Wenn Fassaden mehr können müssen: Neue Antworten auf den Klimawandel aus dem Projekt MULTICARE
Wie lässt sich die Gebäudehülle so planen, dass sie künftigen Extremwetterereignissen standhält? Ein europäisches Forschungsvorhaben sucht eine übertragbare Strategie.
Mit dem Klimawandel gehen zunehmend auch Extremwetterereignisse einher. Neben einer direkten Gefahr für die Menschen hinterlassen sie teils massive Schäden an unserer gebauten Umwelt. Zukünftige Ereignisse sind zeitlich kaum vorhersehbar und ihre individuellen Auswirkungen regional sehr unterschiedlich. Von unseren Bauwerken erwarten wir Sicherheit und Beständigkeit, optimalen Innenraumkomfort sowie größtmögliche energetische Leistungsfähigkeit bei einer Nutzungsdauer von 70 Jahren und darüber hinaus. Wie können wir Gebäude und Konstruktionen heute so auslegen, dass sie künftigen, auch extremen Anforderungen gewachsen sind, um diesen hohen Erwartungen dauerhaft gerecht zu werden?
Von der Stadt zur Fassade
Dieser Fragestellung begegnet das EU-geförderte Horizont-Europa-Forschungsprojekt MULTICARE auf unterschiedlichen Skalierungsebenen: vom Städtebau über die Gebäude bis in die Fassade und deren individuelle Bauteile. Dabei werden mögliche Schadensereignisse wie zum Beispiel Hitzewellen, Hochwasser oder Erdbeben berücksichtigt und mit Nutzer- und Nachhaltigkeitsanforderungen sowie bautechnischen Rahmenbedingungen in Einklang gebracht. Der Projektansatz liegt entgegen der Entwicklung einzelner innovativer Technologien in der Erschließung einer ganzheitlichen Planungsmethodik. Ziel ist die Herleitung einer Leitlinie für die Auswahl und das intelligente Zusammenspiel von Materialien und Bauteilen in resilienten Plug-and-Play-Gesamtsystemen.
Reale Projekte, konkrete Anforderungen
Ausgangspunkt der Entwicklung sind reale Bauvorhaben an unterschiedlichen Standorten in Europa. Dazu zählt ein Neubauprojekt in Amsterdam sowie zwei Gebäudesanierungen in Italien und Rumänien. Jedes dieser Vorhaben unterliegt individuellen wirtschaftlichen, technischen und funktionalen Rahmenbedingungen. Diese werden in der Projektbearbeitung analysiert und je nach geografischer Lage mit den Anforderungen an eine klimaresiliente Bauweise abgeglichen. Ziel ist es, aus der Bearbeitung dieser konkreten Anwendungsfälle übergreifende Erkenntnisse zu gewinnen und eine übertragbare Handlungsstrategie als Leitfaden abzuleiten.
Aufgrund ihrer vielschichtigen Rolle als Vermittler zwischen Außen- und Innenraum mit umfangreichen bauphysikalischen Funktionen stellt die Planung klimaresilienter Fassaden eine besondere Herausforderung dar. MULTICARE ermöglicht hier zunächst das Erkennen standortspezifischer Umweltrisiken, die in Gefährdungsprofile einer Fassade übersetzt werden. Daraus leiten sich konkrete Entwurfsparameter für die jeweilige Fassadenkonstruktionen ab.
Die Auswahl leistungsfähiger sowie nachhaltiger Materialien und Bauteile wird durch die Bereitstellung eines Technologiekatalogs unterstützt. Im Rahmen des Forschungsprojekts wurde zudem ein Konfigurationstool entwickelt, das Planende bei der Auslegung resilienter Fassadenkonstruktionen und ihrer Evaluierung anhand von technischen, ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Key-Performance-Indikatoren (KPIs) unterstützt.
Eine wichtige Erkenntnis der bisherigen Entwicklungen liegt im Vorteil modularer, reversibler Fassadensysteme: Sie ermöglichen einen schnellen Austausch einzelner Materialien und Komponenten im Schadensfall sowie die vergleichsweise schnelle Nachrüstung der Konstruktion angesichts unvorhersehbarer zukünftiger Rahmenbedingungen, Anforderungen oder Herausforderungen.
Amsterdam als Anwendungsfall
Beispielsweise in der Anwendung des MULTICARE-Planungsansatzes auf den Demonstrator-Standort in Amsterdam wurde ein kombiniertes Gefährdungsprofil hoher Windlasten, Niederschläge und prognostizierter Temperaturanstieger identifiziert. Die fokussierten Entwurfsziele lagen deshalb auf einer erhöhten Dichtigkeit und einem gesteigerten Dämmniveau bei möglichst geringem Instandhaltungs- und Wartungsaufwand. Im resultierenden Konstruktionsvorschlag besteht die primäre Fassadenebene aus Brettsperrholz(CLT)-Elementen mit standardisierten Dichtungen und vorgefertigten Fassadenprofilen.
Angesichts der identifizierten Gefährdungen wurde das Konfigurationstool eingesetzt, um drei Varianten modularer Fassadenkonzepte zu entwickeln, die das Thema der Resilienz aus den Perspektiven solare Energiegewinnung, CO₂-arme Bauweise und Grünfassade adressieren.
Vom Entwurf zum Betrieb
Ein weiterer Baustein der MULTICARE-Strategie ist die kontinuierliche Erfassung und Bewertung des Fassadenzustands in Echtzeit. Dadurch können vorausschauend Instandhaltungs- und/oder Ertüchtigungsstrategien umgesetzt werden, bevor Schäden zu Leistungseinbußen oder Ausfällen des Systems führen. Hierfür wird Sensorik in die Funktionsschichten der Fassade integriert, um Umgebungsbedingungen, Energieperformance und den baulichen Zustand kontinuierlich zu erfassen und zu bewerten. Die Sensordaten können im Gebäudebetrieb direkt für die Umsetzung responsiver Fassadenfunktionen genutzt werden. Gleichzeitig liefern sie ein detailliertes Datenbild für zukünftige Planungen.
In einer Weiterverfolgung der Strategie sind zusätzliche Services wie zum Beispiel: Instandhaltungskonzepte mit Abschätzungen der verbleibenden Nutzungsdauer von Komponenten sowie die Bereitstellung eines Frühwarnsystems bei Leistungsabfall oder drohendem Bauteilversagen denkbar.
Vor dem Einsatz in den Demonstratorfassaden werden die entwickelten MULTICARE-Konstruktionslösungen aktuell als Prototypen umgesetzt und umfangreich auf ihre strukturelle Leistungsfähigkeit, Ausführbarkeit sowie bauphysikalischen Eigenschaften getestet. Die abschließende Bewertung der tatsächlich erzielten Klimaresilienz erfolgt dann im Rahmen der Realumsetzung an den verschiedenen Standorten ab Frühjahr 2027.
Über das Forschungsprojekt MULTICARE
Über das Forschungsprojekt MULTICARE
An dem Projekt MULTICARE sind insgesamt 21 Partner aus sechs verschiedenen europäischen Nationen beteiligt. Alle erforderlichen Disziplinen von Planung, Digitalisierung, Fertigung, Montage bis in die Bauüberwachung sind in dieser länderübergreifenden Zusammenarbeit involviert. Mit ersten Forschungsberichten und veröffentlichten Fachartikeln liefert das Projekt schon jetzt wichtige Erkenntnisse und Handwerkszeuge für die Planung klimaresilienter Gebäude und Fassaden.
Mehr Informationen dazu liefert die Projekthomepage: https://multicare-project.eu/
Das könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven DAB Update!