DABonline | Deutsches Architektenblatt
Menü schließen

Mehr Inhalt

Services

DABonline | Deutsches Architektenblatt
Zurück Nachwuchs-Kolumne #268

Leerstand im Dorfkern: Studierende geben Antworten auf eine Zukunftsfrage

Mit dem bevorstehenden Schulneubau in Achtum bei Hildesheim wird die Grundschule im Dorfkern bald vakant sein. Um Leerstand und ein Aussterben der Ortsmitte zu vermeiden, entwarfen Master-Studierende der HAWK viele Ideen.

Von: Johanna Lentzkow
Johanna Lentzkows Lieblingsthemen sind das Bauen im Bestand, Entwürfe von...

27.08.20254 Min. Kommentar schreiben

Der hart umkämpfte Neubau der Grundschule für Achtum, einem Stadtteil von Hildesheim mit 1.200 Einwohner:innen, soll nun endlich Realität werden. Anja Markwart, stellvertretende Ortsbürgermeisterin und Mitarbeiterin der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim (HAWK) sieht hierin einen Zugewinn für die Gemeinde, weiß aber auch um die neue Herausforderung für Achtum.

Lebendige Orte gegen die Landflucht

Es stellt sich eine zentrale Frage: Wie kann man ein Gebäude direkt in der Ortsmitte umnutzen und vor Leerstand bewahren? Dieser Fragestellung nahmen sich neun Architekturstudierende des HAWK-Masterstudiengangs „Bauen im Bestand“ in ihrem Semesterprojekt an.

Das Phänomen Landflucht sorgt schon seit Jahren für sinkende Bevölkerungszahlen in vielen Dörfern. Das wiederum führt zu einem Verlust an Infrastruktur, zu Leerstand und einer verminderten Attraktivität des Dorfes. Es ist also wichtig, dass auch in Achtum der Dorfkern weiterhin ein belebtes Zentrum bleibt.

Ideen gegen den Leerstand

Das Ziel der Studierenden war es, eine Vielfalt an möglichen Revitalisierungsmaßnahmen aufzuzeigen, die neue Impulse für die Dorfgemeinschaft und die lokale Politik setzen. Peter-Karsten Schultz, Professor für Gebäudelehre und Entwerfen an der HAWK, der zusammen mit seiner Kollegin Sonja Tinney das Semesterprojekt fachlich leitete, betont dass der Kern des „Bauens im Bestand“ darauf abzielt, die vorhandene Bausubstanz klug und ideenreich weiterzuentwickeln.

Die studentischen Ideen reichen von behutsamen Umgestaltungen bis hin zu radikaleren Visionen. Alle Entwürfe wollen jedoch dem Leerstand mit neuen Orten für Gemeinschaft und soziale Interaktionen entgegenwirken: Als dauerhafte Institution im Dorfgefüge verankert oder nur gelegentlich beziehungsweise auf der Durchreise zu genießen.

Niklas Müller mit Mikro vor einer Grafik

Master-Architekturstudent Niklas Müller erläutert seinen Vorschlag „Achtum – Rundum“
HAWK

Mit Begegnung gegen Leerstand

Niklas Müller skizziert für Achtum unter dem Namen „Achtum – Rundum“ einen Erlebnis- und Begegnungsraum mit „Sonntagsecke“, die Café, Bushaltestelle und Verkaufsautomaten bietet. Damit möchte er entgegen Leerstand und dem demografischen Wandel einen belebten und sozialen Treffpunkt im Ortszentrum schaffen.

Treffpunktcharakter zeigt auch Lara-Sophie Fuß’ Entwurf „Tante Achtum“ mit einem modernen Dorfladenkonzept auf, das die Nahversorgung sichert und soziale Kontakte fördert. Dies ist auch der Ansatz von Danijela Mercekovic, die die alte Schule zu einem flexiblen Zentrum für Kultur, Bildung und Vereine umnutzen möchte.

Katharina Mehring entwarf einen Mix aus Bewahrung und innovativer Ergänzung: „Glashöfe Achtum“ transformiert die leerstehenden Gebäude als Dorfwohnzimmer und Veranstaltungssaal, ergänzt durch ein neues Dorfcafé, einen Dorfladen und Gemeinschaftsräume. So setzte auch Clarissa Mohr auf die Ergänzung des Bestandes durch mehrere Neubauten, die zwei zentrale Höfe schaffen. Einen Gemeinschaftshof als Ort für Veranstaltungen mit Tauschbörse und Kneipe, sowie einen Lehrgarten für lokale Landnutzung setzt sie dem Leerstand entgegen.

Clarissa Mohr stellt den Bewohnerinnen und Bewohnern ihren Entwurf vor

„Szenenwechsel Achtum – Zwischen Ziegeln und Zeitgeist“ benannte Master-Architekturstudentin Clarissa Mohr ihren Entwurf.
HAWK

Dauerhaft, auf Durchreise, temporär

Achtum liegt verkehrsgünstig an einem bedeutenden Radweg. Daraus entwickelte Sarah Peinemann die Idee, mit „Radquartier 38“ den Radtourismus und das Gemeinschaftsleben vor Ort zu stärken. Übernachtungsangebote, eine Werkstatt, Café und flexible Veranstaltungsflächen sollen statt Leerstand Einzug in den Dorfkern halten. Auch Mohammed Hamad entwarf mit „Achtum Refugium – Ein Haus für den Moment“ eine Herberge, die Reisenden und Einheimischen zugleich als Rückzugsort dienen soll.

Zwei studentische Entwürfe zeigten eher unkonventionelle, aber diskursanregende Ansätze: Unter dem Namen „Achtum dampft“ zeigte Michel Partikel das Szenario einer Therme im Ortskern auf, die ihm zu neuer Anziehungskraft verhelfen soll. Konträr zu diesem Aspekt der Erholung präsentierte Nils Jabusch die Vision eines Festival- und Konzertstandorts, der mit einer großen Bühne und Pavillons in einen Dialog zwischen Tradition und Großereignis treten soll – ein spannender Ansatz, der die Frage stellt, inwieweit temporäre Installationen Leerstand beheben und ein dauerhaftes Gemeinschaftsgefühl fördern können.

Diskussion mit der Dorfgemeinschaft

Den krönenden Abschluss bot die Präsentation der Entwürfe vor denjenigen, denen die Zukunft Achtums wohl am meisten am Herzen liegt: der Dorfgemeinschaft. Rund 60 Interessierte zeigten ihre Wertschätzung für die zukunftsweisenden Konzepte, die Leerstand vermeiden und verschiedenste Bedürfnisse des Dorfes erfüllen wollen. Im Austausch kommunizierten einige Bewohner:innen auch Skepsis und Sorgen. Dass alle Beteiligten zeigten, wie wichtig ihnen der Dialog ist, war für die Studierenden ein motivierendes Erlebnis. Hierbei zeigte sich die Chance für partizipative Entwicklungsprozesse.

So groß zunächst die Sorge vor dem kommenden Leerstand und einer unbelebten Dorfmitte sein mag, die Entwürfe der Studierenden konnten sie nehmen und Bilder zukünftiger sozialer Knotenpunkte unter Bewahrung der Identität des Ortes zeichnen.


Die Nachwuchs-Kolumnen des DAB schreibt ein junges Team im wöchentlichen Wechsel. Unsere Autor:innen sind Johanna Lentzkow, Fabian P. Dahinten, Luisa Richter-Wolf und Lorenz Hahnheiser.

War dieser Artikel hilfreich?

Danke für Ihr Feedback!

Schreibe einen Kommentar