Der menschliche Makel
Während KI-Anwendungen digitale Perfektion zur Massenware machen, könnte ausgerechnet menschliches Scheitern, Irren und Abweichen zum wertvollsten Rohstoff der Zukunft werden.
Roboter tanzen medienwirksam chinesische Volkstänze oder führen Reel-kompatibel Flickflacks und ähnlich komplexe Bewegungsabläufe vor; Streaming-Plattformen werden von Songs geflutet, die von KI generiert wurden; auf YouTube schießen die Clickzahlen für Old-School-Hip-Hop-Mixtapes in die Höhe, die kein DJ zusammengestellt hat, sondern ein Bot; Instagram und TikTok werden geflutet von Profilen, hinter deren Videos und Bildern sich ebenfalls keine echten Menschen mehr verbergen; Suchmaschinen und PDF-Anzeige-Programme schlagen einem KI-basierte Ergebnisse und Zusammenfassungen vor, auch wenn man nur einen vergessen geglaubten Link gesucht oder ein halbseitiges Textdokument geöffnet hat. Neben Robotik ist derzeit kaum ein Thema so präsent wie KI: die sogenannte künstliche Intelligenz. Überraschend dabei ist, dass wir die vermeintlich größten Einsatzmöglichkeiten ausgerechnet in unterschiedlichen Formen von Kulturgütern dargereicht bekommen. Fotografie, Malerei, Musik, Tanz und Film – kaum eine Kulturtechnik, so scheint es, in der KI-Anwendungen nicht irgendeine diffuse Form von Zukunft suggerieren. Dabei vollziehen sich die Entwicklungsschritte in immer schnelleren Zyklen, sind die Ergebnisse immer beeindruckender und in vielen Fällen nachgerade obskur perfekt. Es ist genau diese Perfektion, die schon jetzt – und noch mehr in naher Zukunft – erreicht ist und wird, die manche schaudern lässt. Wozu, so die sich aufdrängende Frage, braucht es da noch Menschen?
Was hat noch einen Wert?
Die Antwort liegt in dem, was uns Menschen ausmacht, und was wir doch die allermeiste Zeit unserer Entwicklungsgeschichte versucht haben, zu minimieren: unsere Fehlerhaftigkeit. Im Angesicht allgegenwärtiger, artifizieller Perfektion stellt sich der vermeintliche Makel nicht mehr als solcher heraus. Das Unperfekte wird zu einem Gütesiegel.
Der Grund dafür ist in den Mechanismen des Marktes zu finden. Dank KI, schwacher und starker, findet ein messbares Wirtschaftswachstum statt – angefangen bei einfachen Assistenzsystemen wie Chatbots im Kundenservice über komplexe Large Language Modells für Recherchen bis hin zu Planungstools im Bereich des Trouble-Shootings oder der Verknüpfung von Umweltdaten mit digitalen Zwillingen tatsächlicher Gebäude. Das geht einher mit einer Macht- und Mittel-Monopolisierung bei den üblichen Verdächtigen, vor allem also bei den US-amerikanischen Tech-Giganten. Was aber machen die mit dem Geld? Sie reinvestieren es. Investitionen haben mittel- und langfristig jedoch nur einen Sinn, wenn das Investitionsziel auch einen Wert hat. In Zeiten von theoretischer Allverfügbarkeit von Energie durch Wind und Sonne ist die für KI-Anwendungen aufgebrachte Energie jedoch nicht mehr knapp, die Arbeit, die für das Vollziehen der KI-Anwendungen aufgebracht wird, folglich eher wertlos. Auch wenn die Probleme des Materialeinsatzes und Wasserverbrauchs für Rechenzentren bleiben, taucht die Frage nach möglichen neuen Investitionszielen auf: Was hat künftig noch einen Wert, wenn im Digitalen alles immer und sofort zu haben ist? Ein anderes knappes Gut, etwas Weltliches, Körperliches, Menschliches?
Entwerfen statt verwalten
Wenn also KI-Anwendungen jene Beschäftigung in der Planung tatsächlich ersetzbar erscheinen lassen – die der US-amerikanische Kulturanthropologe David Graeber als Bullshit-Jobs bezeichnete –, könnten der menschlich hergestellte Entwurf, die körperlich erschaffene Form und das manuell ausgeführte Detail künftig einen Wert haben, den wir noch nicht in Gänze umreißen können.
Statt stunden- und tagelang Kollisionsprüfungen durchzuführen, Tabellen zu füllen, auszudrucken, abzuheften und vermittels Aktenordner dem rechtssicheren Vergessen im Nirwana der Archivschränke anheimfallen zu lassen, könnten Architektinnen und Architekten sich auf ihre ureigene Kernkompetenz konzentrieren, das Entwerfen von Raum durch Form. Wo die Effizienz steigen mag, besteht doch das Risiko einer Homogenisierung des Designs, wenn Modelle nur auf Basis bestehender Daten trainiert werden können. Was ist denn das Ziel? Zum „Validator“ von KI-Vorschlägen degradiert, die am Styro-Cutter eingeübte Praxis der x-fachen Variationsorgien als Anwendungsfall der Zukunft zu erörtern? Tatsächlich könnten KI-Tools unterschiedlicher Komplexitäten als analytische Partner fungieren, die den kreativen Freiraum vergrößern, anstatt die gestalterische Vision durch statistische Wahrscheinlichkeiten im Slop zu ersetzen.
Der Hofmeister-Knick des Menschlichen
Auch wenn aktuelle Trends und Phänomene der sogenannten Gegenwart uns anderes glauben machen wollen: Es ist nicht die Perfektion, die uns Menschen ausmacht. Es ist der vermeintliche Makel. Nicht die aalglatten Sporthelden sind es, die in Erinnerung bleiben, sondern diejenigen, die mit Blessuren aus einem Match kommen. Nicht der gerade Karriereweg fasziniert uns, sondern der mit Irrungen und Wirrungen. Nicht die übermäßige Ebenheit eines Gesichts, sondern Models mit Leberfleck brennen sich markant ins kollektive Gedächtnis. Nicht der wahllos-saubere Bogen einer Fensterlinie im Automobildesign, sondern der Hofmeister-Knick zieht in die Gestaltungsgeschichte ein. Der menschliche Makel wird zwischen unendlichen Variationen des Perfekten etwas werden, das von Wert ist. Gestalterisch, ästhetisch und schließlich auch wirtschaftlich.
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