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„Wer Neues entdecken will, muss mutige Wege gehen. Wenn man dieses Risiko nicht eingeht, kann man bestenfalls wiederholen, was andere bereits gemacht haben.“

Vom Detail zum fertigen Haus: Prof. Florian Kaiser, Professor für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), hat ein experimentelles Lehrformat mit 50 Studierenden entwickelt. Die Studierenden entwickeln im Eins-zu-eins-Versuch konstruktive Details für einen Wohnbau aus geborgenen Materialien und lernen dabei, dass Kreislaufwirtschaft auch Poesie bedeuten kann.

Person in schwarzer Kleidung steht vor milchigen Glasfenstern, dahinter unscharfe grüne Pflanzen.
© KHB/Benjamin Stöhrer

Florian Kaiser

Professor und Gründer

Florian Kaiser ist Professor für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie. Er ist Mitgründer von Atelier Kaiser Shen in Stuttgart. 

13.02.2026 5min
Ressourcen und Recycling Design Build Bundesweit
Person sortiert schmale Holzleisten nach Länge auf schwarzem Tisch; geordnete Reihen und Gruppen.
Domino Zirkular © Florian Kaiser

Die Architekturlehre befindet sich in einem Veränderungsprozess. Viele der Fragen, die Studierende heute einbringen, lassen sich mit klassischen Entwurfsmethoden nur noch bedingt beantworten. Kreislaufgerechtes Bauen, Wiederverwendung von Materialien, Bauen im Bestand: Die Studierenden fordern diese Themen aktiv ein. Sie haben Interesse daran, wie kreislaufgerechte Architektur aussehen kann, und sie wollen das Richtige tun. Für uns als Lehrende stellt sich damit die Frage, wie wir unsere didaktischen Ansätze anpassen.

Ein Experiment: Vom Detail zum Haus 

Am KIT erproben wir derzeit ein neues Entwurfskonzept, das wir „Vom Detail zum Haus“ nennen. Knapp 50 Bachelorstudierende im fünften Semester arbeiten an einem gemeinsamen Ziel: einem Eins-zu-eins-Demonstrator, einer Wohneinheit von etwa 65 qm, die tatsächlich gebaut werden soll. Jede Entwurfsgruppe erhält per Zufallsprinzip ein Bauelement: tragende Wand, Fassade, Decke, Bodenaufbau, Fenster – insgesamt 16 verschiedene Elemente. Die Aufgabe besteht darin, zunächst ein Spenderbauwerk zu finden, also ein Gebäude, das zurückgebaut wird, und daraus Holz zu bergen. Mit diesem Altholz, kombiniert mit kreislaufgerechten Baustoffen wie Lehm oder Stroh, entwickeln die Studierenden ein Mock-up ihres Elements. Die Erkenntnisse daraus fließen dann direkt in den Demonstrator ein. 

Das Konzept nutzt die Schwarmintelligenz der Studierenden: Für jedes Element entstehen mehrere Varianten, die wir anschließend evaluieren – statisch, bauphysikalisch, aber auch hinsichtlich der Logistikkette und Skalierbarkeit. Ein solches Lehrformat birgt Risiken. Aber wer Neues entdecken will, muss mutige Wege gehen. Wenn man dieses Risiko nicht eingeht, kann man bestenfalls wiederholen, was andere bereits gemacht haben. 

Lernen im Netzwerk 

Ein zentraler Aspekt des neuen Lehrformats ist die interdisziplinäre, teils sogar transdisziplinäre Zusammenarbeit. Tragwerksplaner, Bauphysiker, Experten für digitale Fertigung und für die Wiederverwendung tragender Bauteile begleiten das Projekt eng. Ebenso sind Holzbauer und Handwerksbetriebe eingebunden – denn wer den Aufbauprozess im Holzbau kennt, versteht auch, wie der Rückbau funktionieren muss. Diese Erfahrung ist für die Studierenden unschätzbar wertvoll: Sie lernen, sich auf ein Netzwerk zu stützen, pragmatisch Lösungen zu finden und mit Hürden umzugehen. Denn Hürden gibt es viele – von Abbruchunternehmen, deren Maschinen auf Zerstörung optimiert sind statt auf Erhalt, bis hin zu fehlenden Ausschreibungsmodalitäten für zerstörungsfreien Rückbau. All dies zeigt sich derzeit sehr deutlich in der Praxis.

