
Von Johanna Naara Ziebart
Im Laufe des Studiums kommen viele Studierende in die Situation, dass sie Bestehendes hinterfragen und nach Lösungen in Form von eigenen Entwürfen suchen. Warum werden noch Einfamilienhäuser gebaut? Warum haben wir einen Wohnungsmangel? Warum ziehen ältere Menschen nicht aus ihren Häusern aus? Wie sieht eine lebenswerte Stadt aus? Wie kann man auf kleinerem Raum gut leben? Wie kann man bestehende Gebäude umnutzen, aufstocken, ausbauen? All diese Fragen sieht man immer wieder als Ausgangsposition einer Bachelor- oder Masterthesis in den verschiedenen Disziplinen der planenden Baubranche.
Auch die Lehre ist für gute Architektur verantwortlich
Wenn man sich mit Architektur beschäftigt, stellt man fest, dass sich die Verantwortung dafür auf etliche Schultern verteilt, Schultern aus der Politik, Industrie, Praxis und aus der Bildung. Der/die Architekt:in trägt für den Entwurf die Verantwortung; die Länder für die Regularien, die eingehalten werden müssen; die Bauämter für die Genehmigungen; die Industrie für die Qualität der Materialien, die verbaut werden dürfen; die Lehrenden für die Ausbildung der zukünftigen Akteure. Die Lehre ist hierbei in der Kette der Verantwortung mit das erste Glied, denn im Studium werden auch grundlegende Denkweisen und Haltungen vermittelt und je nach Hochschule Schwerpunkte gesetzt.
Kritik hilft, Verantwortung zu übernehmen
Dass diese Fragen schon seit einigen Jahrzenten regelmäßig gestellt werden, deutet darauf hin, dass erstens unsere gebaute Umwelt nicht mehr an unsere heutigen Bedürfnisse angepasst ist und zweitens, dieser Umstand auch noch nicht in der Lehre angekommen ist. Auch aus Gesprächen mit anderen angehenden Architekt:innen bei nexture+ weiß ich: Wir lernen an den Hochschulen bundesweit, dass die immer gleichen Architekt:innen anzustrebende Architektur schaffen, die wir angeblich nicht zu hinterfragen brauchen. Gleichzeitig bekommt der Nachwuchs die Verantwortung zugeschoben, zukünftig nachhaltig, klimapositiv, ressourcenschonend, CO2-arm, innovativ, sozial und selbstverständlich auch ästhetisch zu planen und zu bauen.
Mehr Architekturkritik im Studium!
Das passt nicht zusammen! Wir fangen an, zu hinterfragen. Ich habe gerade „Wohnkomplex“ von Niklas Maak gelesen und stellte fest, dass das Buch schon acht Jahre alt ist. Die Erkenntnisse, Fragen und kritischen Blicke auf Architektur, von denen Maak schreibt, hatte ich auch gegen Ende meines Studiums (2021/22). Warum wurde mir im Studium nichts davon vermittelt? Wäre es nicht sinnvoll, wenn Architekturkritik fester Bestandteil der Lehre wäre, wenn es einen ausgeprägten Architekturdiskurs gäbe und öffentlich über Architektur auch kritisch diskutiert würde? Wieso müssen immer wieder dieselben Fragen gestellt werden, wenn man schon längst an Lösungen arbeiten könnte und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als eine Hochschule, in der man sich noch nicht an Regularien halten muss?
Johanna Naara Ziebart studiert Innenarchitektur an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe in Detmold und setzt sich auch bei nexture+ für Innenarchitektur ein.
Die Nachwuchs-Kolumnen des DAB schreibt ein junges Team, weitere Autor:innen sind Fabian P. Dahinten, Johanna Lentzkow und Lorenz Hahnheiser.