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Greifenhain ist nicht Sylt. Aber manchmal ist das Naheliegendste das Mutigste

Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut verwandeln einen Vierseithof in Sachsen in ein Refugium zwischen Architektur, Landschaft und Gastlichkeit – und entwickeln damit erstmals ein Projekt nicht im Auftrag eines Bauherrn, sondern aus eigenem Antrieb: als Projektentwickler und Gastgeber zugleich.

DAB Redaktion
15.07.2026 7min
Foto eines rustikalen Yoga- oder Meditationsraums. Sonnenlicht fällt durch ein verborgenes Fenster auf der linken Seite. Decken und Kissen liegen gefaltet auf dem Boden, und ein Gong mit chinesischen Schriftzeichen hängt an einem Holzbalken in der Mitte. Makramee-Seile hängen auf beiden Seiten.
© Atelier ST

Manche Projekte beginnen mit einem Businessplan. Andere beginnen mit einem Gefühl. Das Projekt HILDEN gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Im kleinen Ort Greifenhain südlich von Leipzig verwandeln Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut vom Atelier ST einen ehemaligen Vierseithof in ein Retreat, einen Ort für Kunst, Ruhe, Kulinarik und Rückzug. „Wir haben uns lange gescheut, das Wort ‚Hotel‘ in den Mund zu nehmen“, sagt Silvia Schellenberg-Thaut. „Aber am Ende des Tages ist es das.“ Vielleicht liegt genau darin der Unterschied. 

HILDEN ist kein Hotelprojekt, das sich eine Geschichte sucht. Die war schon da, wie der Ort. Der Vierseithof gehört nämlich seit Generationen zur Familie von Silvia Schellenberg-Thaut. Sie ist dort aufgewachsen, zwischen Großeltern, Landwirtschaft und Dorfleben. Als junge Frau wollte sie diesen Ort möglichst schnell hinter sich lassen. Heute gehört der Hof, 2.500 qm, dazu Wald und Felder, ihr. „Seitdem gehen wir schwanger mit diesem Gedanken: Was machen wir damit?“, erzählt sie. Wohl wissend, dass es weder der Starnberger See noch Sylt ist, sondern einfach Greifenhain.

Landschaftsfoto auf Augenhöhe eines reifen, goldenen Weizenfeldes, das sich über den Vordergrund erstreckt. In der Ferne, hinter dem Feld, steht ein kleines Dorf mit Häusern mit roten Ziegeldächern, umgeben von dichten grünen Bäumen. Über dem Dorf ragt eine hohe, schlanke, graue Kirchturmspitze in einen bewölkten grauen Himmel empor. Der obere Rand des Bildes ist leicht unscharf durch grüne Blätter im Vordergrund.
© Atelier ST
Nahaufnahme der Giebelseite eines zweistöckigen Hauses mit dunkelbrauner Holzverkleidung und einem steilen roten Ziegeldach. Das Haus hat drei schwarze quadratische Fenster, eines auf der Giebelebene und zwei darunter. Links vom Haus ist ein silbernes Regenfallrohr zu sehen. Rechts führt eine weiße verputzte Wand mit einem ockerfarbenen Rundbogen in den Hintergrund. Im Vordergrund, unter dem Haus, blühen rosa und weiße Rosensträucher. Der Himmel ist klar und blau.
© Atelier ST
Nahaufnahme der Giebelseite desselben Hauses wie in image_31.png, aber aus einem anderen Winkel. Die braune Holzverkleidung und das rote Ziegeldach sind deutlich zu sehen. Ein einzelnes rundes Fenster mit schwarzem Rahmen befindet sich auf der Giebelebene. Links vom Haus steht eine große, dichte grüne Tanne. Im Vordergrund blühen lila Schmetterlingsflieder und andere grüne Pflanzen. Der Himmel ist grau-blau und leicht bewölkt.
© Atelier ST
Altes, sepiafarbenes Schwarz-Weiß-Foto auf Fotopapier, das einen ländlichen Dorfplatz zeigt. Links steht ein Fachwerkhaus mit sichtbaren schwarzen Balken. Rechts davon ein größeres Fachwerkhaus mit einem Schieferdach und einer steinernen Veranda mit einem großen Holztor. Im Vordergrund, über die gesamte Breite des Fotos, erstreckt sich ein Holzzaun, der einen unbefestigten Platz begrenzt. Ein Baum steht links vor dem Fachwerkhaus. Das Foto hat leichte Lichtreflexionen auf der Oberfläche.
© Atelier ST

