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[ Gartenschau ]

Ganz schön Blume

In der Industriestadt Neu-Ulm gestaltete ein junges Büro die Landesgarten­schau, in der Residenzstadt Schleswig ein erfahrenes. Sie zeigen, wie unterschiedlich Landschaftsarchitekten auf Ort und Zeit eingehen.

Gartenschau Neu-Ulm: Das Teilgelände Glacis ist das Zentrum der auf vier Standorte verteilten Schau. Links die ausgegrabene Festungs-Caponniere, rechts die Felder für Garten- und Wohnideen.

Roland Stimpel
Die Tulpen müssen blühen! Das ist immer noch das Wichtigste fürs Eröffnungspublikum einer Gartenschau. Also guckt der Landschaftsarchitekt Dirk Sadtler schon sechs Wochen vor dem Start der Schau in Neu-Ulm besorgt auf die frech aufragenden Stengel: „Schon viel zu groß nach den warmen letzten Wochen.“ 700 Kilometer weiter nördlich in Schleswig hat sein Kollege Teja Trüper ganz andere Tulpensorgen: „Die Graugänse waren da. Und die haben die Beete leer gefressen.“ Da hilft nur noch eins: „Wir machen einen Stiefmütterchen-Notplan.“

Ein Trost für beide Planer: Wenn die Tulpen ohnehin verblühen, geht auch diese Sorge ein. Dann tritt unter den Blütenklecksen ihr wahres Werk zu Tage: ein neues Stück grüne Stadt.
Landesgartenschauen gehören zu den größten Bereicherungen, die sich mittelgroße Kommunen verschaffen können. Schleswig und Neu-Ulm, die nördlichste und die südlichste der fünf Schauen dieses Jahres, haben ihre Chance schlau genutzt – doch auf ganz unterschiedliche Art.

So unterschiedlich, wie die Städte selbst sind: Schleswig ruht auf 1 200 Jahren Tradition der Wikinger, Dänen, Bischöfe, Herzöge, Regierungsoberpräsidenten und Oberverwaltungsrichter. Neu-Ulm ist als eigenständige Stadt keine 200 Jahre alt und war lange Zeit die von Militär, Industrie und Verkehrsanlagen geprägte kleine Schmuddelschwester am bayerischen Donauufer – eher ein wenig geliebter Teil des sprichwörtlichen Um-Ulm-Herum als eine Kommune mit eigener Identität. Zu den beiden Gartenschauen zeigen schon die Werbeslogans unterschiedliche Mentalitäten und Zielgruppen. „Kunst, Kultur und Königswiesen“ heißt er recht konventionell in Schleswig; Neu-Ulm ruft mit „Ganz schön Blume“ jüngeres Volk.

Es ist wohl mehr als Zufall, dass die Gartenschau-Wettbewerbe beider Städte von Landschaftsarchitekten ganz unterschiedlichen Typs gewonnen wurden. In Schleswig gestaltete das Lübecker Büro Trüper, Gondesen & Partner. Der in Schleswig federführende, heute 64-jährige Teja Trüper ist seit Jahrzehnten im Geschäft, hat Meriten mit vielen Projekten, als früherer Präsident des Bundesverbands Deutscher Landschaftsarchitekten und in weiteren Ehrenämtern. Trüper spricht von „Landschaftsarchitektur der Gegebenheiten“, betont „unser Bemühen um regionale Verankerung“ jedes Entwurfs und bekennt sich dazu, „der Globalisierung etwas entgegenzusetzen. Gestaltung ist für uns an den Ort und seine Geschichte gebunden.“ Diese Haltung erklärt er mit seiner Lübecker Herkunft: „Das ist als Stadtgestalt derart dominierend – da sind Sie es einfach gewohnt, im lokalen Kontext zu denken und zu planen.“

Gotik im Sichtbeton

Auch in Schleswig gibt es viel Kontext. Das 17 Hektar große Gartenschau-Hauptgelände „Königswiese“ ragt in eine weite Schleibucht und ist umgeben von der Altstadt, dem jüngeren Schleswiger Geschäftskern und der Barockfront des Schlosses Gottorf. Es war bisher nur kläglich genutzt – mit Klärwerk, Bahnbrachen, ein paar Sportplätzen und einer eher verkommenen Uferzone. Dabei bietet es prächtige Kulissen. Trüper: „Hier muss man sich einfach einfügen.

