, wie die gemeinsamen Papiere, Veranstaltungen und Handreichungen der Architekten- und Ärztekammern unter anderem in Baden-Württemberg, Berlin und Niedersachsen zeigen.
Appell an die politischen Entscheider:innen
Wie so oft ist auch zu diesem Thema wohl längst alles gesagt und es mangelt nicht an Erkenntnissen. Mögen die diesjährigen Erfahrungen endlich auch auf politischer Ebene die Dinge ins Rollen bringen und in wirksamen Maßnahmenpaketen enden - bevor der Sommer vergessen ist oder sich die nächste Krise auf die Agenda drängt.
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