Architektur für gutes Lernen: Wünsche wecken, Diskussionen moderieren
Schulraum für die Zukunft entwickelt man am besten in engem Austausch zwischen Planenden und Pädagoginnen und Pädagogen. Das Ministerium für Schule und Bildung und QUA-LiS NRW qualifizieren Lehrkräfte zu Beraterinnen und Beratern für Pädagogische Architektur.
Kann ein Vorhang eine Wand ersetzen? Welche Alternativen gibt es für Standardtische mit zwei Stühlen? Und an welchen Stellen ist der Brandschutz relevant? Solche Fragen können Beraterinnen und Berater Pädagogische Architektur (BePA) beantworten. Ziel dieser Qualifizierung des Schulministeriums: Lehrkräfte mit Affinität zum Themenfeld Architektur werden darin geschult, bei Bauprojekten pädagogische Bedarfe im Gespräch mit Architektinnen und Architekten zu vermitteln. Durch dieses Zusammenwirken sollen bedarfsorientiertere Schulgebäude entstehen. „Wenn sich Kinder und Jugendliche wohl fühlen an ihrer Schule, bringt das eine ganz andere Motivation mit sich, dadurch können Kinder intrinsisch motiviert lernen“, betont Vera Lisa Schneider, die das Projekt als Referatsleiterin im Ministerium initiiert hat.
Motivierende Wirkung von Farben
Die Idee hinter dem Projekt, das die Architektenkammer NRW im Netzwerk unterstützt: Wer nur althergebrachte Schulbauten kennt, kann sich gar nicht vorstellen, was für Lernformen in modernen Schulräumen möglich sind, wie solche Räume aussehen können und welche motivierende Wirkung Farben, neue Raumaufteilungen und vielfältig nutzbares Mobiliar entfalten können. Es geht also um eine Wirkung in beide Richtungen. „Lernen ist immer mit Emotionen verknüpft“, betont Georg Salomon, Architekt und Referent Pädagogische Architektur bei QUA-LiS NRW, der Qualitäts- und UnterstützungsAgentur des Landes. „Wir kennen das alle: Wenn ich mich als Mensch unwohl fühle, verhindert das den Lernerfolg.“ Fühlt man sich hingegen wohl und darf vielleicht auch selbst mitgestalten, steigert das die Offenheit für neue Inhalte.
Bisher scheitert eine solche moderne Raumgestaltung häufig daran, dass Lehrkräfte, Schulträgervertreter und Architektinnen und Architekten mit unterschiedlichen Sichtweisen und Erfahrungen aufeinandertreffen und die Gefahr von Missverständnissen hoch ist. „Wir merken häufig, dass die Pädagog:innen wenig Berührungspunkte mit der Architektur haben und überrascht sind von unserem Arbeitsablauf“, erzählt Architektin Marai Ströcker aus dem Büro Rinsdorf Ströcker Architekten in Lippstadt.
Ungewohnt sei beispielsweise für viele die frühe Beschäftigung mit Brandschutz und Akustik. „Außerdem denken Lehrer:innen sehr viel in den gewohnten Schulgebäuden, die man seit Hunderten von Jahren kennt. Ihnen fällt es schwer, sich auf neue Vorstellungen für die Zukunft überhaupt einzulassen.“ Auch das Verständnis von Maßstäben – was bedeutet es, wenn Schülertische 20 cm kleiner sind? – sei eine Herausforderung.
BePA kommen in die Schulen
Hier setzt das Projekt der Beraterinnen und Berater Pädagogische Architektur an: Jede Schule und jeder Schulträger, der um-, an- oder neu bauen möchte oder der einfach „den Raum anders denken“ will, kann – kostenlos – die Unterstützung durch BePA bei QUA-LiS anfragen. Diese Menschen, die sowohl selbst jede Woche vor einer Klasse stehen als auch die Erfordernisse beim Planen und Bauen kennen und außerdem viele spannende Best-Practice-Beispiele gesehen haben, bereichern dann die Diskussion. Sie stellen Fragen, die neue Denkräume eröffnen, erklären Anforderungen, beschwichtigen bei unbegründeten Sorgen. Und sie laden die Beteiligten zu „Lernreisen“ ein, bei denen sie gelungene Beispiele erleben können. So kann sich etwa ein Lehrerkollegium gemeinsam mit den Mitarbeitenden des Offenen Ganztags eine pädagogisch fundierte Meinung zu den Anforderungen an zukünftige Räume bilden, bevor sie das erste Mal auf Architektinnen und Architekten treffen.
