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[ Bauen für alle Generationen ]

Happy ­Hippodrom

Kinderfreundlich, sorgsam gestaltet, in Gruppen gebaut, urban und umweltschonend: St.Leonhards Garten in Braunschweig ist ein Familienquartier mit vielen Qualitäten

Zum zentralen Platz sind Ziegel vorgeschrieben; zu den Gärten geht auch weißer Putz. Zwischen ihren Parzellen verzichten Baugruppen-Mitglieder auf Zäune und Hecken.

Text: Roland Stimpel

Das Ungerechteste über St. Leonhards Garten gleich zu Anfang: Das Braunschweiger Modellprojekt hat zwei seiner wichtigsten Ziele nicht erreicht. Es hat noch keine bunte Mischung von Generationen und Lebensformen, sondern eine Ballung jüngerer Mittelschicht-Familien. Und es ist nicht nach den Prinzipien des „Universal Design“ barrierefrei, multi-flexibel und für jede Lebenslage passend gestaltet, sondern voller Stufen, Schwellen und Engstellen.
Aber wie gesagt: das war ungerecht. Denn das Quartier St. Leonhards Garten ist mutig geplant und in so vieler Hinsicht gelungen, dass das Verfehlte nicht ins Gewicht fällt. Es ist atmosphärisch urban, städtebaulich gelungen, alltagsfreundlich für Kinder und Eltern, Ressourcen schonend, Gemeinschaften fördernd und hat das soziale Thema Baugemeinschaften weiterentwickelt. Und sogar ein Mehrgenerationen-Quartier könnte es demnächst noch werden.
Das Ganze begann vor sechs Jahren: In Braunschweigs östlichem Ringgebiet, dem beliebtesten Gründerzeitquartier der Stadt, stand ein Straßenbahndepot zur Schließung an. Als Erstes wurde das zuvor namenlose Areal nach dem historischen Freiraum der nahen St. Leonhards-Kapelle benannt. Und noch während die letzten Trambahnen ein- und ausrollten, wurde ab 2006 ein dreistufiger Städtebau-Wettbewerb durchgeführt. Der damalige Baurat Wolfgang Zwafelink hatte Ambitionen für das Gelände und den nötigen Mut. Er wollte auf dem kostbaren Bauplatz eine starke Adresse und etwas für Braunschweig Neues: urbane Reihenhäuser, von Baugruppen gemeinschaftlich erstellt.

Klassische Form: Der Berliner Architekt Klaus Theo Brenner ist verantwortlich für den Städtebau auf dem einstigen Straßenbahn-Depot-Gelände. Später erarbeitete er das Gestaltungskonzept.

Ein Hauch von Rom

Im Wettbewerb schien es für den lang gestreckten Zentralraum zunächst auf eine konventionelle Rechteck-Form hinauszulaufen. Aber die wäre wenig einprägsam geworden und hätte schwer bebaubare Ecken gehabt. Zwafelink wollte sie nicht, viele befragte Bürger auch nicht. So kam schließlich der Zweitplatzierte zum Zug, der Berliner Architekt Klaus Theo Brenner. Seine Platz-Grundform erinnerte an ein antikes Hippodrom, und sogar von „Piazza Navona“ war ein bisschen die Rede. Aber so römisch ist Braunschweig dann doch nicht. Brenner spricht stattdessen von „einer jener bewährten Urformen, die man immer wieder anwenden kann“. Zum langen, runden Platz und seinen Häusern kamen noch kurze Zufahrtsstraßen und kleine Randräume.
Das Gebiet sollte weder wie aus einem Bauherren-Guss wirken noch individualistisch-chaotisch. Da war wiederum Klaus Theo Brenner zur Stelle, der sich mit klassisch-harmonischen Bauten sowie Publikationen wie dem bildorientierten Entwurfshandbuch „Die schöne Stadt“ einen Namen gemacht hat. Er erdachte maßgeblich die Gestaltungsregeln für das künftige Quartier, die später jedem Grundstückskäufer an den Notarvertrag geheftet wurden. Brenner sieht den Langraum mit geraden Kanten und runden Schmalseiten als „außerordentlich verbindliche Struktur“, die auch ein verbindliches Konzept verlange. Die Gestaltungsregeln waren so einfach wie rigide: Häuser mussten an der Baulinie entstehen, durften entweder drei Geschosse mit 10,50 Metern oder drei mit 13 Metern Höhe und flache Dächer bekommen, möglichst stehende Fenster und auf jeden Fall Ziegel an der Vorderfassade.
Mit Ausnahme von Geschossbauten an der Einmündung von Straßen durfte jedes Haus höchstens acht Meter breit sein. Dafür sorgte kein präziser Parzellenplan, sondern eine Art Salami-Vergabe: Interessenten konnten sich auf Scheiben von realistischer Breite bewerben, dann wurde gelost. Wichtig war nicht die genaue Einzelbreite der Häuser, sondern nur, dass keine schmalen Restgrundstücke übrig blieben.

