Entwerfen heißt Verwerfen
In Praxis und Lehre erprobt Mauritz Lüps, wie sich durch KI der Entwurfsprozess verändert.
Das Atelier Lüps liegt auf einem ehemaligen Produktionsgelände für Rollladenkästen, einem Ort, der sich wenig Mühe gibt, sich der umgebenden Idylle am Ammersee anzupassen. Aus dem Parkplatz wächst nahtlos ein grauer Sockel, darüber eine weiße Wand, zur Straße geschlossen, offen zur Natur. „Wie der Löwenzahn, der sich durch die Asphaltdecke schiebt“, beschreibt Mauritz Lüps sein Büro, das er zusammen mit seinem Vater betreibt. Der Bau ist Lowtech, zeigt Ziegel und Sichtbeton und gewinnt Wärme aus seiner zweischaligen Glasfassade.
Mit demselben Pragmatismus, der das Gebäude prägt, geht Lüps sein aktuelles Projekt an: Er lotet aus, wie sich die gerade rasant entwickelnde Künstliche Intelligenz (KI) konkret in der Planung einsetzen lässt. Und ihn interessiert, wie sie die Rolle von Architekt:innen verändern könnte.
KI als Übersetzer
Lüps arbeitet seit jeher auch bildbasiert. Schon im Studium bei Peter Zumthor beschäftigte er sich mit atmosphärischem Entwerfen. Hier werden Bilder nicht als Endprodukt, sondern als Denkwerkzeug begriffen, die den gesamten Prozess begleiten. Lange war das aufwendig: Modelle bauen, 3D konstruieren, rendern.
Dann kamen 2022 die ersten leistungsfähigen Bildgeneratoren, mit denen Lüps sofort experimentierte: „Ich wollte wissen, was mir die neue Welt gibt, wie neue Werkzeuge aussehen könnten.“ Plötzlich ließen sich in Sekunden Stimmungen erzeugen. Das Potenzial der wenig später aufgekommenen großen Sprachmodelle erkannte er dagegen erst, als ihm klar wurde, dass sich über die Sprache auch logische Probleme lösen und Informationen strukturieren lassen. Außerdem entdeckte Lüps einen entscheidenden Vorteil in der „Intermodalität“ von KI, also ihrer Fähigkeit, visuelle und sprachliche Inhalte ineinander zu übersetzen: „Aus Text wird Bild, aus Bild wird Text, aus Skizze wird Visualisierung, aus Visualisierung wird Plan.“
Input, Output, Wiederholung
Hierbei erlaubt es KI, eine nie dagewesene Masse an Varianten zu erzeugen. Das hat Auswirkungen auf den Entwurfsprozess, den Lüps als „Iterative Triade“ beschreibt. Der Mensch definiert ein Konzept als Input, aus dem die KI einen Output generiert, den wiederum der Nutzer evaluieren muss. Dann geht es in die nächste Runde. Dabei entsteht „Augmentation“, womit Lüps die Fähigkeit von generativer KI beschreibt, einem Input zwar grundlegend beabsichtigte, aber im Ergebnis unvorhergesehene, interessante neue Aspekte hinzuzufügen. Nicht immer ist das brauchbar: „Es entsteht viel Bullshit, aber immer wieder steckt in einem Bereich, im Licht, einer Form, einem Zusammenspiel etwas, das ich sinnvoll weiterdenken kann.“
Neue Wege in der Lehre
Für Lüps war es naheliegend, seine Ideen auch an der Universität einzubringen. Seit dem Ende seines eigenen Studiums ist er in der Lehre tätig und schätzt den Ausgleich zwischen Theorie und Praxis: „Man kann aus den Banalitäten der Praxis ausbrechen, lebt aber wiederum nicht nur in theoretischen Luftschlösschen.“ Im Wintersemester hat er das erste Seminar über „Vergleichendes Entwerfen mit KI“ an der Technischen Universität München (TUM) durchgeführt. Bei den Studierenden habe er zunächst eine ambivalente Ausgangshaltung beobachtet. Während manche KI unkritisch und ohne zu hinterfragen eingesetzt hätten, seien andere zunächst skeptisch und zurückhaltend gewesen. Gerade wenn man noch dabei sei, das Planen zu erlernen, sei die Hürde besonders hoch, sich auf eine neue, zusätzliche und a priori komplexe Methode einzulassen.
