Ressourcen neu denken
Zum 18. Mal nahm sich der Europan-Wettbewerb für junge Architektinnen und Architekten der urbanen Problemzonen an – mit professionellen Ergebnissen.
Seit 1989 gibt es den paneuropäischen Wettbewerb Europan in 19 Ländern. Die zwei deutschen Standorte lagen dieses Mal beide in Bayern: Am Nordrand von Regensburg sollte ein gemischtes, autoarmes und möglichst klimaneutrales Quartier entwickelt werden. In der oberfränkischen Gemeinde Speichersdorf ging es um eine revitalisierende Innenentwicklung. 252 Teilnehmende reichten Arbeiten für diese zwei ein, europaweit waren es für die 47 Standorte 804 Arbeiten. Die Jury unter Vorsitz der Münchner Stadtbaurätin Elisabeth Merk vergab jeweils einen ersten Preis, der immerhin mit 12.000 Euro dotiert war.
Rezepte für Suburbia
In Regensburg galt es, den noch agrarisch genutzten Raum zwischen zwei Vororten geordnet zu entwickeln. Solche gut erschlossenen Lagen drohen sonst über die Jahre „zuzuwuchern“. Stattdessen war das Ziel eine 15-Minuten-Stadt. Das Preisträgerteam mit dem Titel „zam wachsn“ (zusammenwachsen) wahrt eine breite grüne Zäsur in Form eines Biotop-Parks und entwickelt darum herum fünf morphologisch vielfältige, sämtlich niedergeschossige Quartiere, meist aus offenen Höfen, unter anderem aber auch aus dem zu Unrecht vernachlässigten Bautyp Gartenhofhaus. In seiner pragmatischen Anpassung an die Gegebenheiten wirkt das Konzept in der Körnung realistisch. Markant heraus ragen indes multifunktionale Mobility Hubs, die formal den Regensburger Geschlechtertürmen entlehnt sind.
Das mit einer Anerkennung bedachte Konzept „Green City Puzzle“ setzt hingegen durchweg auf „poröse“, kleinteilig aufgedröselte Blöcke, in denen sich die Nutzungen mischen sollen. Dass beide Konzepte die Peripherie dabei weiter hinaustreiben, liegt am Auslober, sei aber kritisch angemerkt. Genau genommen geht es hier nicht darum, wie in der Themenstellung formuliert, „bestehende Ressourcen klug [zu] nutzen – anstatt auf Abriss und Neubau zu setzen“, sondern um durchgrüntes Siedlungswachstum, das Regensburg mit seinen 170.000 Einwohnerinnen und Einwohnern weiter zu brauchen glaubt, nun halt „im Einklang mit natürlichen Prozessen“, wie es in der Auslobung heißt.
Der Europan-18-Wettbewerb fordert junge Architekt:innen und Planer:innen in ganz Europa auf, neue Entwurfsstrategien zu erproben und mit ihnen Projekte zu entwerfen, die bestehende Ressourcen klug nutzen – anstatt auf Abriss und Neubau zu setzen.
Auszug der Pressemeldung – E18
Eine Landgemeinde integrieren
Im 5.800 Einwohner kleinen Speichersdorf (in der Nähe von Bayreuth) ging es hingegen um echte Innenentwicklung: Die eher zerstreute Siedlung ohne rechtes Zentrum zu integrieren und zu durchmischen, eben Ressourcen klug zu nutzen, war das Ziel. Das Preisträgerteam mit dem Entwurf „Erholsame Produktivräume“ wertet die bislang monofunktional genutzten Agrarflächen ökologisch auf (etwa durch Pflanzungen oder Solardächer) und macht sie zugleich für die Bevölkerung erlebbar.
So entsteht ein vielseitiger Freiraumtypus, der Produktion, Energiegewinnung und Erholung miteinander verbindet – „ein überzeugendes Beispiel für Re-Sourcing im besten Sinne“, lobt die Jury. Außerdem verknüpft das Konzept die bestehenden Anziehungspunkte im Siedlungsgebiet durch fußläufige Verbindungen. Für die untergenutzte Festhalle schlagen sie ein Datenzentrum vor, dessen Abwärme in das Gemeindenetz eingespeist wird.
Das mit einer Anerkennung bedachte Konzept „IDEENWERK creative engine“ betont die Bedeutung der soliden Bausubstanz als ortsbildprägende Architektur in zentraler Lage und möchte diese deshalb zu einem „kreativen Motor“ für die weitere Speichersdorfer Entwicklung machen. Außerdem möchte es an die lange handwerkliche Tradition Speichersdorfs, beispielsweise die Porzellanherstellung, anknüpfen. Dem Team schwebt als Zukunftsprojekt vor, die marode Festhalle in ein multifunktionales Zentrum umzuwandeln.
Möglicher Start in eine Karriere
Beide Preisträgerteams werden als Nächstes an Workshops in den Gemeinden teilnehmen. Eine Umsetzung in einen Rahmenplan und auch hochbauliche Teile sei vorgesehen, heißt es von den auslobenden Kommunen.
Vielerorts führten Europan-Wettbewerbe in der Vergangenheit zu solchen Erstaufträgen für junge Talente, die dann nicht selten zu bekannten Büros wurden. Dass wieder Hunderte Nachwuchskräfte an dem Wettbewerb teilnahmen, zeigt nur, wie gering für sie im Alltag die Aufstiegschancen geworden sind. Ausschreibung und Ergebnisse sind auf der Website des Europan dokumentiert.
Und schon beginnt die Vorbereitung für das Verfahren von Europan 19, das 2027 erneut unter dem Thema „Re-Sourcing“ stehen wird. Kommunen und Städte, die am nächsten Europan-Verfahren teilnehmen möchten, können sich ab sofort bewerben.