„Künstliche Intelligenz, Hyperrealität und die Rolle der Gestaltung“
Jean Baudrillard veröffentlichte „Simulacres et Simulation“ 1981, zu einem Zeitpunkt, an dem das Fernsehprogramm in den Nachtstunden noch von einem Testbild unterbrochen wurde, und zwei Jahre bevor die Einführung der TCP/IP-Protokolle den Grundstein für das legten, was wir heute als Internet kennen. In diesem Buch argumentiert er bereits damals, dass Zeichen keine Wirklichkeit mehr repräsentieren. Sie ersetzen sie. In vier Phasen beschreibt Baudrillard, wie ein Bild zunächst eine Wirklichkeit widerspiegelt, sie dann verschleiert, dann deren Fehlen kaschiert und schließlich zu einem reinen Simulacrum wird, das keine Referenz außerhalb seiner selbst mehr kennt.
Was Baudrillard damals noch als kulturkritische Diagnose formulierte, lässt sich heute überall beobachten. Mit generativer künstlicher Intelligenz (KI) werden fotografisch anmutende Bilder erzeugt, die kein Fotograf aufgenommen hat, Zeichnungen erstellt, für die weder ein Stift noch ein Mauszeiger bewegt wurde. Sie produziert Gebäudeentwürfe, die keine Architektin je gezeichnet hat, Fassadenvarianten, hinter denen keine räumliche Erfahrung steht, Grundrisse, die aus riesigen Datenreferenzen destilliert wurden, ohne je bewohnt worden zu sein. Das Rendering auf dem Bildschirm zeigt ein Haus, das es nicht gibt – und das möglicherweise überhaupt nicht existieren kann. Weil der Algorithmus – zumindest heute – die Baubarkeit und die Konsequenzen des Entwurfs nicht bewertet, keine Ahnung hat, wie die Sonne durch die Fenster fällt oder wie sich der Lärm der Straße im Treppenhaus verhält. Baudrillards Hyperrealität ist keine Metapher mehr, sie ist zur Tatsache geworden.
Für Architektur und Gestaltung ist das eine beunruhigende Beobachtung. Wer mit Form und Raum arbeitet, tut das nie außerhalb von Konventionen. Bisher war diese Arbeit immer auch an körperliche Erfahrung geknüpft. Der Grundriss eines Altbaus hat Geschichte, die aus Entscheidungen besteht, die Menschen unter bestimmten sozialen und technischen Bedingungen getroffen haben. Ein generatives Modell mittelt diese und alle anderen im Datensatz erfassten Geschichten zu einem statistischen Durchschnitt. Was entsteht, ist daher oftmals unscharf, glatt oder erwartbar. Doch was tun mir dieser Diagnose? Ein Ansatz führt nach Kassel zu Lucius Burckhardt. Er lehrte dort seit 1972 und entwickelte mit seiner Frau Annemarie eine Methode mit einem zugegeben unscheinbaren Namen: die Spaziergangswissenschaft. Gemeinsam mit Studierenden ging er durch Stadt und Landschaft mit dem Ziel zu verstehen, welche Entscheidungen und wessen Interessen zur gebauten Umwelt wurden. In seinem 1974 veröffentlichten Text „Wer plant die Planung?“ schreibt er: „Die Verschlechterung unserer Umwelt ist nichts anderes als die Summe dessen, was bei der Planung als unwesentlich unter den Tisch fiel.“ Diese Feststellung war provokativ, da sie auf die Unsichtbarkeit menschlicher Entscheidungen und deren Folgen hinwies. Auf Verkehrsplaner, die Städte autogerecht auslegten, auf Bauträger, die Rendite höher gewichten als Aufenthaltsqualität, und Behörden, denen politische Interessen wichtiger sind als die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger.
Auch heute ist die Frage der Planung hochaktuell. Wenn generative KI-Systeme Fassadengestaltung vorschlagen, Grundrisse optimieren oder Bebauungsdichten berechnen, droht, dass es kein „Wer“ mehr gibt, das man nach dessen Intentionen befragen könnte. Entscheidungen und die Verantwortung dafür werden abgegeben an technische Systeme. Lisa Bates schrieb 2024 in Planning Theory & Practice: „When it comes to urban planning […] there is nothing nothing ‘generative’ nor ‘intelligent’ about these models“ und weist damit auf die Grenzen künstlicher Intelligenz im Kontext der Stadtplanung hin und darauf, dass KI-Modelle niemandem gegenüber rechenschaftspflichtig sind.
Burckhardts promenadologische Haltung, also Verlangsamung als Erkenntnismethode, der Fokus auf die Nutzung statt die Planung und vor allem das bewusste Wahrnehmen sind heute nicht weniger relevant. Nicht nur als Spaziergang im realen, sondern auch im digitalen Raum. Denn wir müssen heute genau diese Ruhe und Geduld mitbringen, um die Outputs von KI-Systemen zu befragen: Welche verdeckten Annahmen stecken im generierten Entwurf? Welche Perspektive fehlt gänzlich? Woher stammen die Daten mit denen die Modelle trainiert wurden, die wir nutzen?
