Cohousing mitten im Dorf
Alte Möbel, Studierende auf der Baustelle, ein Leerstand weniger: Im Interview erklärt die Architektin Dorothee Linneweber, warum Bauen im Bestand und die Arbeit am Quartier zusammengehören.
Gemeinschaftswohnprojekte, gestalterisches Aufwerten von Vierteln, Treffpunkte – Dorothee Linneweber und ihr junges Team haben Erfahrung mit ressourcenschonendem Bauen und treiben Quartiersentwicklung voran. Eines ihrer Projekte wurde dafür 2025 mit dem Bundespreis „Soziale Stadt“ ausgezeichnet. Jetzt hat die Architektin ein altes Bestandsgebäude mit viel Recycling und mithilfe des Berufsnachwuchses saniert – und dieses beim Tag der Architektur präsentiert.
Das Studio
Das Studio
Das interdisziplinär aufgestellte Büro Linneweber Architektur + Quartier hat Standorte in Düsseldorf und Soest. Schwerpunkte sind ressourcenschonendes Bauen im Bestand und Sanierung sowie Quartiersmanagement. Dorothee Linneweber lehrte an der Fachhochschule Aachen. Die Projekte in Ostönnen hat sie am Tag der Architektur 2026 der Öffentlichkeit vorgestellt.
DAB Redaktion Nordrhein-Westfalen: Frau Linneweber, Sie haben sich von Ihrem ursprünglichen Büroschwerpunkt „Bauen im Bestand“ verstärkt auf Quartiersmanagement fokussiert. Warum?
Dorothee Linneweber: Beim Quartiersmanagement sehe ich größere Chancen, Bauen und gesellschaftliche Entwicklungen zusammenzuführen. Beim Bauen sind wir Architekt:innen stark an wirtschaftliche und baukonstruktive Zwänge, an Regelwerke und Vorgaben gebunden. Mich interessiert in der Arbeit aber sehr stark das Prozesshafte, das Entwickeln von Lösungen, das Interdisziplinäre. Das bringt nicht nur sehr nachhaltige Ergebnisse, menschliche Belange treten auch viel direkter in Erscheinung. Mir sind die Aufgaben am liebsten, bei denen es auf clevere Alltagslösungen für viele ankommt, entwickelt mit verschiedensten Akteur:innen.
Welche Aspekte finden Sie dabei besonders wichtig?
Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, wie stark die Umgebung auf den Menschen einwirkt. Oft setzen schon kleinste Veränderungen wie Farbe oder Pflanzen an den Wänden erste Impulse. Ansprechende Gebäude und eine gute Freiraumgestaltung machen Menschen optimistischer und inspirierter. Als Architekt:innen haben wir eine Verantwortung für die Wechselwirkung zwischen gebauter Umwelt und Alltagsverhalten, ja Prägung der Menschen.
Wie können Architekt:innen dazu beitragen, Quartiere, Dörfer oder Dorfkerne zu reaktivieren?
Leer stehende, verfallene oder schlecht genutzte Häuser können schnell die Struktur eines Quartiers oder eines Dorfes zerstören. Im Dorf Ostönnen bei Soest haben wir solch ein Objekt gekauft, in dem vieles der Instandsetzung bedurfte, und es als Cohousing-Projekt aufgearbeitet. Das war für das Dorf etwas völlig Neues. Jetzt wohnen dort sechs junge Menschen, teils aus dem Ausland. Bei der Sanierung haben wir, wo immer es ging, Bauteile und Mobiliar wiederverwendet. Und als das Nachbarhaus frei wurde, folgte ein zweites Cohousing-Projekt.
Welche Rolle hat der Berufsnachwuchs bei diesem Projekt gespielt?
Eine große. In zwei Camp-Modulen haben Studierende praktisch beim Umbau geholfen. So lernten sie das Dorfleben kennen, sammelten aber vor allem Erfahrung. Wie gehe ich mit Werkstoffen um? Was ist möglich, wo liegen Grenzen? Das wurde als Baustellenpraktikum anerkannt. Wir haben beispielsweise experimentiert, welche Oberfläche Faschen und Sockel bekommen, damit sie zur romanischen Kirche gegenüber passen.
Sie arbeiten viel mit jungen Menschen zusammen. Wie ist Ihr Eindruck: Worauf legen diese Wert beim Bauen und Wohnen?
Die Kosten spielen eine wesentliche Rolle. Gleichzeitig erlebe ich, dass es für viele erstaunlich schwer ist, gewohnte Denkmuster zu verlassen. Bin ich in einem Einfamilienhaus aufgewachsen, dann möchte ich selbst auch meinen Kindern ein Aufwachsen im Einfamilienhaus ermöglichen. Die Idee von Cohousing wirkt für viele schon exotisch. Deshalb brauchen wir gute Beispiele und Vorbilder, die begeistern.
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q3/2026 für Nordrhein-Westfalen.
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