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Die Neubewertung von Infrastrukturen und öffentlichem Raum

Was die Mobilitätswende heute schon über morgen verrät.

Dr. Stefan Carsten
22.12.2025 7min
Infrastruktur Politik Baukultur Bundesweit
Verkehrsberuhigte Straße mit Fahrradfahrern und Begrünung sowie Sitzgelegenheiten.
© Christoph Soeder/picture alliance/dpa

Die Mobilitätswende ist kein Zukunftsszenario mehr, sondern gesellschaftliche Gegenwart. Sie verändert die Funktion urbaner Infrastrukturen fundamental. In deutschen Metropolen zeigt sich eine klare Verschiebung: Die Führerscheinquote bei unter 25-Jährigen ist in den vergangenen zehn Jahren von rund 70 Prozent auf etwa 60 Prozent gesunken und wird bis 2035 voraussichtlich unter 50 Prozent fallen. In Berlin trägt der Umweltverbund (Fuß- und Radverkehr sowie ÖPNV) bereits rund drei Viertel aller Wege, das Auto verliert insbesondere in den innerstädtischen Bezirken. München dokumentiert den Wandel besonders präzise: Zwischen 2019 und 2023 stieg die Bevölkerung um rund zwei Prozent, der Kfz-Bestand sogar um fünf Prozent und gleichzeitig sank der Kfz-Verkehr um sechs Prozent, während der Radverkehr um 17 Prozent zulegte und der ÖPNV fast wieder das Vorkrisenniveau erreichte. Die Stadt wird voller, die Zahl der Autos wächst, aber sie werden kaum noch genutzt. Hamburg hat seit dem Jahr 2000 den Kfz-Verkehr um rund 19 Prozent reduziert, obwohl die Einwohnerzahl im selben Zeitraum um zehn Prozent anstieg. Die Stadt kombiniert massiven ÖPNV-Ausbau („Hamburg-Takt“), Radverkehrsförderung und Parkraumbewirtschaftung und beweist damit, dass eine wachsende Metropole trotz Bevölkerungszuwachs weniger Autoverkehr produzieren kann. 

Eine Straße mit Begrünung am Straßenrand und einer Fahrrad fahrenden Person im Hintergrund.
Die Westenriederstraße in München wurde temporär als Sommerstraße eingerichtet und für den Autoverkehr gesperrt. © Florian Peljak/picture alliance/SZ Photo

Das Auto verliert seine Monopolstellung 

Autos werden noch immer gekauft, stehen aber noch mehr herum als in der Vergangenheit. Der Trend zum Back-up-Car macht dabei deutlich: Es geht nicht um Ablehnung des Autos, sondern um dessen funktionalen Abstieg vom Hauptverkehrsmittel zur optionalen Ressource. Wer das Auto nur noch für Ausnahmefälle braucht – den Wochenendeinkauf, den Baumarktbesuch, die Urlaubsfahrt –, akzeptiert nicht mehr, dass 50 Prozent der öffentlichen Straßenfläche dauerhaft für Parkplätze reserviert bleiben. Diese Neubewertung wirkt direkt auf Infrastrukturen: Parkhäuser werden zu Mobility Hubs umgenutzt, Stellplätze zu temporären Aufenthaltsflächen, Fahrbahnen zu Shared Spaces. Infrastruktur verliert ihre monofunktionale Eindeutigkeit und wird dadurch verhandlungsfähig. 

Modernes Gebäude mit Dachbegrünung und einigen Menschen, die spazieren gehen.
Der Wettbewerb zu den Mobility Hubs in Oberbillwerder versteht Mobilitätsinfrastruktur als hybriden Stadtraum. Die Hubs bündeln Verkehr, Service und Aufenthalt und fungieren als identitätsstiftende Anker eines autoarmen Quartiers. Die Visualisierung zeigt den Wettbewerbsbeitrag von KPW Papay Warncke Vagt Architekten PartG mbB für den Mobility Hub 7. © KPW Papay Warncke Vagt Architekten PartG mbB / bloomimages

