Modernisierung mit Verspätung: Wie NRW seine Bahnhöfe saniert
An vielen Bahnhöfen in Nordrhein-Westfalen wird fleißig geplant und gebaut – mit dem Ziel, den großen Sanierungsstau der Schieneninfrastruktur aufzuholen. Ein Bericht zur aktuellen Lage der Bahnhöfe in Nordrhein-Westfalen.
Zerbrochene Fensterscheiben, notdürftig von Klebeband zusammengehalten, eingefasst von einer historischen Stahlkonstruktion mit hohem Sanierungsbedarf: Noch vor drei Jahren gab die Ostseite des Duisburger Hauptbahnhofs ein jämmerliches Bild ab. Der Zustand der Gleishallen glich einem „Lost Place“, dabei ist der Bahnhof in Duisburg mit rund 61.000 Passagieren täglich einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte in NRW. Heute begrüßt „Die Welle“, eine moderne Stahl-Glas-Konstruktion, die Reisenden am Osteingang des Bahnhofsgebäudes, das noch bis 2028 im laufenden Betrieb saniert wird. – Es ist Nordrhein-Westfalens größtes Bahnhofssanierungsprojekt mit einem Investitionsvolumen von rund 260 Millionen Euro. Doch nicht nur in Duisburg wird investiert, auch an vielen weiteren NRW-Standorten wird fleißig geplant und gebaut – mit dem Ziel, den großen Sanierungsstau der Schieneninfrastruktur aufzuholen.
Derweil gehen in Duisburg die Arbeiten gut voran. So vermeldete die Deutsche Bahn im Oktober 2025, dass man mit dem Projekt weiterhin im Zeitplan liege. Aktuell lässt sich noch beobachten, wie die alten Gleisüberdachungen, die zusammen mit dem Empfangsgebäude (Architektur: Reichsbahnoberrat Johannes Ziertmann) in den Jahren 1931 bis 1934 errichtet wurden, Stück für Stück abgerissen werden. Die Konstruktion war zur Erbauungszeit eine architektonische Neuheit: Das Bauwerk im Stil der neuen Sachlichkeit erhielt eine „schwebende“ Überdachung, die aus einer vollständig verschweißten Stahlkonstruktion gebildet wurde – in dieser Größenordnung damals deutschlandweit ein Novum.
Duisburg macht „Die Welle“
Mit dem Rückbau schwindet ein Stück Duisburger Geschichte. Es soll Platz geschaffen werden für ein neues, modernes und komfortableres Gebäude. Die geschwungene, wellenförmige Dachkonstruktion aus Stahl und Glas mit Holzverkleidung (Architektur: DB Station&Service AG, Duisburg / Fassadenplanung: Werner Sobek, LPH 3 – 6) lässt durch die transparente Gestaltung viel Licht auf die Gleise fallen. Sie hat die gleichen Grundmaße wie die alte Halle und wird durch schlanke Stahlstützen auf dem Bahnsteig getragen. Zu den wichtigsten Neuerungen des Umbaus gehören zudem die Ausstattung mit neuen digitalen Informationssystemen und der barrierefreie Ausbau der Station.
„Schöner ankommen in NRW“
Um die Kommunen in NRW bei der Sanierung zu unterstützen, hat das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen im Rahmen der Initiative Bau.Land.Bahn das Programm „Schöner ankommen in NRW“ ins Leben gerufen. Das Programm soll Städten und Gemeinden zudem unter anderem dabei helfen, Entwicklungspotenziale auf den Bahnliegenschaften zu erkennen, rechtliche und technische Erfordernisse zu klären sowie Möglichkeiten zur Nutzung von Fördermitteln aufzuzeigen. Zudem ist ein Ziel des Programms, die Anbindung der Bahnhöfe an die Stadtteile zu verbessern und so lebendige Bahnhofsquartiere zu ermöglichen.
