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[ Schwerpunkt: City und Vorstadt ]

Unbewohnte Ballungszentren

Auf Reisen sieht jeder die gigantischen, abgeschotteten Logistikzentren von draußen. Wie sieht es drinnen aus – und was haben sie mit Architektur zu tun?

Text: Cornelia Dörries

Das Ding heißt „Mega Center“, hat 70.000 Quadratmeter, gehört dem Logistik-Unternehmen Fiege und liegt prominent am Autobahndreieck Hamburg-Moorfleet. Doch auch der zweifellos ortskundige Taxifahrer war noch nie da und bestätigt: Logistikzentren sind für alle, die beruflich nichts damit zu tun haben, Terra incognita. Hier kommt keiner zufällig hin. Und falls doch, scheitert er spätestens an der Zugangskontrolle des gut gesicherten Areals: Einlass erhalten nur angemeldete Lkw, die Fracht bringen oder abholen.

Hier werden Güter angeliefert, zum Teil gelagert, zum Teil sofort umgeschlagen, konfektioniert, kommissioniert und irgendwann abtransportiert, um neuen Waren Platz zu machen: der Stoffwechsel der Konsumgesellschaft. Die nach dem Fahrzeugbau zweitgrößte Wirtschaftsbranche in Deutschland konnte 2011 auf einen Jahresumsatz von gut 220 Milliarden Euro verweisen, stellt 2,6 Millionen Arbeitsplätze und betreibt riesige Standorte im ganzen Land. Ihre Wachstumsraten sind beachtlich; auch hinsichtlich des Immobilienbedarfs. Die baulichen Manifestationen dieses Erfolgszweigs der deutschen Wirtschaft sind keine gleißenden Konzernzentralen, sondern blickdichte, erratische Kästen in unwirtlicher, gleichwohl verkehrsoptimierter Lage. Nach außen hin tritt die Branche nur in Gestalt von Transportfahrzeugen und besagten Kästen – sogenannten Logistikzentren – in Erscheinung. Fast unabhängig von den Stadtregionen bilden sie neue, unbewohnte Ballungszentren des Warenverkehrs – ob im Hamburger Südosten, am Autobahndreieck Bad Hersfeld oder in Schkeuditz bei Leipzig zwischen Flughafen, Güterverkehrszentrum und Autobahnkreuz. Sie sind die fast unbekannten Hauptstädte des Warenverkehrs. Dass es sich bei Letzteren um hochkomplexe technisch-räumliche Organisationsformen handelt, die mitnichten nur der Lagerung von Waren dienen, bleibt der Allgemeinheit jedoch weitgehend verborgen. Höchste Zeit also für einen Lokaltermin.

Große Kisten mit Köpfchen

Fieges riesiger Komplex in Hamburg umfasst sieben eingeschossige Hallenschiffe mit jeweils 10.000 Quadratmetern Lagerfläche; die Hallen selbst haben eine lichte Höhe von 12,50 Metern. In ihnen herrscht die für hohe Räume typische, ruhige Erhabenheit; nur ein geschmeidiges Surren liegt in der Luft. Es kommt von den Gabelstaplern, die emsig über den glatten Boden huschen, um plötzlich, scheinbar auf ein geheimes Kommando hin, zwischen den endlosen Hochregalreihen zu verschwinden und wenig später mit Kartons an ganz anderer Stelle wieder aufzutauchen. Diese Stapler, ausgestattet mit einem elektronischen Display, gehorchen einem Routenplan, der von der Leitstelle vorgegeben wird. Dort verknüpft ein digitales Gehirn über permanenten Datenabgleich das externe Versorgungssystem – jenen unablässigen Strom von Frachtlastern auf den Autobahnen – mit den Regalflächen im Inneren, Wareneingangs- und -ausgangsterminen sowie freien Ladetoren.

Der studierte Architekt und Immobilienökonom Jan Dünzelmann verantwortet bei Fiege den Immobilienbestand und ist auch für die Projektentwicklung solcher Hallen zuständig. „Bei der Planung dient meist das aktuelle Geschäft als Ausgangspunkt“, sagt er gleich zu Anfang. „Danach richten sich Größe, Lage und Art der Logistikimmobilie.“ Gearbeitet wird meist mit Betonfertigteilen, und die internen Abmessungen einer Standardhalle richten sich ganz schlicht nach einer Grundgröße: der handelsüblichen Euro-Palette. Ihren Maßen liegen Gangbreite, das Stützenraster und die Tiefe der Hochregale zugrunde.

