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[ Schwerpunkt: Netze ]

Quartier im Spar-Modus

Die energetische Vernetzung eines ganzen Stadtteils probiert der Architekt Reinhard Müller in Berlin

Foto: EUREF AG
Verdichten und verknüpfen: Rund um den einstigen Gasbehälter sollen Energieerzeugung und -verbrauch optimiert werden. (Foto: EUREF AG)

Text: Vera v. Keller

Jede Sonntagabend-Sendung mit Günther Jauch verbraucht ein ganzes Megawatt Strom. Das Studio in einem historischen Gasometer gehört zum 55.000 Quadratmeter großen „Euref“-Campus in Berlin-Schöneberg, den der Architekt und Immobilienunternehmer Reinhard Müller entwickelt und ausbaut. Neben dem 80 Meter hohen filigranen Stahlzylinder erinnern denkmalgeschützte sanierte Backsteinbauten an den ehemaligen Industrie- und Energiestandort. Hier lernen, lehren und forschen Studenten und Mitarbeiter von energiewirtschaftlichen Masterstudiengängen der TU. Das erste neu gebaute Bürohochhaus „Euref 12-13“, von dem aus auch Müller seine Projekte vorantreibt, ist seit Ende 2012 fertig. ­„Weitere Bürogebäude sowie ein 200-Zimmer-Hotel sind bereits in Bau oder in der Planung“, steckt Müller die nächsten Schritte ab. Sein Ziel: Bis 2018 soll sich das Areal mit insgesamt 25 Gebäuden zu einem Büro- und Wissenschafts-Standort mit Pilot-Charakter für nachhaltige Stadt-Quartiere oder kleine Städte entwickeln.

Das Besondere an diesem Projekt erschließt sich auf den zweiten Blick: moderne Baustoffe, fortschrittliche Gebäudetechnologien und eine optimierte Energienutzung. „Wir erfüllen im Laufe dieses Jahres schon die Klimaschutzziele der Bundesregierung von 2050“, sagt Müller stolz, „und das bei wirtschaftlich vertretbaren Betriebskosten.“ Damit die Energie auf dem Campus optimal genutzt werden kann, sollen mehr und mehr Energieerzeuger, -speicher und -verbraucher durch ein flächendeckendes Monitoring elektronisch vernetzt werden.

Den Einstieg bildet das seit 2010 kontinuierlich erweiterte Micro-Smart-Grid, ein Demonstrationsprojekt vom Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) sowie der NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg. Vernetzt sind bisher fünf Kleinwindanlagen mit je einem Kilowatt Leistung, Solarmodule mit 55 Kilowatt Peak, zwei Batterien sowie ­Ladestationen für Elektrofahrzeuge. Im Rahmen des seit 2013 auf dem Euref laufenden Forschungsprojektes „Schaufenster Elektromobilität“ sollen noch ein Blockheizkraftwerk und eine Power-to-Gas-­Anlage hinzukommen, um praktische Erfahrungen mit dem Zusammenschalten möglichst unterschiedlicher Technologien zu sammeln.

Foto: EUREF AG
Gestern und morgen: In Alfred Messels „Retortenhaus“ von 1891 wurde einst Gas erzeugt. Heute soll Windkraft den Himmel blau halten. (Foto: EUREF AG)

Die Leitzentrale der NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg lenkt das Energiemanagement. Smart Metering ermöglicht dabei eine Fernauslesung und -steuerung aller System-Komponenten – vom Windrad auf dem Dach über den ­Sonnenstrom bis zum Ladezustand der Batterien in den Elektrofahrzeugen auf dem Hof.

Wärme in Wasser gespeichert

Ein solches Micro-Smart-Grid soll auch in der Lage sein, automatisch natürliche Schwankungen im Tagesverlauf zwischen Energieangebot und -nachfrage auf dem Campus-Gelände auszugleichen. Frank Brehm von InnoZ: „Wir wollen von dem in unserem Projekt produzierten Strom soviel wie möglich selbst nutzen.“ Und sollte in Stoßzeiten die Stromproduktion vor Ort nicht ausreichen, fließt punktgenau Energie aus dem Stromnetz der Stadt nach.