Die naheliegenden Antworten kommen schnell, sind aber nicht überzeugend. Wohnungen würden sich nicht refinanzieren lassen. Büroräume für die Mitarbeiter wären zwar reizvoll, aber kein tragfähiges Konzept. Das Grundstück in Scheiben aufzuteilen und zu verkaufen wäre die einfachste Lösung, aber die falsche. Was sie stattdessen tun, ist das, was sie immer tun. Sie schauen sich den Ort an. Seine Struktur, seine Geschichte, seine Atmosphäre. Und sie fragen sich, was er verträgt und was er braucht. 

„Wie kann ich Architektur, Stadt, Land und Kunst verknüpfen?“, fragt Silvia Schellenberg-Thaut. Sebastian Thaut ergänzt: „Wir machen eigentlich nur das, wohin wir selber gerne gehen würden.“ So entsteht langsam die Idee eines Retreats. Ein Ort zwischen Rückzug und Gemeinschaft, zwischen Landschaft und Innenraum, zwischen alter Struktur und neuer Nutzung. Sie beschreiben den Hof als ein Gefüge aus Gegensätzen: offene Wiesen und geschlossene Höfe, schwere, massive Mauern und leichte Holzkonstruktionen, große Gewölbe und kleine Kammern. Die bestehenden Gebäude werden nicht museal konserviert, sondern weitergebaut.  

Wie schaffen wir Architektur, die Menschen wirklich berührt?

Sebastian Thaut

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So wenig wie möglich, so viel wie nötig

Der Vierseithof besteht heute nur noch aus zwei erhaltenen Gebäuden: dem lang gestreckten Haupthaus und dem ehemaligen Pferdestall. Dazwischen öffnet sich der Hof zur Landschaft. Der Stall ist der erste fertige Baustein des Projekts. Wo früher Tiere standen und Heu gelagert wurde, entstehen heute Räume für Yoga, Meditation, kleine Veranstaltungen und Rückzug. Die Eingriffe sind präzise, aber nie zu glatt oder überinszeniert. Das Licht fällt weich über die rohen Oberflächen und die Wände tragen ihre Geschichte sichtbar weiter. Man spürt sofort, dass hier niemand versucht hat, den Bestand glatt zu ziehen. 

„Wir haben in die alten Bruchsteinwände riesige Löcher gesetzt“, sagt Sebastian Thaut über die Baustelle. „Es muss so aussehen, als wäre der Durchbruch schon immer an dieser Stelle gewesen.“ Die Handwerker lernen schnell, dass hier andere Maßstäbe gelten. Die rohe Eichendiele fühlt sich anders an als Fertigparkett. Das ovale Fenster ist nicht nur ein dekoratives Element, sondern für die Wirkung des Raums notwendig. Direkt daneben entsteht der zweite große Eingriff. Es handelt sich um einen Neubau aus Holz, der die Kubatur der früheren Scheune aufnimmt und sich mit großen Öffnungen zu den umliegenden Wiesen orientiert. Dort entstehen die ersten Gästezimmer des Refugiums. 

Zunächst sollen sieben Zimmer im Neubau untergebracht werden, später werden weitere Räume im Bestand ergänzt. Das lang gestreckte Haupthaus wird schrittweise umgebaut und bildet künftig das Herz des Ensembles. Dort sollen Gastronomie, Gemeinschaftsräume und weitere Gästezimmer entstehen. Alte Kammern unter dem Dach werden zu Schlafräumen und ehemalige Wirtschaftsbereiche zu Aufenthaltsräumen umgebaut. Die Architektur folgt dabei weniger einem fertigen Hoteltypus als der Logik des Hofes selbst. 

