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[ VOF ]

Entmutigend und frustrierend

Ein Betroffener über VOF-Verfahren

Text: Karim El Ansari

Karim El Ansari
Karim El Ansari (Foto: Photographische Kunstanstalt)

Ich führe seit fast 20 Jahren ein Architektur- und Sachverständigenbüro mit mehreren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Seit Gründung des Büros habe ich gerne die klassischen Tätigkeitsfelder eines Hochbauarchitekten erfüllt. Zu meinen Auftraggebern zählen gewerbliche, private und öffentliche Bauherren. Ich will hier nicht all meine Qualifikationen, Zertifikate, Prüfungen, Nachweise, Veröffentlichungen, Seminare, Fachkompetenzen, Nachweisberechtigungen, Lehrtätigkeiten, Referenzen, Kenntnisse und Erfahrungen aufzählen, die sicher viele Kolleginnen und Kollegen auch aufweisen können.

Traurig ist nur, dass mir all diese Dinge anscheinend nichts mehr nützen, um einen öffentlichen Auftrag über ein VOF-Verfahren zu generieren, weil nur noch Kriterien wie „Umsatz“, „Personalzahl“ und „Größe der Projekte“ als Maßstab der Leistungsfähigkeit herangezogen werden, die ich als Büro mit sieben Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen einfach oft nicht erfüllen kann. Ich finde es entmutigend und frustrierend, dass in VOF-Verfahren im Wesentlichen mit den beiden technokratischen Kriterien „Umsatz“ und „Mitarbeiteranzahl“ die Leistungsfähigkeit eines Büros bewiesen werden soll und kleinere, aber vielleicht geeignetere Büros von vornherein ihrer Chance beraubt werden.

Den volkswirtschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Schaden von VOF-Verfahren will ich nur kurz anschneiden. Keinen scheint es zu interessieren, dass die Teilnahme an solchen Verfahren für jeden Einzelnen abgebenden und relativ geübten Teilnehmer im Durchschnitt aller Verfahren mit etwa sechs bis acht Projektstunden zu Buche schlägt. Wenn dann übers Jahr an zehn bis zwanzig Verfahren teilgenommen wird, addiert sich der betriebswirtschaftliche Schaden ganz schön auf – ganz zu schweigen von den immensen Aufwändungen für den Auslober. Der volkswirtschaftliche Schaden von VOF-Verfahren scheint also beträchtlich.

Durch einen Schwellenwert von 200.000 Euro für freiberufliche Leistungen ist schon manches Projekt nach Honorarzone III, Mindestsatz mit Umbauzuschlag 20 Prozent bei Nettobaukosten von 1.500.000 Euro einem VOF-Verfahren ausgeliefert. Wenn hier nicht nachgesteuert wird, in dem zum Beispiel der Schwellenwert für VOF-Verfahren deutlich angehoben wird, der Jahresumsatz realistisch im Verhältnis zum ungefähren Projektjahreshonorar betrachtet wird oder die Bewertungskriterien fachlicher bezogen werden, werden wir einen Niedergang vor allem der kleinen Büros erleben, da der Auftragsbestand bis hinunter zu Zwei-Millionen-Projekten von den großen Büros abgegrast wird und sich die mittleren Büros auf den Rest stürzen.

Qualität von Planung hat vorrangig nichts mit dem Jahresumsatz oder der Größe des Büros zu tun – entweder ich kann planen oder ich kann nicht planen. Ein kleines Projekt im Bestand mit mannigfaltigen Randbedingungen hat möglicherweise einen deutlich höheren Anspruch an die Planung als das Zehn-Millionen-Projekt mit fünf Regelgeschossen auf der grünen Wiese.

Das Gleiche gilt für die Größe des Büros. Was nutzt es dem Auftraggeber, wenn das zu beauftragende Büro über 50 oder mehr Mitarbeiter verfügt? Die Projektarbeit findet sowieso selbst bei etwas größeren Projekten nur im Stab mit maximal drei bis fünf Mitarbeitern statt.

Auch erschließt sich mir nicht die Bedeutung des Umsatzes als Maßstab der Qualität von Planung. Wenn die Pro-jektarbeit sowieso nur von etwa drei bis fünf Mitarbeitern erbracht wird, wieso spielt dann der Umsatz eines Büros mit vielleicht 50 Mitarbeitern eine so große Rolle in der Beurteilung, wenn die 45 restlichen Mitarbeiter mit einem Projekt rein gar nichts zu tun haben?

Da die Planung die gedankliche Vorwegnahme zukünftiger Ereignisse ist, sind also für die Qualität der Planung die Qualifikation, die Übersicht und die Vernetzung viel wichtiger als die Mitarbeiteranzahl und der Jahresumsatz.

Mir sind natürlich der tiefere Sinn und die wahre Bedeutung dieser Kriterien und der VOF durchaus bewusst. Die Antwort auf die wahren Hintergründe der VOF erschließt sich jedem Betrachter über die klassische Frage frei nach Cicero „Cui bono?“ (Wem nützt es?). Die Antwort auf diese Frage ist die Tatsache, dass die VOF kurzfristig nur großen Büros nützt und kleineren und mittleren Büros schadet. Darunter wird vieles leiden, nicht zuletzt die Baukultur und langfristig auch die Großen, weil die solide Basis eines tragfähigen Architektenpools wegfällt.

Im Sinne der vielen Architekten und Architektinnen, die mit kleinen und mittleren Büros Arbeitgeber und Steuerzahler sind, im Sinne der Volkswirtschaft und nicht zuletzt der Baukultur sollte die VOF schnellstens modifiziert werden, damit sich das VOF-Verfahren zu einer echten Qualifikationsabfrage mausert.

Karim El Ansari ist Architekt in Herborn

Lesen Sie eine Antwort aus der Kammer Hessen von Gesine Ludwig, Architektin und Referentin für Vergabe und Wettbewerbe der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen in Wiesbaden

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Ein Gedanke zu „Entmutigend und frustrierend

  1. Sehr geehrter Herr El Ansari,
    vielen Dank für Ihren Beitrag zu den VOF-Verfahren. Genau wie bei Wettbewerben werden aufgrund überzogener Anforderungen insbesondere
    in Bezug auf den Jahresumsatz eines Büros und reduziert auf die Bausumme vergleichbarer Projekte in den letzten drei oder fünf Jahren ein großer Teil von fähigen und kreativen Architekten und Landschaftsarchitekten von den Verfahren ausgeschlossen. Kleine Büros, junge Büros mit Erfahrungen in nur wenigen Projekten oder Wiedereinsteiger, die einige Jahre in anderen Bereichen tätig waren, aber durchaus fachlich in den ausgeschriebenen Projekten versiert sind, werden von diesen Verfahren gänzlich ausgeschlossen.

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