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The Baukunst Dynamites: Kollaboration und Experiment

The Baukunst Dynamites legen mit dem Weiterbau des Hölzel-Hauses ein beachtliches Debüt hin und zeigen, wie Freiberuflichkeit gelingt.

 

Alexander Russ
28.02.2024 10min
Selbstständigkeit Junge Büros Beruf Bundesweit
Das Hölzel-Haus: Das 1905 errichtete Wohnhaus des Malers Adolf Hölzel wurde von Sarah Behrens und Ina Westheiden saniert und erweitert – mit einer entfärbten Kopie, die geisterhaft aus der Villa heraus zu treten scheint. © Philip Kottlorz

Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Kollaboration und Experiment“ im Deutschen Architektenblatt 03.2024 erschienen.

Es ist die grundlegende Frage, die sich fast jeder Architekturstudent irgendwann stellt: „Mache ich mich selbstständig – und wenn ja, wie?“ Sarah Behrens und Ina Westheiden von The Baukunst Dynamites haben diese Frage mit einem entschiedenen „Ja“ beantwortet. Und sie gehen dabei ihren ganz eigenen Weg.

Architekturlabel statt Büroname

Das zeigt schon der ungewöhnliche Büro-Name – der von den beiden Architektinnen allerdings nicht unbedingt gewählt wurde, um Aufmerksamkeit zu erregen. Stattdessen soll er laut Sarah Behrens eine Haltung transportieren.

Denn sie bezeichnen sich nicht als Büro, sondern als Label: „Wir haben uns von Anfang an als Architekturlabel verstanden, das in einem Netzwerk als großes Team agiert. Es ging uns darum, dass wir uns frei, flexibel, dynamisch und ohne starre Struktur entwickeln können. The Baukunst Dynamites klang für uns nach einem Sportteam oder einer Popband, die diese Dynamik im Namen aufgreift.“

Die Haltung einer hierarchiefreien, büroübergreifenden Zusammenarbeit ist seit einigen Jahren populär unter jungen Architekten – und durchaus erfolgreich. So gewann zum Beispiel das Architekturkollektiv Assemble aus London 2015 den renommierten Turner Prize.

The Baukunst Dynamites: Ina Westheiden (l.) und Sarah Behrens © Philip Kottlorz

Paradigmenwechsel: Kollektiv statt Stararchitekt

Ein weiteres Beispiel ist die Architekturgenossenschaft Lacol aus Barcelona, in der alle Mitarbeiter gleichberechtigt sind. Auch in Deutschland haben sich in den letzten Jahren junge Architektinnen und Architekten zusammengefunden, um Kollektive zu gründen, beispielsweise ON/OFF in Berlin, DIESE Studio in Darmstadt oder Kollektiv A in München (Vorstellung in diesem Beitrag).

Ihr Selbstverständnis steht im größtmöglichen Kontrast zum überlebensgroßen Stararchitekten – der ohnehin wenig mit dem Alltag in Architekturbüros zu tun hat. Für The Baukunst Dynamites geht es aber nicht nur um einen Paradigmenwechsel, sondern auch um ganz pragmatische Dinge, wie Sarah Behrens erläutert:

Es braucht ein gutes Team

„Bauaufgaben sind gerade für ein junges Architekturlabel unglaublich komplex. Deshalb braucht man ein gutes Team. Das besteht bei uns aber nicht nur aus The Baukunst Dynamites, sondern aus einem Geflecht von möglichen Kooperationspartnern, die sich gegenseitig helfen, diese Komplexität zu meistern.

Copy and Paste: Für die Erweiterung des Hauses des Malers Adolf Hölzel haben The Baukunst Dynamites ein Gebäudesegment verdoppelt. Die Kopie legt sich als entfärberter Doppelgänger um das Original. © THE BAUKUNST DYNAMITES

The Baukunst Dynamites: der erste Auftrag

Kooperativ ging es auch schon bei der Bürogründung zu. Den Anfang machte das Hölzel-Haus: Das 1905 errichtete Wohnhaus des Malers Adolf Hölzel wurde von Sarah Behrens und Ina Westheiden saniert, barrierefrei ausgebaut und erweitert. Für das Projekt sollte ursprünglich ein Architekturwettbewerb ausgelobt werden, der sich speziell an Absolventen der Stuttgarter Kunstakademie richtete.

„Ein klassischer Wettbewerb fand dann gar nicht statt, weil sich stattdessen eine Gruppe von fünf AbsolventInnen zusammengefunden hatte, zu der Ina Westheiden und ich gehörten. Wir kannten uns alle vom Studium und hatten das Gefühl, dass wir lieber zusammen als gegeneinander arbeiten wollen“, sagt Sarah Behrens über die Entstehungsgeschichte. „Am Schluss haben dann meine Partnerin und ich das Projekt bis zur letzten Leistungsphase durchgezogen. Zeitgleich zum Hölzel-Haus haben wir The Baukunst Dynamites gegründet.“

Vervielfältigt: Das bodenständige Hölzel-Haus ist durch seine ungewöhnliche Erweiterung zum Hingucker geworden. © Philip Kottlorz

Erinnerung an Adolf Hölzel

In dem villenartigen Gebäude, in dem Adolf Hölzel, ein Wegbereiter der Moderne, bis 1934 lebte, hat heute eine Stiftung ihren Sitz. Gegründet wurde sie 2005 von Doris Dieckmann-Hölzel, der Enkelin des Malers. Hier finden Lesungen, Vorträge, Ausstellungen und Führungen statt, die an Hölzels künstlerisches Erbe erinnern sollen.

