
Dieser Kommentar ist unter dem Titel „Architektur muss politisch werden“ im Deutschen Architektenblatt 03.2024 erschienen.
„Architecture is a political act, by nature.“ Der Satz des amerikanischen Architekten Lebbeus Woods ist aktuell wie nie. Die deutschlandweiten Proteste gegen Rechtsradikalismus scheinen fern unserer berufsständischen Themen. Sie sind es nicht. Tatsächlich hat sich in der Gesellschaft – in Teilen berechtigt – der Eindruck staatlicher Orientierungslosigkeit auch und gerade im Bereich des Wohnens und Bauens festgesetzt.
Wohnungsbauziele verfehlt
Eine Bundesbauministerin, angetreten mit verheißungsvoller Rhetorik, bezeichnet Statistiken zum sozialen Wohnungsbau als unseriös, weil nicht ausgesprochen werden soll, dass das verkündete Ziel, 400.000 Wohnungen pro Jahr zu bauen, grandios verfehlt wurde – mit allen sozialen Folgen. Auf Landesebene interpretiert das zuständige Ministerium als Erfolg, halb so viele Sozialwohnungen gefördert zu haben wie versprochen.
Ankündigungspolitik und Schlagworte
Wir erleben hektische Ankündigungspolitik mit teils grotesken Worterfindungen („Bau-Turbo“) und absurden Vorschlägen: vierzehn Trabantenstädte aus modularen Bausystemen oder Aussetzung der Regelungen des BauGB. Gleichzeitig wird Bauen noch immer als reine Marktangelegenheit betrachtet, Bodenpolitik als Sozialismus geschmäht und den René Benkos (Signa) dieser Welt werden wertvolle Immobilien hinterhergeworfen in der Hoffnung, es möge schon irgendetwas mit Wohnen herauskommen. Was ist los mit der Baupolitik in Deutschland? Die Bestandsaufnahme ist mehr als dürftig.
Beispielhafte Architektur wirkt politisch
Die Architektenkammern in Deutschland haben über Jahre ihren Auftrag als Körperschaften geräuschlos erledigt: konsequente Qualitätssicherung, Eintragung in Architektenlisten, Stellungnahmen, Wahlprüfsteine und Kooperationen in der Weiterbildung. Parallel dazu veränderte sich jedoch ihr Selbstverständnis. Nicht etwa aus Hybris, sondern aus der wachsenden Einsicht heraus, dass es nicht mehr genügt, die übertragenen Aufgaben abzuarbeiten und ansonsten das hohe Lied der Baukultur zu singen.
Wir analysieren Zusammenhänge, Ursachen und Wirkungen, machen die Innovationskraft von Architektur, Stadtplanung und Landschaftsarchitektur an konkreten Themen greifbar und führen die guten Ideen zu baubaren und bezahlbaren Konzepten zusammen. Wir übernehmen damit jene Verantwortung, die wir uns von der politischen Ebene wünschten.
Mit Förderung Einfluss nehmen
Staatliche Wohnbauförderung muss wirken, wo Markttätigkeit versagt. Ausreichend bezahlbaren Wohnraum vor allem für das untere Einkommensdrittel der Gesellschaft vorzuhalten, ist eine staatliche Aufgabe in der sozialen Marktwirtschaft. Auch wenn auf Länderebene manch vielversprechendes Format, etwa der Strategiedialog in Baden-Württemberg, aufgesetzt wurde: Die Politik in toto scheint den Kompass verloren zu haben, wo sie mit klarer Rahmensetzung und Förderung Einfluss nehmen muss – und wo nicht.
Sie verliert sich zu oft im Klein-Klein des Parteienstreits und verspielt so Chancen, die Herausforderungen durch Demografie oder Klimawandel zielführend angehen zu können. Nicht die Problemlagen als solche lassen immer mehr Menschen verzweifeln, sondern die Inkonsistenz, mit der Entscheidungen getroffen werden.
Architektur muss sich politisch einmischen
In dieser Situation kann sich die berufsständische Vertretung nicht darauf zurückziehen, den Abbau von Baugesetzen, Verordnungen und Ausführungsbestimmungen einzufordern. Auf Deutschland bezogen, wäre der Satz von Lebbeus Woods im Jahr 2024 deshalb getrost abzuwandeln: Architektur muss sich in Politik einmischen, es könnte notwendig sein!
Markus Müller, Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg