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[ Fachbeitrag ]

Begrünte Fassaden: Ratgeber und Beispiele

Das Interesse an begrünten ­Fassaden steigt an, wenn auch nur zaghaft. Doch mit der richtigen Vorbereitung sind solche Projekte kein Hexenwerk

begrüntes Dach des Kö-Bogen-II
Das mit Hainbuchenhecken begrünte Dach des Kö-Bogens-II in Düsseldorf

Dieser Beitrag ist unter dem Titel „In die grüne Vertikale“ im Deutschen Architektenblatt 07.2020 erschienen.

Von Frank Maier-Solgk

Innerstädtische Nachverdichtungen, hohe Versiegelungs- und Emissionsgrade, weniger städtische Flächen für Bäume und als Folge Wärmeinseleffekte (urban heat island effect). Dass man angesichts dieser Entwicklungen neben Dachbegrünungen nun auch zunehmend über grüne Fassaden nachdenkt, liegt eigentlich nahe. Diese Maßnahmen wirken sich erwiesenermaßen vorteilhaft auf das städtische Mikroklima aus und können die Artenvielfalt fördern. Sie können Gebäude vor Überhitzung schützen und im Sommer durch reduzierte Kühllasten auch den Energieverbrauch senken. Bei der Begrünung von Fassaden sind zahlreiche Faktoren – von der Pflanzenwahl über die gebäudetechnischen Voraussetzungen bis hin zu den Pflegeerfordernissen – zu beachten, die für viele aber noch Neuland sind.

„Europas größte Grünfassade“ besteht aus 30.000, in Aluminiumtrögen wurzelnden, exakt 130 Zentimeter hohen Hainbuchen, die horizontale Heckenreihen von insgesamt acht Kilometern Länge bilden. Vertikales Gebäudegrün wird aktuell kaum irgendwo in Deutschland anschaulicher – und damit auch ästhetisch diskutierbarer – als in Düsseldorf. Für eine seit den autogläubigen Nachkriegsjahren notorisch ungelöste innerstädtische Platzsituation hat Architekt Christoph Ingenhoven mit einem Ensemble von zwei stufenförmig ansteigenden fassadenbegrünten Gebäuden einen neuen Typus von Stadtraum geschaffen.

Luftaufnahem Kö-Bogen-II
Die Hecke des Kö-Bogen-II von ingenhoven architects soll der Blattfläche von rund 80 Laubbäumen entsprechen.

Das Bauwerk gliedert sich in ein hohes trapezförmiges Bürogebäude mit einer etwa 2.700 Quadratmeter großen Schrägfassade und einer rund 3.750 Quadratmeter großen Dachfläche sowie ein sanft ansteigendes, mit Rollrasen bedecktes kleineres Gebäude, das als Liegewiese dient. Das sogenannte „Ingenhoven Tal“, das in einem Platz mit den beiden Ikonen der Nachkriegsmoderne, Schauspielhaus und Dreischeibenhaus, ausläuft, verzichtet auf klassische Blockrandbegrenzungen, kombiniert Grün als Schaufassade und als Nutzungsfläche und stellt visuell den historischen Zusammenhang mit dem benachbarten Hofgarten wieder her, den es gewissermaßen näher an das geschäftliche Zentrum der Stadt heranführt. Was Ingenhoven, der das Thema Nachhaltigkeit (supergreen©) lange schon zum Markenzeichen seines Büros gemacht hat, vor Jahren für Berlin vorgeschlagen hatte, nämlich statt eines Schlosswiederaufbaus einen „Central Park“ anzulegen, das hat er am Rhein als enge Verbindung von Architektur und Grün nun effektvoll inszeniert.

