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„Schularchitektur muss veränderbar und charaktervoll sein“

Welche Räume braucht zeitgemäßes Lernen? Ein Gespräch mit der Architektin Tanja Remke über neue pädagogische Konzepte, räumliche Qualitäten und das Zusammenspiel von Architektur und Bildung.

Architektenkammer Niedersachsen
20.10.2026 6min
Vier Kinder sitzen in zwei Nischen mit roten Wänden und lesen, davor steht ein Tisch mit einem Stuhl
Neuordnung und Sanierung Kooperative Gesamtschule Leeste, Weyne. Sieger des Niedersächsischen Staatspreises für Architektur 2022. Architektur: REMKE + PARTNER, Barsinghausen.
Frank Schinski

DAB Redaktion Niedersachsen: Für die Sanierung der KGS Leeste haben Sie 2022 den Niedersächsischen Staatspreis für Architektur erhalten. Damals galt das Projekt als Beispiel dafür, wie eine klassische Schule aus den 1970er-Jahren zu offenen Lernhäusern weiterentwickelt werden kann. Vier Jahre später: Was hat sich im Schulalltag tatsächlich bewährt und gibt es etwas, das Sie heute anders planen würden?

Tanja Remke: Grundsätzlich hat sich mein Eindruck gefestigt: Das Clusterkonzept mit offenen, differenzierten Lernlandschaften hat sich bewährt. Bei meinen Besuchen wurde mir immer wieder gespiegelt: Niemand möchte die alte Flurschule zurück. Besonders tragfähig sind die robusten, vielfältig aneignungsfähigen Differenzierungsmöbel, die gute Akustik und die innenräumliche Atmosphäre aus Alt und Neu. Ich bin überzeugt, dass diese Qualitäten von den Schülerinnen und Schülern wahrgenommen werden und der Raum als „dritter Pädagoge“ nachhaltig wirken kann.

Gleichzeitig nehme ich wahr, wie wichtig ein Verständnis darüber ist, dass ein Projekt auch nach Eröffnung nicht fertig ist. Damals gab es einen intensiven Partizipationsprozess und eine gemeinsam erlebte Projektgeschichte mit einem Gefühl des Aufbruchs: Aus einem abgenutzten Bestandsgebäude wurde eine neue Schule mit gemeinsamen Lernclustern. Bei meinem letzten Besuch waren diese jedoch deutlich weniger belebt als zu Nutzungsbeginn. Vielleicht hatte ich einen ungünstigen Tag erwischt. Diese Momentaufnahme hat mir aber etwas Grundsätzliches verdeutlicht: Gute Räume allein reichen langfristig nicht aus, um pädagogische Konzepte umzusetzen.

Bauliche Entwicklung und Schulentwicklung müssen Hand in Hand gehen. Neben dem baulichen Projektteam braucht es ein ebenso engagiertes pädagogisches Entwicklungsteam, das sich für den Wandel verantwortlich fühlt – auch nach dem Einzug. Das war in Leeste der Fall. Vielleicht hätten wir als Planende jedoch, im Sinne einer LP 10, länger an Bord bleiben können: um die veränderten Rollen der Lehrkräfte, Teamarbeit und neue Lernformen mit den räumlichen Möglichkeiten, die Lerncluster bieten, auch über das Projektende hinaus zusammenzubringen. Neue Konzepte müssen erprobt, eingeübt und weiterentwickelt werden. Veränderung braucht Zeit, Aufmerksamkeit und Kommunikation. Diese Erkenntnis nehmen wir in unsere aktuellen Schulprojekte mit.

Eine konkrete Sache würde ich heute anders planen: konsequent genderneutrale Toilettenanlagen. Da waren wir damals noch nicht so weit. Unsere aktuellen Projekte zeigen uns, welchen Mehrwert gut durchdachte Lösungen für die gesamte Schulgemeinschaft bieten können. 

Frank Schinski
Zur Person

Prof. Dr. Tanja Remke

Architektin und Innenarchitektin

Prof. Dr. Tanja Remke ist Inhaberin des Architektur- und Innenarchitektur-Büros Remke + Partner in Barsinghausen und Studiengangsleitung Innenarchitektur Fernstudium an der Internationalen Hochschule.