Sharing statt Besitz, Zugang statt Status 

Parallel dazu wächst eine Generation heran, die Mobilität grundsätzlich anders denkt. Die Scooter-Gen ist nicht mehr automobilsozialisiert: Sie wächst mit ÖPNV-Abos, E-Scootern, Carsharing und Ridepooling-Angeboten auf und entwickelt früh die Kompetenz, Verkehrsmittel situativ zu orchestrieren. Für Infrastrukturen bedeutet das: Wer nicht mehr auf ein eigenes Fahrzeug angewiesen ist, braucht keinen privaten Stellplatz – aber sichere Fahrradwege, verlässliche Takte, funktionierende Sharing-Stationen und nahtlose digitale Buchbarkeit. In Berlin nutzen bereits 885.000 Menschen die Jelbi-App der BVG, die ÖPNV, Sharing-Bikes, E-Scooter, Carsharing und Taxis integriert; 230 physische Mobility Hubs machen diese Angebote im Stadtraum sichtbar. Der Voi Global User Survey 2024 zeigt zudem, dass 47 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer durch E-Scooter ihre Autonutzung reduziert haben. Infrastruktur wird damit nicht mehr als Kapazität für ein dominantes Verkehrsmittel gedacht, sondern als Plattform für Multimodalität: Der Raum muss Übergänge ermöglichen, nicht Durchfahrten optimieren. 

Banner mit Aufschrift: Bald in Ihrer Nähe - die Sommerstraße kommt! Mit Fußgängern im Hintergrund.
Sommerstraße am Isartorplatz in München: Temporär verkehrsberuhigter Straßenraum mit mehr Platz für Aufenthalt und Spiel. © picture alliance / Wolfgang Maria Weber
Autofreie Spielstrasse mit Passanten und Kindern, die auf der Straße spielen.
Autofreie Spielstrasse in Berlin-Neukölln. © Jürgen Held/picture alliance/Global Travel Images
Ein kleines Kind ist am Inlineskaten auf einer verkehrsberuhigten Straße.
Die Sommerstraße wird zum Inlineskaten genutzt. © Catherina Hess/picture alliance/SZ Photo
Parklet aus Holz mit öffentlichem Bücherschrank als temporäre Erweiterung des Straßenraums.
Parklet mit öffentlichem Bücherschrank in der Innenstadt von Koblenz als temporäre Erweiterung des Straßenraums. © Axel Kammerer

Die wirtschaftliche Neubewertung des öffentlichen Raums 

Gleichzeitig etabliert sich eine wirtschaftliche Logik, die aktive Mobilität – Gehen und Radfahren – nicht mehr als Nischenphänomen, sondern als ökonomischen Faktor begreift. In wissensbasierten, digitalen Gesellschaften braucht Arbeit neue Qualitäten: Konzentration, Kreativität, Kollaboration. Diese entstehen nicht in monofunktionalen Transitzonen mit Lärm und Emissionen, sondern in Räumen mit Aufenthaltsqualität. Studien aus Kopenhagen, Amsterdam, Paris und Wien zeigen konsistent: Einzelhandel profitiert von fußgänger- und fahrradfreundlichen Straßen, nicht von Parkplätzen. Gleiches gilt für den Standortfaktor einer Metropole. Paris verdrängt das Auto massiv aus dem öffentlichen Raum und die Wirtschaft dankt es durch umfangreiche Investitionen in die Stadt. Verkehrsteilnehmende, die zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren, kaufen häufiger, bleiben länger und geben pro Quadratmeter Aufenthaltsfläche mehr aus als Autofahrende, die nur punktuell parken und wieder verschwinden. In Barcelona führten Superblocks – autoreduzierte Wohnquartiere – zu einem Anstieg der lokalen Wirtschaftsleistung um bis zu 30 Prozent, weil sich Straßen von Transiträumen zu Aufenthaltsorten verwandelten. Für Infrastrukturen folgen daraus ökonomische Imperative: Ein Parkplatz, der 23 Stunden am Tag leer steht, ist eine Fehlinvestition. Ein Fahrradparkhaus, ein Shared Space, ein begrüntes Parklet oder eine Außengastronomie-Fläche generieren hingegen kontinuierlich Nutzen in jeder Dimension: sozial, ökologisch, wirtschaftlich. Die klassische Verkehrsinfrastruktur wird damit nicht verschwinden, aber sie muss neu rechtfertigen, warum sie so viel Raum beansprucht – und warum dieser Raum nicht produktiver genutzt werden kann. 

