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Umbauprogramm für Scheunen: wie Niedernhall den Ortskern erhält

Im Weinort Niedernhall gab es drei Keltern und rund ­dreißig Scheunen. Eine pfiffige Aktion brachte neues Leben in die alten Mauern.

 

Christoph Gunßer
28.01.2022 6min
Wohnungsbau Land und Kleinstadt Bestand Bundesweit
Diese Scheune in Niedernhall wurde um 1800 gebaut und hat noch ihr barockes Manansarddach. © Landesamt für Denkmalpflege Esslingen am Neckar

Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Wenn Scheunen wieder scheinen“ im Deutschen Architektenblatt 02.2022 erschienen.

Ein wirklich noch „kerniger“ Stadtkern ist das in Niedernhall: Hinter der Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert stehen die Fachwerkhäuser dicht an dicht – ein etwas schiefes Geviert von gerade mal 200 auf 300 Metern, direkt am Fluss Kocher gelegen, mit Blick auf die Weinberge, die dem Ort seinen Wohlstand bescherten.

Auch wenn hier heute nur noch rund 500 Menschen und damit gut ein Zehntel der Einwohnerschaft des Städtchens leben, hat der Kern einen hohen Identifikationswert und wird entsprechend gepflegt: „Die Altstadtsanierung ist Chefsache“, sagt Achim Beck. Mit nur 28 Jahren ins Amt gewählt, hat der Bürgermeister in den letzten sieben Jahren im Zentrum viel in Gang gebracht – mithilfe der Städtebauförderung und vor allem einer engagierten Denkmalpflege.

Über dreißig Ökonomiegebäude prägen das Stadtbild von Niedernhall. © Landesamt fuer Denkmalpflege Esslingen am Neckar

Scheune sucht Freund

Angesichts der vielen leerstehenden Ökonomiegebäude aus dem Weinbau („unsere Sorgenkinder“) hatte Landeskonservator Martin Hahn 2014 die Idee zur Aktion „Scheune sucht Freund“, inspiriert von der beliebten TV-Sendung „Bauer sucht Frau“. Man lud vier Architekturbüros aus der Region ein, Testentwürfe für elf der Scheunengebäude zu entwickeln. Die Skizzen sollten möglichen Bauherren vor Augen führen, was sich alles aus so einem Nutzbau machen ließe, ohne den eigentümlichen Charakter der Bauten ganz zu überformen.

Große, offene Volumen, ausladende Tore und wenige Fensteröffnungen prägen deren Raumeindruck. Konzeptionell wurde wenig vorgegeben. So ergab sich eine Fülle möglicher Lösungen, von der Fahrradwerkstatt über Tonstudio, Sozialstation, Parkgarage oder Büros bis zur Ferienwohnung. Statt immer nur den Spielverderber abzugeben, wollten die Initiatoren nach eigenem Bekunden in die Offensive gehen: „Lasst uns Impulse geben, ruhig auch verrückte Sachen!“, war das Motto.

„Diese vielen Ideen fanden wir zu schade für den Aktenordner“, erinnert sich Martin Hahn. So wurde daraus eine Wanderausstellung, die landesweit gezeigt wurde und noch immer beim Landesdenkmalamt in Esslingen kostenlos ausgeliehen werden kann.

Das Vorreiter-Projekt des Bürgermeisters, der gleich drei Scheunen an der südlichen Stadtmauer zum Wohnhaus umbauen ließ. © Christoph Gunßer

Mit gutem Beispiel vorangehen

Im kleinen Städtchen selbst tat sich indes erst mal wenig. Es herrschte eine gewisse Reserviertheit. Schließlich war es der junge Bürgermeister, der „wahnsinnig viel angeschoben“ habe, sagt Hahn. Vor allem ging Achim Beck selbst mit gutem Beispiel voran und baute mit Schimmel Architekten aus Öhringen gleich drei Scheunen für seine Familie aus, die an der südlichen Stadtmauer nebeneinanderlagen.