„Perfekt wäre es, wenn bereits ein pädagogisches Konzept erarbeitet wurde und wir dann gemeinsam die richtige Architektur dafür entwickeln können“, sagt Marai Ströcker. „Bisher habe ich noch nie erlebt, dass so ein Zukunftskonzept bereits vorhanden ist, wenn wir mit einer Planung beginnen. Und hilfreich ist es auch, wenn das Lehrpersonal weiß, welche Antworten für Architekten Sinn ergeben.“
Stefanie Stueber-Baumheuer ist Lehrerin und Koordinatorin an einer Gesamtschule. Sie hat dieses Jahr die Fortbildung bei QUA-LiS absolviert. „Da ich mit Kolleg:innen aus ganz NRW und von unterschiedlichen Schulformen weitergebildet wurde, konnten wir systemisch im gemeinsamen Austausch wunderbar voneinander lernen“, berichtet sie. “Es war eine energiegeladene Gruppe, die bereits eine große Erfahrung aus Leitung und Koordination von Schulentwicklungsprozessen in die Qualifizierung mit eingebracht hat. In den acht aufeinander aufbauenden Modulen haben wir mit wissenschaftlicher Perspektive zum Thema Raumplanung und pädagogischen Konzepten, aber auch zum Veränderungsmanagement in Schulen viel gelernt.“
„Beim Themenfeld Brandschutz wurden wir sehr praxisnah auf den neuesten Stand gebracht“, sagt Stefanie Stueber-Baumheuer Dieses Thema, das ihr in Beratungen immer wieder begegnet, benötigt einen Überblick und Übersetzungskompetenz mit Bezug auf die geltenden Verwaltungsvorschriften der Schulbaurichtlinie NRW. „Viele Schulen haben Brandschutzpläne noch aus den 1990er-Jahren. Da hat sich seitdem unfassbar viel verändert, viel mehr ist möglich geworden mit Blick auf die Veränderung von Lernräumen.“ Die Lehrerin freut sich, immer wieder zu erleben, mit welchem Engagement und welcher Begeisterung ihre Kolleginnen und Kollegen sich auf das Thema Schulumbau einlassen, wie bereit sie zu Veränderungen der Schulen zu Lernlandschaften und Jahrgangs-Cluster sind mit dem Ziel, selbstständiges Lernen zu fördern.
Konzentriertere Schüler:innen
Welche Bedeutung das für die Lernatmosphäre hat, erlebt Stefanie Stueber-Baumheuer jeden Tag im Neubau ihrer eigenen Schule im Vergleich zu den alten Räumen: „Ein gut schallgedämmter Raum verändert die Gesprächskultur. In unseren alten Räumen musste ich viel Energie darauf verwenden, eine Arbeitslautstärke zu schaffen. In den gedämmten Räumen sprechen alle von alleine leiser. Die Schülerinnen und Schüler sind konzentrierter und weniger gestresst, die Lehrer fühlen sich entspannter“, berichtet sie. Das wirke sich auch auf das Miteinander aus: „Konflikte und Vandalismus haben sich stark reduziert“, freut sich Stefanie Stueber-Baumheuer über die positiven Effekte gut gestalteter pädagogischer Architektur.
Auch die Marai Ströcker erhält regelmäßig die Rückmeldung, dass ihre Kunden nach einem entsprechenden Umbau wenig Probleme mit Vandalismus haben. Das Lichtkonzept sei ebenfalls wichtig, betont die Architektin: „In vielen Schulen gibt es nur Licht an, Raum hell. Aber bei einem Multispace-Konzept benötige ich unterschiedliche Lichtstimmungen: Für Fokus brauche ich ein anderes Licht als für Kommunikation oder für eine Ruhepause. Das kann man über dimmbare Lampen regeln oder über drei unterschiedliche Leuchtmittel, die mit verschiedenen Schaltern bedient werden.“
BePA für Beratung freigestellt
Das Interesse an der Qualifizierung ist groß. Lehrkräfte, die auch Architektur studiert haben, bewerben sich ebenso wie Enthusiasten, die sich andere Räume für gutes Lernen wünschen. Qualifizierte BePA werden dafür vom Unterricht freigestellt, um Schulen und Kommunen oder Schulträger zu beraten. Dabei geht es nie um pauschale Antworten. „Es gibt keine Blaupause für den perfekten Schulraum – die entscheidende Frage ist immer: Wer soll hier was tun können?“, erklärt Florian Kretzschmar, der als Lehrer und zertifizierter Lernraumentwickler die Qualifizierung mitgestaltet. Es gehe darum, verschiedene Perspektiven der Beteiligten einzufangen und zu berücksichtigen: „Gute Lernräume bewegen sich zwischen Polen wie Aktion und Reflexion, Ruhe und Bewegung oder Offenheit und Abgrenzung. Sie ermöglichen Individualisierung in Gemeinschaft.“ Er möchte dazu einladen, gelungene Beispiele moderner pädagogischer Architektur zu erleben, und neue Möglichkeiten zuzulassen.
Von den qualifizierten BePA profitieren die Architektinnen und Architekten, die Schulumbauten planen, die Träger, das Lehrpersonal und vor allem die Kinder und Jugendlichen. Denn sie erhalten dadurch Räume, in denen es sich angenehm lernt, die Aufenthaltsqualität haben und Kreativität wecken. Alle, die solche Schulräume bereits erlebt haben, sind begeistert. Und der Andrang für die Qualifizierung ist groß.
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