Architekten und Bauherren: Sascha und Katja Ahad waren in einer Doppelrolle engagiert.

Wenn Bauherren strenge Vorgaben schätzen

Gruppen sollten bevorzugt werden – das war Förderbedingung des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung (BBR) für ein Modellprojekt unter dem Motto „Nachbarschaften im Quartier“. Klaus Hornung, Planer und St. Leonhards-Projektleiter bei der Stadt Braunschweig: „Es war insgesamt ein höllisch kompliziertes Vergabeverfahren.“
Anfangs fürchteten viele in der Stadt, niemand wolle hier ein urbanes Reihenhaus haben. Schließlich hat es das bisher nicht gegeben. Dann aber wurde das Gebiet von Interessenten überrannt. Die Leute wollten die Kombination von Urbanität und Einzelhaus, sie wollten ins östliche Ringgebiet und sie freuten sich über die Eilfertigkeit, mit der die Stadt zentrale, voll erschlossene Grundstücke für maximal 190 Euro pro Quadratmeter feilbot. Bald wusste man: Es hätte auch deutlich teurer sein dürfen.
Statt der ursprünglich zur Vergabe vorgesehenen Salami-Scheiben gab es später  längere Stücken für ganze Gruppen. Da blieben weniger Reste übrig. Heute gibt es nur eine Zwei-Meter-Parzelle, die einem Grafiker als Bürohäuschen willkommen ist. Eine Baugruppe bewarb sich auf einen Streifen oben rechts am Platz und gab sich den schönen Namen „Upper Eastside“. Zu den Mitgliedern gehört nicht ganz zufällig auch der Stadtplaner und Projektleiter Klaus Hornung. „Ich wusste von Anfang an: Bei dem Projekt will ich mich direkt engagieren.“ Unter seinen Mit-Bauherren stellt er heute eine „hohe Dichte an Fachleuten“ fest. Zu ihnen gehören auch Katja und Sascha Ahad – Mit-Bauherren seiner Hausgruppe und zugleich deren Architekten. Fünf Türen weiter rechts haben sie ihr Familienheim mit Erdgeschoss-Büro geschaffen.
Alle künftigen Hausbesitzer erhielten zunächst ein üppiges „Handbuch zum Bauen in St. Leonhards Garten“, erstellt von der Stadt und gespickt mit Hintergrundwissen zu Vergabe und Bauablauf, mit Städtebaukonzept und je 25 Seiten Beispielentwürfen, Gestaltungs- und Funktionsvorgaben. Viel zu viel Bindung? Bauherren und Architekten in Braunschweig sahen das ganz anders, wie Klaus Hornung aus der Perspektive der Stadt berichtet: „In diesem Punkt wurden wir positiv überrascht. Die Leute haben die Vorgaben nicht als Gängelung empfunden, sondern als Qualitätssiegel für das künftige Quartier.“ Hornung bezeichnet sich nach dieser Erfahrung als „glühenden Verfechter des Bauens nach Spielregeln“.
Und Sascha Ahad, ein definitiv zeitgenössischer und nicht traditionalistischer Architekt, gesteht zu: „Wir waren am Anfang teils sehr skeptisch – zum Beispiel gegenüber der Ziegel-Vorschrift.“ Inzwischen ist er aber ein Anhänger „sichtbarer und spürbarer Konventionen“. Die Gestaltungsfreiheit enge das keineswegs ein, sagt Katja Ahad: „Unsere Sprache können wir immer sprechen. Denn zu ihr gehört die Überzeugung, dass Architektur stets im Zusammenhang mit der Umgebung steht“ – der schon gebauten oder der noch geplanten.

Licht, Luft, Grün: Die Gartenseite der Häuser als Vorstadtidyll.

Katja Ahad hebt die Raumgliederung hervor. „Öffentliche Zonen am Platz, private in Haus und Garten und halböffentliche vor dem Haus sind genau definiert. Das ist eine Qualität, die nichts mit Vielfalt, Kunstwollen oder dem individuellen Ausdruck des Architekten zu tun hat.“ Die Ahads haben allerdings entdeckt, dass auch diese Konvention einigen Gestaltungsraum lässt. In den sechs Häusern ihrer Baugruppe variierten sie die Fensterformate stärker als im Plan vorgesehen, stimmten sie aber aufeinander ab. Ebenso die anfangs skeptisch betrachteten Fassadensteine: Zu deren Wahl fuhren an einem Sonnabend alle Bauherrenfamilien mit Kindern 150 Kilometer weit in ein Ziegelwerk und bemusterten. Ergebnis war ein besonders anschauliches Stück der von der Stadt proklamierten „Vielfalt in der Einheit“: Von Haus zu Haus wechseln die Steintöne sanft, beziehen sich aber stets aufeinander. Auch achteten die Ahads darauf, dass der Stein „nicht nur als Tapete“ wirkt, sondern an Kanten und Rücksprüngen auch in der Tiefe der Häuser.
Alle Entwürfe mussten durch den eigens geschaffenen Gestaltungsbeirat. Der konnte einiges harmonisieren, aber nicht alles verhindern. An der Westseite des Platzes gibt ein Nebeneinander von Modern und Retro, dessen Gegner über „Fackeln im Sturm“-Häuser spotten. Manche Bauherren haben Garagentore, die wie üblich den Erdgeschossraum abtöten. Die breitesten, heißt es, waren von hier wohnenden VW-Mitarbeitern gewünscht. Und ein Hausbauer zeigte seinen Ziegel erst nicht vor und schreit jetzt mit einer fast weißen Fassade optisch zwischen den ansonsten dezenten Tönen herum.

