Im Tandem zum Raum als pädagogischem Instrument
Innenarchitekt René Damian Pier spricht im Interview über das Prinzip, nach dem er Schulen (über)plant: Erst die Pädagogik, dann der Raum. Und er lobt das Bundesprogramm „Startchancen“.
Gabriele Renz: Bildungsbauten sind ein USP ihres Stuttgarter Innenarchitektur-Büros. Wie kam es?
René Pier: Unsere Arbeit im Schulbau begann im Jahr 2000 mit einem Wettbewerb für das Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung, das sogenannte ISELAB in der Isestraße in Hamburg. Es folgte unter anderem das spannende Konversionsprojekt ZFSL in Oberhausen: Schulungszentrum statt Kaufhalle. Auf der Bildungsmesse didacta kam ich mit einer Schulbauberaterin und dem mir bereits bekannten Leiter Ganztag bei SBH | Schulbau Hamburg ins Gespräch über Lernförderlichkeit im Ganztag und die Frage, welche Räume eine veränderte Pädagogik eigentlich braucht. Dadurch ergab sich ein Kontakt mit der Burgschule Plochingen, wo es darum ging, vier lernförderliche Räume für den Ganztag und den regulären Schulalltag zu entwickeln. Das war der Einstieg in die Arbeit mit dem Startchancenprogramm. Von der ersten Begegnung auf der didacta bis zur Nutzung der Räume vergingen nur rund sieben Monate.
Bislang hieß es bei Bildungsbauten eher: Innenarchitektur? Das macht der Hochbau mit!
Für den Neubau gilt das nach wie vor – leider. Weil überwiegend zuerst die Hülle gedacht wird und dann die „Füllung“. Das ist aus meiner Sicht nicht zielführend. Bildungsbau muss nicht immer Neubau bedeuten. Viel häufiger geht es darum, vorhandene Räume neu zu lesen, bislang wenig genutzte Flächen zu aktivieren und mit gezielten Eingriffen neue Möglichkeiten zu schaffen. Im Bestand können relativ kurzfristig Räume entstehen, die Kindern neue Möglichkeiten eröffnen, während der Neubau langwierige planerische und Finanzierungsvorläufe braucht. Das Förderprogramm „Startchancen“ erlaubt, Pädagogik und Raum gemeinsam zu entwickeln.
Was kann das „Startchancen“-Programm?
Es eröffnet nicht nur neue Möglichkeiten für Schulen, sondern auch ein neues Handlungsfeld für die Innenarchitektur. Für Innenarchitektinnen und Innenarchitekten ist das Zusammenspiel der ersten beiden Programmsäulen interessant: Säule II stellt den Schulen ein Budget für bedarfsgerechte Maßnahmen der Schul- und Unterrichtsentwicklung zur Verfügung. Säule I ermöglicht Investitionen in eine zeitgemäße und förderliche Lernumgebung. Die große Chance liegt darin, beide Prozesse zusammen zu betrachten. Wenn sich Pädagogik verändert, müssen sich Räume mit ihr verändern. Wir planen derzeit mehrere Grundschulen, gefördert durch das Startchancen-Förderprogramm. Interesse und Nachfrage sind groß.
Wie gehen Sie an die Aufgabe heran?
Innenarchitektur bewegt sich immer an der Schnittstelle von Mensch und Raum, von Bestand und Veränderung, von Möbel und Gebäude. Sie kann pädagogische Anforderungen in räumliche Systeme übersetzen und gleichzeitig dafür sorgen, dass aus Einzelmaßnahmen ein zusammenhängendes räumliches Konzept entsteht. Innenarchitektinnen und Innenarchitekten können bereits parallel zur pädagogischen Bedarfsermittlung tätig werden. Im Bestand ist das entscheidend.
Der Raum wird selbst zu einem Instrument des Lernens.
René Damian Pier
Freier InnenarchitektWas ist die Besonderheit Ihrer Herangehensweise?
Es braucht zwingend einen gemeinsamen Entwicklungsprozess, etwa indem sich Tandems aus pädagogischer Schulentwicklung und Innenarchitektur bilden. Beide betrachten die Schule aus unterschiedlichen Perspektiven. Schulleitung, Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie pädagogische Prozessbegleitung formulieren Anforderungen aus dem Schulalltag und entwickeln Vorstellungen davon, wie Lernen zukünftig organisiert werden soll: Wie viel Selbstständigkeit kann und soll Schülerinnen und Schülern übertragen werden? Welche Orte benötigen gemeinschaftliches Lernen, Rückzug, Kommunikation, Bewegung, Forschung oder kreatives Arbeiten? Innenarchitektinnen und Innenarchitekten untersuchen parallel dazu den Bestand, räumliche Potenziale, funktionale Zusammenhänge und Möglichkeiten der Umsetzung. Daraus formt sich ein pädagogisches Konzept. Wird dieses konsequent räumlich weitergedacht, entsteht daraus eine raumgestützte pädagogische Schulentwicklung. Der Raum ist dann nicht mehr das nachträglich ausgestattete Gefäß eines pädagogischen Konzepts. Er wird selbst zu einem Instrument des Lernens.
