Vom Entwurf bis zur Umsetzung: Leitfäden zum zirkulären Planen und Bauen strukturieren neue planerische Verantwortlichkeiten und Herausforderungen. Eine Einordnung zentraler Veröffentlichungen der letzten beiden Jahre und ihrer Rolle im Übergang zur Praxis.
Das zirkuläre Bauen stellt keine neue Disziplin dar, sondern eine Verschiebung grundlegender Entwurfsfragen. Entscheidungen zu Tragwerk, Konstruktion oder Materialwahl erhalten eine neue zeitliche Dimension. Zahlreiche Leitfäden zum zirkulären Bauen dienen daher als Werkzeug, Handlungsleitfaden, Denk- und Entscheidungshilfen im Entwurfsprozess – dort, wo die größten Hebel für Ressourcenschonung und Klimawirkung liegen – sowie der konkreten Umsetzung. Sie unterstützen darin, komplexe Zielsetzungen in konkrete Maßnahmen zu übersetzen und frühzeitig über Trennbarkeit, Lebensdauer, Anpassungsfähigkeit und Materialkreisläufe nachzudenken – nicht nur mit Blick auf die Nutzung eines Gebäudes, sondern auf dessen Stoffströme, CO2-Bilanz sowie das zukünftige Weiterbauen, Umbauen und Wiederverwenden.
Die Bandbreite der Leitfäden reicht von klassischen Planungs- und Entwurfshilfen über verwaltungsnahe Umsetzungshandbücher bis hin zu digitalen Tool-Sammlungen und Web-Dossiers auf nationaler oder europäischer Ebene. Gemeinsam ist allen Formaten der Versuch, ein komplexes Transformationsziel – die Abkehr vom linearen Bauen hin zu geschlossenen Stoffkreisläufen – in handhabbare Entscheidungs- und Handlungsebenen zu übersetzen. Unterschiede bestehen jedoch in der Perspektive, Tiefe und Adressierung: Während einige Leitfäden architektonische Entwurfsfragen oder die konkrete Einbindung zirkulärer Planungsleistungen in die HOAI-Phasen in den Mittelpunkt stellen, fokussieren andere auf Prozesssteuerung, den sekundären Bauteil- oder Baustoffmarkt, Vergabe oder Rückbau.
A wie Zirkulär – Ein Leitfaden zum Planen und Bauen im Kreislauf
Der Leitfaden der Architektenkammer Berlin gilt als eine der umfassendsten deutschsprachigen Veröffentlichungen zum zirkulären Bauen. Er strukturiert das Thema entlang klassischer Planungsphasen und Bauteile – von Tragwerk und Gebäudehülle bis Ausbau und Technik. Neben Grundlagenwissen bietet er Checklisten, Entscheidungsfragen und Praxisbeispiele. Besonders ist der architektonische Blick: Zirkularität wird nicht als Spezialdisziplin, sondern als integraler Bestandteil des Entwurfs verstanden. Der Leitfaden dient vor allem der Orientierung und Entwurfsunterstützung, weniger als technische Anleitung.
Der Leitfaden richtet sich an Auftraggeber und Verwaltung, an Projektsteuerung und Planende. Im Mittelpunkt stehen Umsetzungslogiken: Rollenverteilungen, Prozessschritte, Entscheidungspunkte und rechtliche Rahmenbedingungen. Ergänzt wird dies durch Textbausteine für Ausschreibungen und Hinweise zur Integration zirkulärer Anforderungen in bestehende Vergabestrukturen. Die Besonderheit liegt im operativen Fokus: Zirkuläres Bauen wird hier als organisations- und prozessuale Aufgabe verstanden, weniger als Entwurfsthema.
Zirkuläres Planen und Bauen mit Fokus auf die Wiederverwendung von Bauprodukten – Handlungsempfehlung für die öffentliche Hand
Die Concular-Handlungsempfehlung konzentriert sich auf einen zentralen Hebel der Kreislaufwirtschaft: die Wiederverwendung von Bauteilen. Dafür werden die Hintergründe sowie die rechtlichen, ökologischen und ökonomischen Grundlagen aufgeführt, weiterhin werden Rückbauplanung, Qualitätsbewertung, Dokumentation und Integration in neue Projekte berücksichtigt. Der Leitfaden ist stark praxisgetrieben und eng an reale Pilotprojekte gekoppelt. Sein Anwendungsziel liegt weniger in der Breite, sondern in der konkreten Umsetzung einzelner zirkulärer Strategien im Bestand.