Temporär verkehrsberuhigter Straßenraum mit einer Menschengruppe, die auf der Straße spazieren geht.
Temporär verkehrsberuhigter Straßenraum. © Stephan Rumpf/picture alliance/SZ Photo
Verkehrsberuhigte Straße mit Begrünung und einem Skateboard Fahrer im Hintergrund.
Temporär verkehrsberuhigter Straßenraum. © Florian Peljak/picture alliance/SZ Photo

On-Demand und Autonomie verändern die Raumlogik 

Der Trend zu Human Flow – automatisierten, on demand verfügbaren Mobilitätsdiensten – verschärft diese Neubewertung weiter. Autonome Shuttles, Ridepooling-Dienste und flexible Kleinbusse brauchen keine Stellplätze, weil sie dauerhaft in Bewegung bleiben oder zentral geparkt werden. In ländlichen Regionen schließen sie Lücken, die der klassische Linienverkehr nicht mehr bedienen kann; in Städten übernehmen sie Zubringerfunktionen und Randzeitenverkehr. Bereits heute zeigen Pilotprojekte in Bad Birnbach, Hamburg und Berlin: Autonome Shuttles benötigen pro transportierter Person 80 Prozent weniger Fläche als private Pkw – weil sie geteilt genutzt werden und nicht 23 Stunden am Tag herumstehen. Für Infrastrukturen bedeutet das: Parkflächen verlieren ihre Daseinsberechtigung nicht durch politische Entscheidungen, sondern durch technologische Effizienz. Wo On-Demand-Dienste verfügbar sind, wird der eigene Stellplatz zur Verschwendung. Zugang – nicht Besitz – wird zur entscheidenden Kategorie: Wer innerhalb von drei Minuten ein Fahrzeug rufen kann, braucht kein eigenes. Die Infrastruktur der Zukunft ist damit keine Parklandschaft mehr, sondern ein Netz aus Haltepunkten, Umsteigeplätzen und temporären Aufenthaltsflächen. Straßen werden zu adaptiven Plattformen, deren Funktion sich je nach Tageszeit, Wochentag und Jahreszeit verschiebt, um Multifunktionalität statt Monotonie zu erhalten. 

Mit Holzmöbeln gestaltetes Parklet dient als Tauschregal für Bücher in einer Fußgängerzone.
Mit Holzmöbeln aus Eigenbau gestaltetes Parklet dient als Tauschregal für Bücher. © Florian Peljak/picture alliance/SZ Photo

Infrastruktur als politisches Projekt 

Die Mobilitätswende verändert Infrastrukturen nicht, indem sie sie abbaut, sondern indem sie deren Funktion neu definiert. Straßen sind keine technischen Anlagen mehr, die neutral Verkehr abwickeln, sondern politische Projekte, die entscheiden, wer Stadt nutzen darf und wie. Die gesellschaftliche Akzeptanz dafür ist bereits vorhanden: Wer das Auto nur noch gelegentlich braucht, versteht nicht, warum es dauerhaft Raum blockieren darf. Wer in Sharing-Logiken denkt, erwartet keine Stellplätze, sondern Stationen. Wer aktiv mobil ist, fordert sichere Wege, nicht breitere Fahrbahnen. Infrastruktur wird damit von der Kostenstelle zur Investition in urbane Lebensqualität und ihre Bewertung verschiebt sich von Durchsatz zu Nutzungsintensität, von Kapazität zu Konnektivität, von Geschwindigkeit zu Aufenthaltsqualität. Die Frage ist nicht mehr, wie viel Verkehr eine Stadt bewältigen kann, sondern welchen Raum sie sich leisten will. In dieser Logik ist Infrastruktur nicht das Ende der Stadt, sondern ihr Neuanfang. Und die Mobilitätswende nicht das Ende von Infrastruktur, sondern der Beginn ihrer funktionalen Emanzipation. Die teuerste Fläche der Stadt bleibt die Straße, aber sie wird endlich als das behandelt, was sie ist: wertvolle urbane Ressource, keine technische Restfläche. 

Mobility Report 26 von Dr. Stefan Carsten
Der Text ist ein Auszug aus dem

Mobility Report 26

von Dr. Stefan Carsten

Veröffentlichung 03/2026

ISBN 978-3-00-085674-7

Dr. Stefan Carsten

Zukunftsforscher und Stadtgeograf

Stefan Carsten ist Zukunftsforscher und Stadtgeograf. Er verbindet Zukunftsdenken mit konkreter Strategiearbeit an der Schnittstelle von Stadt, Mobilität und Raum. In Vorträgen, Studien und Beratungsprojekten übersetzt er Trends und Szenarien in handlungsfähige Leitbilder, Konzepte und Entscheidungen für Unternehmen, Kommunen und öffentliche Akteure. Sein Fokus: Städte und Mobilität so zu gestalten, dass sie lebenswert, resilient und zukunftsfähig werden. 

https://www.stefancarsten.net