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Räume neu justieren: Strategien für Stadt und Land im Wandel

Vier BBSR-Forschungsprojekte zeigen, wie öffentlicher Raum, Einkaufsstraßen, Erdgeschosszonen und Mobilität neu gedacht werden müssen, um Städte und Gemeinden resilient und lebenswert zu gestalten.

DAB Redaktion
08.01.2026 6min
Forschung Bundesweit
Begrünte Stadtstraße mit Fahrradspur, Hochbeeten, Kunstmotiven und Menschen zu Fuß und mit dem Rad.
Umgestaltung des Oeder Wegs in Frankfurt am Main © Tim Wegner/picture alliance/epd-bild

Öffentlicher Raum, Erdgeschosszone, Einkaufsstraße oder Ortsdurchfahrt: Die räumlichen Situationen mögen unterschiedlich sein, die zugrunde liegenden Fragen ähneln sich. Wie lassen sich Räume gestalten, die unterschiedliche Nutzungen aufnehmen, Verbindungen herstellen und auf Veränderung reagieren können? Die vorgestellten Forschungsprojekte nähern sich dieser Frage aus jeweils eigenständigen Blickwinkeln. Das Projekt „Öffentlicher Raum im Spannungsfeld vielfältiger Anforderungen“ betrachtet die wachsende Überlagerung gesellschaftlicher, ökologischer und funktionaler Ansprüche. Die Studie „Umgestaltung von Einkaufsstraßen in Stadtteil- und Ortsteilzentren“ untersucht, wie der Wandel des Einzelhandels zentrale Geschäftsstraßen räumlich neu definiert. „Stadtunterbau – Urban Base“ rückt die Erdgeschosszone als unterschätzten räumlichen Übergang zwischen privater Nutzung und Öffentlichkeit in den Fokus, während „Bauen für die neue Mobilität im ländlichen Raum“ die Auswirkungen veränderter Mobilitätsformen auf Ortsstrukturen jenseits der Stadt untersucht. Gemeinsam eröffnen die Projekte unterschiedliche Lesarten von Raum als gestaltbare Ressource mit einem gemeinsamen Interesse an Offenheit, Anpassungsfähigkeit und räumlicher Qualität. 

Öffentlicher Raum im Spannungsfeld vielfältiger Anforderungen

Das BBSR-Forschungsvorhaben „Öffentlicher Raum im Spannungsfeld vielfältiger Anforderungen“, erarbeitet von BGMR Landschaftsarchitekten und Urban Catalyst, untersucht die wachsende Komplexität öffentlicher Räume und deren Rolle im urbanen Alltag. Im Auftrag des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigt die Studie, wie Plätze, Wege, Fußgängerzonen, Grünräume, Brachen und informelle Aufenthaltsorte zwischen Klimaanpassung, sozialer Teilhabe, Verkehr, Sicherheit und neuen Formen der Aneignung vermitteln müssen. Öffentlicher Raum wird dabei als multifunktionale Ressource verstanden, dessen Aufgabe weit über klassische Nutzungen hinausreichen. Die Publikation verbindet theoretische Perspektiven aus Stadt- und Landschaftsforschung mit konkreten Impulsen für die Planungspraxis. Dazu findet die Auseinandersetzung mit den urbanen Herausforderungen in fünf Denkwelten statt: der naturbasierten, der regenerativen, der gerechten, der gemeinschaftlichen und der fluiden Stadt.

Im Ausblick führen die Autorinnen und Autoren alle Einzelperspektiven wieder zusammen: „Für die Zukunft des öffentlichen Raumes gilt es, neue hybride Raumkategorien zu denken, die über die klassisch definierten Nutzungsschemen des öffentlichen Raumes hinausgehen. Benötigt wird ein Instrumentarium, das Hybridität und Multifunktionalität von Beginn an auf unkomplizierte Weise ermöglicht, sodass eine Fußgängerzone zugleich auch Sportraum, eine grüne Erholungsfläche auch Regenrückhalteraum, ein privates Dach auch öffentlicher Platz, ein Spielplatz auch Biodiversitätsraum, ein Friedhof auch Erholungsraum sein kann.“ Die Studie liefert einen strategischen Orientierungsrahmen für eine zeitgemäße Planungskultur, die öffentlichen Raum als gemeinschaftliches Gut stärkt und seine Bedeutung für das urbane Zusammenleben neu definiert. 