Seit dem 1. August 2026 gilt der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung zunächst für Erstklässlerinnen und Erstklässler; allein zum Schuljahr 2026/27 sind in Niedersachsen 237 weitere Ganztagsschulen hinzugekommen. Wenn Kinder nicht mehr nur Unterrichtsstunden, sondern einen großen Teil ihres Tages in der Schule verbringen: Welche räumlichen Qualitäten werden im Schulbau Ihrer Erfahrung nach noch immer unterschätzt?

Die Frage zeigt zunächst ein Dilemma vieler Städte und Gemeinden. Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung bedeutet für sie zusätzliche Aufgaben bei ohnehin angespannten Haushalten und begrenzten personellen Kapazitäten. Es ist nachvollziehbar, dass der räumliche Mehrbedarf häufig nur innerhalb enger Spielräume umgesetzt werden kann. Dann geht es um Mehrfachnutzungen, Modul- oder Containerbauten und eine möglichst wirtschaftliche Ausführung. Gleichzeitig erleben wir, dass der Ganztag gesellschaftlich ausdrücklich begrüßt und der Schulbau als Schwerpunktaufgabe verstanden wird. Niemand möchte „an den Kindern sparen“. Genau in diesem Spannungsfeld bewegen wir uns.

Unterschätzt wird dabei aus meiner Sicht, welche Bedeutung die Aufenthaltsqualität gewinnt, wenn Schule einen großen Teil des Tages ausfüllt. Räume prägen uns, bewusst oder unbewusst. Gerade Kinder, die zu Hause keine idealen Bedingungen vorfinden, brauchen eine Umgebung, die ihnen Wertschätzung vermittelt und ihre Entwicklung unterstützt. Dazu gehören Gemeinschaftsflächen ebenso wie Rückzugsbereiche, Möglichkeiten für Bewegung und Ruhe sowie unterschiedliche Materialien und Atmosphären, die anregen und die Kreativität fördern. Die Frage „Kann der Ganztag auch im Klassenraum stattfinden?“ lässt sich deshalb erst beantworten, wenn wir fragen: Was ermöglicht dieser Raum über den Unterricht hinaus?

All das muss nicht teuer sein. Gerade das Einfache, bewusst Unfertige und das Sichtbarlassen des Bestandes können Ausgangspunkte einer eigenständigen Gestaltung sein. Eine solche Haltung arbeitet mit den verfügbaren Ressourcen und entdeckt darin räumliche Möglichkeiten. Dafür braucht es gestalterische Sorgfalt, etwas Mut auf allen Seiten und einen gemeinsamen Entwicklungsprozess. So können besondere Orte entstehen, mit denen sich Lernende und Lehrende identifizieren, in denen sie sich zu Hause fühlen und die ihnen Rückhalt geben.

Neben dem baulichen Projektteam braucht es ein ebenso engagiertes pädagogisches Entwicklungsteam, das sich für den Wandel verantwortlich fühlt – auch nach dem Einzug.

Prof. Dr. Tanja Remke

Architektin und Innenarchitektin

Viele neue Schulkonzepte arbeiten mit Lernclustern, Lernmitten und Flächen, die nicht eindeutig „Klassenraum“ oder „Flur“ sind. Wie weit sind unsere Bauvorschriften, Brandschutzkonzepte und Verwaltungsabläufe inzwischen auf diese Art von Schule eingestellt und wo planen Architektinnen und Architekten noch gegen Strukturen an, die von der klassischen Flurschule ausgehen?

Auch hier erlebe ich ein Sowohl-als-auch. Die Vorschriften entwickeln sich nur langsam weiter. Mit der neuen Muster-Schulbau-Richtlinie in der Fassung vom September 2025 werden nun ausdrücklich auch Lerncluster und offene Lernlandschaften unter dem Begriff „Lernbereiche“ berücksichtigt. Das ist ein wichtiger Fortschritt. Entscheidend ist allerdings die Umsetzung durch die Länder. In Niedersachsen fehlt bislang eine entsprechend aktualisierte landesweite Regelung, obwohl Clusterkonzepte inzwischen zum Planungsalltag gehören.