Lüps’ Kurs am Lehrstuhl für Entwerfen und Konstruieren von Prof. Florian Nagler war dementsprechend ein Experiment mit dem Ziel, absichtsvolles, entwerferisches Handeln im Umgang mit KI zu vermitteln und zu untersuchen, was mit marktüblichen Systemen möglich ist. Im Seminar bekamen die Studierenden die Aufgabenstellung, eine Fläche am Übergang zwischen Stadt und Land zu entwickeln und dabei möglichst viele Anwendungsfälle für KI zu finden. Alle Projekte werden in einer verlinkten Knowledge Base zusammengeführt, einer grafisch strukturierten Datenbank, in der alle Varianten, Irrwege, Entscheidungen sichtbar bleiben. Schon hier in der Projektorganisation kommt KI zum Einsatz. Sie kann auf alle Texte, Bilder und Planungsdokumente zugreifen. Ein lokales agentisches System, angetrieben von Sprachmodellen, ermöglicht ein Höchstmaß an technischer Integration. Es strukturiert Ordner, erkennt thematische Zusammenhänge und fungiert als „Bibliothekar“. „Dabei entstehen Gedanken, die man selbst noch nicht hatte“, sagt Lüps.
Werkzeuge als Mosaiksteine
Daneben kommen in der ersten Konzeptphase vor allem Bildgeneratoren zum Einsatz. Sie erlauben durch verschiedene Inputs wie Fotos, Skizzen und Texte atmosphärische Studien und Variantenvergleiche. Neben der zugrunde liegenden Idee können dabei etwa auch einzelne Formen und Raumkanten vorgegeben werden. Die Resultate liefern Inspiration für den weiteren Prozess. So bemerkten Studierende in der Visualisierung eine interessante Hofkonstellation. Sie generierten ein KI-Video, um hinter die nächste Gebäudeecke schauen zu können, und entdeckten dabei, dass die Raumwirkung durch eine bestimmte Drehung der Gebäude zueinander entstand. Dabei wird der Sprung zwischen städtebaulicher Perspektive und dem Blick der einzelnen Person im Maßstab 1:1 unmittelbar nachvollziehbar und eröffnet neue, reflektierte Wege der Entwurfsentscheidung.
Während diese Arbeiten mit den Sprach- und Bildmodellen der großen KI-Anbieter möglich sind, kommt auch architekturspezifische Software zum Einsatz. Damit lassen sich KI-getrieben etwa Sonnenstunden quasi in Echtzeit abbilden oder Klimabilanzen abschätzen. Generative Grundriss-Tools können Pläne, 3D-Modelle und sogar BIM-fähige Modelle auf Basis definierter Parameter generieren, taugen bislang aber vor allem für seriellen Wohnungsbau in großem Maßstab ohne gehobene qualitative Ansprüche. „KI ist nicht gleich KI“, betont Lüps. Viele Tools sind Mosaiksteine für spezifische Anwendungsfälle und müssen professionell kuratiert und gezielt eingesetzt werden.
Bei den Studierenden beobachtete Lüps im Verlauf des Kurses ein „Empowerment“. Wer lernt, neue Werkzeuge gezielt einzusetzen, verliert schnell die anfängliche Skepsis und gewinnt zunehmend ein „Gefühl der Meisterschaft“ im Umgang mit ihnen. Gleichzeitig verschieben sich die Kompetenzen: Nicht mehr nur das Entwickeln einer einzelnen Lösung steht im Mittelpunkt, sondern das Vergleichen, Bewerten und Auswählen von Varianten sowie das Arbeiten an mehreren Entwurfssträngen parallel. Lüps sieht darin eine potenzielle Verbesserung in der Entscheidungskultur: „Früher hat man sich nach Stunden und Wochen an einer Idee festgebissen und sich womöglich irgendwann selbst überzeugt, dass es die einzig richtige Lösung sei.“
Entwerfen bedeutet, in Zukunft auch mehr zu verwerfen. Und aus der Fülle generierter Möglichkeiten die Form zu wählen, die sich ästhetisch, ökologisch, funktional und ökonomisch begründen lässt. In dieser Rolle sieht Lüps die Zukunft der Disziplin: Architekt:innen bleiben Gestalter und Konstrukteure, aber sie stärken ihre Rolle als Kurator:innen eines erweiterten Entwurfsraums.
Das könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven Newsletter!