"Unterirdischer Raum mit rauen Steinmauern. Eine dicke zylindrische Säule mit Kapitäll steht zentral. Links an der Wand zwei runde Wandleuchten an schwarzem Rohr. Zwei breite Betonstufen führen zu einer dunklen Öffnung. Der Boden ist aus hellem Beton."
© Atelier ST
"Steingewölbe mit rustikalen Backsteinmauern. Eine dunkle Holztür mit Rahmen wird von zwei breiten Stufen erreicht. Links neben der Tür ein kleiner Topf mit Pflanze auf einem Holzständer. Der Durchgang ist eng und führt in Dunkelheit. Warmes Steinambiente."
© Atelier ST
"Großer heller Innenraum mit minimalistischem Design. Weiße Wände und Decke. Massive Holzbalken an der Decke spannen sich über den Raum. Links eine große Glastür mit schwarzem Rahmen. Mehrere kleinere Fenster mit schwarzen Rahmen in der Wand. Heller Holzfußboden aus breiten Dielen."
© Atelier ST
"Raum mit sichtbarem Holzfachwerk. Obere Wand aus heller Putzmasse. Rundes Fenster oben bringt Licht herein. Alte Holzstruktur mit diagonalen Kreuzbändern und Stützpfosten. Holzboden. Weiße Meditationskissen und -matten am Boden. Ein goldenes Becken hängt an der rechten Wand. Seildekorationen mit weißen Quasten."
© Atelier ST
 "Weitläufiger Raum mit imposantem Holzfachwerk. Dunkle Holzbalken bilden ein geometrisches Muster. Etwa 15 beige Meditationskissen und Matten sind verteilt auf dem Holzboden angeordnet. An der Wand hängt eine große runde Makramé-Wanddekoration. Ein rundes Fenster mit Gitter oben. Schwarzes Heizgerät sichtbar. Modernes Glasfenster rechts."
© Atelier ST

Schönheit steht nicht im Bewertungsbogen

„Viele wissen ja gar nicht, warum man sich wohlfühlt“, sagt Silvia Schellenberg-Thaut. „Aber ich glaube, dass die Qualität von Raum und Architektur sowie die Echtheit der Materialien ganz viel auslösen.“ Wer zum ersten Mal nach Greifenhain kommt, versteht zunächst nicht, worum es hier geht. Nichts kündigt diesen Ort groß an. „Die Erwartungen bei der Ankunft sind gering“, sagt Sebastian Thaut. „Und dann machst du das Hoftor auf und plötzlich bist du in einer ganz anderen Welt.“ Dieser Satz beschreibt die Architektur von Atelier ST vielleicht am besten. 

Ihre Projekte wollen keine Bilder produzieren. Sie wollen Räume schaffen, die man körperlich wahrnimmt. „Wie schaffen wir Architektur, die Menschen wirklich berührt?" Sebastian Thaut stellt die Frage – und beantwortet sie selbst: „Wenn du in einen Raum gehst und er macht etwas mit dir.“ 

Unsere größte Kompetenz scheint zu sein, Menschen zu verzaubern.

Silvia Schellenberg-Thaut

Dass beide heute überhaupt über Hospitality sprechen, wirkt trotzdem fast zufällig. Atelier ST gehört seit Jahren zu den profiliertesten Büros Deutschlands. Es realisiert Umbauten, Kulturbauten und hochwertige Wohnhäuser und hat ein sehr eigenes Verständnis von Bestand und Atmosphäre. Architectural Digest zählt das Büro 2026 bereits zum zweiten Mal zu den hundert wichtigsten Kreativen Deutschlands. 

Gleichzeitig haben sich Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut früh Regeln auferlegt, die in der Branche fast radikal wirken: keine unbezahlten Wettbewerbe, keine Projekte ohne Haltung, keine Bauherren, die Architektur nur als Dienstleistung verstehen. „Bei den heutigen Wettbewerbsverfahren beziehungsweise den vorgeschalteten Bewerbungsverfahren (VGV) zählt nur noch, wie lange dein Bauleiter schon seinen Job macht und ob alles DIN-gerecht ist“, sagt Sebastian Thaut. „Aber Atmosphäre, Schönheit, Sinnlichkeit, architektonischer Raum und Qualität ergeben null Punkte in den Bewertungen.“ Also das, was Räume eigentlich ausmacht, interessiert oft niemanden mehr. 