20 Bahnhöfe in NRW
2021 wurde ein „Letter of Intent“ zwischen der Deutschen Bahn und dem Land Nordrhein-Westfalen geschlossen. Dabei wurden 20 Bahnhofsgebäude für die Modernisierung innerhalb des Programms ausgewählt – darunter viele mittelgroße Bahnhöfe wie Ahlen, Düren, Haltern, Neuss, Schwerte und Krefeld. Das Land NRW unterstützt das Projekt im Rahmen der Städtebauförderung mit einem Anteil von 50 bis 80 %t. Die Bahn übernimmt einen Teil des Eigenanteils der Kommune. Die Kommune selbst muss dabei mindestens zehn Prozent der Kosten tragen.
Erhalt historischer Bahnhofsbauten
Ein Blick auf die Bahnhofslandschaft in NRW zeigt, dass vielerorts – trotz der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg – noch historische Bausubstanz vorhanden ist. Die denkmalgerechte Sanierung dieser Gebäude stellt für die kommenden Jahre eine enorme Herausforderung dar. Aktuell nehmen hier gleich mehrere Vorhaben zur Bestandssanierung Fahrt auf. So haben die Deutsche Bahn und die Stadt Haltern am See im Oktober 2025 eine Realisierungs- und Finanzierungsvereinbarung für das dortige Bahnhofsgebäude abgeschlossen, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut wurde. Die energetische Sanierung von Fassade, Fenstern und Türen und die Modernisierung der Innenräume sollen dabei im Vordergrund stehen. Auch in Schwerte sollen Reisende demnächst in einem denkmalgerecht sanierten Empfangsgebäude von 1905 „schöner ankommen“. Angestrebter Baubeginn für beide Projekte ist 2027. Darüber hinaus laufen in Dinslaken, Wanne-Eickel, Mönchengladbach und Wuppertal Planungen im Rahmen des Förderprojektes an.
Bahnhöfe der Deutschen Bahn „befriedigend“
Bei insgesamt 692 Personenbahnhöfen in Nordrhein-Westfalen bleibt die Bahnhofssanierung – neben der Streckenertüchtigung und -erneuerung – eine Mammutaufgabe für den Ausbau der Infrastruktur im Lande. Ein Bericht der DB‑Tochter InfraGO zum Zustand aller Bahnanlagen und Bahnhöfe deutschlandweit stellt fest, dass sich die Lage 2025 zumindest erstmals nicht gegenüber dem Vorjahr verschlechtert hat. Die Anlagen seien im Schnitt mit der Schulnote „3“ zu bewerten.
Um die Schiene im Sinne der Verkehrswende wieder attraktiver zu machen, dürfte das allerdings nicht ausreichen. Auch stadtplanerisch sind Bahnhofsgebäude von großer Bedeutung. Entstanden viele Bahnhöfe entlang neuer Schienenstrecken am Stadtrand, sind die Städte heute vielfach längst um sie herumgewachsen. In den nordrhein-westfälischen Großstädten sind die Hauptbahnhöfe zumeist die Eintrittspforte. Ob sie als Visitenkarten taugen, steht auf einem anderen Blatt.
Bestand weiterdenken
Einige Bahnhofssanierungen der letzten Jahre zeigen, wie sich historische Substanz modern nutzen lässt. So wurde 2019 im ostwestfälischen Bünde das historische Bahnhofsgebäude durch das Lübecker Planungsbüro BKS Architekten umfassend umgebaut und modernisiert. Der Entwurf erhielt die markanten
Giebelhäuser als identitätsstiftende Elemente und ergänzte diese durch zeitgenössisch moderne Neubauten. Die Verbindung zwischen den historischen Giebelhäusern erfolgt über einen neu gestalteten Riegel, dessen Überhöhung in der Mitte eine lichtdurchflutete Bahnhofshalle schafft. Diese architektonische Geste dient als einladende Öffnung zur Stadt.
NRW holt auf – aber auf der langen Strecke zwischen maroder Bausubstanz und moderner Mobilität bleibt noch viel zu tun. Wenn Bahnhöfe wieder zu Orten werden, an denen man nicht nur ankommt, sondern auch gerne verweilt, könnte das ein starkes Signal für die Verkehrswende sein.