Begrünte Fassaden: Hainbuchen erfüllen alle Voraussetzungen

Dass das Projekt kontrovers diskutiert wird, überrascht angesichts der ungewohnten grünen Wände nicht. Das Volumen des terrassierten Bürogebäudes wurde moniert, die ökologischen Aspekte wurden angesichts des Aufwands mit einem Fragezeichen versehen (geschätzte Gesamtinvestition laut Presseberichten 600 Millionen Euro), auch die Kritik an den streng wirkenden Hainbuchenhecken, die zum Architekturelement gestutzt würden (ganz in der Tradition der barocken Gartenkritik), fehlte nicht. Tatsächlich wurden die Pflanzen für ihren Auftritt in Düsseldorf mehrere Jahre in einer Baumschule im Emsland unter wissenschaftlicher Obhut vorbereitet. „Zwei, besser drei Jahre beziehungsweise Vegetationsperioden sind erforderlich“, so Christoph Kluska von der Baumschule Bruns, „um ein funktionsfähiges Betriebssystem sicherzustellen.“ Das heißt, es musste dafür gesorgt werden, dass die Pflanzen ausreichend Wurzeln bilden konnten.

Hainbuchenhecken zur Fassadenbegrünung
Die Hainbuchenhecken wurden in Terrassen angeordnet.

Karl-Heinz Strauch, Professor für Phytotechnologie (Hochschule Beuth), und der Vegetations- und Standortforscher Professor Albert Reif (Universität Freiburg) untersuchten vorab die Hainbuche und die Standortbedingungen auf Herz und Nieren, den Wasser- und Wärmehaushalt der Laubflächen, das Verhalten der Pflanze bei Feuer, ihre Windresistenz, ihre Fähigkeit zur Umwandlung von Sonnenenergie in Wasserdampf und die Befeuchtung der Umgebung. Die technische Lösung bestand in einer an der Fassade fest installierten Tragkonstruktion für die Tröge, die auch die Bewässerungsleitungen aufnimmt (Beratung und Systemlösung von Optigrün). Die Summe der Faktoren, erläutert Christoph Ingenhoven, sprach für die gewählte Monokulturlösung und die widerstandsfähige, dicht wachsende und als Hecke in unseren Breiten bestens vertraute Hainbuche, die ihre Farben im Jahr verändert, die nicht giftig ist und „die wir ganz bewusst auch deshalb gewählt haben, weil sie als traditionelles Element gezähmter Natur gezielt auf den Hofgarten Bezug nimmt.“

400 bis 1.000 Euro pro Quadratmeter begrünte Fassade

Gut möglich, dass Ingenhovens grünes Vorzeigeprojekt Folgen zeitigt. Noch sind grüne Fassaden hierzulande eine Randerscheinung, trotz der Diskussionen um klimaresiliente Städte und die Vermeidung von Hitzeinseln. Gunter Mann, Präsident des Bundesverbandes GebäudeGrün e. V. (BuGG), schätzt, dass 2018 in Deutschland vielleicht 15.000 Quadratmeter Fassadenfläche neu begrünt wurden. Die Tendenz sei zwar steigend, aber der Unterschied zu Dachbegrünungen – laut BuGG wurde 2019 eine Dachfläche von 7,20 Millionen Quadratmetern begrünt – ist hoch. Die Gründe liegen im höheren Aufwand für die Vorbereitung, für die Anbringung und die Pflege der Pflanzen, die sich in der Regel zu Gesamtkosten von 400 bis 1.000 Euro pro Quadratmeter addieren (200–300 Euro für bodengebundene Begrünungen).

Aber auch bei Bauherren und Architekten gibt es Vorbehalte. „Mir scheint, dass hierzulande auch die Architekten weniger mutig sind als im Ausland“, so Mann. Tatsächlich steht die Verbindung von Architektur und Bepflanzung bei Vertretern einer an der Moderne orientierten Architektenschaft und ihren funktionalistischen Nachfolgern noch immer im Verdacht der dekorativen Verschleierung. Die entsprechende Kritik galt bislang den bildmächtigen begrünten Hochhäusern in Europa wie Stefano Boeris „bosco verticale“ in Mailand, dem man luxuriöse Schauarchitektur vorwarf. Tatsache aber ist, dass Boeri inzwischen das Begrünungsprinzip auch auf den sozialen Wohnungsbau ausweitet und von Shanghai über Singapur und Tirana bis Utrecht und Eindhoven aktuell mehr als zehn begrünte Hochhäuser errichtet. Auch andere internationale Büros wie MVRDV aus Rotterdam, WOHA in Singapur und neuerdings auch Jean Nouvel sowie OXO Architectes in Paris setzen weltweit immer stärker auf die vertikalen Varianten des Prinzips Hortitecture, oft im Hochpreissegment, aber eben nicht nur.

