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Ein Wohnwagen auf der Dachterrasse

Im Münchner Kreativquartier entsteht ein Gebäude aus rezyklierten Bauteilen, in dem Wohnen und Arbeiten vereint werden. „Das große kleine Haus“ ist ein Projekt zwischen Großform und Detail.

David Fuchs
05.02.2026 3min
Zirkuläres Bauen Ressourcen und Recycling Gebäudetyp E Bayern
Das Bild zeigt eine Luftaufnahme einer städtischen Baustelle. Im Zentrum steht ein mehrgeschossiges Gebäude, das von einem Gerüst umgeben ist und sich im Bau befindet. Ein Baukran ragt über das Gebäude hinaus. Rundherum sind Straßen, weitere Gebäude, Lagerflächen und Baumaterialien zu sehen. Die städtische Umgebung ist dicht bebaut, was den Bau im urbanen Kontext deutlich macht. Zweck des Bildes ist es, ein größeres Bauprojekt im Stadtraum zu zeigen und den Maßstab sowie die Komplexität zirkulären Bauens im urbanen Umfeld zu verdeutlichen.
Die Baustelle im Kreativviertel: Noch umgibt ein Baugerüst den 30 m hohen Holzteil. Die grüne Fassade besteht aus rezykliertem Stahl. © Matthias Thönnissen

Der Name sagt bereits alles: „Das große kleine Haus“, nicht weit entfernt vom Olympiapark, ist ohne Zweifel groß. Das Gebäude, dessen Fertigstellung für Mitte 2026 geplant ist, wird am Ende 30 m hoch sein und 140 Menschen Platz zum Leben und Arbeiten bieten. Auf einer Bruttogeschossfläche von 4.000 qm entstehen Wohnungen, Gemeinschaftsräume, Ateliers, Cafés und integrative Arbeitsstätten.  

Klein ist das Gebäude aber gewissermaßen auch. Nicht was die Gesamtdimension angeht, aber mit Blick auf die Details und das Innere: Die fein skalierte Raumaufteilung schafft eine besondere Innenstruktur mit unterschiedlich großen und vielfältig nutzbaren Zimmern, die auf allen Geschossen miteinander verbunden und variabel konfiguriert werden können. So soll das Gesamtkonzept von kreativen, inklusiven und kooperativen Wohn- und Arbeitsräumen umgesetzt werden. An der Außenfassade schlängelt sich, von Dachterrasse zu Dachterrasse, eine besondere Treppe, der sogenannte „Chaosweg“. Er bringt die unterschiedlichen Nutzungsebenen in Verbindung, durchmischt sie und wird zum kommunikativen Raum. Somit realisiert und symbolisiert er die Grundidee des Projekts architektonisch.

„Das große kleine Haus“: ein genossenschaftliches Projekt

Am Anfang stand der pragmatische Wunsch nach größeren Büroräumen, erzählt Rainer Hofmann. Er ist Geschäftsführer und Miteigentümer von „Bogevischs Buero“. Zusammen mit dem Architekturbüro „Teleinternetcafe“, das zudem den Rahmenplan für das gesamte Kreativquartier erarbeitet hat, waren sie für die Planung des Gebäudes zuständig. Jeweils drei Mitarbeitende der beiden Büros haben für das Vorhaben eigens eine Genossenschaft gegründet. Die Mitglieder entwickelten dann in zahlreichen Workshops ein gemeinsames Konzept, das für innovative gemischte Nutzungsformen und städtebauliche Integration steht.