Foto eines rustikalen Yoga- oder Meditationsraums. Sonnenlicht fällt durch ein verborgenes Fenster auf der linken Seite. Decken und Kissen liegen gefaltet auf dem Boden, und ein Gong mit chinesischen Schriftzeichen hängt an einem Holzbalken in der Mitte. Makramee-Seile hängen auf beiden Seiten.  image_27.png
© Atelier ST

Auf der anderen Seite  

HILDEN wirkt dadurch fast wie eine Gegenbewegung. Gleichzeitig ist das Projekt ein enormes Risiko. Seit über einem Jahr laufen Gespräche mit Banken, Förderstellen und Bürgschaftsbanken. Der Stall ist fertig, der Neubau hat bereits begonnen, für die Finanzierung werden die Verträge gerade abgeschlossen. „Wir gehen voll ins Risiko“, sagt Sebastian Thaut. „Alle Reserven stecken im Projekt.“ Gebaut wird trotzdem weiter. Vielleicht auch, weil die beiden inzwischen spüren, dass HILDEN längst mehr ist als ein Bauprojekt. Sie organisieren erste Veranstaltungen, lernen Hotelsoftware kennen, sprechen mit PR-Beraterinnen für Boutiquehotels, besuchen Hospitality-Konferenzen und merken dabei, wie unterschiedlich die Denkweisen sind.

Das Refugium soll Ende 2026 mit einem Soft Opening starten. Geplant sind sieben Zimmer im Neubau, Gastronomie im Langhaus und Veranstaltungen im Stall. Nach der Fertigstellung im Jahr 2027 muss HILDEN ab 2028 schwarze Zahlen schreiben. Dahinter steckt kein Liebhaberprojekt, sondern ein Businessplan, der den beiden zusammen mit einem spezialisierten Hotel- und Gastroplaner erarbeitet wurde und Zahlen für die nächsten 25 Jahre enthält. 

Silvia Schellenberg-Thaut sagt, sie wäre ohne dieses Grundstück nie auf die Idee gekommen, ein Hotel zu eröffnen. Sebastian Thaut widerspricht ihr sanft. Er glaubt, dass es kein Zufall ist, dass es genau jetzt kommt. Dass man irgendwann aufhört, Fragen gestellt zu bekommen, und anfängt, sie sich selbst zu stellen. 

Landschaftsfoto eines Feldes bei Sonnenuntergang. In weiter Ferne sind zwei Kirchturmspitzen zu sehen, eingerahmt von Bäumen. Ein großer, silhouettierter Baum befindet sich im Vordergrund auf der linken Seite. Der Himmel ist orange.
© Atelier ST

Hilden Retreat

Architektur: Atelier ST, Leipzig 
Projektentwicklung und Betrieb: Atelier ST, Leipzig

Fertigstellung: 2027

https://www.hilden-retreat.de 
https://www.instagram.com/hilden_retreat 

Porträt eines Mannes und einer Frau. Die Frau hat langes braunes Haar und trägt einen schwarzen Blazer. Der Mann trägt eine Brille und ein weißes Hemd mit schwarzen Konturen. Beide lehnen an einer beigen Steinwand in einem gut beleuchteten Raum.
Zum Büro

Atelier ST

Gegründet 2005 von Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut. Das Büro arbeitet an Kultur- und Wohnbauten, Hospitality-Projekten sowie Bauen im historischen Bestand – mit besonderem Fokus auf atmosphärische Orte und den sensiblen Umgang mit gewachsenen Kontexten. Das Magazin Architectural Digest zählt Atelier ST 2026 bereits zum zweiten Mal zu den hundert wichtigsten Kreativen Deutschlands.

DAB Redaktion

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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