Vier Etagen erlaubt – drei gebaut

Katja Ahad resümiert aus Architekten- und Bauherrensicht: „Ein Regelwerk kann Ausfälle verhindern, aber es bringt nicht automatisch ein gutes Projekt. Das kann nur der Architekt, der seine Sache im Griff hat.“ Nach ihrer Ansicht ist das in Braunschweig den meisten Kollegen gelungen. Zwischen den Architekten der verschiedenen Projekte gab es übrigens keine Abschottung, sondern einen lebhaften Austausch im selbst initiierten Planerforum. Klaus Theo Brenner ist allerdings über das Ergebnis weniger glücklich: „Die meisten Fassaden sind zu flach, wenden sich zu wenig dem öffentlichen Raum zu, betonen zu wenig den Hauseingang.“ Für ihn ist das „Ausdruck des zu wenig verbreiteten Vermögens, städtische Häuser zu entwerfen“.
Aber das betrifft mehr das Einzelne als das Ganze. In der Summe wenden sich die Häuser deutlich der Stadt und dem lang gestreckten zentralen Platz zu. Dieser wird nach einem Entwurf von Mettler Landschaftsarchitektur aus Berlin als offener, doch aufenthaltsfreundlicher Grünraum im Inneren mit verkehrsberuhigter Fahrbahn ringsum gestaltet. Zwischen Erdhügeln und Containern treffen sich schon jetzt die neuen Nachbarn am Grill, und Höhepunkte am Kindergeburtstag sind Tretroller-Rennen – eine Runde auf der Baustraße nach der anderen.
Da zeigt sich, dass das Verfehlen eines Planungsziels hoch erfreulich sein kann. Gedacht war zum Gutteil an Ältere, die ihr Vorort-Eigenheim verkaufen und zurück in die Stadt ziehen sollten. Es kamen aber fast nur jüngere Familien, von denen viele schon in der Umgebung wohnten. Eine Sozialstudie ergab eine Alterspyramide, wie man sie vom alten Europa sonst nicht mehr kennt: In die Reihenhäuser zogen nur drei Menschen im Rentenalter, dagegen leben hier 47 Kinder – Tendenz weiter steigend. Zwei Drittel der Erwachsenen sind unter 45 Jahre alt. Katja und Sascha Ahad stellen als zweifache Eltern fest: „Hier sind lauter Leute hergezogen, die Beruf und Familie mit kurzen Wegen vereinbaren wollen. Vor allem Mütter hatten festgestellt, dass das im Vorort-Eigenheim nicht funktioniert.“ Sie finden allerdings hier eine ungute Vorort-Eigenschaft wieder: Hier wird fast nur gewohnt. Braunschweigs Planer wollten ihr Regelwerk nicht noch mit der Pflicht zu gewerbe-tauglichen Erdgeschossen befrachten, wie es etwa Tübingen bei seinem Französischen Viertel gewagt hatte.
Viele Familien in St. Leonhards Garten hatten relativ enge Budgets. Die Mehrzahl hat inklusive Erdgeschoss nur drei Etagen statt der erlaubten vier gebaut. Aber man kann das nachholen: Die Statik erlaubt meist und der Bebauungsplan erlaubt immer, später ein Geschoss aufzusetzen.
Im Viertel dominiert die jüngere, wenn auch fast rein akademische Mittelschicht: 81 Prozent haben studiert. Es gibt Häuser ab rund 260.000 Euro. Zu diesem recht niedrigen Preis trug auch bei, dass die Grundstücke meist unter 200 Quadratmeter groß sind und unter 40.000 Euro kosteten, Erschließung inklusive.
Aber diese Discount-Verkäufe bereut in Braunschweig heute kaum jemand; sie gelten als Lehrgeld für ein mutiges und fast rundum gelungenes Projekt mit einer schon im Baustaub begehrten Adresse. Nachhaltig ist sie auch mit ihren kompakten urbanen Eigenheimen, die Fläche, Heizenergie und Verkehr sparen. Dass es mit der Altersmischung und dem „Universal Design“ in den Stadthäusern nicht geklappt hat, ist halb so schlimm: An den Zufahrtsstraßen zum zentralen Platz entstehen Geschossbauten mit Miet- und Eigentumswohnungen – ziemlich barrierearm und seniorenfreundlich. Und der lange Zentralplatz im Hippodrom ist für jedes Alter gut.

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