Die Logik der Fügung
Rückbaubarkeit als Nebeneffekt: Beim Neubau der Salzburg AG in Seekirchen führte das Streben nach Klimaaktiv Gold zu sortenreinen Lösungen, ohne dass dies zum Dogma erhoben wurde.
Die Geschäftsstelle der Salzburg AG in Seekirchen von ao Architekten entsteht als zentrale Anlaufstelle für Kund:innen und Mitarbeitende im Flachgau. Der Neubau reagiert auf ein heterogenes Umfeld zwischen Gewerbe, Wohnbebauung und Verkehrsinfrastruktur mit einem klar gefassten, selbstbewussten Baukörper. Die Funktionen sind topografisch ablesbar organisiert: Lager- und Garagenbereiche im Erdgeschoss, darüber Büroflächen mit eingeschnittenen Außenräumen. Konstruktiv handelt es sich um einen hybriden Bau: Ein massives, teilweise in den Hang eingebettetes Erdgeschoss aus Stahlbeton trägt ein darüberliegendes Holzgeschoss. Das Stützenraster setzt sich über alle Ebenen fort, wodurch Lastabtrag, Konstruktion und Nutzung logisch aufeinander abgestimmt sind. Die Sichtbarkeit der Tragstruktur folgt der Nutzung: Im Erdgeschoss mit Lager- und Servicefunktionen bleibt die Holzdecke sichtbar, während in den Bürogeschossen Stützen und Teile der Unterzüge ablesbar sind und die Decke aus funktionalen Gründen abgehängt wird.
Die konstruktive Klarheit des Gebäudes ist kein formales Statement, sondern Ergebnis konkreter planerischer Entscheidungen. Welche Rolle das Klimaziel spielte, wie Material- und Konstruktionsfragen abgewogen wurden – und wo die Grenzen von Rückbaubarkeit und Sortenreinheit liegen –, erläutert Tragwerksplaner Niklas Fritz von Merz Kley Partner im Gespräch.
DAB: Sortenreines Bauen gilt noch nicht als Mainstream. Auch bei der Geschäftsstelle der Salzburg AG stand Rückbaubarkeit zunächst nicht im Fokus. Was hat den Ausschlag gegeben?
Niklas Fritz: Der zentrale Planungsparameter war das Ziel, eine klimaaktiv-Gold-Zertifizierung zu erreichen. Dieses Ziel hat viele Entscheidungen beeinflusst – sowohl auf der Materialebene als auch konstruktiv. Wenn man sich auf einen solchen Standard festlegt, muss man darauf reagieren und bestimmte Systeme, Materialien und Konstruktionsweisen, aber auch Produktionen und Transportwege hinterfragen. In diesem Prozess sind Lösungen entstanden, die heute als sortenrein oder rückbaubar gelesen werden. Das war weniger ein bewusst formuliertes Leitmotiv als vielmehr das Ergebnis der Auseinandersetzung mit den Klimazielen.
Was war der konstruktive Ansatz hinter der Tragstruktur?
Ein zentrales Prinzip war der Verzicht auf Holz-Beton-Verbundkonstruktionen. Im Erdgeschoss übernehmen Stahlbetonstützen und -wände die Lastabtragung, während die Decke über dem Erdgeschoss bereits in Holzbauweise ausgeführt ist und die darüberliegenden Geschosse vollständig als Holzbau realisiert sind. Dabei setzt sich das Stützenraster über alle Ebenen fort: Alle Stützen stehen übereinander, sodass der Lastabtrag konstruktiv klar nachvollziehbar ist. Ein wichtiger Punkt sind die Auflager- und Stützenlösungen. Durch die Ausbildung von Stützenkopfverbreiterungen können die Träger sehr einfach aufliegen. Das ist statisch effizient, konstruktiv klar und auch vergleichsweise einfach rückbaubar. Natürlich gäbe es andere Anschlussmöglichkeiten, diese wären jedoch deutlich aufwendiger in der Herstellung und Montage. So bleibt die Konstruktion und Materialwahl in den wesentlichen Bereichen sichtbar.
Ich glaube, dass Rückbaubarkeit bei vielen Projekten derzeit eher ein Marketingthema ist.
Niklas Fritz
Sortenreinheit wird oft als Voraussetzung für Rückbaubarkeit verstanden. Auf welcher Ebene war das bei diesem Projekt relevant – beim Material oder beim Bauteil?
Sortenreinheit war bei diesem Projekt kein Ziel an sich, sondern ergibt sich aus der konstruktiven Logik. Durch den bewussten Verzicht auf Holz-Beton-Verbundkonstruktionen bleiben die Materialien zunächst einmal klar getrennt. Wenn man über Rückbaubarkeit spricht, muss man aber auch unterscheiden, auf welcher Ebene man das überhaupt sinnvoll denken kann. Man kann es natürlich auf die Spitze treiben und jedes einzelne Verbindungsmittel wiederverwenden wollen – das ist in der Praxis aber kaum realistisch.
Die entscheidende Frage ist eher, welche Bauteile als Ganzes wiederverwendbar sein sollen. Tragende Elemente wie Stützen, Träger oder Deckenelemente haben hier ein ganz anderes Potenzial als einzelne Schrauben oder Platten. Gerade bei Brettstapel- oder Brettsperrholzdecken ist es möglich, diese Elemente auszubauen, zu kürzen oder an andere Geometrien anzupassen. Die Bauteile verlieren dabei nicht an Festigkeit. Verkleinern ist in der Regel gut machbar – problematisch wird es eher bei hoch spezialisierten Elementen, die sehr stark auf ein konkretes Gebäude zugeschnitten sind. Insofern ist Sortenreinheit weniger eine Frage des einzelnen Materials als der gewählten Bauteilgröße und der konstruktiven Einfachheit.
Wie weit ist Rückbaubarkeit heute tatsächlich in der Baupraxis angekommen?
Ich glaube, dass Rückbaubarkeit bei vielen Projekten derzeit eher ein Marketingthema ist. Die Projekte, bei denen das wirklich konsequent durchgedacht und bis ins Detail umgesetzt wird, sind nach wie vor eher die Ausnahme. Gleichzeitig können wir so, wie wir bisher bauen, nicht weitermachen. Die Ressourcen sind begrenzt, und deshalb muss das Ziel sein, Materialien möglichst lange im Kreislauf zu halten. Dabei geht es nicht um Downcycling, also das schrittweise Abwerten von Materialien, sondern um wirkliche Wiederverwendung. Das erfordert einen realistischen Blick auf Konstruktionen, Bauteile und Prozesse – und nicht zuletzt die Bereitschaft, sich von einfachen Schlagworten zu lösen.