Wenn generative KI-Systeme Fassadengestaltung vorschlagen, Grundrisse optimieren oder Bebauungsdichten berechnen, droht, dass es kein ‚Wer‘ mehr gibt, das man nach dessen Intentionen befragen könnte.
Felix Dölker
Doch was bedeutet das alles nun für die Architektur, die Gestaltung und die Gestaltungslehre, die Studierende auf das Berufsleben vorbereiten soll? Dafür müssen wir zuallererst feststellen, dass KI-Werkzeuge in Entwurfsprozessen angekommen sind, nicht als Experiment, sondern als Teil des Alltags. Für Wettbewerbe und in frühen Leistungsphasen werden Visualisierungen und ganze Entwürfe generiert, Prozesse und Pläne werden optimiert bis hin zur Begleitung beim Bau. KI-Funktionen tauchen in fast jeder gängigen Software auf. Das verändert auch, wie wir über Gestaltung nachdenken.
Nach der Logik der Marktwirtschaft ist es – vor allem aus Sicht der Bauträger – erst einmal keine Überraschung, diese neuen Möglichkeiten rein als Effizienzgewinn zu bewerten. Doch mit Blick auf die vorangegangenen Gedanken ist es nötig, diese Transformation viel grundlegender zu betrachten. Wenn das Werkzeug Entwürfe generiert, die realisiert werden, aber keine Referenz in gelebter Erfahrung mehr haben, dann ist die Frage nicht nur, wie schnell man damit arbeitet, sondern was man damit produziert. Und mit welchen Folgen. Ein KI-Modell, das aus unzähligen Wohnungsgrundrissen das statistische Ideal eines Grundrisses destilliert, liefert vielleicht etwas auf den ersten Blick Überzeugendes. Aber es bestätigt Konventionen rekursiv, ohne sie je zu durchdenken. Es schlägt Durchschnittsästhetik vor – und damit genau das, was Burckhardt in seiner Kritik an der technokratischen Planung meinte: eine Umwelt, die aus dem entsteht, was man messen kann, und das übergeht, was man nicht messen kann.
Gestaltungslehre hat hier eine wichtige Aufgabe. Und diese ist nicht das Vermitteln von Werkzeugkompetenz, sondern die Wahrnehmungsschulung. Also die Fähigkeit, einen KI-generierten Entwurf zu betrachten und zu fragen, was fehlt: Welche Entscheidung ist in diesem Trainingskorpus unsichtbar geworden? Welche bestehende Verzerrung wird reproduziert? Welche Körper, welche Lebensformen, welche klimatischen Bedingungen wurden nicht mitgedacht? Das ist eine promenadologische Haltung: die Bereitschaft, das scheinbar Vertraute fremd zu machen, um die offenen und versteckten Entscheidungen darin zu sehen.
Dazu gehört auch, die ökologische und infrastrukturelle Dimension der Technologie nicht zu übersehen. Generative KI ist keine immaterielle Intelligenz – sie setzt riesige Rechenzentren voraus, die nicht nur Rohstoffe für die verbauten Komponenten benötigen, sondern auch große Mengen an Energie und Kühlwasser. Microsoft hat 2024 das stillgelegte Kernkraftwerk Three Mile Island reaktiviert, um seinen Strombedarf zu decken. Google diskutiert 2025 öffentlich die Machbarkeit von Rechenzentren im Orbit. Auch das gehört zu den neuen, effizienten und scheinbar sauberen Entwurfsprozessen. Burckhardts Forderung, die ganzheitlichen Folgen von Planung zu bedenken, ist auch hier aktuell.
Baudrillard hat in seinen späteren Schriften keine Auswege angeboten. Er hielt die Hyperrealität für einen Zustand ohne Rückkehr. Das sollte uns jedoch nicht entmutigen. Zugegeben, die Bedingungen sind komplex, dynamisch und herausfordernd. Doch gerade Architektur und Gestaltung waren schon immer Felder, die keine Scheu haben, sich solchen großen Aufgaben zu stellen und Lösungsansätze zu entwickeln. Das wird auch so bleiben. Doch wir müssen dabei bewusst steuern und vielleicht auch verteidigen, an welcher Stelle wir Entscheidungen an KI-Werkzeuge abgeben. An Werkzeuge, die keine Absicht haben, keine Intention und zuletzt keine Körper, die in unserer Welt leben müssen.
Quellenverzeichnis
Quellenverzeichnis
Agüera y Arcas, Blaise et al. (2025): Towards a future space-based, highly scalable AI infrastructure system design. arXiv: arxiv.org/abs/2511.19468
Bates, Lisa K. (2024): A Computer Must Never Make a Planning Decision. In: Planning Theory & Practice, Band 25, Ausgabe 4, S. 489–503.
Baudrillard, Jean (1981): Simulacres et Simulation. Paris: Éditions Galilée
Burckhardt, Lucius (1974): Wer plant die Planung? Kassel: Universität Kassel.
Burckhardt, Lucius: Promenadologie. Universität Kassel.
Dölker, Felix (2026): Spaziergänge im digitalen Raum: Lucius Burckhardts Promenadologie im Zeitalter der Digitalisierung.
Kirchner, Malte (2024): Atomstrom für KI-Rechenzentren: Microsoft lässt Three Mile Island reaktivieren. Heise, 20.09.2024.
Das könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven Newsletter!