Im Erdgeschoss befinden sich Archiv- und Verwaltungsräume. Im ersten Obergeschoss kann man eine Ausstellung mit den Arbeiten des Malers besichtigen. Zudem gibt es eine Wohnung für Stipendiaten im Dachgeschoss. Im neu hinzugefügten Anbau, der 2022 fertiggestellt wurde, ist eine Kunstschule untergebracht, die Kurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene anbietet. Dafür entwarfen die Architektinnen eine Erweiterung, die sie als „Doppelgänger Reloaded“ bezeichnen.

Unscheinbare Villa wird zum Hingucker

Der in einer Villengegend im Stuttgarter Süden gelegene Bestandsbau präsentiert sich als großzügiges, wenn auch architektonisch unscheinbares Haus. Ein großes Mansardendach mit Biberschwanzziegeln thront über dem verputzten Gebäudevolumen in beige-weiß-braunem Farbanstrich.

Umso überraschender mutet die Entscheidung der Architektinnen an, die exakte Kopie eines Gebäudesegments in Holzrahmenbauweise zu erstellen, das sich als entfärbter Doppelgänger L-förmig um den Bestand legt. Da der ehemalige Haupteingang nur über eine kleine Treppe zu erreichen ist, erfolgt der barrierefreie Zugang nun ein Geschoss tiefer vom Garten aus.

Ausgestellt: Im Raum zwischen neuer und alter Hülle wirkt das Hölzel-Haus selbst wie ein Ausstellungsstück. © Philip Kottlorz

Spielerisches Raumgefüge zwischen Neu und Alt

Von dort betritt man einen zweigeschossigen Luftraum, in dem sich augenblicklich das räumliche und gestalterische Potenzial des Konzepts offenbart. Die Gegenüberstellung von Alt und Neu erzeugt hier ein spielerisches Raumgefüge, in dem die ehemaligen Dach- und Fassadensegmente zur räumlichen Skulptur werden.

Dabei wird die damit einhergehende Überlagerung von Zeitschichten nicht nur durch die Geometrie der Gebäudeteile, sondern auch durch die Materialität und deren Textur erzeugt: Statt gelb verputzten Wänden und rötlichen Ziegeln weist der Anbau Betonziegel und eine grau-weiße Farbgebung auf. Im Innern treffen seine schwarz-weißen Terrazzofliesen auf die beige-braunen Terrazzofliesen des Bestands.

Ermöglicht: Im neu gewonnenen Raum zwischen alter und neuer Außenwand finden nun Kunstkurse statt. © Philip Kottlorz

Zeitschichten sichtbar machen

Hinzu kommen lisenenartige Vorsprünge auf den inneren Wand- und Dachflächen des neuen Gebäudeteils, die als Hinweis auf die Raumstruktur des Altbaus dienen. „Das Gebäude wurde in der Vergangenheit öfter mal saniert und umfasst deshalb auch Elemente, die nicht aus der Originalzeit stammen. Wir haben bewusst mit diesen unterschiedlichen Zeitschichten gearbeitet und sie 1 : 1 kopiert. Einerseits wollten wir dadurch den Bestand respektieren. Anderseits wird das Gebäude, das vor unserem Umbau ein alltägliches Bauobjekt war, durch subtile Überlagerungen plötzlich zu etwas Besonderem“, fasst Sarah Behrens das Konzept zusammen.

Wohnen mit Morris: ein Zimmer, viele Funktionen

Ein weiteres Beispiel für den kollaborativen Ansatz des Büros ist das Projekt „Wohnen mit Morris“, bei dem The Baukunst Dynamites 2020 eine 36 Quadratmeter große Wohnung in Stuttgart sanierten. „An den Auftrag sind wir über unseren Bekanntenkreis gekommen. Zuerst klang die Aufgabe eher nach der klassischen Sanierung einer kleinen Mietwohnung. Als wir den Bauherrn dann näher kennenlernten, zeigte sich immer mehr, dass er sehr aufgeschlossen und experimentierfreudig war“, sagt Sarah Behrens über das Projekt. Das Ergebnis ist eine Einraumwohnung, in der Arbeiten, Wohnen, Kochen, Essen und Schlafen in einem flexiblen Raumgefüge zusammengefasst sind.

