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Im Raum erkennen wir den Wandel

Teil 2 von 3: Wandel im Raum ist messbar. Unterschiedliche Methoden helfen, rational mit Veränderung umzugehen, Risiken frühzeitig zu erkennen und passende Anpassungsstrategien zu entwickeln. Im Zentrum: das Prinzip der Doppelten Raumwirksamkeit.

Constantin Alexander
10.02.2026 6min
Infrastruktur Weiterbauen Stadtplanung Bundesweit
Stadtansicht: Breiter Platz bei Sonnenuntergang mit drei markanten Hochhäusern; gelber Doppeldeckerbus und Lichtspuren des Verkehrs; Schilder „DB“ und „Bahnhof Potsdamer Platz“.
© Rico Wasikowski/Getty Images

„Im Raume lesen wir die Zeit.“ Der Name des 2003 erschienenen Buchs des Historikers Karl Schlögel fasst es prägnant zusammen: Die großen geopolitischen Veränderungen lassen sich gut anhand von geografischen Daten erklären. Wer dies „lesen“ kann, erkennt Risiken frühzeitig und kann Ideen für das eigene Handeln ableiten.  

Wie im ersten Teil erläutert, sind Megatrends und Disruptionen und deren Auswirkungen auf Raum und unseren Umgang damit nichts Neues. Und doch zeigt ein Blick in Fach- und Massenmedien, dass Phänomene wie der Strukturwandel, der demografische Wandel oder der Klimawandel bei Unternehmen, Ämtern oder Organisationen Unsicherheit und Abwehr auslösen. Einen richtigen Konsens, wie wir im Kontext von Stadt- und Regionalentwicklung mit der aktuellen Polykrise umgehen sollten, gibt es nicht. Dies liegt vor allem an zwei Gründen:

  1. Pfadabhängigkeit: In jeder Disziplin gibt es bestimmte Eigenlogiken, Erfolgsindikatoren, vorgegebene Prozesse und Ziele. Sie ermöglichen Routinen, geben Orientierung und vereinfachen Komplexität. Diese Pfade zu verlassen, erfordert Mut sowie Kosten und ist mit Unsicherheiten verbunden. Doch eine Haltung, die von einem „Weiter so“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht“ geprägt ist, stößt irgendwann an Grenzen. Es ist wie in der Natur: Wer sich nicht anpasst, verschwindet. 
  2.  Fehlendes Wissen: Mit der Pfadabhängigkeit verbunden ist häufig ein Silodenken, also das Verlassen auf die vermeintlichen Wahrheiten der eigenen Disziplin. Doch unzählige wissenschaftliche Studien und Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass komplexe Probleme besser inter- oder vielleicht sogar transdisziplinär gelöst werden. 

Für beide Herausforderungen gibt es geeignete Ansätze. Um Transformationen zu identifizieren, zu messen und in einen Bezug zum Raum zu setzen, orientiert man sich am besten am Prinzip der Reflexivität. Also der relationalen, reaktiven gegenseitigen Beeinflussung; der Eigenschaft des sich aufeinander Beziehens und Rückbeziehens.

Diagramm: Links „Input“ (ökologisch, gesellschaftlich, ökonomisch, kulturell) → Mitte „Entität“ (Stakeholder, Raum, Organisation etc.) → rechts „Output“ (Produkte & Dienstleistungen; Artefakte & Kultur; Care & Resonanz; Ökosystemleistungen).
Doppelte (Raum-)Wirksamkeit – Entitäten werden von Inputfaktoren beeinflusst, zum Beispiel ökologischen, gesellschaftlichen, ökonomischen oder kulturellen. Gleichzeitig produzieren Entitäten – also Raum und dessen Nutzung – Output, unter anderem in Form von Produkten oder Dienstleistungen, kulturellen Artefakten und Resonanz sowie Ökosystemleistungen. © Constantin Alexander

Wechselwirkungen verstehen und erkennen: die Methode der Doppelten Raumwirksamkeit 