Weitere Informationen unter:

https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/sonderveroeffentlichungen/2025/oeffentlicher-raum-spannungsfeld.html

Umgestaltung von Einkaufsstraßen in Stadtteil- und Ortsteilzentren

Wie Innenstädte stehen auch Stadtteil- und Ortsteilzentren durch den Wandel des Einzelhandels vor vielfältigen Herausforderungen. Vor dem Hintergrund steigender Ladenleerstände, veränderter Mobilitätsmuster und wachsender Anforderungen an die Aufenthaltsqualität analysiert die Studie „Umgestaltung von Einkaufsstraßen in Stadtteil- und Ortsteilzentren“, welche räumlichen und organisatorischen Strategien notwendig sind, um einstige Einkaufsstraßen als lebendige Zentren des Alltags zu stabilisieren und weiterzuentwickeln. Diese sind jedoch im Gegensatz zu den Innenstädten in Stadtteil- und Ortsteilzentren häufig zudem auch stark durch den Kfz-Verkehr geprägt. Die Studie wurde von Junker + Kruse, Stadtforschung Planung aus Dortmund im Auftrag des BBSR durchgeführt und sucht nach Möglichkeiten, diese einstigen Verkehrs- und Handelsachsen als multifunktionale öffentliche Räume neu auszutarieren. Dabei müssen Versorgung, Aufenthalt, soziale Begegnung und Mobilität gleichermaßen gewährleistet sein.

Anhand ausgewählter Fallstudien zeigt das Forschungsprojekt, wie handels- und verkehrsdominierte Straßenräume schrittweise umgestaltet werden können, etwa durch Verkehrsberuhigung, Neuordnung der Straßenaufteilung, stärkere Begrünung und die Förderung nutzungsgemischter Erdgeschosszonen. Ergänzend werden Handlungsempfehlungen für Kommunen formuliert, die sowohl planerische als auch prozessuale Aspekte berücksichtigen, insbesondere Beteiligungsformate und die Einbindung lokaler Akteure. Die vom Forschungsprogramm „Experimenteller Wohnungs- und Städtebau“ geförderte Studie liefert damit praxisnahe Orientierung für Städte und Gemeinden, die ihre einstigen Einkaufsstraßen als tragfähige, soziale und zukunftsfähige Stadtbausteine neu positionieren wollen. 

Weitere Informationen unter:

https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/bbsr-online/2025/bbsr-online-048-2025.html 

Stadtunterbau – Urban Base: Handlungsoptionen für den Unterbau der Stadt

Das Forschungsprojekt „Stadtunterbau – Urban Base“ untersucht die Bedeutung der baulich-räumlichen Schnittstelle zwischen den Erdgeschossen von Wohnquartieren und hybriden Quartiersstrukturen mit dem öffentlichen Raum als eigene, stadtbildprägende Stadtschicht. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass das klassische Leitbild der gemischt genutzten Stadt in der Praxis des Quartierneubaus oft nicht erreicht wird, weil insbesondere die unteren Geschosse nicht aktiv genutzt oder städtebaulich wirksam gestaltet werden. Diese Zone zwischen privater Nutzung und öffentlicher Sphäre besitzt jedoch ein hohes soziales, gemeinschaftsbildendes und stadtfunktionales Potenzial, das für eine nachhaltige Quartiersentwicklung nutzbar gemacht werden kann.   

Im Zentrum des Forschungsvorhabens, durchgeführt vom Institut für Entwerfen und Städtebau der Leibniz Universität Hannover unter Prof. Andreas Quednau, mit Partnern der Oslo School of Architecture and Design und BARarchitekten Berlin, stehen Fallstudien aus Deutschland und europäischen Städten – darunter Quartiere wie Seestadt Aspern (Wien), Sonnwendviertel Ost (Wien), Spreefeld (Berlin), Hunziker Areal (Zürich), La Borda (Barcelona) und San Riemo (München) –, in denen unterschiedliche Konzepte vertikaler Nutzungsmischung, Anpassungsfähigkeit und gemeinwohlorientierter Erdgeschossnutzungen realisiert wurden. Auf dieser Grundlage entwickelten die Projektpartner typologische, organisatorische und rechtliche Handlungsoptionen, die dazu beitragen, den Stadtunterbau als aktiv gestalteten, anpassungsfähigen und gemeinschaftlich genutzten Raum zu etablieren. Die Studie gibt praxisnahe Instrumente und Strategien, um die unteren Geschosse von Wohnquartieren städtebaulich, nutzungsoffen und gemeinwohlorientiert zu entwickeln und so städtische Vitalität und Teilhabe zu stärken. 