Spricht man die gleiche Sprache?
Entscheidend ist tatsächlich die Übersetzung der pädagogischen Ziele in räumliche Anforderungen. Gleichzeitig können räumliche Möglichkeiten neue pädagogische Ideen auslösen. Es entsteht ein iterativer Prozess, in dem Pädagogik und Raum sich gegenseitig weiterentwickeln. So entsteht eine belastbare Grundlage für die Prüfung, welche Maßnahmen den jeweiligen Förderzielen und Fördervoraussetzungen entsprechen.
Neue Lernorte im Vorhandenen als Zukunftsfeld?
Unbedingt! Bauen im Bestand ist ein Heimspiel für Innenarchitekt:innen. Der Bedarf ist da und das Potenzial groß. Viele Schulen verfügen nicht über die Möglichkeit, kurzfristig zusätzliche Flächen zu schaffen. Gleichzeitig werden vorhandene Flächen häufig viel zu eindeutig genutzt: Klassenzimmer sind zum Lernen da, Flure zur Erschließung. Wir fragen, was passiert, wenn wir die Grenzen neu betrachten. Besonders die Aktivierung von Fluren kann zusätzliche Lernorte schaffen. Aus reinen Verkehrsflächen können differenzierte Bereiche für Einzelarbeit, Kleingruppen, Kommunikation oder Rückzug entstehen. Dabei geht es nicht darum, einen Flur lediglich mit Möbeln auszustatten. Vielmehr müssen Brandschutz, Akustik, Aufsicht, Orientierung, Robustheit und pädagogische Nutzung gemeinsam gedacht werden. Hier beginnt eine ureigene Aufgabe der Innenarchitektur: Modulare pädagogische Checkpoints können sich mit dem Bestand verbinden und unterschiedliche Lernsettings ermöglichen. Möbel, Innenausbau, Akustik, Licht, Material und bestehende Architektur verschmelzen zu einer neuen räumlichen Infrastruktur. In der Burgschule steht gerade die weiterführende Planung an: Die Aktivierung der Flure – parallel zur Freiheitsmatrix, die die Schule inzwischen entwickelt hat.
Kein Kunstraum mehr, kein Chemieraum?
Natürlich braucht es unterschiedliche Orte, aber mehr und von unterschiedlichem Charakter. Räume für Kunst und Gestaltung, Bereiche für Sachunterricht und Forschung, gemeinschaftliche Arbeitsorte, kleine Bühnen oder Wortkinos können aus einer Schule eine differenzierte Lernlandschaft machen. Diese Räume bieten Kindern die Möglichkeit, den für eine Aufgabe und für ihre individuelle Arbeitsweise geeigneten Ort zu finden. Damit verändert sich auch die Vorstellung vom Klassenraum als zentraler Ort schulischen Lernens. Lernen verteilt sich im Gebäude. Der Raum wird vielfältiger und kann unterschiedliche Formen von Konzentration, Austausch, Experiment und Gemeinschaft unterstützen.
Es geht darum, Kindern Entwicklungsperspektiven zu eröffnen.
René Damian Pier
Freier InnenarchitektHört sich nach Räumen an, die Lust auf Lernen machen ...?
Schülerinnen und Schüler haben uns später erzählt, wie gerne sie diese Räume nutzen und dass sie sich jeden Tag darauf freuen. Die Kinder nehmen die Räume tatsächlich so an und füllen sie mit Leben, wie wir es uns im gemeinsamen Entwicklungsprozess erhofft haben. Das ist der schönste Beleg für die Relevanz dieser Arbeit und der schönste Lohn. Denn es geht nicht allein darum, Räume zu gestalten. Es geht darum, Kindern Entwicklungsperspektiven zu eröffnen, jetzt und nicht erst in ferner Zukunft. Uns hat es einmal mehr gezeigt: Bildungsgerechtigkeit erschöpft sich nicht in der Vermittlung von Basiskompetenzen. Schule muss Kindern und Jugendlichen ermöglichen, Interessen zu entdecken, Selbstwirksamkeit zu erfahren und eigene Zugänge zum Lernen zu entwickeln.
Gabriele Renz
Leitung Kommunikation/ Pressesprecherin Architektenkammer Baden-Württemberg DAB Redaktion Baden-WürttembergDas könnte Sie auch interessieren
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