Die Umsetzungshilfe adressiert zirkuläres Bauen konsequent aus der Perspektive der öffentlichen Hand. Im Mittelpunkt stehen nicht Entwurfsfragen, sondern die operative Verankerung zirkulärer Ziele in Projektorganisation, Vergabe und Steuerung. Das Dokument strukturiert den Projektablauf von der Bedarfsdefinition über Ausschreibung und Vertragsgestaltung bis zur Umsetzung und Erfolgskontrolle. Besonderheit ist der verwaltungsnahe Blick: Zirkularität wird als Management- und Entscheidungsaufgabe verstanden, mit klar benannten Hemmnissen und pragmatischen Lösungsansätzen. Das Anwendungsziel liegt in der Überführung zirkulärer Prinzipien in Standards und Routinen öffentlicher Bauprojekte.
Der Praxisleitfaden liefert erstmals belastbare technische Grundlagen für die Wiederverwendung tragender Holz- und Stahlbauteile im Hochbau. Er ist aus einem mehrjährigen Forschungsvorhaben hervorgegangen und beschreibt eine strukturierte Vorgehensweise von Bestandsanalyse über Rückbau, Prüfung, Aufbereitung bis zur erneuten Bemessung. Besonderes Augenmerk liegt auf der baurechtlichen Einordnung, einschließlich der Vorbereitung von Zustimmungen im Einzelfall und vorhabenbezogenen Bauartgenehmigungen. Der materialneutral aufgebaute Hauptteil wird durch detaillierte materialspezifische Anhänge für Stahl- und Holzbau ergänzt. Für Planer:innen ist der Leitfaden vor allem dort relevant, wo Wiederverwendung tragwerksseitig genehmigungsfähig umgesetzt werden soll.
The Circular City Centre – C3: A Guide for Circularity in the Urban Built Environment
Der C3-Leitfaden richtet den Blick auf die urbane Ebene und versteht zirkuläres Bauen als Teil einer umfassenden Stadt- und Infrastrukturstrategie. Der Leitfaden ist zwar eng an europäische Rahmenbedingungen (u. a. öffentliche Beschaffung, Förderlogiken, Klimaziele) gekoppelt, liefert aber ein übertragbares Referenzmodell für deutsche Kommunen. Er behandelt Governance-Strukturen, politische und organisatorische Hebel, Beschaffung sowie Skalierungsmechanismen für zirkuläre Lösungen. Für Architekt:innen ist der Leitfaden vor allem dort relevant, wo Projekte in kommunale Strategien, Programme oder Portfolios eingebettet sind. Seine Besonderheit liegt im systemischen Ansatz: Gebäude werden nicht isoliert betrachtet, sondern als Bestandteil urbaner Stoff- und Wertschöpfungskreisläufe. Ziel ist es, zirkuläre Prinzipien auf Quartiers- und Stadtebene wirksam zu machen.
Der LeitfadenCircular Building Design übersetzt zirkuläre Prinzipien gezielt in planerische Strategien und Entwurfsentscheidungen. Trotz internationalem Kontext sind die beschriebenen Entwurfsprinzipien direkt auf die deutsche Planungspraxis übertragbar, da sie unabhängig von nationalen Normen ansetzen und mit Anforderungen zu Lebenszyklusbetrachtung und grauen Emissionen kompatibel sind. Aufbauend auf dem 10R-Modell werden Designprinzipien wie Reversibilität, Trennbarkeit, Adaptierbarkeit und robuste Grundstrukturen konkretisiert. Eine Besonderheit ist die Nähe zum Entwurf: Zirkularität wird nicht als technisches Add-on verstanden, sondern als Entwurfsparameter, der Typologie, Raster, Fügetechnik und Materialwahl prägt. Das Anwendungsziel besteht darin, Gebäude so zu konzipieren, dass sie langfristig anpassbar, demontierbar und in Teilen wiederverwendbar sind – mit reduzierter grauer Klimawirkung.