Weitere Informationen unter: 

https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/bbsr-online/2024/bbsr-online-98-2024-dl.pdf?__blob=publicationFile&v=2
https://stadtunterbau.de 

Bauen für die neue Mobilität im ländlichen Raum

Mobilität ist längst keine reine Verkehrsplanung mehr. Sie prägt Siedlungsstrukturen, Nutzungsmuster und die Qualität öffentlicher Räume, besonders im ländlichen Raum, wo große Distanzen und die Abhängigkeit vom Auto den Mobilitätswandel erschweren. An dieser Schnittstelle setzt das Forschungsprojekt „Bauen für die neue Mobilität im ländlichen Raum“ der Fachgebiete Architekturtheorie und Entwerfen, Städtebau sowie Stadt- und Regionalplanung der Universität Kassel an. Auch wenn die Ergebnisse bereits 2021 veröffentlicht wurden, haben sie nichts an Aktualität verloren. 

Im Mittelpunkt steht die enge Verflechtung von Mobilität und Siedlungsstruktur: Ortsdurchfahrten, Verkehrsinfrastrukturen und versiegelte Flächen prägen vielerorts das Ortsbild, während neue, digitale oder gemeinschaftlich organisierte Mobilitätsangebote räumlich noch kaum verankert sind. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass eine zukunftsfähige Mobilitätswende im ländlichen Raum nicht ohne bauliche und städtebauliche Anpassungen gelingen kann. Untersucht werden räumliche Strategien, die über technische Verkehrslösungen hinausgehen. Dazu zählen die Umnutzung und Neuordnung von Verkehrsflächen, die Entwicklung multifunktionaler Mobilitätsorte sowie die Stärkung von Ortskernen durch integrierte Mobilitäts- und Nutzungskonzepte. Mobilität wird dabei als Bestandteil einer ganzheitlichen Siedlungsentwicklung verstanden, aus der sich konkrete Handlungsoptionen für Kommunen und Planende ableiten lassen. Das Forschungsprojekt zeigt, dass eine nachhaltige Mobilitätswende im ländlichen Raum nicht allein auf Verkehrsverlagerung abzielt, sondern den ländlichen Raum als gestaltbaren Lebens- und Stadtraum ernst nimmt. 

Weitere Informationen unter:

https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/bbsr-online/2021/bbsr-online-13-2021.html 

Illustration mit Menschen, Tieren und Natur, die vielfältige Nutzungen des öffentlichen Raums zeigt.
Öffentlicher Raum im Spannungsfeld vielfältiger Anforderungen, BBSR, 2025 © BBSR
Titelbild einer Publikation mit belebter Einkaufsstraße, Menschen zu Fuß und auf Fahrrädern.
Umgestaltung von Einkaufsstraßen in Stadtteil- und Ortsteilzentren, BBSR-Online-Publikation, Ausgabe 48/2025 © BBSR
Titelbild einer Publikation mit modernem Gebäude und öffentlichem Platz im städtischen Umfeld.
Stadtunterbau – Urban Base: Handlungsoptionen für den Unterbau der Stadt, BBSR, Zukunft Bau, 2024 © BBSR
Titelbild mit schematischer Karte, die Mobilitätsknoten und Verkehrswege im ländlichen Raum darstellt.
Bauen für die neue Mobilität im ländlichen Raum, Zukunft Bau, BBSR-Online-Publikation 13/2021 © BBSR

Alle vier Forschungsprojekte verdeutlichen, dass sich öffentliche und halböffentliche Räume nicht länger entlang klarer funktionaler Kategorien oder Typologien planen lassen. Ob innerstädtischer Platz, ehemalige Einkaufsstraße, Erdgeschosszone oder Ortsdurchfahrt im ländlichen Raum – die Anforderungen verschieben sich zu hybriden, flexiblen und gemeinschaftlich nutzbaren Räumen. Planung wird damit weniger zur Frage der optimalen Funktionszuordnung, sondern zur Aufgabe der ermöglichenden Rahmensetzung für die flexible Aneignung. Die Studien zeigen zugleich, dass diese Transformation nicht allein gestalterisch zu lösen ist. Sie erfordert neue Instrumente, kooperative Prozesse und ein erweitertes Rollenverständnis von Kommunen, Planenden sowie Akteurinnen und Akteuren vor Ort. Öffentliche Räume werden so zu Testfeldern einer Planungskultur, die Widersprüche nicht auflöst, sondern produktiv macht.

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Berlin