Gegen die Schlei, den gotischen Dom und Schloss Gottorf kommt man nicht an.“ Die historischen Bauten sind Bezugspunkte für das zentrale Gliederungselement des Geländes: den acht Meter breiten, schnurgeraden Schleikanal, der aber nicht plump direkt von Kirchturm zu Schloss­turm führt, sondern raffiniert leicht versetzt ist. Um ihn herum findet sich neben dem Blumenhallen- und Stauden-Pflichtprogramm viel Regionales und Historisches: nachgebaute Heringsfangzäune, Wikinger- und Fischer-Spielgerät, eine Seebühne fürs sommerliche Wikinger-Festspiel und auf der „Stadtloggia“ aus Sichtbeton zwei senkrechte Schlitze, von denen Trüper augenzwinkernd sagt: „Die sind gotisch.“ Bald nach der Schau soll der Park „so aussehen, als wäre er schon immer da gewesen“.

Kaum mehr als halb so alt wie Trüper sind die Gestalter im jungen Neu-Ulm. Uwe Brzezek, Christian Loderer und Dirk Sadtler gründeten ihr Berliner Büro Plancontext Landschaftsarchitektur gleich nach dem Studium; der Gewinn des bayerischen Wettbewerbs war ein früher Coup – der zweite neben der Landesgartenschau 2006 im hessischen Bad Wildungen. Ihr Büroname Plancontext steht laut Eigenwerbung für eine „auf den Ort bezogene“ Gestaltung. Doch ebenso zählen Gefühl, Spaß und der Blick voraus.

„Beseelte Landschaften“ ist der Slogan des Büros (Trüper hat keinen); ihre Landschaften sollen „Zukunft, Fantasie und Lebensfreude ausstrahlen“ und hierfür „sinnliche und emotionale Momente und Symbole“ präsentieren. Für Loderer geht es auch darum, „Zeittrends einfach mal mit unseren Mitteln weiterzuspinnen“.

Das suchte und brauchte Neu-Ulm. Die Stadt hat nicht ein Gartenschaugelände, sondern gleich vier. Eines davon ist die aufgefrischte, neu erschlossene Donau-Uferpromenade. Die drei größeren sind Brachen und Restflächen – ein US-Militärgelände, eine frühere Gärtnerei, ein einstiger Güterbahnhof. Dort hat Neu-Ulm schon vor der Gartenschau den größten urbanen Gewinn gemacht: Zwölf parallele Bahngleise sind verschwunden, die restlichen vier tie­fer gelegt.

Am Bahnhof ist jetzt nicht mehr das Ende der Innenstadt, sondern eine neue Drehscheibe. Gleich dahinter liegt das zehn Hektar große „Glacis“-Areal. Während der Gartenschau stehen hier Musterhäuser für zukünftige Wohnformen – aufgeständert, solarzellengespickt, als „Loft-Cube im Energiegarten“ oder als neun Quadratmeter kleine, zum Zugucken bewohnte Studentenboxen. Die Verkehrsanlagen sind weg, dafür ist eine Caponniere ausgegraben, eine verschüttete Bastion aus dem 19. Jahrhundert. Sie erlaubt in der sonst flachen Gegend die Anlage eines Landschaftsreliefs mit Aussichtspunkt auf dem Festungsdach, Graben und Brücke.

Sehr glatt und gerade sind die Böschungen des Festungsgrabens gestaltet – das aber ist hier keine abstrakte, willkürliche Land-Art, sondern das landschaftliche Gegenstück zu den Mauern der Festung.

Gartenschau Schleswig: Blick auf das Gelände vom Domturm. Im Zentrum der schnurgerade Schleikanal, links das für die Stadt neu erschlossene Ufer der Schleibucht.