Der Circular Building Charta-Leitfaden stellt einen steuerungsorientierten Rahmen für kreislauforientierte Bauprojekte bereit. Zentrale Elemente sind klar definierte Ziele, strukturierte Handlungsfelder sowie ein kennzahlenbasierter Ansatz, mit dem Kreislauffähigkeit systematisch erfasst und vergleichbar gemacht wird. Besonderheit ist die klare Ausrichtung auf Bewertung und Nachvollziehbarkeit: Zirkularität wird nicht nur beschrieben, sondern über Kennwerte und Maßnahmen operationalisiert. Für Architekt:innen ist der Leitfaden vor allem dort relevant, wo Bauherrschaften quantifizierbare Anforderungen formulieren und diese in Entwurf und Umsetzung übersetzt werden müssen. Die KPI (Key Performance Indicator)-orientierte Struktur ist unabhängig vom Schweizer Regelwerk nutzbar und liefert auch für deutsche Projekte eine belastbare Referenz zur Zieldefinition, Bewertung und Steuerung kreislauforientierter Bauvorhaben, insbesondere im Dialog mit anspruchsvollen Auftraggebern.
Die Studie untersucht die Wiederverwendung von Bauteilen entlang der gesamten Bauwertschöpfungskette und analysiert systematisch, warum Re-Use bislang nur punktuell umgesetzt wird. Auf Grundlage von Interviews, Marktanalysen und Fallbeispielen identifiziert sie zentrale Hemmnisse wie fehlende Planungsintegration, Haftungsfragen, logistische Aufwände und unklare Wirtschaftlichkeit. Daraus leitet sie einen strukturierten Maßnahmenkatalog sowie eine Roadmap ab, die Re-Use von der Ausnahme zur Regelanwendung entwickeln soll. Besonderheit des Leitfadens ist der starke Umsetzungsfokus: Er adressiert konkrete Stellschrauben in Planung, Rückbau, Ausschreibung und Projektorganisation und zeigt, wie Wiederverwendung frühzeitig verankert werden kann. Die für die Schweiz beschriebenen Hemmnisse und Prozessbrüche sind mit der deutschen Baupraxis weitgehend identisch. Die vorgeschlagenen Maßnahmen lassen sich auch auf deutsche Projekte übertragen. Interessant ist auch ein Ländervergleich sowie ein möglicher Ausblick der Wiederverwendungspraxis bis über das Jahr 2040 hinaus.
Die zahlreichen Veröffentlichungen, besonders aus dem Jahr 2024, sind als grundlegende Handreichungen und systematische Aufbereitungen des Status quo zu verstehen, als ein Versuch, einen fragmentierten Wissensstand auf eine gemeinsame Basis zu bringen. Die oben getroffene Auswahl ist nur ein Teil davon. Architektenkammern, Landesinstitutionen und praxisnahe Akteure machten das zirkuläre Bauen aus unterschiedlichen institutionellen und professionellen Blickwinkeln greifbar. Das Jahr 2025 scheint einen Übergang zu markieren. Statt neuer Grundsatzpapiere lag der Fokus stärker auf Anwendung und Konsolidierung, auch in Form von Pilotprojekten, Forschungsprogrammen und der Erprobung von Werkzeugen. Dies kann als ein erfreulicher Ausdruck einer fachlichen Reifung gewertet werden. Zirkuläres Bauen wird zunehmend als Teil der planerischen Verantwortung verstanden – nicht mehr als Sonderthema, sondern als integraler Bestandteil architektonischer Qualität.
Bettina Sigmund
Spezialistin für ArchitekturkommunikationMünchen
Bettina Sigmund ist Spezialistin für Architekturkommunikation. Sie ist Inhaberin von „aboutarchitecture“ und Partnerin der „ARGE Kommunikation“. Ihre Tätigkeit umfasst Redaktion, PR und strategische Beratung für alle Akteure der Baubranche.