Innerhalb dieser Kontexte lässt sich das Prinzip der Reflexivität – samt Vor- und Nachteilen – anhand der sogenannten Doppelten Raumwirksamkeit gut erläutern. Die Methode unterscheidet zwei Seiten: Einerseits bezeichnet sie die konkrete Manifestation von Veränderungen im Raum. Andererseits erfasst sie die Wirkung von Raum und Raumnutzung auf andere Entitäten – also wie Räume, Strukturen und Immobilien auf Menschen, Natur, Organisationen oder Institutionen wirken. Beides ist quantitativ wie qualitativ messbar. 

Für eine Anwendung der Methode Doppelte Raumwirksamkeit an Cases wie einzelnen Immobilien, Quartieren, Städten oder Regionen müssen folgende Gesichtspunkte integriert werden.

Der Einfluss auf die Wesentlichkeit:

Was ist wesentlich für eine Raumnutzung, also relevant für die ökologische, gesellschaftliche, ökonomische oder kulturelle Produktivität und Funktion? Megatrends (wie Klimawandel, Digitalisierung oder der demografische Wandel) oder Disruptionen (wie Extremwetter, eine Pandemie oder ein Krieg) können diese Wesentlichkeit verändern oder sogar beenden.

Die potenzielle Superposition:

Damit werden Einflussfaktoren bzw. Effekte beschrieben, die sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben. Die Raumwirksamkeit ist also mitunter Chance und Risiko gleichzeitig. Brachen haben beispielsweise keine ökonomische Produktivität, können aber Habitat für Flora und Fauna sein.

Die Dauer und Stärke:

Beschreibt die Quantität und Qualität des Entwicklungseinflusses sowie dessen Andauern. Ein Beispiel ist das Wetter und das Klima: Während ein Unwetter einen disruptiven Charakter haben kann, führt dies nur selten zu einer kompletten Transformation eines Raums. Eine andauernde Veränderung des Wetters durch den Klimawandel hingegen hat allumfassende Auswirkungen auf die Wesentlichkeit der von ihr betroffenen Objekte.

Die Latenz:

Dabei handelt es sich um eine mögliche zeitliche oder auch geografische Verzögerung zwischen einem Ereignis und dem Effekt. Damit verbunden ist außerdem der sogenannte Hysterese-Effekt, das Fortdauern einer Wirkung, selbst wenn dessen Ursache nicht mehr existiert. Es gibt eine gewisse Trägheit zwischen einem Ereignis und einer Entwicklung und dessen Auswirkung auf Raum sowie Nutzung. Das macht es für Politik und Verwaltung mitunter so schwierig, einzugreifen: Denn bevor etwas eine positive Wendung nimmt, kann es manchmal Jahre dauern.

Kausalität und Korrelation:

Aufgrund verschiedener Faktoren ist die konkrete Bestimmung einer (potenziellen) Auswirkung eines Megatrends bzw. einer Disruption auf Raum(-nutzung) schwierig. Veränderungen in der Funktion oder Produktivität können einen kausalen Zusammenhang mit Entwicklungen haben. Sie können aber auch (nur) Korrelationen sein. Hier lohnt es sich immer – wie in der Wissenschaft üblich – kritisch mit sich, der Methode und möglichen Interpretationen zu sein und auch die eigenen Biases, also (Vor-)Prägungen zu reflektieren.

 Graustufen‑Heatmap über Stadtbezirkskarte; höchste Dichte im Zentrum bis in den Süden, weitere Hotspots punktuell in mehreren Vierteln.
Raumnutzungen in Hamburg ... © Constantin Alexander, Karte: Open Street Map
Zweite Graustufen‑Heatmap; stärkster Hotspot im Zentrum, zahlreiche kleinere Flecken in Außenbereichen; mehrere ausgefüllte schwarze Areale verteilt.
... und Hannover mit erhöhtem Obsoleszenz-Risiko. Untersucht wurden Entitäten, die vom Mobilitätswandel, der Digitalisierung von Handel und Arbeit oder vom Religiösitätswandel betroffen sind. Deutlich erkennbar: die Ballung in der jeweiligen Innenstadt, wo eine monofunktionale Ausrichtung auf Einzelhandel und Büroarbeit dominiert. Die angewandte Methode Obsoleszenz-Risiko-Index (ORI) wurde im Rahmen des von der Robert Bosch Stiftung geförderten Forschungsprojekts „Die obsolete Stadt“ entwickelt. © Constantin Alexander, Karte: Open Street Map