Weder in Neu-Ulm noch in Schleswig dominieren die minimalistischen Rampen, Böschungen und Wände, die noch vor ein paar Jahren das Aussehen vieler neuer Gärten prägten – mit Formen irgendwo zwischen Panzersperre und begrüntem Riesentortenstück. Auch Kieswüsten und Plattenorgien, Betonlandschaften und fast grünlose Steingärten finden sich weder hier noch dort.

Trüper mochte sie noch nie; auch die drei von Plancontext schätzen sie nicht: „In den letzten Jahren wurde die Reduktion und Schlichtheit in der Landschaftsarchitektur zu einem sehr einseitigen Leitbild.“ An einer Neu-Ulmer Stelle erlaubt sich das Büro aber noch eine Erinnerung daran: auf dem „Wiley“-Areal, früher eingezäunt als Sport- und Übungsplatz der US-Garnison, jetzt von Wohnvierteln und einer neuen Fachhochschule begrenzt. In seiner Südostecke ragt eine jener symmetrischen Erdskulpturen auf. Aber auch sie ist nicht gestalterische Willkür, sondern hat eine Funktion als Markierungselement der weiten Wiese und als ­Aussichtshügel zum fernen historischen Ulm und in die weite Landschaft, aber auch als Element des „Sportparks der Generationen“. Den prägt ein Sportplatz mit bunten Linien wie im Schnittmusterbogen.

„Sehr praktisch“, sagt Dirk Sadtler. „Da findet man für jedes Spiel die Linien in einer eigenen Farbe.“ Christian Loderer sieht auf dem Sportplatz „ein Augenzwinkern – eine nicht ganz konven­tionelle Gestaltung. Die Stadt wollte hier nun mal was ­Besonderes.“

Spielplatzgestaltung – selbst ein Spiel

Es gibt einen Beachvolleyball-Platz und einen Barfuß-Pfad, einen großen Ring für Inliner und eine kühne Grubenkonstruktion für Skateboarder – schon vor der Gartenschau gleich so beliebt, dass fürs Erste die Schussfahrt auf Beton mit Sand in der Grube ausgebremst werden musste. Ein paar Meter weiter ist ein Harald-Schmidt-Studio gartenkünstlerisch nachgebildet; der Fernsehmann kommt aus Neu-Ulm. Dirk Sadtler: „Wenn wir einen Spielplatz entwickeln, dann ist das auch für uns selbst ein Spiel.“

Aber das Elf-Millionen-Projekt ist auch nüchternes Management. „Es war uns immer sehr wichtig, die Kontrolle über den Etat in der Hand zu haben. Wenn man das nicht kann, kriegt man gleich einen Projektsteuerer vor die Nase gesetzt.“ Die Plancontext-Inhaber gehen ihren Job nicht nur hier strategisch an. Sie haben Kurse in Wirtschaft und Rhetorik belegt; Sadtler absolvierte neben dem Gartenschauprojekt sogar ein Ökonomie-Aufbaustudium im na­hen Biberach.

Die Rollen im Büro sind geteilt: Sadtler ist der Manager, Uwe Brzesek der Künstler und Christian Loderer der Stratege und Verkäufer im Team. „Rampensau“, sagt er selbst. Ihre Auftraggeber überzeugten sie mit der Kombination von Kreativität und Kaufmanns-Know-how. „Die Gartenschau-Gesellschaft fand es klasse, dass wir immer neue Ideen produziert haben“, sagt Loderer. Und Sadtler: „Dafür haben wir an anderen Stellen immer mal was gespart.“ Auch Taktik und Auftreten spielen da eine große Rolle, verrät Loderer: „Wir geben uns nicht als die Halbgötter der Gestaltung, sondern holen alle ins Boot. So kriegen wir die Sachen leichter durch.“

Grün verklammerte Gesamtstadt

Verbunden sind die weit auseinanderliegenden Gartenschau-Teile durch eine „grüne Brücke“: eine mit vielen Bäumen markierte, geh- und fahrradfreundliche Wegefolge quer durch die ganze Stadt. Die Achse markiert aber am deutlichsten den Sprung, den Neu-Ulm durch das Zusammenwachsen seiner einst abgeriegelten, voneinander getrennten und von Barrieren durchzogenen Stadtteile macht. Sie ist ein Verbindungselement, wo es vorher alle paar hundert Meter eine unüberschreitbare Trennlinie gab. Ja, sie macht aus den vorherigen Siedlungsinseln erstmals eine grün verklammerte Gesamtstadt Neu-Ulm. Diese Stadt bildet damit erstmals ein nennenswertes Gegengewicht zum großen, alten Ulm am Flussufer gegenüber.

