Greifenhain ist nicht Sylt. Aber manchmal ist das Naheliegendste das Mutigste
Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut verwandeln einen Vierseithof in Sachsen in ein Refugium zwischen Architektur, Landschaft und Gastlichkeit – und entwickeln damit erstmals ein Projekt nicht im Auftrag eines Bauherrn, sondern aus eigenem Antrieb: als Projektentwickler und Gastgeber zugleich.
Manche Projekte beginnen mit einem Businessplan. Andere beginnen mit einem Gefühl. Das Projekt HILDEN gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Im kleinen Ort Greifenhain südlich von Leipzig verwandeln Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut vom Atelier ST einen ehemaligen Vierseithof in ein Retreat, einen Ort für Kunst, Ruhe, Kulinarik und Rückzug. „Wir haben uns lange gescheut, das Wort ‚Hotel‘ in den Mund zu nehmen“, sagt Silvia Schellenberg-Thaut. „Aber am Ende des Tages ist es das.“ Vielleicht liegt genau darin der Unterschied.
HILDEN ist kein Hotelprojekt, das sich eine Geschichte sucht. Die war schon da, wie der Ort. Der Vierseithof gehört nämlich seit Generationen zur Familie von Silvia Schellenberg-Thaut. Sie ist dort aufgewachsen, zwischen Großeltern, Landwirtschaft und Dorfleben. Als junge Frau wollte sie diesen Ort möglichst schnell hinter sich lassen. Heute gehört der Hof, 2.500 qm, dazu Wald und Felder, ihr. „Seitdem gehen wir schwanger mit diesem Gedanken: Was machen wir damit?“, erzählt sie. Wohl wissend, dass es weder der Starnberger See noch Sylt ist, sondern einfach Greifenhain.
Die naheliegenden Antworten kommen schnell, sind aber nicht überzeugend. Wohnungen würden sich nicht refinanzieren lassen. Büroräume für die Mitarbeiter wären zwar reizvoll, aber kein tragfähiges Konzept. Das Grundstück in Scheiben aufzuteilen und zu verkaufen wäre die einfachste Lösung, aber die falsche. Was sie stattdessen tun, ist das, was sie immer tun. Sie schauen sich den Ort an. Seine Struktur, seine Geschichte, seine Atmosphäre. Und sie fragen sich, was er verträgt und was er braucht.
„Wie kann ich Architektur, Stadt, Land und Kunst verknüpfen?“, fragt Silvia Schellenberg-Thaut. Sebastian Thaut ergänzt: „Wir machen eigentlich nur das, wohin wir selber gerne gehen würden.“ So entsteht langsam die Idee eines Retreats. Ein Ort zwischen Rückzug und Gemeinschaft, zwischen Landschaft und Innenraum, zwischen alter Struktur und neuer Nutzung. Sie beschreiben den Hof als ein Gefüge aus Gegensätzen: offene Wiesen und geschlossene Höfe, schwere, massive Mauern und leichte Holzkonstruktionen, große Gewölbe und kleine Kammern. Die bestehenden Gebäude werden nicht museal konserviert, sondern weitergebaut.
Wie schaffen wir Architektur, die Menschen wirklich berührt?
Sebastian Thaut
So wenig wie möglich, so viel wie nötig
Der Vierseithof besteht heute nur noch aus zwei erhaltenen Gebäuden: dem lang gestreckten Haupthaus und dem ehemaligen Pferdestall. Dazwischen öffnet sich der Hof zur Landschaft. Der Stall ist der erste fertige Baustein des Projekts. Wo früher Tiere standen und Heu gelagert wurde, entstehen heute Räume für Yoga, Meditation, kleine Veranstaltungen und Rückzug. Die Eingriffe sind präzise, aber nie zu glatt oder überinszeniert. Das Licht fällt weich über die rohen Oberflächen und die Wände tragen ihre Geschichte sichtbar weiter. Man spürt sofort, dass hier niemand versucht hat, den Bestand glatt zu ziehen.
„Wir haben in die alten Bruchsteinwände riesige Löcher gesetzt“, sagt Sebastian Thaut über die Baustelle. „Es muss so aussehen, als wäre der Durchbruch schon immer an dieser Stelle gewesen.“ Die Handwerker lernen schnell, dass hier andere Maßstäbe gelten. Die rohe Eichendiele fühlt sich anders an als Fertigparkett. Das ovale Fenster ist nicht nur ein dekoratives Element, sondern für die Wirkung des Raums notwendig. Direkt daneben entsteht der zweite große Eingriff. Es handelt sich um einen Neubau aus Holz, der die Kubatur der früheren Scheune aufnimmt und sich mit großen Öffnungen zu den umliegenden Wiesen orientiert. Dort entstehen die ersten Gästezimmer des Refugiums.