Hoch und weg: Beim "Wohnen mit Morris" lässt sich das Bett nach oben klappen und gibt den Raum frei. © Philip Kottlorz
The Baukunst Dynamites haben die Einraumwohnung mit Vorhängen zoniert. Die Farben stehen für verschiedene Funktionen. © Philip Kottlorz
Namensgeber für das Apartment ist der britische Arts-and-Crafts-Künstler William Morris, dessen Stoffmuster "Willow Bough" verwendet wurde. © Philip Kottlorz
Durch opake und transluzente Vorhänge lassen sich das im Raum platzierte Küchen- und Badelement oder das Sofa hinzufügen oder abtrennen. © Philip Kottlorz
Die Installationen wurden offen auf Putz verlegt. © Philip Kottlorz
Wände und Möbel sind weiß, um nicht mit den farbigen Vorhängen zu konkurrieren. © Philip Kottlorz
Die ornamentale Textur der Stoffvorhänge wirkt geheimnisvoll und lässt Türen scheinbar verschwinden. © Philip Kottlorz
Auch der Stauraum verschwindet hinter den Vorhängen. © Philip Kottlorz
Küche und Bad liegen sehr kompakt Rücken an Rücken. © Philip Kottlorz
So sieht der Raum aus, wenn das Essen im Mittelpunkt steht. © THE BAUKUNST DYNAMITES
Und so, wenn das Arbeiten die Hauptrolle spielt. © THE BAUKUNST DYNAMITES
Und so in privateren Stunden, wenn auch das Bad hinzugeschaltet wird. © THE BAUKUNST DYNAMITES

Vorhänge zonieren die Wohnung

Durch opake und transluzente Vorhänge lassen sich die einzelnen Funktionen, wie das frei im Raum platzierte Küchen- und Badelement, je nach Bedarf hinzufügen oder abtrennen. Mit ihrer ornamentalen Textur bilden die Stoffvorhänge einen Kontrast zur offen verlegten Haustechnik und dem weiß gehaltenen Mobiliar.

Die äußerste Vorhangschicht dient als Namensgeber für das Apartment, da die Architektinnen den vom britischen Arts-and-Crafts-Künstler William Morris entworfenen Stoff Willow Bough verwendeten. So wird die Wohnung zum spielerischen Raumwunder, mit dem Sarah Behrens und Ina Westheiden auch einen Gegenentwurf zur Funktionstrennung der Moderne entwickeln wollten.

Zum Geld verdienen parallel angestellt

Auch wenn diese ersten Projekte Aufmerksamkeit erregten, arbeiteten die beiden noch während der Umsetzung des Hölzel-Hauses parallel in Architekturbüros, um Geld zu verdienen. Zudem sammelten sie Erfahrungen in der Lehre – zum Beispiel am Reallabor Space Sharing der Kunstakademie Stuttgart, einem Forschungsvorhaben, das sich auf experimentelle Weise mit neuen Nutzungsmöglichkeiten in Bestandsgebäuden auseinandersetzt.

So bauten sie schrittweise ihre Selbstständigkeit auf, bevor sie 2019 endgültig den Sprung in die Vollzeit wagten. Bislang hat das Büro keine festen Angestellten. The Baukunst Dynamites besteht aus den beiden Bürogründerinnen, die sich bei Bedarf Freelancer, Werkstudentinnen oder Praktikanten für Wettbewerbe oder spezifische Bauaufgaben hinzuholen.

Architektur an der Schnittstelle zur Kunst

Ihre Büroräume befinden sich in den Wagenhallen, einem Kulturraum mit Ateliers, Büroflächen und Werkstätten am Stuttgarter Nordbahnhof. Sarah Behrens erzählt: „Das künstlerische und kreative Umfeld hier gefällt uns sehr gut. Wir verstehen uns zwar als Architektinnen, arbeiten aber meist sehr konzeptionell an der Schnittstelle zur Kunst.“

Beispiele dafür sind zwei Installationen in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung: Zum einen eine architektonische Glückwunschkarte in Form eines Lamettavorhangs, mit dem das Weissenhofmuseum zum fünfjährigen Jubiläum des Unesco-Weltkulturerbes Le Corbusier verkleidet wurde – eine Verfremdung, mit der The Baukunst Dynamites in spielerischer Weise auf den Bau und seine Geschichte aufmerksam machen wollten.

Was bleibt? Was geht?

Zum anderen eine Installation, die Sarah Behrens und Ina Westheiden für das IBA-27-Festival entwickelten. Dafür entwarfen die Architektinnen ein Turmgerüst, das nahe der Weissenhofsiedlung positioniert wurde. Es wirkte als Landmarke in die Stadt hinein und fragte in großen, darauf angebrachten knallroten Buchstaben: „Was bleibt? Was geht? Was kommt?

Damit sollte die Installation unter anderem das Erbe und die Zukunft der Stuttgarter Architekturmoderne am Weissenhof thematisieren – eine Frage, bei der The Baukunst Dynamites ein Teil der Antwort sein könnten.

Alle Beiträge zum Thema finden Sie in unserer Rubrik Nachwuchs

© privat

Alexander Russ

Freier Journalist München

Alexander Russ ist freier Journalist und lebt in München. Er hat in verschiedenen Architekturbüros gearbeitet und war Redakteur bei Baumeister und Topos. Neben Architekturkritiken schreibt er unter anderem über Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Mobilitätsthemen.