Plötzlich kam eine Dynamik in die Sache. Inzwischen sind vier Scheunen-Umbauten fertig, sechs im Bau, zwei weitere im Gespräch. Mehrere Umbauten geplant hat das Büro ARS von Erhard Demuth aus dem nahen Künzelsau. Bauherren sind ganz überwiegend Einheimische oder Menschen mit Bezug zum Ort, darunter viele jüngere Leute.

Stadt engagiert sich als Bauherr

Die Stadt übernahm bei der Vermarktung eine aktive Rolle, kaufte einige Gebäude selbst und veräußerte sie später weiter, „ohne einen Reibach zu machen“, so Bürgermeister Beck – die gute Finanzlage und ein kooperativer Gemeinderat boten dafür den Spielraum. Die großzügige öffentliche Förderung bewirkte ein Übriges, nachdem das zuständige Ministerium in Stuttgart überzeugt werden konnte, dass auch Scheunen dafür infrage kommen. Man änderte sogar eigens die Regeln.

Die mächtige Schöntaler Kelter soll für eine öffentliche Sommernutzung ertüchtigt werden. © Marion Friemelt (Landratsamt für Denkmalpflege)

Kompromisse beim Denkmalschutz

Denkmalpfleger Hahn bedauert, dass von den bunten Ideen einer Mikro-Ökonomie am Ende ausschließlich die Wohnnutzungen realisiert wurden. Und dafür waren selbstredend Kompromisse zu machen. „So eine halbdunkle Scheune, in der nur ein alter Traktor steht, hat einen großen Charme“, weiß Hahn. Für eine Wohnnutzung braucht es Öffnungen, Wärmeschutz, Unterteilungen. „Die Alternative wären jedoch Abriss und Neubau gewesen.“ Es wurde ein Geben und Nehmen, bei dem man sich zwar öfter „verhakte“, doch schließlich einig wurde.

Modernes Wohnen in alten Mauern

Die Resultate, soweit schon zu besichtigen, sind recht ansehnlich. Große Tore, nun häufig verglast, prägen weiterhin die Straßenfassaden der Umbauten; Fachwerk wurde aufgearbeitet, vermutlich schmucker, als es je gewesen war; in den Dächern erlaubte man dann doch einige Gaupen. Versteckt hinter der Stadtmauer, durfte sich Achim Beck sogar eine Dachterrasse genehmigen. Dann müsse er die Stadt aber auch verteidigen, flachste Martin Hahn bei der Besichtigung. Davon ist bei dem engagierten Oberhaupt auszugehen.

Abschließendes Großprojekt der Stadtsanierung wird der Umbau der größten Kelter im Ort, einer mächtigen offenen Hallenkonstruktion. Sie soll nach Bürgerbeteiligung und Wettbewerb für eine öffentliche Sommernutzung ertüchtigt werden.

(Entwürfe: ARS Erhard Demuth, Künzelsau; Sabine Reinosch, Öhringen; Hansjörg Stein, Schwäbisch Hall; Max Stemshorn, Ulm)

Scheune sucht Freund

Die Scheunen im Überblick

Die Scheunen im Überblick

Die kostenlose PDF-Broschüre „Scheune sucht Freund“ versammelt für die vielen Scheunen von Niedernhall unzählige Nutzungsideen und Grundrisse, die Inspiration auch für andere Orte sein können.

© privat

Christoph Gunßer

Freier Fachautor

Christoph Gunßer ist für das DAB vor allem in Süddeutschland unterwegs. Nach Architekturstudien in Hannover, Stuttgart und den USA wurde er erst Redakteur, dann freier Fachautor, der einige Bücher zu wegweisenden Wohnbauten publiziert hat.

Mit Basis in Hohenlohe, wo er für seine Familie ein altes Hospital ausgebaut hat, berichtet er heute vor allem aus dem Süden und der Mitte Deutschlands für das DAB und andere, darunter die Bundesstiftung Baukultur und die KfW. Auch Kritiken und Essays zum Architekturgeschehen schreibt er gern. Am liebsten klappert er aber zu Fuß oder mit dem Fahrrad neue Projekte in Stadt und Land ab.