Begrünte Fassaden: Deutschland hinkt hinterher

Auch in Deutschland deutet sich eine Trendwende an. Stefan Brandhorst, Geschäftsführer der Firma Vertiko, die Grünkonzepte für Fassaden sowohl im Außen- als auch Innenbereich entwickelt, sieht seit etwa zehn Jahren eine stark wachsende Nachfrage nach Lösungen für Fassadenbegrünung. „Zuletzt ging der Trend wieder in Richtung Kletterpflanzen, der geringeren Kosten wegen.“ Warum Deutschland noch zurückliege bei begrünten Hochhausprojekten: „Ein Hindernis sind die hiesigen Brandschutzvorschriften für Hochhäuser, die bauliche Maßnahmen wie Barrieren aus Beton erfordern.“ Sichtbares Zeichen für eine Wende ist dennoch, dass mit Hamburg nun erstmals eine deutsche Großstadt eine entsprechende substanzielle Fassadenbegrünung fördert, nachdem kommunale Gründachförderungen bereits seit mehreren Jahren in verschiedenen Großstädten existieren. Ab Juni 2020 unterstützt Hamburg die Begrünung von Fassaden pauschal mit 40 Prozent der erforderlichen Maßnahmen: Vorbereitungen, Rankhilfen, Pflanzen, Pflanzmaßnahmen, Bewässerungssysteme, fachliche Planung und Betreuung (Förderhöhe: max. 100.000 Euro je Bauwerk).

Hochhaus mit begrünter Fassade
Kletter- und Schlingpflanzen: Das von Aika Schluchtmann Architekten & Stadtplaner entworfene Projekt in der Arabellastraße wird das erste Hochhaus in München mit einer begrünten Fassade.

Technisch gesehen, ist die Bandbreite der Möglichkeiten relativ groß. Bodengebundene Begrünungen in Form von frei kletterndem Wein oder Efeu kennt jeder. Ein Ranksystem mit Stahlseilen als Kletterhilfe verwendete man bei einem der frühesten Beispiele grüner Fassaden in Deutschland, dem 2001 errichteten Gebäude der Swiss Re in München-Oberföhring, an deren Fassaden sich bodengebunden Pflanzen wie Blauregen und Wein hochranken. Die Firma Helix Pflanzensysteme GmbH aus Baden-Württemberg bietet ein modulares Fassadenbegrünungssystem an, bei dem einzelne mit Pflanzen bewachsene Kassetten an die Wände montiert werden, wobei die Grundlage eine etwa 1,2 Zentimeter dicke, wasserdichte Platte und ein spezielles Drainagevlies bilden.

Heute gibt es rund zehn Variationen solcher wandgebundener Fassadenbegrünung, bei der die Pflanzen – in Anlehnung an die Erfindung des französischen Gartenarchitekten Patrick Blanc – auf einem Träger mit einer Art Vegetationstragschicht in einem gewissen Abstand zur Wand befestigt, künstlich (meist über einen Tank auf dem Dach oder im Keller) bewässert und mit Nährstoffen versorgt werden. Die 800 Quadratmeter große Fassadenbegrünung der Firma Osterrath in Bad Laasphe (Südwestfalen), Grünfassade des Jahres 2018, verwendete ein solches Vlies-Substrat als flächiges System an einer neu errichteten vorgehängten Fassade, das mit einer Mischung aus immergrünen Pflanzen eine ebenso ökologisch vorteilhafte wie attraktive Lösung schuf. Positiver Nebeneffekt: Das Firmengebäude unterstrich die Innovationsfähigkeit des Unternehmens.