Die Energie für das gesamte Euref-­Gelände wird weitestgehend CO2-neutral ­erzeugt. Weniger exponiert als Windräder und Photovoltaik-Anlagen arbeiten Wärmepumpen für das Bürohaus. Sie ­verbrauchen bei gleichem Ergebnis 40 Prozent weniger Energie als klassische Heiz- oder Kühlsysteme. Das 200 kW-Biogas-Blockheizkraftwerk – eine Kooperation mit dem örtlichen Gasversorger Gasag – produziert Wärme und Strom. Benötigt wird die Energie für den behutsam, aber energieeffizient sanierten denkmalgeschützten Backsteinbau von Alfred Messel sowie den Veranstaltungs-Standort mit Studio im Gasometer. Neuestes Projekt ist der gut 1000 Kubikmeter große „Power-to Heat“-Wasserspeicher in einer ehemaligen Teergrube auf dem ­Gelände. Er soll Stromproduktionsspitzen in Form von Wärme speichern.

„Bilanziell produzieren wir auf dem Campus mehr Strom, als wir verbrauchen“, sagt Müller. Als besonderen Erfolg ­verbucht er: „Unsere klimaschonende Wärmeversorgung ist von den Kosten her vergleichbar mit einer Fernwärmeversorgung aus dem örtlichen Netz.“

Unverzichtbare Komponenten für effizienten Klimaschutz sind Immobilien mit optimiertem Energieverbrauch. „Wir haben aber nicht vor, hier am Standort ein Passivhaus zu bauen“, stellt Müller klar. „Wir bauen Bürogebäude, die Energie verbrauchen.“ Allerdings vergleichsweise wenig. Der erste Neubau „Euref-Campus 12-13“ ist für die LEED-Platinum-Zertifizierung vorgemerkt und verbraucht durch seine Bauweise gut 17 Prozent weniger Primärenergie als nach EnEV 2009 erlaubt. Erreicht wird dies mit vielfach erprobten Mitteln: guter Fassadendämmung, dreifach verglasten Fenstern und einer Betonkerntemperierung, die das Haus bei niedriger Vorlauftemperatur großflächig im Winter wärmt und im Sommer kühlt.

Foto: kai abresch photography
Grün und grau: Elektroautos sollen Öko-Strom verwerten, speichern und bei Bedarf abgeben. Das Quartier liegt an einem S-Bahnhof und künftig an grünen Radrouten. Doch die Entwickler halte es für nötig, auch einen eigenen Anschluss an die nahe Stadtautobahn zu legen. (Foto: kai abresch photography)

Doch es geht noch effizienter: Auf insgesamt rund 35 Prozent Primärenergie-Einsparung gegenüber der EnEV 2009 kommt das Bürohaus, wenn sein intelligentes Gebäude- und Energiemanagementsystem hinzugerechnet wird. Schneider Electric, auf dem Euref-Campus ansässig und Spezialist für integrierte Lösungen zur Steigerung der Energieeffizienz in Ge­bäuden und Quartieren, zeigt am Beispiel des jüngsten Gebäudes, was Stand der Technik ist. Sowohl im Gebäude als auch an der Fassade und auf dem Dach sind Sensoren angebracht. Automatisch überwacht wird alles, was Energie verbraucht: Heizung, Licht, Lüftung, Klimaanlage sowie Geräte mit Netzstecker bis hin zur ­Kaffeemaschine.

Über ein integriertes IP-Netzwerk lassen sich die 15.200 Quadratmeter Bürofläche energetisch optimiert betreiben. ­Andrea Krämer von Schneider Electric: „Bei Neubauten wird der Platz für Verkabelung und Technik ohnehin berücksichtigt. Es ist aber auch möglich, im Bestand entsprechend aufzurüsten, zum Beispiel wireless ohne Verkabelung.“