Offengelegte Fachwerkkonstruktion auf sonniger Baustelle, grob behauene Balken mit Markierungen; Dorfhäuser hinten.
Bauteilspende Domino Zirkular © Florian Kaiser
Großer, dunkler Dachboden mit sichtbarem Holztragwerk; einzelne Person steht im beleuchteten Zentrum.
Bauteilspende Domino Zirkular © Florian Kaiser
Baustellenhof mit Bagger und Traktor; Person richtet Ketten über gestapelten Altholzbalken aus.
Bauteilspende Domino Zirkular © Florian Kaiser
Freistehendes Musterstück: Wand aus verwitterten Holzbohlen mit hellen Einlagen in einer Werkhalle.
Mock-up Wandaufbau Domino Zirkular © Florian Kaiser
Verschachteltes Modell einer Holzverbindung aus neuem und gealtertem Holz, vor hellem Hintergrund.
Mock-up Knotenpunkte Domino Zirkular, Johanna Haeuser Hannah Wirth © Florian Kaiser
Kreuzförmige Holzverbindung aus hellen Balken mit einem dunkleren Altholzbalken, vor schwarzem Hintergrund.
Mock-up Knotenpunkte Domino Zirkular, Julia Centeno Charlotte Ratz © Florian Kaiser

Ästhetik als zentrale Dimension 

Technische Funktionalität und ökologische Sinnhaftigkeit allein reichen nicht aus. Architektur entfaltet ihre Wirkung erst dort, wo auch die ästhetische und räumliche Qualität überzeugt. Kreislaufgerechtes Bauen wird sich nur dann etablieren, wenn Gebäude mehr sind als Systeme – wenn sie inspirieren und berühren. 
Mit den Studierenden führen wir intensive Diskussionen über die Poesie, die entsteht, wenn Alt und Neu zusammenkommen. Das Potenzial liegt nicht nur auf ökologischer oder wirtschaftlicher Ebene, sondern vor allem auf einer gestalterischen. Im Atelier Kaiser Shen haben wir dafür den Begriff des „narrativen Ornaments“ entwickelt. Wenn ein alter Balken mit seinen Einkerbungen und Spuren in einen neuen Kontext eingebaut wird, entsteht ein Moment der Irritation – und dann der der Erkenntnis. Der Betrachter fragt sich: Was ist hier passiert? Und versteht erst mit der Zeit, dass dieses Material eine Geschichte trägt. Neurowissenschaftlich betrachtet aktiviert eine solche kognitive Erkenntnis ähnliche Gehirnregionen wie ein klassisches Schönheitsempfinden.

Vom Bauen im Bestand zum Bauen mit Bestand 

Es besteht eine große Parallelität zwischen dem Bauen im Bestand und dem, was wir mit Re-Use-Materialien tun. Wir nennen es „Bauen mit Bestand“. Bei der Mehrzweckhalle in Ingerkingen etwa war der vorhandene Bau kein architektonisches Juwel. Doch das fertige Gebäude ist interessanter geworden, als es ein reiner Neubau je hätte sein können – gerade weil der Bestand als Dialogpartner fungierte. Beim Bauen im Bestand gibt es mittlerweile zahlreiche Referenzprojekte. Beim Bauen mit wiederverwendeten Materialien stehen wir noch vergleichsweise am Anfang. Diese Lücke gilt es nun, mit guten Bauten zu schließen.

Offene Fragen, die es auszuhandeln gilt 

Da jedes Spenderbauwerk anders ist, hat man von Beginn an einen Sparringspartner im Entwurf, der für produktive Irritation sorgt. Dadurch entstehen fast zwangsläufig Unikate. Doch wie sichtbar soll der Re-Use-Charakter sein? Soll ein Haus von Weitem signalisieren, dass es aus wiederverwendeten Materialien besteht? Oder zeigt sich das erst auf den zweiten Blick? Diese Frage muss bei jedem Projekt neu ausgehandelt werden – abhängig vom Kontext, ob städtisch oder ländlich, ob privater Wohnbau oder öffentliches Gebäude, ob Innenraum oder Fassade. 
Am KIT haben wir mit den Studierenden bereits zahlreiche Entwurfshaltungen entwickelt – radikal unterschiedlich, aber alle auf dem Prinzip der Wiederverwendung basierend. Nun gilt es, zu jeder dieser Haltungen auch Gebäude zu realisieren und der Gesellschaft zu zeigen, was ästhetisch mit Re-Use möglich ist.

Leuchtturmprojekte als Impulsgeber 

Neben allen technischen Hürden sind es letztlich die Leuchtturmprojekte, die dem kreislaufgerechten Bauen den entscheidenden Schub geben können. Projekte, die der Gesellschaft zeigen: Das ist ein wichtiger Weg in die Zukunft. Und die Lehre spielt dabei eine zentrale Rolle. Denn hier werden nicht nur Gebäude entworfen, sondern auch die Haltungen geprägt, mit denen die nächste Generation von Architektinnen und Architekten an ihre Aufgaben herangeht.