Obsoleszenz-Risiko-Index als Methode zur Identifikation von drohendem Leerstand 

Auf dieser Basis wurde im Rahmen des von der Robert Bosch Stiftung geförderten Forschungsprojekts „Die obsolete Stadt“ (2020–2023) der sogenannte Obsoleszenz-Risiko-Index (ORI) entwickelt: eine Methode der Risikoanalyse, um Raumnutzungen in ein Verhältnis zu setzen. Sie kann zu bestimmten Entwicklungen wie Megatrends ableiten, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine bestimmte Entität ihre Produktivität, Funktion oder Integration verliert. Innerhalb des Projekts lag der Fokus auf den Städten Hamburg und Hannover. Die untersuchten Megatrends, die in eine Beziehung mit bestimmten Raumnutzungen gesetzt wurden, waren der Mobilitätswandel, die Digitalisierung von Handel und Arbeit sowie der Religiösitätswandel. Die Methode lässt sich aber auch auf andere Megatrends oder Disruptionen sowie auf andere Regionen anwenden.  

Ein paar Jahre nach Abschluss des Projekts lässt sich anhand der Kartierungen nicht nur ableiten, wo die größten Obsoleszenz-Risiken zum Untersuchungszeitpunkt lagen: Ein Vergleich mit der aktuellen Situation vor Ort zeigt an mehreren Stellen, dass es seit der ersten Analyse 2020 zu Leerstand und somit zu Schadschöpfung durch Verlust von Arbeitsplätzen, Steueraufkommen und sonstiger ökonomischer, gesellschaftlicher oder kultureller Wertschöpfung gekommen ist. An einigen Stellen haben die Verantwortlichen die Transformation jedoch früh genug erkannt und Maßnahmen der Mitigation oder sogar Transformation eingeleitet.


Dieser Beitrag ist Teil einer mehrteiligen Artikelserie zum Thema Obsoleszenz und knüpft an das Forschungsprojekt „Die obsolete Stadt“ (2020–2023) an, das unter Förderung der Robert Bosch Stiftung entstand. Im Zentrum stand die Frage, welche städtischen Räume durch Digitalisierung, Mobilitätswende und gesellschaftlichen Wandel ihre Funktion verlieren – und wie sie für eine nachhaltige Stadtentwicklung neu gedacht werden können. Ebenfalls aus dem Forschungsprojekt entstanden sind die Publikationen:
 

© JOVIS Verlag

Die obsolete Stadt Wege in die Zirkularität

Stefan Rettich / Sabine Tastel  
JOVIS Verlag
ISBN 978-3-98612-034-4 

© Birkhäuser Verlag

Rethinking Obsolete Typologies Transformation Potentials and Scenarios

Anamarija Batista und Julia Siedle
Birkhäuser Verlag
ISBN 9783035628050

Constantin Alexander

Politikwissenschaftler und Nachhaltigkeitsökonom

Constantin Alexander ist Politikwissenschaftler und Nachhaltigkeitsökonom. Er promovierte an der Leuphana Universität Lüneburg zu Transformation, Krise und Kreativität in Organisationen und im Raum. Als Dozent lehrt er an mehreren Hochschulen zu Nachhaltigkeit, Wirtschaft und Stadtentwicklung; als Berater begleitet er Unternehmen, Organisationen und Kultureinrichtungen bei nachhaltiger Entwicklung und Beteiligungsprozessen. http://www.calexander.de