Gespart wird automatisch

Der Energiespar-Modus im Gebäude hat futuristische Züge: Über Bewegungsmelder geht das Licht an, wenn jemand den Raum betritt. Wird das Büro verlassen, muss nicht der Letzte das Licht ausma-chen – das funktioniert ebenfalls automatisch. Der Energiebedarf zum Heizen oder Kühlen ist durch eine großflächige Betonkerntemperierung bereits vergleichsweise niedrig. Diese Grundtemperatur wird in den Räumen über Heizkörper elektronisch feinjustiert. Andrea Krämer: „Regler drosseln sie zum Feierabend oder auch wenn tagsüber die Fenster geöffnet werden. Und sie setzen ungenutzte Räume in einen energieeffizienten Stand-by-Betrieb.“ Eine intelligente Jalousiesteuerung folgt wie von Geisterhand dem Lichteinfall. „Damit die Sonne nie blendet und die Hitze im Sommer draußen bleibt, verstellt sich nicht nur die Höhe, sondern auch der Lamellenwinkel automatisch.“ Reinhard Müller freut sich: „Dieses System reagiert sofort, wenn zum Beispiel eine dicke Wolke den Himmel verdunkelt.“

Krämer: „Unsere Kunden möchten, dass ihre Gebäude wirtschaftlich so effizient wie möglich funktionieren. Gleichzeitig sollen sich Menschen in Büros oder Wohnungen rundum wohlfühlen.“ Das betriebswirtschaftliche Potenzial eines integrierten Monitoring-Netzwerks ist nicht zu verachten. Krämer fasst als Faustregel zusammen: 35 Prozent CO2-Reduktion sowie ein um 30 Prozent sinkender Energieverbrauch sind möglich. Daraus ergebe sich im laufenden Betrieb der Gebäude, dass die Betriebskosten um rund 15 Prozent sinken, um 20 Prozent beschleunige sich der Return-on-Investment und zehn Prozent lege der Wert der Immobilie zu.

Foto: kai abresch photography
Pionier: Erster Neubau auf dem Campus ist das „Euref 12-13“ (Entwurf: Reinhard Müller), das mit einem intelligenten Energiemanagement-System deutlich über aktuelle Standards hinausragen will. Das symbolische Pioniermodell der Solartankstelle. (Foto: kai abresch photography)

Auch die Umwelt profitiert nachweislich. In dem neuen Bürobau läuft seit Oktober vergangenen Jahres das Monitoring. Für jeden sichtbar, direkt im Eingangsbereich, können die Mieter ihren Energieverbrauch ablesen – und sich anschließend überlegen, wie sie noch mehr Energie sparen können. Denn veraltete Bürotechnik, Strom fressende Stand-by-Funktionen und Büros, in denen bis in die Nacht das Licht brennt oder die im eisigen Winter auf tropische Temperaturen erwärmt werden, schlagen unübersehbar auf den Energieverbrauch durch.

Krämer: „Nach aktueller Performance entsprechen unsere Wassereinsparungen 27.864 Badewannen pro Jahr. Unsere CO2-Einsparungen entsprechen 3.309 neu gepflanzten Bäumen pro Jahr und unsere Heizenergie-Einsparungen entsprechen pro Tag 181 fahrenden Autos weniger auf den Straßen.“

Vielleicht profitiert künftig sogar der Verkehr von der Vernetzung erneuerbarer Energien in der Stadt: InnoZ und NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg untersuchen, ob Elektrofahrzeuge gesteuert ge- oder entladen werden können. Im Idealfall mutieren die surrenden Fahrzeuge künftig zu mobilen Batterien, die je nach Bedarf Energie aus dem Netz speichern oder ins Netz abgeben.

Vera v. Keller ist freie Journalistin in Berlin.

Ein Gedanke zu „Quartier im Spar-Modus

  1. Schön, dass ich endlich mal einen runden Artikel zu dem Gelände des EUREF gefunden habe. Ich habe nur eine Anmerkung, die eine Bildunterschrift betrifft. Das „Retortenhaus“ von Alfred Messel ist mit 1981 datiert. Es muss bestimmt 1881 heißen.

    Beste Grüße,

    André Franke

    Vielen Dank für Kompliment und Hinweis. Den Fehler haben wir korrigiert – das Haus ist von 1891.
    Die Redaktion

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