Kreislaufwirtschaft mit Lagerhallen-Stahl  

Nicht nur die architektonische und städtebauliche Konzeptionierung fällt auf. Vor allem die Art und Weise, wie hier Bauelemente im Sinne der Kreislaufwirtschaft eingesetzt werden, ist bemerkenswert. Der Sockelteil mit den gewerblichen Flächen besteht aus Stahlbeton; der obere Teil zum Wohnen wurde, bis auf die Stahlfassade und den Betonkern für das Treppenhaus, aus Holz gebaut. Damit zeigt sich der Ansatz einer sortenreinen Bauweise bereits in der tragenden Hauptstruktur des Gebäudes. Wo es möglich war, wurden rezyklierte Materialien verbaut. Ein Drittel der verwendeten Fassadenbleche stammt aus einem zurückgebauten Rohrlager der Stadtwerke München, unweit der aktuellen Baustelle. Auch ein großer Teil der Stahlträger für den „Chaosweg“ und die Pergola auf der obersten Dachterrasse kommen aus der Lagerhalle. Ebenso wie die Absturzsicherungen an den Fenstern der oberen Geschosse. Hierzu wurden kurzerhand Stahlwinkel umfunktioniert, die damals als Querverbände gedient hatten. „Überall, wo wir Stahl in vernünftiger Weise wiederverwenden konnten, haben wir versucht, unsere Planung auf diese alte Halle abzustimmen“, erklärt Rainer Hofmann. Am Ende konnten 30 t rezyklierter Stahl aus dem Lager verbaut werden. Die Herausforderung dabei war es, eine regelgerechte Bauweise auch bei Teilen zu garantieren, deren Zertifizierung bereits einige Zeit zurückliegt – die Halle der Stadtwerke wurde in den 90er-Jahren erbaut. Eine Eignung für den Einsatz im Bauvorhaben wurde durch Gutachten der Technischen Universität München nachgewiesen.

Der Gebäudetyp-e als „Türöffner“  

Ebenfalls entscheidend für das Gelingen war der Gebäudetyp-e. „Das große kleine Haus“ ist eines der 19 Pilotprojekte in Bayern. Nicht nur beim Schallschutz profitierten die Architekt:innen davon. Die entstehenden Spielräume waren wichtig, da die Gebäudeplanung an bereits vorhandene Bauteile angepasst werden musste. Dadurch konnten die Planer:innen von der vorgegebenen Türhöhe abweichen und ausgediente Zargen und Türen aus einem Bürogebäude in Neuperlach verwenden, das im Rahmen des Umstrukturierungsprojekts „Fritz District“ rückgebaut wurde. 

Das Bild zeigt eine architektonische Zeichnung eines Gebäudekomplexes in Schnitt- und Perspektivdarstellung. Mehrere Geschosse sind sichtbar, mit Treppen, Wohnungen, Gemeinschaftsflächen und Menschen, die sich darin aufhalten. Bestimmte Bereiche sind farblich hervorgehoben, unter anderem in Blau und Gelb, um einzelne Nutzungen oder Module zu kennzeichnen. Auf dem Dach und in Innenbereichen sind modulare Elemente dargestellt. Zweck des Bildes ist es, ein Konzept für flexibles, zirkuläres Bauen zu erklären und zu zeigen, wie verschiedene Nutzungen, Module und Räume innerhalb eines Gebäudes kombiniert und angepasst werden können
Die Skizze deutet das inklusive und kooperative Konzept der Planer:innen an. Auf der untersten Dachterrasse ist der Wohnwagen für Übernachtungsgäste zu sehen. © Das große kleine Haus eG
Das Bild zeigt den Aufbau einer großen Stahlkonstruktion im Freien. Ein gelber Mobilkran hebt ein großes Stahlträgerelement in die Höhe, während bereits montierte Stahlstützen und Dachträger ein offenes Hallengerüst bilden. Der Himmel ist klar und blau, im Hintergrund stehen weitere Gebäude. Die Stahlkonstruktion wirkt industriell und modular. Zweck des Bildes ist es, den Montageprozess wiederverwendbarer Stahlbauteile zu dokumentieren und zu zeigen, wie bestehende Konstruktionen erneut aufgebaut und in neue Bauprojekte integriert werden können.
Mit einem Demontagekran wird das ausgediente Rohrlager der Stadtwerke München zerlegt. Die Teile sind in der Fassade und den Außentreppen verbaut. © Das große kleine Haus eG
Das Bild zeigt eine Reihe von metallischen Stahlträgern, die auf einem unbefestigten, sandigen Untergrund ausgelegt sind. Die Träger sind geometrisch angeordnet und durch Querstreben miteinander verbunden, sodass eine tragende Struktur erkennbar wird. Im Hintergrund sind Baumaschinen und ein Gebäude zu sehen, was auf eine Baustellensituation hinweist. Die Stahlbauteile wirken gebraucht, aber funktionstüchtig und sind offensichtlich für eine erneute Montage vorbereitet. Zweck des Bildes ist es, die Wiederverwendung tragender Stahlbauteile im Bauprozess zu veranschaulichen und den praktischen Umgang mit ReUse-Materialien auf der Baustelle zu zeigen.
Um rezyklierte Teile wie diesen Stahlträger auf der Baustelle zu verwenden, sind Zwischenlagerflächen notwendig. Hier könnten Förderungsprogramme ansetzen. © Das große kleine Haus eG
Das Bild zeigt eine Gebäudefassade mit unterschiedlichen Materialien. Links ist eine grünlich gefärbte, gewellte Metallfassade zu sehen, rechts eine glatte, hellere Fläche. In der Mitte befindet sich ein Fenster, in dessen Scheibe sich eine Person spiegelt, die offenbar ein Foto aufnimmt. Vor dem Fenster ist ein temporär montiertes Bauteil mit Metallrahmen und Gitter angebracht. Zweck des Bildes ist es, Details einer Fassade aus wiederverwendeten oder modularen Bauelementen zu zeigen und auf die Materialität sowie die Anpassungsfähigkeit zirkulärer Bauweisen hinzuweisen.
Als Absturzsicherung an den Fenstern dienen ausrangierte Stahlwinkel. Wegen der Beschichtung konnten die Teile nicht verschweißt werden und sind verschraubt. © Das große kleine Haus eG

DDR-Wohnwagen und Olympiabad

„Das große kleine Haus“ ist ein besonderes Projekt. Es vereint großräumigen Städtebau mit kleinmaßstäblichem Charme, Gewerbe mit Wohnen, Holz und Beton, neu mit alt. Der kreislaufwirtschaftliche Ansatz wird dabei bis ins Detail verfolgt und bewusst sichtbar gemacht. So soll später auf der ersten Dachterrasse ein Wohnwagen aus der ehemaligen DDR stehen und abenteuerlustigen Gästen eine Übernachtungsmöglichkeit bieten. Geduscht werden kann dann in einem Bad aus dem olympischen Dorf von 1972, das als ganze Einheit in das Gebäude integriert wird.  

Bei Zwischenlagerkosten besteht Handlungsbedarf  

Das Bauvorhaben macht aber auch deutlich, dass der Einsatz wiederverwendeter Materialien weiterhin auf strukturelle Hürden stößt. Ein wesentliches Problem stellen fehlende Zwischenlagerflächen dar. „Durch die rezyklierten Elemente sparen wir momentan gar nichts, obwohl wir vieles geschenkt bekommen haben. Es braucht Förderprogramme, durch die Zwischenlagerflächen zur Verfügung gestellt werden. Oft bleiben die ja ohnehin ungenutzt“, so Hofmann. Hier besteht politischer Handlungsbedarf, um kreiswirtschaftliches Bauen in Zukunft wirtschaftlich tragfähiger zu machen – und Projekte wie „Das große kleine Haus“ noch häufiger zu ermöglichen. 

Kurzporträt der beiden Büros

Seit 1996 realisiert das Architekturbüro „Bogevischs Buero“ in München ortsspezifische Architektur mit besonderem Akzent auf alternativen Materialeinsatz. „Teleinternetcafe“, 2011 in Berlin gegründet, entwickelt kooperative Konzepte für Architektur, Städtebau und Urbanismus. 

David Fuchs

Volontär (Kommunikation), Bayerische Architektenkammer