Zunächst sollen sieben Zimmer im Neubau untergebracht werden, später werden weitere Räume im Bestand ergänzt. Das lang gestreckte Haupthaus wird schrittweise umgebaut und bildet künftig das Herz des Ensembles. Dort sollen Gastronomie, Gemeinschaftsräume und weitere Gästezimmer entstehen. Alte Kammern unter dem Dach werden zu Schlafräumen und ehemalige Wirtschaftsbereiche zu Aufenthaltsräumen umgebaut. Die Architektur folgt dabei weniger einem fertigen Hoteltypus als der Logik des Hofes selbst.
Schönheit steht nicht im Bewertungsbogen
„Viele wissen ja gar nicht, warum man sich wohlfühlt“, sagt Silvia Schellenberg-Thaut. „Aber ich glaube, dass die Qualität von Raum und Architektur sowie die Echtheit der Materialien ganz viel auslösen.“ Wer zum ersten Mal nach Greifenhain kommt, versteht zunächst nicht, worum es hier geht. Nichts kündigt diesen Ort groß an. „Die Erwartungen bei der Ankunft sind gering“, sagt Sebastian Thaut. „Und dann machst du das Hoftor auf und plötzlich bist du in einer ganz anderen Welt.“ Dieser Satz beschreibt die Architektur von Atelier ST vielleicht am besten.
Ihre Projekte wollen keine Bilder produzieren. Sie wollen Räume schaffen, die man körperlich wahrnimmt. „Wie schaffen wir Architektur, die Menschen wirklich berührt?" Sebastian Thaut stellt die Frage – und beantwortet sie selbst: „Wenn du in einen Raum gehst und er macht etwas mit dir.“
Unsere größte Kompetenz scheint zu sein, Menschen zu verzaubern.
Silvia Schellenberg-Thaut
Dass beide heute überhaupt über Hospitality sprechen, wirkt trotzdem fast zufällig. Atelier ST gehört seit Jahren zu den profiliertesten Büros Deutschlands. Es realisiert Umbauten, Kulturbauten und hochwertige Wohnhäuser und hat ein sehr eigenes Verständnis von Bestand und Atmosphäre. Architectural Digest zählt das Büro 2026 bereits zum zweiten Mal zu den hundert wichtigsten Kreativen Deutschlands.
Gleichzeitig haben sich Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut früh Regeln auferlegt, die in der Branche fast radikal wirken: keine unbezahlten Wettbewerbe, keine Projekte ohne Haltung, keine Bauherren, die Architektur nur als Dienstleistung verstehen. „Bei den heutigen Wettbewerbsverfahren beziehungsweise den vorgeschalteten Bewerbungsverfahren (VGV) zählt nur noch, wie lange dein Bauleiter schon seinen Job macht und ob alles DIN-gerecht ist“, sagt Sebastian Thaut. „Aber Atmosphäre, Schönheit, Sinnlichkeit, architektonischer Raum und Qualität ergeben null Punkte in den Bewertungen.“ Also das, was Räume eigentlich ausmacht, interessiert oft niemanden mehr.
Auf der anderen Seite
HILDEN wirkt dadurch fast wie eine Gegenbewegung. Gleichzeitig ist das Projekt ein enormes Risiko. Seit über einem Jahr laufen Gespräche mit Banken, Förderstellen und Bürgschaftsbanken. Der Stall ist fertig, der Neubau hat bereits begonnen, für die Finanzierung werden die Verträge gerade abgeschlossen. „Wir gehen voll ins Risiko“, sagt Sebastian Thaut. „Alle Reserven stecken im Projekt.“ Gebaut wird trotzdem weiter. Vielleicht auch, weil die beiden inzwischen spüren, dass HILDEN längst mehr ist als ein Bauprojekt. Sie organisieren erste Veranstaltungen, lernen Hotelsoftware kennen, sprechen mit PR-Beraterinnen für Boutiquehotels, besuchen Hospitality-Konferenzen und merken dabei, wie unterschiedlich die Denkweisen sind.
Das Refugium soll Ende 2026 mit einem Soft Opening starten. Geplant sind sieben Zimmer im Neubau, Gastronomie im Langhaus und Veranstaltungen im Stall. Nach der Fertigstellung im Jahr 2027 muss HILDEN ab 2028 schwarze Zahlen schreiben. Dahinter steckt kein Liebhaberprojekt, sondern ein Businessplan, der den beiden zusammen mit einem spezialisierten Hotel- und Gastroplaner erarbeitet wurde und Zahlen für die nächsten 25 Jahre enthält.
Silvia Schellenberg-Thaut sagt, sie wäre ohne dieses Grundstück nie auf die Idee gekommen, ein Hotel zu eröffnen. Sebastian Thaut widerspricht ihr sanft. Er glaubt, dass es kein Zufall ist, dass es genau jetzt kommt. Dass man irgendwann aufhört, Fragen gestellt zu bekommen, und anfängt, sie sich selbst zu stellen.
Hilden Retreat
Hilden Retreat
Architektur: Atelier ST, Leipzig
Projektentwicklung und Betrieb: Atelier ST, Leipzig
Fertigstellung: 2027
https://www.hilden-retreat.de
https://www.instagram.com/hilden_retreat
DAB Redaktion
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