Am anderen Ende der Republik hat das tausendjährige Schleswig solche Akte der Stadtformung nicht nötig. Aber auch hier ist die Gartenschau ein deutlicher Sprung nach vorn: Wo vorher ein urbanes Vakuum 100 Meter von Dom und Fußgängerzone begann, liegt jetzt ein Zentralpark für die 24 000-Einwohner-Stadt. Sie profitiert von der ersten Landesgartenschau, die Schleswig-Holstein veranstaltet. Immerhin gab das Land 5,8 Millionen Euro dazu. Und neben den Königswiesen reichte es noch zur Herrichtung eines Zweitschauplatzes im historischen Garten von Schloss Gottorf.

Natürlich ist Teja Trüpers Gartenschau keine Rentner-Domäne – auch er bietet einiges für den Sport. Es gibt einen für Gehschwache eher ungeeigneten Aussichtsturm, ein Strandbad und, wie er sagt, „Europas coolsten Minigolfplatz“ für eher jüngere Spieler. Umgekehrt ist in den Neu-Ulmer Parks nicht alles jung. Das Ausgraben der Festung war eher Archäologie als Gartenbau, und Pflicht sind auch hier die Blumenhallen und Staudenschauen, derentwegen die Ausflugsbusse vor allem kommen. Und eins haben beide Schauen definitiv gemeinsam: Trotz Gänsen und Frühjahrswärme blühten zur Eröffnung die alterslosen Tulpen.

Zu neuen Ufern

Die Gartenschauen in Bingen, Rietberg und Bad Rappenau

Das rheinland-pfälzische Bingen will sich mit der Landesgartenschau „ein neues Gesicht“ geben. Bisher war die Stadt vom Rheinufer abgeschnitten, jetzt will sie sich auf einem 2,7 Kilometer langen Streifen mit 24 Hektar brachgefallenen Hafen- und Bahnanlagen dem Fluss zuwenden. „Mit der Landesgartenschau erlebt die Stadt Bingen das größte städtebauliche Strukturprogramm nach dem Zweiten Weltkrieg“, sagt die Ober­bürgermeisterin. Gesamtplaner ist Stefan Fromm aus Dettenhausen, Objektplaner Ernst + Partner aus Trier und Fachplaner Christine Orel + Team aus Aurachtal.

Das Gartenschaugelände von Rietberg in Westfalen erstreckt sich über 3,5 Kilometer südlich und südöstlich des Stadtkerns und hat die Themenfelder „Lebendige Kulturgeschichte“, „Kultur trifft Natur“ sowie „Neuer Park Rietberg-Neuenkirchen“. Auch die Altstadt ist Teil der Schau, mit Bürgergärten, Kloster- und Skulpturengärten und Pflanzenmarkt. Und der Fernradweg „Landesgartenschau-Route“ führt hindurch – er erschließt frühere Schau-Gelände in Lünen, Hamm, Rheda-Wiedenbrück und Paderborn. Landschaftsarchitekt der Rietberger Schau ist Heinz W. Hallmann aus Aachen.

Schlosspark, Kurpark und Salinenpark sind die Orte der Schau im nordbadischen Bad Rappenau. Die Landschaftsarchitekten kommen aus Freiburg im Breisgau: Jochen Dittus und Andreas Böhringer mit ihrem Büro AG Freiraum sowie Pit Müller. Das bewährte Team gestaltete bereits den Heidenheimer Brenzpark für die Landesgartenschau 2006; in Bad Rappenau ging es um die Aufwertung der drei vorhandenen Anlagen und ihre Verbindung durch eine „Grünspange“ mit offenem Bachlauf durch die Bad Rappenauer Innenstadt.

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