Orte der Arbeitsteilung

Der Mindestabstand der Stützen beträgt bei allen Hallentypen mindestens zwölf Meter; Unterschiede gibt es nur bei der jeweiligen Hallentiefe. Bei Cross-Docking-Hallen für den raschen Warenumschlag sind kurze Wege gefragt – 30 bis 40 Meter bei einer Gesamtfläche von weniger als 10.000 Quadratmetern sind hier die Norm. Klassische Lagerhallen kommen bei weniger Fläche auf wenigstens 70 Meter Tiefe, während Distributionsimmobilien mit komplexeren Abläufen deutlich größer ausfallen. Etwa fünf bis zehn Prozent der geplanten Fläche werden für Büronutzungen ertüchtigt.

Doch Halle ist nicht gleich Halle. Die Fraunhofer-Arbeitsgruppe „Supply Chain Services“ unterscheidet zwischen so genannten Cross-Docking-Zentren, also reinen Warenumschlagplätzen für die Lieferung und den direkten Weitertransport, klassischen Lagerhäusern sowie Distributionsimmobilien, zu denen auch das „Mega Center“ des Logistikkonzerns Fiege in Hamburg zählt. Vor allem diese als Mega Center bezeichneten Standorte sind weit mehr als nur Warenumschlagplatz. „Wir nutzen zunehmend eigene Bereiche für den sogenannten Value-added -Service“, so Dünzelmann. Dabei handelt es sich um Dienstleistungen, die der Produktion selbst und dem Verkauf von Waren durch den Einzelhandel vorgelagert sind und vom Logistikunternehmen angeboten werden; meist sind es Abläufe mit geringem Automatisierungsgrad, die in Handarbeit erfolgen. Bei Fiege in Hamburg hat an diesem Morgen gerade ein global agierender Spirituosenhersteller Getränke auf Paletten angeliefert. Jetzt werden sie für eine saisonale Verkaufsaktion des Einzelhandels per Hand in eigens gefertigte Spezialverpackungen und Displays sortiert – eine zusätzliche Tätigkeit, für die weder der Hersteller noch der Handel die notwendigen Kapazitäten so kurzfristig und günstig bereitstellen kann. Die Arbeitsplätze für den Value-added -Service erfordern andere räumliche Strukturen als die Hochregallager. Sie sind auf der in sechs Metern Höhe eingehängten Mezzanin-Ebene der Halle angesiedelt und verfügen über Tageslicht und eigene Sanitärtrakte. Es sind abgeschlossene Bereiche, die mehr mit einer Fabrik gemeinsam haben als mit einer Logistikhalle. Außerdem wird die Mezzanin-Ebene auch für Büros und Verwaltungsräume genutzt.

„Die Logistikbranche wird im Zuge der Prozessoptimierung zunehmend bestimmte Fertigungs- und Produktionsschritte übernehmen“, erklärt Jan Dünzelmann. „Sogenannte ‚Light – Industrial’- Flächen und Logistikhallen verschmelzen dabei zu einem Immobilientyp.“ Schon heute gibt es Logistikstandorte, die sich auf bestimmte Industriezweige spezialisiert haben – mit entsprechend ausgestatteten, technisch hochgerüsteten Hallen, die kaum mehr als Warenlager oder Umschlagplätze zu bezeichnen sind. Die grauen Kästen sind differenzierter, als sie von außen wirken. Sie werden zu Bestandteilen des Produktionsprozesses. Und weil dieser die Arbeit von Menschen erfordert, steckt in ihnen auch mehr Leben, als der Blick von draußen ahnen lässt.

Die Herren der Hochregale

Fiege gehört zu den Big Playern der Branche. Der 1873 gegründete
Familienbetrieb mit Zentrale in Greven bei Münster hat 11.000 Mitarbeiter an 210 Standorten in insgesamt 18 Ländern und gebietet über Lager- und Logistikflächen
im Umfang von drei Millionen Quadratmetern

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