Begrünte Fassade
Größte Living Wall Deutschlands: Für ihr Verwaltungsgebäude erhielt die Osterrath GmbH in Bad Laasphe den BuGG-Award Fassadenbegrünung 2018.

Gärtner werden zu Fachplanern

Die Einstellung der Bauherren ändere sich derzeit, sagt auch die Münchner Architektin Aika Schluchtmann, die in der Nachbarschaft des Arabellahauses aus den 1970er-Jahren „Münchens erstes Hochhaus mit begrünter Fassade“ entworfen hat. In München wie beim Düsseldorfer Projekt hat man sich bei der Konstruktion des Gebäudegrüns nicht für Vliese, sondern für 120 bis 150 Zentimeter große Pflanztröge aus Aluminium entschieden, die auf den umlaufenden Wartungsgängen stehen und die gewünschte großflächige Begrünung erzielen sollen.

Was die Pflanzenauswahl betrifft, so wird es eine Kombination von immergrünen und saisonalen Kletter- und Schlingpflanzen werden, die an Rankhilfen von Geschoss zu Geschoss wachsen. Zusätzlich wird ein dreijähriges Forschungsprojekt an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, das derzeit die vegetationstechnischen Grundlagen (Substrat, Bewässerung, Düngung, Pflanzenauswahl und -pflege) prüft und die Verdunstungsleistung je nach Pflanzenart ermittelt, weitere Auskunft über Details der Auswahl der Pflanzen geben.

„Wir sind Architekten, keine Gärtner“, sagt Schluchtmann. „Ich habe daher gleich nach Fertigstellung des Entwurfs verschiedene Fachleute herangezogen, die für uns Architekten im Prinzip die gleiche Rolle spielen wie andere Fachplaner auch.“ 52 Meter Höhe wird der 16-geschossige, gemischt genutzte Turm erreichen, wobei die unteren fünf Geschosse für Gewerbe und Büros vorgesehen sind, während von den 40 bis 45 Wohnungen darüber 14 bis 16 gemäß den Regeln der sozialgerechten Bodennutzung als geförderter Wohnraum errichtet werden. Der Wartungsaufwand, um auf einen häufigen Einwand einzugehen, werde in diesem Fall eher gering ausfallen. Auf jedem Stock wird ein schmaler „Wartungsgang“ den Zugang zu den Pflanzen ermöglichen – ein bis zwei Wartungen seien pro Jahr erforderlich. Die Grundidee hinter dem gesamten Projekt (Bauträger Stefan Pfender, Metropolian GmbH) aber war, so Schluchtmann, an einem grünflächenarmen Standort ein starkes grünes Element ins Stadtbild zu integrieren.

Derweil plant Christoph Ingenhoven zwei weitere Projekte mit grünen Fassaden, eines in Köln (Carré Belge/Kapitol-Hotelneubau) und eines in Stuttgart (Calwer Passage), wo man sich für eine Mischkultur aus verschiedenen Kletterpflanzen, Sträuchern und bodengebundenen Pflanzen entschieden hat. Christoph Ingenhovens Gesamtanalyse: „Viele schrecken vor der Komplexität der Bauaufgabe noch zurück; Mieter haben Angst vor Tieren. Aber angesichts der Klimaentwicklungen und nicht zuletzt der Wünsche der Menschen nach angenehmen Wohn- und Arbeitsbedingungen bauen wir heute unter unseren technischen Möglichkeiten. Den Bauherren, auch den Kommunen, müssen wir mit guten Argumenten unsere Vorschläge nahebringen. Dann werden wir, auch wenn wir manchmal Kompromisse machen müssen, auch auf diesem Feld einen ‚Green Deal‘ erreichen.“

In diesem Beitrag lesen Sie einen Abschnitt zum Brandschutz bei begrünten Fassaden.

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