Umso wichtiger ist die frühe und enge Zusammenarbeit mit Brandschutzplanenden und Genehmigungsbehörden. Gerade bei Sanierungen lassen sich Lernbereiche nicht unabhängig von der vorhandenen Gebäudestruktur zuschneiden. Kubatur, Erschließung und Rettungsweglängen geben Bedingungen vor, mit denen wir umgehen müssen. Hier gilt es, individuelle Lösungen und gegebenenfalls Kompensationen zu entwickeln, die die brandschutztechnischen Schutzziele erfüllen und gleichzeitig die räumliche Qualität erhalten. Eine Lernmitte muss schließlich auch als solche nutzbar bleiben.

Unsere Erfahrungen mit dieser Zusammenarbeit sind überwiegend positiv. Fast alle Brandschutzplanenden, mit denen wir in den vergangenen Jahren gearbeitet haben, waren mit Clusterkonzepten vertraut und haben mit uns nach praxisnahen Lösungen gesucht. Ähnliches erleben wir in den Verwaltungen. Die gemeinsame Sichtweise ist also vielfach vorhanden. Trotzdem bleibt der Weg zur Genehmigung stark von der Erfahrung und dem Engagement einzelner Beteiligter abhängig.

Es sollte nicht sein, dass vergleichbare Konzepte an einem Ort ermöglicht werden und andernorts an fehlender Erfahrung oder Unsicherheit scheitern. Eine zügige Umsetzung der neuen Muster-Richtlinie würde eine verlässlichere Grundlage schaffen. Individuelle Bewertungen bleiben gerade im Bestand notwendig; das sieht auch die neue Musterfassung vor. Sie sollten aber auf einem gemeinsamen Verständnis zeitgemäßer Schulräume aufbauen.

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Eine Schule, die heute gebaut oder grundlegend saniert wird, soll mehrere Jahrzehnte funktionieren, obwohl niemand weiß, wie Unterricht in zwanzig oder dreißig Jahren organisiert sein wird. Was bedeutet für Sie deshalb wirklich „flexibel“? Muss Architektur möglichst neutral und veränderbar sein, oder braucht gute Schule im Gegenteil sehr präzise, charaktervolle Räume?

Für mich ist das kein „oder“, sondern ein „und“: Schularchitektur muss veränderbar UND charaktervoll sein. Niemand von uns weiß, wie Unterricht in zwanzig oder dreißig Jahren organisiert sein wird, welche pädagogischen Konzepte sich entwickeln und welche Rolle Digitalisierung und KI dabei spielen werden. Gerade deshalb brauchen wir Räume, die Veränderungen mittragen können.

Damit meine ich ausdrücklich keine generischen, neutralen Räume – etwa im Sinne einer Messehalle, die jede Woche ein anderes Thema aufnimmt. Flexibilität entsteht für mich durch vielfältige Raumangebote: große und kleine, offene und geschlossene, auf einfache Weise veränderbare und unterschiedlich kombinierbare Räume. Ein Klassenraum, dessen Möblierung und Ausstattung ausschließlich auf Frontalunterricht ausgerichtet sind, bietet wenig Spielraum. Ein etwas großzügigerer Raum, der unterschiedliche Anordnungen ermöglicht und über große Sichtfenster mit der gemeinsamen Mitte verbunden ist, eröffnet mehr Möglichkeiten. Unterricht kann in der Klasse stattfinden oder binnendifferenziert in kleineren Gruppen, verteilt über das ganze Lernhaus.

Das ist die funktionale Ebene. Auf der gestalterischen Ebene braucht es präzise und charaktervolle Räume. Über Material, Farbe, Licht und Proportion erhält eine Schule Individualität und ein Gesicht. Wertschätzende Gestaltung kann Identifikation und Aneignung fördern und damit auch zu einem sorgsamen Umgang beitragen. Ob eine Schule experimentell oder pragmatisch gestaltet ist, sagt zunächst wenig über ihre funktionale Flexibilität aus.

Im Idealfall entwickeln wir beides parallel und partizipativ: Welche räumlichen Möglichkeiten braucht diese Schulgemeinschaft, wohin möchte sie sich pädagogisch entwickeln? Und welche Gestaltsprache passt zum Bestand, zum pädagogischen Konzept, zu den Ressourcen und den Anforderungen an Nachhaltigkeit? So entsteht eine Schule, die einen eigenen Charakter besitzt und zugleich für Veränderungen offen bleibt. 

Architektenkammer Niedersachsen

DAB Redaktion Niedersachsen
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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